Nachrichten und Berichte

 

Apostelandacht zu Roger Schutz

Apostelandacht zu Roger Schutz, gehalten am 29. Mai 2011

Der Name Taizé ist weltweit bekannt. Die „Gesänge von Taizé“ auf dem burgundischen Hügel ziehen Zehntausende Jugendliche aller Nationalitäten an. Taizé fasziniert. Menschen in Kirche und Gesellschaft spüren sein Geheimnis, das Geheimnis seines Erfolgs und seines charismatischen Gründers. Wer war dieser Mann?

Roger Schutz wurde am 12. Mai 1915 in der Nähe von Neuchâtel in der Schweiz geboren. Er war der Jüngste einer glücklichen Familie mit neun Geschwistern. Sein Vater war reformierter Pastor und gab seinen Kindern von Anfang an eine religiöse Prägung. Roger erinnerte sich, dass er von früher Kindheit an lernte, über konfessionelle Grenzen hinwegzuschauen. Von Zeit zu Zeit ging sein Vater zum Beten in eine katholische Kirche, was für einen reformierten Geistlichen sicher ungewöhnlich war. Als Roger dreizehn Jahre alt war, wechselte sein Vater die Pfarrstelle. Um seinem Sohn weiterhin eine gute Schulbildung zu ermöglichen, gaben sie ihn in Logis zu einer armen katholischen Witwe. Roger schrieb später, dass er in dieser Zeit umgeben war von lebendigem katholischem Glauben. Die Unduldsamkeit sowohl der Protestanten als auch der Katholiken stießen ihn ab. Schon als Schüler interessierte sich Roger stark für das mönchische Leben. Roger schrieb:

„Ein echtes Mönchsleben, durchdrungen vom Geist der Erneuerung, birgt in sich die einzigartige Kraft, einer besonderen Berufung in der Kirche nachzugehen.“

Mit zwanzig entschloss er sich, Theologie zu studieren. Vier Jahre verbrachte er an den Universitäten Lausanne und Straßburg.

Im Jahre 1939 gründete er eine Gruppe zum Studium von Glaubensfragen. Ein Jahr später erwuchs daraus eine Art Orden, der sich Grande Communauté nannte. Die Gruppe bestand aus 20 Studenten, die versuchten, ihren christlichen Kommilitonen durch Gebet und Arbeit aus ihrer Vereinsamung und zu einem gemeinsamen Lebenszweck zu helfen.

Sie veranstalteten Einkehrtage „um viel mit Gott und wenig mit seinen Geschöpfen zu sprechen.“ Meditation, Gewissenserforschung und Beichte gehörten dazu.

1940 entschloss er sich, ein Haus zu kaufen, wo seine Gruppe beten und studieren und gleichzeitig in einem vom menschlichen Leid gezeichneten Gebiet leben konnte.

Er wählte ein solches Gebiet im damaligen von Deutschen unbesetzten Frankreich. Der Krieg hatte dort großen Schaden angerichtet, und dahin strömten Juden und andere Flüchtlinge, um von da aus Sicherheit in der neutralen Schweiz zu suchen.

Roger Schutz fand in Burgund nahe den Ruinen des mittelalterlichen Klosters Cluny in einem Dorf Taizé ein geeignetes Haus und kaufte es.

Im Dezember 1940 konnte die Grande Communauté ihre erste Zusammenkunft im neuen Quartier halten, das sie damals „Haus von Cluny“ nannten.

Ständig klopften Flüchtlinge an seine Tür, und er nahm sie auf und kümmerte sich um sie. Um den Unterhalt für sich und seine Gäste zu besorgen, bebaute er ein Stück angrenzenden Landes und melkte die einzige Kuh. Dreimal täglich zog er sich zu Gebet und Betrachtung in ein Zimmer zurück, das er in eine Kapelle verwandelt hatte. Während dieser Zeit verfasste er eine Schrift, in der er kurz sein mönchisches Ideal beschreibt.

„Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe von Gottes Wort ihr Leben empfangen; wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben; lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Einfalt und Barmherzigkeit.“

Obwohl das Haus mehrere Male durchsucht und Roger von der Gestapo verwarnt wurde, blieb er bis 1942 in Taizé. Dann floh er selbst vor den Nazis in die Schweiz.

Zusammen mit Freunden lebte er in Genf und betete jeden Morgen und jeden Abend in einer Seitenkapelle der Kathedrale.

Inspiriert durch Schriften Franz von Assisis, verpflichtete sich die Gruppe zu Ehelosigkeit und Gütergemeinschaft.

