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Apostelandacht zu Dorothee Sölle

Apostelandacht zu Dorothee Sölle, gehalten am 22. November 2009

Dorothee Nipperdey wird am 30. September 1929 geboren. Sie ist das vierte von insgesamt fünf Kindern. Der Vater ist Professor für Arbeitsrecht und später Präsident des Arbeitsgerichtshofes. Die Mutter ist der Mittelpunkt der Familie. Sie hatte jung geheiratet und deswegen ihren Wunsch nach Ausbildung und Beruf aufgeben müssen. Dorothee wird später beschließen, dass ihr das nicht passieren wird.

Sie wächst also in Köln in einer bildungsbürgerlichen, wertkonservativen Atmosphäre auf.  Der Vater ist kein Nazi, hat sich aber mit den Machthabern des „Dritten Reichs“ arrangiert.

Erst im November 1945 erfährt sie, dass ihr Vater eine jüdische Großmutter hatte. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Neulich erfuhr ich durch Zufall, Papi ist Vierteljude, politisch verfolgt. Ich war entsetzt, zuerst, es machte mir so Minderwertigkeitsgefühle, ich bin doch zu ‚naziverseucht’ und sehe im Nichtarischen das Unreine, Mindere.“

Dieses Erschrecken über ihre jugendliche Blindheit ist der Ausgangspunkt für einen lebenslangen Prozess einer persönlichen „Wiedergutmachung, geboren aus einem tiefen Gefühl der Scham“, wie sie schreibt.

Halt findet sie erst einmal bei den Werken des Philosophen Heidegger. Seinen Satz „Dasein ist das Hineingehaltensein in das Nichts“ schreibt sie auf einen Zettel, der jahrelang auf ihrem Schreibtisch liegt. Auch Sartres Existenzphilosophie beeindruckt sie tief.

Der christliche Glaube erscheint der jungen Dorothee zunächst als „ein unerlaubter Ausweg aus dem auszuhaltenden Dunkel“.

Bis eine junge Lehrerin kommt. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Die neue Religionslehrerin ist umwerfend gut, leider Christ!“ Ohne sie wäre Dorothee nie zur Theologie gekommen wie sie schreibt. Neben Sartre und Heidegger lernt sie durch ihre Lehrerin die Werke Luthers, Bonhoeffers und des Theologen Bultmann kennen.

Sie studiert in Göttingen Theologie um, wie sie schreibt, „die Wahrheit herauszubekommen“. Auf dem Weg zur Theologie begegnet ihr das Werk Kierkegaards, der für sie die Brücke bildet zur Theologie mit seinem existenzialistischen Christentum.

Für Dorothee wird die Theologie zu einer geistigen Heimat, aber nicht die Kirche. Ihr Christentum ist wenig traditionell, unkirchlich, existenzialistisch.

In der Szene zwischen Kunst und Literatur, Religion und Politik finden Dorothee Nipperdey und der junge Maler Dieter Sölle zusammen. Was sie verbindet, seht in ihrem Tagebuch: „Wir sind zusammen Christen geworden.“

Sie verwirklichen zusammen ein romantisches Ideal von Liebe und Ehe, sie heiratet in Weiß und sie bekommen drei Kinder.

An einem Kölner Mädchengymnasium unterrichtet sie Religion.

Ab 1960 schreibt sie für den Rundfunk und verschiedene Zeitungen über theologische und literarische Themen – und ihre Ehe zerbricht, was für sie zunächst das Ende eines Lebensentwurfs bedeutet.

Sie ist arbeitet jetzt freiberuflich, ist zeitweise Assistentin an der TU Aachen und im Hochschuldienst der Universität Köln.

Für ihre Kinder hat sie wenig, aber qualifizierte Zeit, wie sie schreibt.

In dieser Phase ihres Lebens verfasst sie ihr erstes theologisches Buch mit dem Titel „Stellvertretung“ und dem Untertitel „Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes“. In den einleitenden Sätzen heißt es:
“Dieses Buch geht von der Frage aus, wie ein Mensch mit sich selber identisch werden könne, und es versucht, sie in Beziehung zu setzen zu der anderen, was Christus für unser Leben bedeute.

