Nachrichten und Berichte

 

Apostelandacht zu Elisabeth Schmitz

Apostelandacht zu Elisabeth Schmitz, gehalten am 12. September 2010

Im Herbst des Jahres 2004 wurde zufällig in Hanau am Main in einem Kellerraum eines Kirchengebäudes eine offenbar herrenlose Aktenmappe aufgefunden. Sie musste seit vielen Jahren in diesem Raum gelegen haben, denn sie war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Auf ihr lag ein großer Zettel mit der Aufschrift „Nachlass Dr. Elisabeth Schmitz“.

Die Aktenmappe war prall gefüllt mit sieben Ordnern und einer Vielzahl Unterlagen verschiedenster Art. Und kaum jemand wusste damals überhaupt noch, wer diese Dr. Elisabeth Schmitz gewesen war.

Man fand darin auch Schulhefte, in denen sie handschriftlich eine Denkschrift mit dem Titel „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ verfasst hatte. Diese Denkschrift war zwar schon bekannt, aber einer anderen Autorin zugeschrieben worden.

Nun begannen sich Kirchenhistoriker für sie zu interessieren und erkannten, welchen wichtigen Beitrag sie mit dieser Denkschrift und mit ihrer Tätigkeit für die Bekennende Kirche geleistet hatte.

Man entriss sie buchstäblich der Vergessenheit. Im November 2005 weihte der Hanauer Oberbürgermeister für die 1977 Gestorbene ein Ehrengrab und einen Gedenkstein und hielt eine Rede. Aufsätze und Zeitungsartikel erschienen über sie. Und im Mai 2007 fand anlässlich ihres 30. Todestages in Berlin eine Fachtagung über ihre Bedeutung für den kirchlichen Widerstand statt. Die dort gehaltenen Vorträge wurden 2008 in einem Buch dokumentiert. Im gleichen Jahr drehte ein Amerikaner einen Dokumentarfilm über sie, und Bundeskanzlerin Angela Merkel erwähnte sie in ihrer Rede zum 70. Jahrestag der Reichsprogromnacht im November 2008. Vor etwa 3 Monaten erschien schließlich eine umfangreiche Biografie über ihr Leben.

Ihr Biograf Manfred Gailus schreibt darin, dass sie es verdient hätte, in eine virtuelle protestantische Heiligen- und Heldengalerie aufgenommen zu werden.

Wer war also diese Frau?

Elisabeth Schmitz wurde 1893 als jüngste Tochter eines Gymnasialprofessors in Hanau geboren. Alle drei Schmitz-Töchter besuchten standesgemäß eine vornehme private „Höhere Mädchenschule“ in Hanau.

Seit 1908 wurden in Preußen viele gymnasiale Mädchenschulen gegründet, die zum Abitur führten – nicht jedoch in Hanau. So musste die 15jährige Elisabeth auf ein Mädchengymnasium in Frankfurt wechseln und täglich einen langen Schulweg in Kauf nehmen, um dort nach 5 Jahren Abitur zu machen. Sie nahm sich ihre Religionslehrerin zum Vorbild: unabhängig und selbstbewusst, klug und gebildet, berufstätig, modern und frei.

Ein Theologiestudium im Hauptfach für Frauen war damals noch undenkbar. So studierte sie zunächst in Bonn mit dem Ziel Gymnasiallehrerin das Fach Germanistik. Als Nebenfächer wählte sie Geschichte und Evangelische Theologie.

Im April 1915 wechselte sie nach Berlin und studierte dort bei den berühmten Kulturprotestanten Adolf von Harnack und Friedrich Meinecke. Anfang 1920 schloss sie ihr Studium mit dem Doktorexamen ab.

Anschließend begann sie ihren Vorbereitungsdienst für das Höhere Lehramt mit dem Ziel Studienrätin und absolvierte zugleich ein zweites, freiwilliges Ergänzungsstudium an der Theologischen Fakultät.

