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Apostelandacht zu vier Lübecker Märtyrern

Apostelandacht zu vier Lübecker Märtyrern, gehalten am 30. Januar 2011

Am Abend des 10. November 1943 wurden im Hamburger Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis 3 katholische Kapläne und ein evangelisch-lutherischer Pastor aus Lübeck durch das Fallbeil hingerichtet, also geköpft. Es geschah im Abstand von ungefähr 3 Minuten. Am Boden des Hinrichtungsraums floss das Blut der Opfer ineinander.

Dieser gemeinsame Tod hat in der Zeit des Nationalsozialismus keine Parallele. Er soll für uns Anlass sein, der vier Hingerichteten zu gedenken und uns zu fragen, was ihr Leben und gemeinsames Sterben für uns heute zu bedeuten hat.

 

Der älteste von ihnen war der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Er wurde am 28. Oktober 1894 als Sohn eines Zollbeamten in Münster geboren. Der erste Weltkrieg unterbrach seine Ausbildung als Auslandspfarrer. Nach einer scheren Verwundung konnte er 1917 seine Ausbildung fortsetzen.

1921 ging er für acht Jahre zu deutschsprachigen Gemeinden nach Brasilien. Danach kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Er übernahm zunächst ein Pfarramt in Thüringen, bevor er 1934 Pastor der Luther-Kirche zu Lübeck wurde.

Pastor Stellbrink war Nationalist und trat deshalb schon 1921 einer nationalen evangelischen Bruderschaft bei, dem „Bund für Deutsche Kirche“; am 1. Mai 1933 auch der NSDAP. Seinen Pastorendienst verstand er als eine theologische und gesellschaftspolitische Aufgabe.

Seine hochgespannten Hoffnungen schlugen nach der Machtergreifung der Nazis schnell um. Er äußerte offen seine Enttäuschung. So wurde er vor ein internes Parteigericht geladen, weil er eine freundschaftliche Beziehung zu einem Juden unterhielt, der gegenüber dem Pastorat wohnte. Ende 1937 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen.

Seine Predigten veranlassten die Gestapo zu Verwarnungen.

Im März 1942 hatten englische Flugzeuge ihre Bomben über der Altstadt von Lübeck abgeworfen. Die Stadt brannte noch, als Pastor Stellbrink am Sonntagmorgen in seinem Konfirmationsgottesdienst predigte. Die Gestapo erhielt davon einen Bericht. Pastor Stellbrink habe in seiner Predigt den Bombenangriff ein Gottesgericht genannt – ein Gericht über das Unrecht, die Gewalt und die Lüge, die sich in Deutschland breitgemacht hätten. Es sei ein Gericht über den Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hätte. Ein Gericht über die Euthanasieaktionen, die Vernichtung unschuldiger Geisteskranker.

Kurze Zeit später wurde er von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und mit ihm die drei katholischen Kapläne, mit denen er schon seit längerem eng verbunden war.

 

Herrmann Lange wurde am 16. April 1912 in Ostfriesland geboren und hatte vier Geschwister. Als Gymnasiast schloss er sich in Leer einer Schülergruppe der katholischen Jugend an. Schon früh verspürte er in sich den Wunsch, Priester zu werden. So studierte er nach seinem Abitur Katholische Theologie in Münster und wurde 1938 zum Priester geweiht.

1939 wurde er Hilfsgeistlicher an der Herz-Jesu-Kirche in Lübeck und dort 1940 zum Vikar ernannt. Er galt als hochbelesener und intellektueller Priester und war ein strikter Gegner des Nationalsozialismus. Seine Treffen mit Jugendlichen aus seiner Gemeinde nutzte Hermann Lange für eindringliche Mahnungen gegen Ungeist und Untaten des Nazi-Regimes. Soldaten gegenüber äußerte er nach Kriegsbeginn, dass ein Christ auf deutscher Seite an dem Krieg eigentlich gar nicht teilnehmen dürfe.

Lange beteiligte sich an der Verbreitung regimekritischer Druckschriften, u.a. auch der Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen.

Am 15. Juni 1942 wurde Hermann Lange von der Gestapo festgenommen und in das Lübecker Gefängnis gebracht.

 

Johannes Prassek wird in den Veröffentlichungen über die vier Märtyrer als das Haupt der drei katholischen Geistlichen bezeichnet. Er war der Dienstälteste und dem Rang nach „Erster Kaplan“ an der Gemeinde.