Roger Schutz verfasste in dieser Zeit eine Dissertation mit dem Titel „Das Ideal des monastischen Lebens bis zur Zeit des heiligen Benedikt und seine Übereinstimmung mit dem Evangelium“. Trotz eines gewissen Widerstands aus protestantischen Kreisen gegen seine Dissertation wurde er 1943 zum Pastor ordiniert.

Gegen Ende des Krieges kehrte er mit seiner Gruppe nach Taizé zurück. Der Terror der deutschen Besatzung war dem Hass der französischen Bevölkerung auf die deutschen Kriegsgefangenen in einem Lager in der Nähe des Dorfes gewichen. Die Brüder von Taizé versuchten erneut, Versöhnung zu stiften. Sie besuchten die Gefangenen und teilten ihre geringe Nahrung mit ihnen.

Gleichzeitig betrieb die Gemeinschaft Landwirtschaft, um sich ohne Spenden wirtschaftlich zu unterhalten. Sie waren gastfreundlich zu Priestern, Mönchen, evangelischen Theologen und anderen, die neugierig waren, „Mönche des 20. Jahrhunderts“ aus der Nähe zu sehen.

Bald wurde ihr Haus zu klein und sie durften für ihre Andachten die kleine Dorfkirche benutzen.

Zu Ostern 1949 legten alle 7 dort lebenden Brüder die traditionellen Mönchsgelübde ab. Sie verpflichteten sich auf Lebenszeit zu Ehelosigkeit, Gütergemeinschaft und Annahme einer Autorität, verkörpert in der Gestalt des Priors Roger. Dadurch wurde zum ersten Mal das jahrhundertealte mönchische Ideal in einer Kirche der Reformation verwirklicht.

Frère Roger beschreibt es so:

„Wir haben immer versucht, uns nicht von den Erfahrungen anderer beeinflussen zu lassen. Wir wollten ganz neu anfangen und alles ganz neu erfahren. Dennoch aber wurde uns eines Tages klar, dass wir unserer Berufung nicht treu bleiben konnten, wenn wir uns nicht zu Gütergemeinschaft, zu Annahme von Autorität und zu Ehelosigkeit verpflichteten.“

Im selben Jahr reiste Roger mit einem seiner Brüder nach Rom, um Papst Pius XII. aufzusuchen. Sie setzten sich für engere Beziehungen zwischen den Kirchen ein, waren aber insgesamt gesehen erfolglos. In den frühen fünfziger Jahren stieg die Zahl der Brüder beständig.

Die Bruderschaft von Taizé sandte jetzt auch Mitglieder ihrer Gemeinschaft in andere Gegenden aus, z. B. als Krankenpfleger in das vom Krieg verwüstete Algerien, als Hafenarbeiter nach Marseille und als Sozialarbeiter in die Gettos von Chicago.

Der neu gewählte Papst Johannes’ XXIII. lud Frère Roger nach Rom zu einer Audienz ein.

Frère Roger erinnerte sich:

„Diese Audienz gab unsern ökumenischen Bemühungen neuen Ansporn. Von da an hatte Papst Johannes einen unerwarteten Einfluss auf uns und ließ, ohne es zu wissen, einen kleinen Frühling für Taizé aufblühen.“

Zum zweiten Vatikanischen Konzil im Jahre 1962 wurden Frère Roger und ein weiterer Bruder eingeladen, an den Sitzungen als Gäste teilzunehmen.

Mittlerweile war die Dorfkirche zu klein geworden für die großen Besucherscharen. Hilfe kam von der deutschen „Aktion Sühnezeichen“, die den Bau einer neuen, größeren Kirche finanzierte und mit Freiwilligen durchführte. Zu den Einweihungsfeierlichkeiten im August 1962 kamen viele christliche Würdenträger aus allen Konfessionen und allen Teilen der Welt.

Zeitungen in aller Welt veröffentlichten Artikel und machten Taizé überall bekannt. Besonders das tägliche Gebet der Brüder zog die Menschen an.

In Reformationskreisen wurde es mit gemischten Gefühlen betrachtet. Sie sahen ihre Befürchtungen bestätigt, dass Rom durch die Hintertür in die protestantischen Kirchen eindringe.

Mit den Bauern in der Umgebung gründeten die Brüder eine Genossenschaft, um ihre Produkte gemeinsam zu verarbeiten und zu verkaufen.