Nach Abschluss ihres Vorbereitungsdienstes unterrichtete sie schließlich an diversen, häufig wechselnden Einsatzorten in Berliner Schulen und übernahm auch kleine wissenschaftliche Nebenbeschäftigungen zur Aufbesserung ihrer Finanzen.

In diesen frühen Jahren war sie einerseits gern gesehenes Mitglied in einem Kreis von Studierenden bei Adolf von Harnack und hatte sich auch mit dessen Töchtern befreundet. Andererseits klagte sie in ihren Briefen wiederholt über ihre Einsamkeit. So schrieb sie in einem Brief nach Hanau: „Ich brauche Menschen und nicht nur Bücher!“

Von Bekanntschaften zu jungen Männern wissen wir nichts – wahrscheinlich gab es sie nicht.

Es erwartete sie das zölibatäre Leben einer Studienrätin, einer Beamtin, die vor der Zwangsalternative stand, entweder zu heiraten und dadurch den Beruf zu verlieren, oder den Beruf weiter auszuüben und dafür ledig, familienlos, kinderlos zu bleiben.

Sie bewohnte weiterhin ihre Einzimmer-Studentinnen-Möbliertwohnung; aß, arbeitete und schlief zwischen Büchern; pendelte zwischen Berlin und Hanau, im jährlichen Wechsel von Unterrichts- und Ferienzeiten.

Ihre beste Freundin war in dieser Zeit die jüngste der drei Harnacktöchter, mit der sie sich häufig zum „Tee“, d.h. zum ausführlichen Erzählen traf, mit der sie sich brieflich austauschte. Das Briefeschreiben wurde ihr zur eigentlichen Kommunikationsform und zum idealen Ausdrucksmittel. Und nur durch diese Briefe wissen wir noch etwas von ihrem Leben.

Fotos aus dieser Zeit zeigen das Gesicht einer Studienrätin: schmal, Brille, nicht unbedingt ein Blickfang für heiratswillige Männer; insgesamt eine ausgesprochen evangelisch-pfarrfrauenhafte Erscheinung. Der weibliche Körper wurde von ihr nicht nur verhüllt, sondern geradezu versteckt. Er hatte zu funktionieren für den Dienst, für den Geist, ansonsten galt es, ihn zu neutralisieren.

1929 erhielt sie schließlich nach vielen befristeten Verträgen eine Planstelle in Berlin und wurde zur Studienrätin ernannt. So erlangte sie endlich mit 35 Jahren finanzielle Sicherheit und konnte 1933 eine angemessene Berliner Wohnung beziehen.

In diesem Mietshaus wohnte auch die Ärztin Dr. Martha Kassel. Sie war zwar evangelisch getauft, aber jüdischer Herkunft. Deswegen verlor sie ihre kassenärztliche Zulassung und konnte die Miete für ihre Wohnung nicht mehr zahlen.

Elisbeth Schmitz nahm im Herbst 1933 die 13 Jahre Ältere in ihre Wohnung auf.

Schmitz schreibt:

„Gestern abend war Frau Dr. Kassel wieder ganz verzweifelt. Sie sagte immerfort vor sich hin: ‚Warum hassen sie uns denn nur so? Ich kann es gar nicht verstehen.’ Sie fühlt sich gar nicht als Jüdin, hat es nie getan und ist so fassungslos, dass man sie trennen will vom Deutschtum, wo sie doch deutsche Literatur und Kunst und Landschaft und alles so liebt.“

Das war für Elisabeth Schmitz der erste wesentliche Schock nach wenigen Monaten „nationaler Revolution“, den sie hautnah zu spüren bekam. Er ließ sie diese Zeit aus der Perspektive der Ausgegrenzten und Verfolgten wahrnehmen.

Ein weiterer Bezugspunkt war die Theologie Karl Barths. Er hatte für sie nach dem Tod ihres Mentors Adolf von Harnack die Rolle einer neuen geistigen Vaterfigur eingenommen.