Wer bin ich? Wie komme ich zu mir selber? Wie lebe ich so, dass ich es bin, der dieses Leben lebt? So fragt nicht nur die um sich selbst bekümmerte Subjektivität, sondern der Mensch in der Gesellschaft, die ihn bindet und formt, beschädigt und entstellt. Geblendet von den Rückschritten der Aufklärung in diesem Jahrhundert, jenem ungeheuren Rückgang in die selbstverschuldete Unmündigkeit, betroffen von den immer neuen und sich vervielfältigenden Formen der Versagung jeder möglichen Identität, geängstet von Neurosen, mit denen Zivilisation sich erkauft und nicht hält, was sie verspricht: Humanisierung – fragen wir nach einer Welt, in der es vielleicht einfacher sein möchte, mit sich identisch zu werden. Aber jede Vision einer heimatlicheren Erde muss sich messen an der größten der Visionen, die wir kennen: am Reich Gottes.“

Und später erinnert sie sich an diese Zeit:

„Mich persönlich hat weder die Kirche, die ich eher als Stiefmutter erlebte, noch das geistige Abenteuer einer nachaufklärerischen Theologie zu dem lebenslangen Versuch, Gott zu denken, verlockt. Es ist das mystische Element, das mich nicht loslässt. Es ist die Gottesliebe, die ich leben, verstehen und verbreiten will.“

Wie kann man nach Auschwitz von einem Gott reden, der alles so herrlich regieret? Es bleibt die Erfahrung vom „Tode Gottes.“ Diese Erfahrung kann nur dadurch aufgehoben werden, dass Christus diese Leerstelle besetzt: Als Stellvertreter Gottes vor den Menschen und als Stellvertreter der Menschen vor Gott. Ihm folgen heißt, sich eine Lebensperspektive zu eigen zu machen, die im wesentlichen, unüberbrückbaren Konflikt zur Gesellschaft, in der wir leben, steht. (Ihr Glaubensbekenntnis einfügen?)

Sie liest im Werk Martin Bubers, des großen jüdischen Philosophen. Er ist für sie ein Grund, nach Jerusalem zu pilgern.

So fährt also Dorothee Sölle zur Jahreswende 1959/60 zum ersten Mal mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nach Israel.  Sie taucht ein in die Welt der Kibbuz-Genossenschaften, konfrontiert sich mit den Überlebenden des Holocaust, nimmt die Landschaft in sich auf. Zum ersten Mal verbindet sich für die junge Religionslehrerin der christliche Glaube mit dem Glauben an den Gott Israels in einer eindrücklichen und sinnlichen Art und Weise. Und sie trifft Martin Buber.

Das Reden von Gott, sagen jüdische Theologen, ist kein Formulieren von Lehrsystemen, sondern ständiger Diskurs, eine gemeinsame, spannungsreiche Suche nach der Wahrheit, die niemals völlig zu ergründen ist. Diese Sichtweise übernimmt Dorothee Sölle.

1966 wird sie zu einer Konferenz eingeladen, die von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Jerusalem veranstaltet wird. Zu den Organisatoren gehört Fulbert Steffensky, ein katholische Theologe und Benediktinermönch.

In ökumenischer Eintracht suchen evangelische wie katholische Grenzgänger nach neuen Wegen und Quellen der Erkenntnis – und landen bei den gemeinsamen Wurzeln, den jüdischen Traditionen des Glaubens und der Gotteserkenntnis.

Sie schreibt:

„Als wir entdeckten, welche Beziehungen uns mit Buber verbanden, sagte Fulbert kurz entschlossen: ‚Dann gehen wir eben morgen zu Bubers Grab.’ Alles Weitere in meinem Leben nahm dort, in Jerusalem, seinen Anfang“

Drei Jahre später heiraten Fulbert und Dorothee.

Ihre Beziehung, die in Jerusalem ihren Anfang nahm, setzt sich bald in einer gemeinsamen Aktion fort, dem „Politischen Nachtgebet“.

Man kommt zu der Einsicht, dass die Beschäftigung mit theologischen Fragen auch politische Konsequenzen haben muss. Beim Katholikentag 1968 in Essen stellt man den Antrag, eine politische Gebetsliturgie zu aktuellen politischen Fragen halten zu dürfen. Das Organisationsbüro legt den Termin auf eine Zeit nach 23 Uhr. Damit ist das „politische Nachtgebet“ entstanden.