Prassek wurde am 13. August 1911 in Hamburg-Barmbek geboten. Er hatte zwei Geschwister, sein Vater war Maurer. Er wuchs in recht bescheidenen Verhältnissen auf. Am Johanneum machte er 1931 das Abitur. Anschließend zog er erst ins Priesterseminar in Münster und dann nach Osnabrück.

Sein Studium wurde vom Bischöflichen Stuhl Osnabrück und von der Hansestadt Hamburg teilweise finanziert, außerdem nahm er neben seinem Studium Gelegenheitsarbeiten an.

Er war damals schon ein kritischer Geist und kritisierte die im Priesterseminar üblichen Andachtsformen. Deswegen verzögerte sich seine Priesterweihe um ein halbes Jahr bis zum März 1937.

Nach einer kurzen Zeit in Mecklenburg wurde Johannes Prassek 1939 Vikar, ein Jahr später Erster Kaplan in Lübeck.

Seine beeindruckenden Sonntagspredigten zogen nicht nur zahlreiche Gläubige an, sondern auch Gestapo-Spitzel. Auf Warnungen von Gemeindegliedern soll er geantwortet haben, dass einer ja schließlich die Wahrheit sagen müsse.

In Lübeck gab es nach Kriegbeginn zahlreiche polnische Zwangsarbeiter, mit denen jeder Kontakt streng verboten war. Prassek hielt sich nicht daran. Um ihnen seelsorgerlich und menschlich beistehen zu können, lernte er in dieser Zeit sogar etwas Polnisch, nahm ihnen heimlich die Beichte ab und taufte die in den Lagern Geborenen Babys.

Im Sommer 1941 lernte er bei einer Beerdigung seinen protestantischen Amtsbruder Karl Friedrich Stellbrink kennen. Beide befreundeten sich schnell. Sie hörten regelmäßig Sendungen feindlicher Rundfunksender und tauschten ihre Erkenntnisse daraus aus. Das Hören dieser Sender galt als „Rundfunkverbrechen“ und stand unter der Androhung der Todesstrafe.

Höhepunkt ihrer verschwörerischen Aktivitäten bildete die gemeinschaftliche Vervielfältigung und Verbreitung der berühmten Predigten des Bischofs von Galen, der darin furchtlos die Vernichtung lebensunwerten Lebens durch die Nazis anprangerte. Die Predigten wurden mit der Schreibmaschine mit jeweils sieben Durchschlägen abgetippt oder mit einem Matrizendruckgerät vervielfältigt, an Freunde und Bekannte weitergegeben oder mit der Post verschickt.

Ein Gestapo-Spitzel, der sich in einen Gemeindekreis eingeschlichen hatte, berichtete seinen Vorgesetzten von den regimekritischen Äußerungen Prasseks.

Daraufhin wurde er am 18. Mai 1942 er von der Gestapo abgeholt.

 

Eduard Müller wurde am 20. August 1911 in Neumünster geboren. Sein Vater war zuerst Schuhmacher, dann Rangierer und verließ schließlich seine Familie. Die Mutter schlug sich als Stundenhilfe und Waschfrau mühselig mit ihren sieben Kindern durch.

Eduard Müller besuchte die katholische Volksschule, war eifriger Ministrant und absolvierte nach seinem Schulabschluss eine Tischlerlehre. Er schloss sich der katholischen Jugendbewegung an und wollte gern Priester werden, aber dazu fehlt ihm das Abitur.

Ein Kaplan seiner Gemeinde fand glücklicherweise einige Gemeindeglieder, die seine weitere Schulbildung finanzierten. So zog Eduard Müller mit 19 Jahren in das Spätberufenenheim St. Clemens in Bad Driburg, wo er 1935 das Abitur ablegte.

Danach studierte er ebenfalls in Münster, wurde im Juli 1940 zum Priester geweiht und anschließend nach Lübeck berufen.

Müller wurde dort insbesondere in der Jugendarbeit und im Gesellenkreis eingesetzt. Geschätzt wurde vor allem seine Zugewandtheit zum Arbeiter- und Handwerkerleben, das er ja aus eigener Erfahrung gut kannte. Müllers Jugendarbeit war so erfolgreich, dass die Lübecker Führung der Hitler-Jugend ihn gern für sich gewonnen hätte.