Karl Barth war 1933 noch Professor in Bonn. Elisabeth Schmitz schrieb ihm:

„Verzeihen Sie, dass ich als Ihnen gänzlich Unbekannte an Sie schreibe. Aber es drängt mich dazu aus der tiefen Not der Zeit heraus. In meinem engsten Freundeskreis erlebe ich erschütternd schwer die Folgen der Judenverfolgung. Die Flut von Undankbarkeit, Ungerechtigkeit, Hass, Lüge, Grausamkeit, die über unsere jüdischen und von Juden abstammenden Volksgenossen hereinbricht, scheint mir ein so furchtbarer Beweis von Sünde und Schuld der ‚christlichen’ Seite, dass uns doch wohl noch in anderm Sinne als sonst Todesangst erfassen müsste vor dem Gericht Gottes. Aber die Kirche feiert Ostern in der Siegesstimmung, die augenblicklich durch unser deutsches Volk geht.“

Abschließend fragte sie den renommierten Theologen, dessen Stimme in Deutschland am meisten gehört werde, ob er nicht etwas tun könne, um die Gewissen wach zu rütteln.

Barth antwortete ausweichend diplomatisch.

Anlässlich der letzten Kirchenwahlen vom Juli 1933 kam Schmitz in die Gemeindevertretung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde. Dort wurde sie Mitglied der Bekennenden Kirche und traf sich regelmäßig mit Gleichgesinnten in verschiedenen Kreisen.

Jüdische Schülerinnen wurden in dieser Zeit laufend diskriminiert und mussten nach und nach die Schule verlassen. Schmitz und manche Kolleginnen nahmen sie so weit wie möglich in Schutz. Die Schulleiterin wurde wegen ihrer linken politischen Haltung abgesetzt. Trotz Kontaktverbots traf man sich aber regelmäßig privat bei ihr.

Das Jahr 1935 wurde für Elisabeth Schmitz sehr entscheidend. In den Sommerferien fasste sie den Entschluss, eine umfassendere Stellungnahme zur Lage der Juden in Deutschland auszuarbeiten. Sie verfasste eine Denkschrift für die Bekennende Kirche.

Im ersten Abschnitt „Die innere Not“ schildert sie die Aufhetzung der öffentlichen Meinung und die Folgen der Verhetzung. Sie präsentiert eine Zitatenkollage aus NS-Blättern über antijüdische Maßnahmen und Artikel sowie Reden der NS-Führer.

Sie zitiert Berichte über rassistische Maßnahmen und Kundgebungen im Bereich der Medizin und der Ärzteschaft und schließt die Zitatensammlung mit folgenden Worten:

„Wer ruft die Gemeinden und unser ganzes Volk zurück zu dem, nach dem alles Christentum sich nennt? Zu dem, der seiner Kirche gerade den Samariter, den „artfremden“, verachteten Mischling“ als das große Beispiel der Barmherzigkeit, des praktischen Christentums hinstellt? Zu dem, der gesagt hat: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst – und gegen dessen Gebote es sich empört? Und wer von uns wagt, sich zu sondern von seinem Volk, das diese Schuld auf sich lädt? Dieses Volkes Schuld ist auch unsere Schuld.“

Im zweiten Abschnitt „Die äußere Not“ werden Folgen der Gesetzgebung beschrieben, wiederum mit zahlreichen Beispielen: die berufliche Not durch das Berufsbeamtengesetz, die wirtschaftliche Not durch den Boykott. Sie schließt diesen Abschnitt:

„Was sollen wir antworten einst auf die Frage: ‚Wo ist Dein Bruder Abel?’ Es wird auch uns, auch der Bekennenden Kirche keine andere Antwort bleiben als die Kainsantwort.“

Im dritten Abschnitt „Die Stellung der Kirche“ fasst sie zusammen, was sie angesichts aller dieser Ereignisse und Maßnahmen zum weitgehenden Schweigen der Bekennenden Kirche zu sagen hat. Einer Judenverfolgung im Namen von Blut und Rasse müsse notwendigerweise eine Christenverfolgung folgen.