„Es handelte sich dabei um politische Information, um ihre Konfrontation mit biblischen Texten, eine kurze Ansprache, Aufrufe zur Aktion und die Diskussion mit der Gemeinde. Information, Meditation und Aktion sind die Grundelemente aller folgenden Nachtgebete geblieben.“

Die Themen in den späten 60er und frühen 70er Jahren spiegeln die Umbrüche dieser Zeit wider. Es geht um den Krieg in Vietnam, die Zerschlagung des „Prager Frühlings“, um die Intervention der USA in Santo Domingo und am Ende um den faschistischen Putsch in Chile. Behandelt werden gesellschaftliche Probleme wie Frauendiskriminierung, Strafvollzug und Entwicklungshilfe. Die einzelnen Themen werden jeweils von einer Gruppe vorbereitet. Auf diese Weise entstehen Freundschaften über konfessionelle und weltanschauliche Grenzen hinweg.

Die evangelischen und katholischen Kirchenleitungen sperren das Politische Nachtgebet aus den Kölner Kirchen aus. Für viele andere dagegen öffnet sich die Kirche endlich wieder der Welt und den Menschen, ihren Problemen, Sehnsüchten und Hoffnungen.

Man kann nicht denken, was man nicht tut!

Aus diesen Gedanken entwickelt sich zur gleichen Zeit die Theologie der Befreiung. Erst im bewussten Leben mit und für andere, in Parteilichkeit und Solidarität wird sich der Sinn des Evangeliums neu erschließen.

Dorothee Sölle unterstützt in dieser Zeit Basisgruppen, hält Vorträge in Kneipen, Hinterzimmern und Gemeindehäusern fortschrittlicher Pastoren.

In den Amtskirchen und Universitäten wird sie hingegen abgelehnt. Aus den Reihen bekenntnistreuer Christen schallt der Ruf: „Niedergefahren zur Sölle!“

Eine Universitätskarriere bleibt ihr verschlossen. Zu wenig kann man mit der Querdenkerin und politischen Basisaktivistin anfangen.

Die erste spektakuläre Aktion des Politischen Nachtgebets war 1968 eine Demonstration gegen den Krieg der USA in Vietnam gewesen. „Vietnam ist Golgatha!“ stand auf dem Transparent, das eine Gruppe evangelischer und katholischer Christen durch die Kölner Innenstadt trug und dann am Eingang des Kölner Doms aufstellte. Dorothee Sölle arbeitet in der „Hilfsaktion Vietnam“ mit, die politische und humanitäre Hilfe für die vietnamesische Befreiungsbewegung und das ebenfalls von den Amerikanern angegriffene Nordvietnam organisiert.

1972 reist sie mit einer Gruppe durch einige Städte und Dörfer in Nordvietnam, um sich ein Bild von der Lage im Land zu machen. Dorothee ist durch das, was sie sieht, tief erschüttert. Ihre Eindrücke fasst sie in einem Gedichtzyklus zusammen:
“Der Frieden muss sich verstecken

im unterstand steht er ein doktor

der splitter sucht in der lunge des kleinkinds

in der Höhle sitzt er ein Lehrer

der mädchen zeigt wie man bomben entschäft

im bunker hockt er eine mutter

die dem kleinen die brust gibt bei schichtwechsel

unter der erde wohnt er

nicht auf erden“

 

Dass der Gekreuzigte in Vietnam zu finden ist und nicht im sakralen Abseits der Kirchen, wird zu einer zentralen Botschaft des Politischen Nachtgebets. Der ermordete und auferweckte Messias wird identisch mit den gefolterten Opfern der Militärdiktaturen und der Todesschwadrone, er wird aber auch zum Symbol für das Leiden und die Kraft der Schwachen.

1971 erscheint ihr zweites wichtiges Buch „Politische Theologie“, eine Auseinandersetzung mit der Theologie Rudolf Bultmanns. Er hatte ihr mit seinem Programm der Entmythologisierung während des Studiums einen wichtigen, von Vernunft bestimmten Zugang zur Bibel und Theologie ermöglicht.

Am Beispiel der Schuldverstrickung der Bewohner westlicher Länder in das Elend der Arbeiter auf den Bananen- und Kaffeeplantagen in Lateinamerika will sie den personalen Begriff von Sünde in einen strukturellen Zusammenhang stellen.

Das Schicksal der Märtyrerkirche in El Salvador und ihres Bischofs Arnulfo Romero, der während des Gottesdienstes ermordet wird, Kriege in Kolumbien und Guatemala finden ihren Niederschlag in Gedichten, Reportagen und Heiligenlegenden, mit denen Dorothee ihre Verbundenheit mit den Menschen Lateinamerikas zum Ausdruck bringt.