Frère Roger erklärte:

„Wir haben diese Art der Kooperation gewählt, weil wir überzeugt sind, dass Gütergemeinschaft nicht nur für uns wichtig ist, sondern auch für Laien. Unser Gemeinschaftsleben entbindet uns nicht von der Notwendigkeit, unser tägliches Brot zu verdienen. Im Gegenteil, es ist nicht nur unsere Pflicht, uns selbst durch unsere Arbeit zu ernähren, sondern auch andere zu unterstützen und damit auch auf nichtspirituelle Weise an der Ökumene, das heißt an der Gemeinschaft aller Menschen auf der ganzen Erde, teilzunehmen.“

Frère Roger und andere Brüder nahmen in diesen Jahren an allen Sessionen des II. Vatikanischen Konzils teil, das eine innere Reform der katholischen Kirche und die Einheit der Christen zum Ziel hatte. Einerseits führten die dort gewonnenen Eindrücke dazu, dass seine Theologie noch „katholischer“ wurde; andererseits war er nach dem Ende des Konzils von dessen Ergebnissen hinsichtlich einer Einheit der Christenheit so enttäuscht, das in er eine psychische Krise erlebte.

Für die Arbeit Taizés ergaben sich für die Folgezeit einige spürbare Änderungen:

1969 war die Gemeinschaft so ökumenisch geworden, dass zu ihr Brüder reformierter, lutherischer und anglikanischer Herkunft gehörten. Jetzt wurden auch römisch-katholische Christen aufgenommen, um zumindest in Taizè selbst die Einheit zu verwirklichen.

Und Frère Roger nahm Stellung zum Papsttum. Darin sagt er, dass jede Gemeinschaft und daher auch die universale Kirche einen Hirten braucht, um Gemeinschaft zwischen allen zu fördern, aber er fügte hinzu, dass dieser Hirte von den Nichtkatholiken nicht verlangen könnte, ihre Väter zu verleugnen. Und wörtlich:

„Warum sollte der Papst nicht Männer und Frauen als ‚katholisch’ erklären, die einen Glauben leben, der wahrhaft universal und ökumenisch ist, ohne gleichzeitig von ihnen zu erwarten, dass sie evangelische Werte aufgeben, die ihre Überlieferungen ihnen geschenkt haben? Er allein besitzt die Macht, zu erklären, dass alle, die einen und denselben wesentlichen Glauben haben, ‚von der Kirche’ sind. Mit der ‚Gewalt der Friedfertigen’ wagen wir, einen solchen Akt des Mutes zu fordern.“

 

Ab Mitte der sechziger Jahre konzentrierte sich die Arbeit Taizés auf die christliche Jugend der Welt. Im September 1965 fand ein erstes „Internationales Jugendtreffen“ in Taizé statt, dem jährlich weitere Treffen folgten.

Ostern 1970 beschloss eine Versammlung von Jugendlichen aus allen Kontinenten:

„Wir haben gesehen, dass sehr viele nach Gott verlangen. Zugleich wollen sie sich entschieden für das Vorankommen im Dienst der Menschen einsetzen. Viele erwarten einen Aufbruch, unbelastet von Konventionen, in dem sie sich so weit wie nur möglich für Christus engagieren; einen Aufbruch, der ihre Energien freisetzt und sie dynamisch und schöpferisch macht, damit die Erde bewohnbar werde. So kann sich die von Hass geprägte Gewalt noch in eine ‚Gewalt des Friedens’ verwandeln. Da wir nach einer Antwort auf die Hoffnung vieler suchen, haben wir uns an die ersten Christen erinnert. Im Anfang ‚hatten sie alles gemeinsam; sie waren ein Herz und eine Seele.’ Jedermann konnte sehen, wie sie in brüderlicher Einmütigkeit lebten.“

Frère Roger entwickelte die Idee eines „Konzils der Jugend“. So versammelten sich Ostern 1972 etwa 16.000 Besucher aus mehr als 80 Ländern in Taizé. Daraus entstanden kleine Gruppen in allen Teilen der Welt, die wenigstens dreimal in der Woche zu gemeinsamem Gebet zusammenkamen und jeden Tag versuchten im Geist der Seligpreisungen, in Freude, Einfalt und Barmherzigkeit zu leben. Sie fügten sich soweit wie möglich in das Leben ihrer jeweiligen Ortskirche ein.

„Briefe aus Taizé“ wurden damals vierteljährlich in zehn verschiedenen Sprachen veröffentlicht und an etwa 100.000 Leute in 130 Ländern verschickt. In ihnen wurden alle wesentlichen Gedanken für das „Konzil der Jugend“ diskutiert und bewertet.