„Warum tut die Kirche nichts? Warum lässt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politische Bekenntnisse sind und sich gegen das Leben eines Teils ihrer eigenen Glieder richten? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein? Menschlich geredet bleibt die Schuld, dass alles dies geschehen konnte vor den Augen der Christen, für alle Zeiten und vor allen Völkern und nicht zuletzt vor den eigenen künftigen Generationen auf den Christen Deutschlands liegen.

Seit wann hat der Übeltäter Recht, seine Übeltat als den Willen Gottes auszugeben? Seit wann ist es etwas anderes als Gotteslästerung zu behaupten, es sei der Wille Gottes, dass wir Unrecht tun? Hüten wir uns, dass wir den Greuel unserer Sünde nicht verstecken im Heiligtum des Willens Gottes. Es könnte sonst wohl sein, dass auch uns die Strafe der Tempelschänder träfe, dass auch wir den Fluch dessen hören müssten, der die Geißel flocht und trieb sie hinaus.“

Elisabeth Schmitz überreichte ihren Text am 5. September 1935 einem Pfarrer in Berlin zur weiteren Verwendung im Raum der Bekennenden Kirche.

Die Denkschrift soll wohl der dritten altpreußischen Bekenntnissynode in Berlin-Steglitz übergeben worden sein. Doch der Synode ging es um die Kirche selbst, nicht um die rassisch verfolgten Menschen. Um der Existenz der Kirche willen hielten die meisten es für inopportun, etwas gegen die Politik des NS-Staates zu sagen.

Vermutlich kursierte das anonyme Papier zunächst in wenigen Exemplaren. Dietrich Bonhoeffer übersandte jedenfalls ein Exemplar an einen Pfarrer in London.

---------------Musikstück, Kirchenlied??-----------------

Elisabeth Schmitz entschloss sich, weiteres Material zu sammeln und die Denkschrift um einen Nachtrag mit dem Titel „Folgen der Nürnberger Gesetze“ zu ergänzen. Sie hatte einen Vervielfältigungsapparat erworben, schrieb den Text auf Matrize und stellte in ihrer Wohnung eigenhändig etwa 200 Exemplare her. Ein Teil davon wurde auf der Arbeitskonferenz der Bekennenden Kirche in Brandenburg im Juni 1936 verteilt. Andere gelangten an einflussreiche Einzelpersönlichkeiten der Kirchenopposition.

Mit dem Verfassen und der subversiven Verbreitung ihrer Denkschrift hatte sie entschiedenen Widerspruch gegen zentrale Politikziele des NS-Regimes geleistet, eine riskante Aktion, deren Aufdeckung ihr mindestens mehrjährige KZ-Haft eingebracht hätte.

Im Herbst 1937 sprach sich herum, dass sie mit einer ‚nichtarischen’ Ärztin zusammenwohnte. Nach einer Denunziation durch den Blockwart vernahm die Parteileitung die Lehrerin. Der Groß-Gau Berlin verlangte die sofortige Entlassung der Lehrerin und überwies den Vorgang an die Schulbehörde. Sie wurde vorgeladen und traf zum Glück auf einen verständnisvollen Schulbeamten. Erforderte sie auf, zur Besänftigung der NSDAP in die NS-Volkswohlfahrt einzutreten. Das tat sie auch, worauf die Behörde den Vorgang als erledigt erklärte.

Im Jahr 1938 verließ Martha Kassel schließlich die gemeinsame Wohnung und kam bei einem jüdischen Arzt unter, den sie heiratete und mit dem sie im Dezember 1938 nach Argentinien emigrierte.