Mitte der siebziger Jahre wird ihr der politische Aktionismus suspekt. Auch richtiges und notwendiges Handeln in der Welt braucht eine spirituelle Dimension. Schon immer hat sie sich für die Mystiker interessiert, jetzt werden sie ihr zunehmen wichtig.

Auf der Suche nach Heilwerden und Ganzheit stellt sie fest, dass sich Identität nicht einseitig durch Arbeit, Aktion und Anstrengung erreichen lässt.

Jeder Mensch ist ein Geheimnis, das nicht in der sozialen Identität aufgeht. Liebe bedeutet nicht nur, den anderen zu entdecken, sondern den anderen in seiner unergründlichen Tiefe wahrzunehmen, eben in seinem von Gott Erkanntsein.

Die Familie zieht nach Hamburg um, Fulbert Steffensky hat eine Professur für Religionspädagogik an der Universität angenommen. Im Sommer 1974 erhält sie einen Ruf an das Union Theological Seminary in New York. Es ist das einzige theologische Seminar, das nicht mit einer Kirche verbunden ist, ein Zentrum der liberalen Theologie in den USA.

Die Studierenden wollen ihren christlichen Glauben im Zusammenhang ihrer Lebenswelt praktizieren und eine aus dem Glauben begründete gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Man ist dort der Überzeugung, dass die biblischen Gebote nicht nur als Anweisung für eine christliche Lebensführung des Einzelnen gedacht sind, sondern auch in soziale und politische Kategorien umgesetzt werden müssen.

Zehn Jahre lang lehrt Dorothee Sölle dort jeweils im Sommersemester, im Winterhalbjahr kehrt sie zu ihrer Familie nach Hamburg zurück.

Politische Schwerpunkte sind in diesen Jahren die Solidarität mit den Befreiungsbewegungen Lateinamerikas, verbunden mit der Unterstützung illegaler Einwanderer.

Schließlich ist sie der Zerrissenheit ihres Lebens zwischen New York und Hamburg überdrüssig und kehrt endgültig nach Hamburg zurück.

1985 nimmt sie am Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf teil, ihre Freundin Luise Schottroff hat die offizielle Einladung gegen starke Widerstände durchgesetzt. Die beiden Frauen geben ihrer Bibelarbeit zum Kirchentagsmotto den Titel: „Die Erde gehört Gott!“ Gott ist anders, nicht nur Mann und „Herr“ er bekommt weibliche und geschwisterliche Attribute.

Sie sagt:

„Es gibt eine männliche Theologie, die Gott vor allem als Befehlshaber, als Allmacht, als Imperator denkt. Ich will diese Theologie den Gottesimperialismus nennen, weil ich glaube, dass sie im Bereich der Ideologie genauso funktioniert wie der Imperialismus im wirtschaftlichen und politischen Bereich, nämlich um Menschen zu unterwerfen. So ist der Fatalismus die Kehrseite des Gottesimperialismus.“

Für sie war der Feminismus Teil einer notwendigen Befreiungsbewegung, die aber nicht auf die Frauenbewegung verengt werden durfte.  Sie schreibt: „Für mich ist Feminismus ein menschheitliches Unternehmen. Gott braucht alle ihre Kinder, damit sie von Furcht und Hass frei werden können und wir endlich miteinander in einen herrschaftsfreien Raum hineinwachsen.“

Frauengottesdienste mit eigenen Themen und Ritualen sind ihr wichtig, mit dem, was Frauen erleben: Schwangerschaft und Geburt, Abtreibung und Vergewaltigung. Mit der Wahrnehmung der weiblichen Spiritualität kommt auch die Entdeckung, dass Gott mehr ist als ein Mann.