Im Sommer des Jahres 1974 wurde das Konzil eröffnet. Es brachte mehr als 40.000 Menschen aus so gut wie jedem Land der Erde in ein kleines bisher fast unbekanntes Dorf. Sie campierten in Zelten und feierten mit Fère Roger und vielen kirchlichen Würdenträgern beeindruckende Gottesdienste, über die in aller Welt berichtet wurde. Höhepunkt war die Verkündigung eines Briefes, den Frère Roger mit Jugendlichen aus allen Kontinenten verfasst hatte, einem „Brief an das Volk Gottes“. Darin heißt es:

„Wir sind auf einer Erde geboren, die für die Mehrzahl der Menschen nicht bewohnbar ist. Durch eine unerträglich privilegierte Minderheit wird ein großer Teil der Menschheit ausgebeutet. Zahlreich sind die Polizeiregime, die die Mächtigen schützen. Multinationale Konzerne schreiben ihre Gesetze vor und setzen sie durch. Profit und Geld regieren. Wer die Macht hat, hört fast nie auf die Stimme der Stimmlosen.“

Auch zahlreiche Kirchen, stellt der Brief fest, würden überwacht und verfolgt.

„Einige unter ihnen geben den Beweis, dass die Kirche, wenn sie an kein politisches Regime gebunden ist, weder Machtmittel noch Reichtum besitzt, eine Neugeburt erfährt, befreiende Kraft für die Menschen wird und damit Gott widerspiegeln kann.“

Ein anderer Teil des Volkes Gottes verbünde sich mit System der Ungleichheit.

„Sowohl Christen auf individueller Basis als viele Institutionen der Kirche haben ihre Besitzungen als Kapital angelegt und ungeheure Reichtümer an Geld, Boden, Gebäuden und Aktien angehäuft. Viele stellen fest, dass das Leben immer mehr aus der Kirche schwindet, die Institutionen jedoch im Leerlauf weiterarbeiten. Ihr Wort verliert seine Glaubwürdigkeit.“

Der Brief fragt dann die Kirche:

„Kirche, was sagst du von deiner Zukunft? Wirst du auf die Mittel der Macht und die Vorteile der Kompromisse mit der politischen und finanziellen Macht verzichten? Wirst du die Privilegien aufgeben und dich weigern, Kapital anzulegen? Wirst du endlich die ‚universelle Gemeinschaft’ werden? Wirst du das ‚Volk der Seligpreisungen’ werden, ohne andere Sicherheit als Christus: ein armes Volk, das kontemplativ lebt und Frieden schafft, das Träger der Freude und eines befreienden Festes für die Menschen ist, auf die Gefahr hin, dass du verfolgt wirst um der Gerechtigkeit willen. Da wir zu diesem Volk dazugehören, wissen wir, dass wir nichts Weitgehenderes von anderen verlangen können, wenn wir nicht selbst alles für das Ganze riskieren. Wir werden es wagen, alles im Voraus selbst zu leben, was wir verlangen.“

Das „Konzil der Jugend“ traf auf ein so starkes Echo, dass es in der Folge die „Europäischen Jugendtreffen“ und einen „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ hervorbrachte. Zehntausende Jugendliche versammelten sich seitdem jeweils am Jahresende um Frère Roger in Paris, Barcelona, Warschau, Prag und vielen anderen Städten. Seit den späten 80er Jahren, nach dem Ende der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa, trug Taizé maßgeblich dazu bei, die jungen Europäer aus Ost und West zu versöhnen.

1974 wurde Frère Roger auch der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen.

In seiner Ansprache beim Empfang des Friedenspreises sagte Frère Roger in der Frankfurter Paulskirche:

„Wenn ich versuche, alles in den jungen Menschen von heute zu verstehen, entdecke ich hinter ganz unterschiedlicher Ausdrucksweise eine leidenschaftliche Suche nach Kommunikation. Für Christen bedeutet diese Kommunikation Kommunion. Die Jugendlichen von heute wünschen sie mit Menschen aus den verschiedensten Kulturen und Rassen. Viele Jugendliche haben begriffen, dass Gemeinschaft mit den Ärmsten der Welt zugleich Beteiligung am Kampf der Welt zur Überwindung des Elends bedeutet.“

Im November 1977 wurde das Konzil der Jugend in Wien abgehalten. Etwa 2.000 Teilnehmer feierten im Stephansdom mit Frère Roger einen Gottesdienst. Er sagte:
„In dieser Welt voller Misstrauen müssen wir wieder den Frieden zurückbringen, wir müssen Schranken und Vorurteile durchbrechen, mit den anderen teilen statt Besitztümer ansammeln, Christus folgen, ohne die zu verurteilen, die es nicht tun.“

Anschließend reiste Frère Roger nach Hongkong, Er begründete dies:
„Wenn wir wieder nach Asien reisen, geschieht das, um das Miteinanderteilen noch besser zu verstehen. Unsere Reise an die Grenze von China bedeutet, dass wir uns auf eine der Hauptgrenzen stellen, die die Menschheit zerreißen. Wir werden dort versuchen, ein Wort herauszuhören, das Gott an uns richtet durch die Ärmsten, in deren Vierteln wir leben werden, und durch alle, denen wir begegnen.“

Weitere Reisen führten Frère Roger in den folgenden Jahren auch in viele Länder Lateinamerikas und Afrikas.