Die Tage um die Reichspogromnacht im November 1938 versetzten Elisabeth Schmitz in einen permanenten Erregungs- und Unruhezustand, der sie krank machte. Am 9. November betrat sie zum letzten Mal die Schule und ließ sich anschließend krankschreiben. Ihre Ärztin bescheinigte ihr einen Nervenzusammenbruch. In den Weihnachtsferien schrieb sie dann einen Antrag auf Frühpensionierung, dem auffällig schnell stattgegeben wurde. Ab April 1939 war Elisabeth Schmitz im Alter von 45 Jahren frühpensioniert und erhielt ein Ruhegehalt.

Nach ihrer Pensionierung verstärkte sie ihr Engagement in der Kirchenopposition und war Teil der Dahlemer Gemeinde der Bekennenden Kirche.

Sie erhielt den gefährlichen Auftrag, Religionsunterricht an Juden zu erteilen, die sich taufen lassen wollten und tat dies mit Hausbesuchen in den sogenannten „Judenwohnungen“, weil kirchliche Räume nicht genutzt werden durften. Damit erlangte sie tiefe Einblicke in jüdische Schicksale. Anlässlich einer Gedenkfeier in einer Hanauer Schule im Jahre 1950 berichtete sie:

„Von einem jungen Mädchen möchte ich erzählen, die auch zu denen gehörte, die der NS glaubte als ‚Untermenschen’ ausrotten zu dürfen. Sie war verlobt mit einem Ingenieur, der Christ, aber der Abstammung nach Jude war. Ihr Verlobter lebte ihr sein Christentum so eindrucksvoll vor, dass sie wünschte, getauft zu werden. Das war längst verboten und musste in tiefer Heimlichkeit geschehen. Ich gab ihr den Unterricht und denke oft und gern zurück an diese Stunden, an den Ernst und die Aufgeschlossenheit des jungen Mädchens. Meist war auch ihr Verlobter dabei. Sie heirateten. Die Trauung und Taufe der jungen Frau vollzog ein Pfarrer der Bekennenden Kirche. Längst hatten die Deportationen schon angefangen, aber die beiden waren noch nicht dabei. Die junge Frau erwartete ein Kind. Am 3. Tag nach der Geburt kamen die Männer, um sie zu holen. ¾ Stunden lang brauchten sie, um zu telefonieren und Befehle einzuholen und einzusehen, dass das schlechterdings nicht möglich war. Der kleine Junge wuchs und war gesund, obwohl seine Mutter nur ein wenig Magermilch für ihn bekam. Er war ein reizendes Kind. Sie fuhr es spazieren und obwohl sie den Judenstern trug, wurde sie doch um des netten Kindes willen manchmal angesprochen. Da macht ihr Mann ihr klar, dass sie sich und die andern in höchste Gefahr bringe, sobald jemand anzeige, dass andere mit ihr sprächen. Da fuhr sie ihr Kind nicht mehr aus, sondern ließ es im Zimmer in seinem Körbchen. An dies Zimmer muss ich immer wieder denken. Das Seitengebäude des Hauses war bei einem schweren Angriff ausgebrannt. Ruinen starrten herein. Aber innen wohnte der Friede. Ich stand mit der jungen Mutter vor dem Körbchen des schlafenden Kindes, seine Atemzüge waren das einzige, was man hörte, so still war es. Sie glaubte so zuversichtlich, dass Gott das Kind nicht habe geboren werden lassen, um es gleich wieder zu sich zu nehmen. Mir aber zerriss es das Herz, wenn ich daran dachte, welchem furchtbaren Schicksal dies Kind entgegen schlief, und ich hatte keine Hoffnung. Als ich das nächste Mal kam, war die Wohnung leer. Sie waren nach Theresienstadt transportiert worden, aber, wie wir nach dem Zusammenbruch hörten, von dort weiter nach Polen zur Vergasung. Wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört.“

Die Zusammenkünfte ihrer Kreise in der Bekennenden Kirche wurden zunehmend von der Gestapo überwacht und Ende 1942 definitiv verboten.