Gemeinsam mit Luise Schottroff formuliert sie:

„Grundlage unserer Bibelarbeiten ist eine befreiungstheologische Hermeneutik, die mit der Befreiungstheologie und der Feministischen Theologie zusammengehört. Es gehört dazu, die Situation der Menschen von damals ebenso ernst zu nehmen, die in der Bibel vorkommen, wie die der Menschen von heute. Die biblischen Teste sind Zeugnisse Betroffener, die die ungeschminkte Wahrheit über ihre eigene Situation aussprechen und deutlich machen, was der Glaube und die Hoffnung auf Gott praktisch bedeuten, welche Schritte der Befreiung im Alltag mit dem Glauben verbunden sind. Die politischen und sozialen Verhältnisse müssen beim Namen genannt werden, so vom Glauben gesprochen wird.“

Es ist die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Seit Beginn der achtziger Jahre gehen in der BRD Hunderttausende auf die Straße, getrieben von der Sorge um Frieden und Sicherheit in Europa. Linke aller Schattierungen, Christen und Sozialisten, Ökologie- und Frauenszene gehen erstmals ein Bündnis ein

Der Protest gegen die Aufstellung neuer atomarer Mittelstreckenraketen eint sie.

Dorothee Sölle nimmt an Blockadeaktionen vor US-amerikanischen Militärstützpunkten teil. Mit dem Freund Heinrich Böll und anderen Prominenten sitzt sie 1983 vor dem Stützpunkt in Mutlangen, auf dem die neuen Raketen stationiert werden sollen. Alle Blockierer werden „abgeschleppt“ und vor Gericht gestellt.

Sie wird wegen Nötigung in verwerflicher Absicht zu 2000 DM Strafe verurteilt.

Im Sommer 1983 wird sie als Referentin zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen nach Vancouver eingeladen. Sie hält dort ein Referat gegen Geld und Gewalt:

“Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt, einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte, die einige von uns Deutschen noch nicht vergessen konnten; ein Land, das heute die größte Dichte von Atomwaffen in der Welt bereit hält. Ich möchte Ihnen etwas sagen über die Ängste, die in meinem wohlhabenden Land herrschen; ich spreche zu Ihnen aus Zorn, in Kritik und mit Trauer. Dieser Schmerz über mein Land, diese Reibung an meiner Gesellschaft kommt nicht aus Willkür oder weil ich sonst nichts Besseres zu tun hätte; er wächst vielmehr aus dem Glauben an das Leben der Welt, das mir in dem armen Mann aus Nazareth begegnet ist, der weder Reichtum noch Waffen besaß. Dieser arme Mann stellt uns das Leben der Welt vor Augen und weist uns auf den Grund des Lebens hin, auf Gott.

Christus kam in die Welt, damit alle Menschen leben haben und es in Füllte haben. Für rund zwei Drittel der menschlichen Familie gibt es kein Leben in seiner Fülle, weil sie in Armut, nackter ökonomisch bedingter Verarmung and er Grenze zum Tod leben. Sie haben Hunger, sie sind ohne Obdach, sie haben keine Schulen und keine Medizin für ihre Kinder, kein reines Wasser zu trinken, keine Arbeit – und sie wissen nicht, wie sie ihre Unterdrücker loswerden können. Die Handelsverträge und die internationalen Beziehungen werden von der ersten reichen Welt über die Armen verhängt, sie stürzen sie in täglich schlimmer werdendes Elend. Der Kampf ums Überleben zerstört das erfüllte Leben, den Schalom Gottes von dem die Bibel spricht. Christus kam in die Welt, damit alle Leben in Fülle haben, aber die absolute Verarmung, die innerhalb einer technologisch entwickelten Welt ein Verbrechen ist, zerstört Menschen physisch, geistig, psychisch und auch religiös, weil sie die Hoffnung vergiftet und den Glauben zu einer Fratze, zu einer ohnmächtigen Apathie macht. Zwischen Christus, der die Fülle des Lebens für alle bedeutet, und den Verarmten schiebt sich die Ausbeutung als die Sünde der Reichen, die versuchen, das Versprechen Christi zu zerstören.“

Dorothee Sölle hat damit ausgesprochen, was viele ökumenisch und politisch ausgerichtete Christen in der Friedens- und Solidaritätsbewegung denken. Die Kirchenleitungen dagegen distanzieren sich von ihr und weisen darauf hin, dass Sölle auf Einladung des ÖRK und nicht als Vertreterin der EKD in Vancouver gesprochen haben.