Im Oktober 1986 kam Papst Johannes Paul II. auf seiner dritten Frankreichreise für einen kurzen Zwischenhalt nach Taizé. Er würdigte die Arbeit der Brüder:

„De Papst ist nur vorübergehend hier. Doch man kommt nach Taizé wie an den Rand einer Quelle. Der Reisende hält ein, löscht seinen Durst und setzt den Weg fort.“

Lange Zeit war es fast unmöglich, größere Treffen von Jugendlichen in einem Land des Ostblocks durchzuführen. Erst im Frühjahr 1989 fand ein größeres Treffen in Ungarn statt, nachdem 6 Jahre zuvor ein solches Treffen in Budapest noch verhindert worden war.

Frère Roger griff jetzt ein Wort Johannes XXIII. auf: „Wir werden nicht herauszufinden suchen, wer recht und wer unrecht gehabt hat. Wir sagen einfach: Versöhnen wir uns.“

Und er kündigte an, dass das Europäische Jugendtreffen am Jahreswechsel zum ersten Mal in einem Land Mittel- und Osteuropas stattfinden werde: In Polen, in der Stadt Breslau. Dort trafen sich dann 50.000 Teilnehmer, vorwiegend aus dem Ostblock.

In den folgenden Jahren nahm die Zahl der jugendlichen Besucher in Taizé nochmals deutlich zu, weil die Länder des europäischen Ostens die Reise gestatteten.

Im April 2005 nahm Frère Roger am Beerdigungsgottesdienst für Papst Johannes Paul II. teil.

Bald ging ein Foto um die Welt, das bei vielen Erstaunen hervorrief: Frère Roger empfängt im Rollstuhl aus den Händen Kardinal Ratzingers die Kommunion. In der Öffentlichkeit wurde vermutet, er sei katholisch geworden. Der Vatikan antwortete offiziell:
„1. Die Zulassung von Frère Roger zur heiligen Kommunion war nicht vorgesehen; eine Verkettung von Umständen führte dazu, dass der Prior von Taizé sich vor dem Zelebranten (nämlich Kardinal Ratzinger) in einer Personengruppe befand, die auf den Empfang der heiligen Eucharistie wartete. Es war in der gegebenen Situation unmöglich, ihm das Allerheiligste Altarsakrament zu verweigern. Er stimmt, wie bekannt, dem Glauben der katholischen Kirche zu.
2. Im Kloster Taizé wird keine Interkommunion praktiziert, Frère Roger ist klar dagegen. Nichtkatholiken wird das allerheiligste Altarsakrament nicht gereicht. Frère Roger teilt voll den Glauben der Katholischen Kirche bezüglich der heiligen Eucharistie. Sein Fall ist ein besonderer und kann nicht verallgemeinert werden.“

Am 16. August 2005 war Frère Roger beim Abendgebet in der Kirche der Versöhnung von mehren Tausend Jugendlichen umgeben. Gleichwohl gelang es einer rumänischen Frau, sich ihm zu nähern. Sie stach ihn unter lautem Schreien mit einem Messer zweimal in den Hals. Blut sickerte in das weiße Gebetsgewand des Priors. Kurze Zeit später verschied der Gründer von Taizé. Er starb als Opfer einer Geisteskranken, der kein Prozess gemacht werden konnte.

Frère Roger war ein Grenzgänger. Als Schweizer ließ er sich in Frankreich nieder. Als Calvinist gründete er die erste evangelische Mönchsgemeinschaft auf französischem Boden. Er war Pfarrersohn und Pfarrer, ging aber über den Protestantismus hinaus. Frère Rogers Leitgedanke war, zu helfen und zusammenzufügen. Frère Rogers Leben und Wirken ist Teil der Kirchengeschichte, der Geschichte Europas überhaupt.

Bis zuletzt verkörperte Frère Roger nicht den Lehrmeister, sondern den Glaubenden, der andere Glaubende oder „Gottsucher“ an seiner Erfahrung teilhaben ließ und sich nicht scheute, eigene Schwächen und Zweifel ebenso anzusprechen wie eigene Erkenntnisse.

Rolf Polle