Im April 1943 siedelte sie nach Hanau in ihr Elternhaus um.

Nach Kriegsende arbeitete sie zielstrebig daran, mit häufigen Briefwechseln ihre alten Kontakte wieder aufzunehmen, manche Briefpartner besuchte sie auch.

Ostern 1946 wurde sie wieder als Lehrerin reaktiviert am Realgymnasium für Mädchen in Hanau.

Wie früher las sie viel und nahm Anteil an Debatten, fuhr wiederholt nach Bonn, um Vorlesungen von Karl Barth zu hören.

Es ist aus der Rückschau allerdings schwer nachzuvollziehen, warum sie sich zu dieser Zeit nicht als diejenige zu erkennen gab, die 1935/36 die anonyme Denkschrift gegen die Judenverfolgung geschrieben hatte.

In der Schulverwaltung und wohl auch an ihrer Schule genoss sie eine anerkannte, geachtete Stellung. In ihrer Personalakte steht anlässlich ihrer Wiederverbeamtung, ihr erzieherischer Einfluss und ihre entschieden christliche Einstellung seien von unschätzbarem Wert für die junge Generation. Bei Gedenkanlässen in der Schule war sie es, die um ‚den Vortrag’ gebeten wurde.

Eine Schmitz-Schülerin erinnert sich an sie:

„Sie war eine große, stattliche, streng wirkende Lehrerin in faltigem langen Wollrock und hochgeschlossener Bluse. Sie war eine bescheidene Persönlichkeit, der wir gewissen Respekt entgegen brachten und deren Klugheit wir spürten. Aber eine Lehrerin, für die wir schwärmten, war sie nicht.“

Mit Wirkung vom 1. September 1958 wurde die Oberstudienrätin Schmitz im Alter von 65 Jahren regulär in den Ruhestand versetzt. Eine angemessene Beschäftigung fand sie nun verstärkt im Hanauer Geschichtsverein. Ihre eigene Geschichte hat sie in diesem Rahmen aber niemals thematisiert.

Elisabeth Schmitz starb am 10. September 1977 in einem Offenbacher Krankenhaus im Alter von 84 Jahren. Zu ihrer Beisetzung in Hanau sollen sieben oder acht Personen erschienen sein.

Ihr Hanauer Haushalt wurde aufgelöst. Die vermutlich von ihr selbst in später Lebenszeit bewusst so gepackte und der älteren Schwester übergebene Aktentasche mit dem Wichtigsten ihres Lebens war eine Flaschenpost an die Zukunft. Sie ist angekommen.

Im alten, nationalprotestantisch geprägten Protestantismus bis 1970 musste Elisabeth Schmitz eine unbekannte Größe bleiben, eine unbequeme Außenseiterin, eine lästige Randfigur, die nicht gehört wurde. Der neue Protestantismus des 21. Jahrhunderts wird das Gedenken an diese übersehene und überhörte Frau aus den eigenen Reihen noch sehr nötig haben. Sie könnte als eine protestantische Ikone des 20. Jahrhunderts jene Würdigung finden, die ihr zu Lebzeiten leider vorenthalten worden ist.

Der für sie im Jahr 2005 errichtete Gedenkstein in Hanau trägt die Inschrift:

„Elisabeth Schmitz, 1893 bis 1977, eine mutige Hanauerin, die aus christlichem Glauben heraus wachsam war und verantwortungsbewusst handelte, die schon früh die Anfänge nationalsozialistischen Unrechts anprangerte, die ihre Kirche drängte, sich öffentlich für die Entrechteten einzusetzen, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben für Juden eintrat und sie bei sich aufnahm, in ehrendem Gedenken, Stadt Hanau, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck.“

Rolf Polle