Der Titel ihres letzten Buches lautet: „Mystik und Widerstand“. Sie schreibt darin:
“Wir leben seit 1989 in einer vereinheitlichten Wirtschaftsordnung der Technokratie, die eine absolute Verfügung über Raum, Zeit, Schöpfung beansprucht und herstellt. Die Maschine, getrieben vom Zwang, mehr zu produzieren, läuft, von technologischen Erfolgen unvorstellbaren Ausmaßes bestätigt. Sie ist auf ein „Mehr“ an Schnelligkeit, Produktivität, Verbrauch und Gewinn für etwa zwanzig Prozent der Menschheit hin programmiert. Dieses Programm ist effektiver und gewalttätiger als alle historischen Großreiche mit ihren babylonischen Türmen.“

Angesichts dieser Realität stellt sich nicht nur die Frage nach veränderten Formen des Widerstands, sondern auch nach neuen Kraftquellen und Motivationen.

Dieses ist der Ansatz für die Verbindung von Mystik und Widerstand: Das „Nein zur Welt, wie sie jetzt ist!“

In diesem Zusammenhang fragt sie neu nach dem Sinn des Leidens:

„Leiden trennt nicht notwendigerweise von Gott, sondern vermag uns gerade in Beziehung zu dem Geheimnis der Wirklichkeit setzen. Christus nachzufolgen bedeutet, teilzunehmen an seinem Leiden. Mitleiden in diesem Sinne entsteht angesichts der realen Situation anderer unschuldig Leidender aus Solidarität mit ihnen. Ohne Leiden keine Auferstehung.

„Opfer“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass dem Leiden in sich eine Heilsqualität zukäme; wohl aber spricht der Begriff die Teilhabe der Menschen aus, die sich nicht abfinden, sondern in einem mystischen Trotz mitleidend darauf bestehen, dass nichts verloren geht.“

Das „Trotz alledem“ des jüdischen Glaubens das die Widerstandstradition beider Testamente begründet hat, ist die entscheidende Quelle ihrer Kraft und ihrer Inspiration. Diese Tradition ist das Besondere, das Christen und Juden in den Menschheitstraum von einem neuen Morgen einbringen können.

Die andere Tradition ist die der widerständigen Mystik, die die Visionen Dorothee Sölles mit denen der Gottsucher, Wahrheitsfinder und Heimatsucher in vielen Völkern und Kulturen verbindet.

Ihr Mann Fulbert Steffensky schreibt:

„Mystik ist die Erfahrung der Einheit und der Ganzheit des Lebens. Mystische Wahrnehmung, mystische Schau ist dann auch die unerbittliche Wahrnehmung der Zersplitterung des Lebens. Leiden an der Zersplitterung und sie unerträglich finden, in arm und reich, in oben und unten, in krank und gesund, in schwach und mächtig, das ist das Leiden der Mystiker. Der Widerstand wächst aus der Wahrnehmung der  Schönheit. Und das ist der langfristigste und der gefährlichste Widerstand, der aus der Schönheit geboren ist.“

Mystik ist für Dorothee Sölle Widerstand, nicht religiöse Wellness, sondern heiliger Zorn und Raserei, ein Rasen gegen das Sterben des Lichts.

„Wenn du nur Glück willst, willst du nicht Gott“, das ist Dorothees letzter Vortrag, gehalten am 25. April 2003 in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Wer nicht nur Glück will, sondern auch Gott, kommt nicht herum um die großen Klagen, Fragen und Anrufungen, die wir schon in den biblischen Texten finden.

Die Gegenseitigkeit der Gottesbeziehung führt zuletzt wieder zu der Erkenntnis, dass Gott zum Heilwerden unsere Hilfe braucht wie wir seine. Am Ende steht immer noch der Tod; aber stark wie der Tod ist die Liebe:

„Ich habe keine Angst vor Ihnen, Mr. Death. Was ich fürchte, ist das Alleingelassen-Werden, wenn mein Lache-und-Weine-Partner von mir fort muss. Manchmal vermute ich, dass Liebe – falls wir wissen, was wir mit diesem Wort sagen – das Einzige ist, wovor Sie Respekt haben. In diesem Sinne möchte ich Sie bitten, uns nicht zu trennen.“

Das ist am Ende Dorothees großer Wunsch, und er wird ihr erfüllt. Am Abend nach dem Vortrag sitzen beide in Bad Boll mit guten Freunden zusammen, trinken Wein und freuen sich an dem gemeinsamen Abend. Am frühen Morgen erleidet sie einen schweren Herzinfarkt und stirbt im Krankenhaus.

Auf ihrem Grabstein stehen die Worte des Psalms 36: „In Deinem Licht sehen wir das Licht.“

Rolf Polle