Doch Müller lehnte ab. Mehr noch: Nach der Messe am Sonntagmorgen lud er zu Ausflügen in die Umgebung Lübecks ein – exakt zu der Zeit, zu der auch die Hitler-Jugend ihre Ausflüge anbot.

In seinen Gesprächskreisen im sogenannten „Gesellenhaus“ wurde das Nazi-Regime offen kritisiert. Er ahnte, dass dies Folgen haben könnte. Von ihm ist die Äußerung überliefert:

„Ich werde bald mit der Gestapo Bekanntschaft machen, denn ich werde mich durch nichts von meiner Pflicht abwendig machen lassen.“

Eduard Müller wurde als letzter der vier Lübecker Geistlichen am 22. Juni 1942 festgenommen.

Formal lag gegen ihn eigentlich wenig vor. Dennoch wurde er auch er zum Tode verurteilt.

Außer den vier Geistlichen wurden noch 18 katholische Laien verhaftet.

 

Ihr Prozess fand im Juni 1943 vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes statt. Die Geistlichen wurden wegen „Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feinbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt, die mitangeklagten Laien erhielten zum Teil hohe Freiheitsstrafen.

Danach wurden die Geistlichen in die Untersuchungshaftanstalt Hamburg am Holstenglacis verlegt.

Der für die katholischen Priester zuständige Bischof von Osnabrück besuchte die Geistlichen im Gefängnis und schrieb ein Gnadengesuch, das abgelehnt wurde. Der Bischof kümmerte sich während dieser langen Zeit intensiv auch um die Angehörigen der Kapläne.

 

Der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink dagegen erhielt keine Unterstützung von seiner Landeskirche, im Gegenteil: Der Kirchenrat Lübecks leitete sofort nach der Festnahme Stellbrinks ein förmliches Dienststrafverfahren mit dem Ziel der Entfernung aus dem Amte ein.

Die Lübecker Pastorenschaft wendete sich aber mit einem Gnadengesuch an den Reichsminister der Justiz in Berlin. Sie beteuert zunächst ihre uneingeschränkte Loyalität gegenüber dem Staat und begründet dann, dass sie trotzdem ein Gnadengesuch stellte:
„Die Pfarrerschaft kann sich mit bestem Gewissen um der Familie des Verurteilten Willen für ein Gnadengesuch einsetzen. Der ehemalige Pfarrer Stellbrink hat sich für deutsche Art und deutsches Volkstum mit allen seinen Kräften eingesetzt. Er wurde Parteigenosse und tat als solcher jahrelang seine Pflicht. Wenn Stellbrink trotz dieser früheren völkischen und nationalen Einstellung auf die Bahn des Verbrechens gegen das Volk geraten ist, so ist dies wohl mit einer unglücklichen Charakterveranlagung und einer starken Überreiztheit der Nerven zu erklären. In der Anlage legt die Pfarrerschaft ein psychologisches Gutachten bei.“

Die Gnadengesuche wurden alle abgelehnt. Fast fünf Monate warteten die zum Tode Verurteilten auf ihre Hinrichtung. Nach eineinhalb Jahren Gefängnis, in welchem Isolation, Folter und Hunger zu den Haftbedingungen gehörten, starben sie am 10. November 1943 unter dem Fallbeil und wurden anschließend eingeäschert.

Der Witwe Stellbrinks wurde die Pension seitens der Kirche verweigert. Sie erhielt aber vom Oberreichsanwalt eine Rechnung über 1.500 Reichsmark, darin enthalten 122 Reichsmark Gebühren für die Hinrichtung. Ihr wurde zudem untersagt, öffentlich Trauerkleidung zu tragen. Für die katholischen Geistlichen und Laien übernahm die katholische Kirche alle Prozesskosten.

Nach Kriegsende, im Juni 1945, teilte der neu zusammengesetzte Kirchenrat Lübecks Frau Stellbrink mit, sie besitze die Rechtsstellung der Witwe eines im Amte verstorbenen Pastors.

Erst 50 Jahre nach dem Mord an den vier Geistlichen hat die Kirchenleitung der Nordelbischen Kirche in einer Erklärung die Versäumnisse bedauert.

Dort heißt es: „Die Kirchenleitung bedauert dieses Versäumnis. Sie kann Unrecht nicht wieder gutmachen. Sie kann nach 50 Jahren nur mit Erschrecken feststellen, wie willfährig kirchenleitende Persönlichkeiten sich dem Unrecht beugten und einen Amtsbruder und seine Familie ihrem Schicksal überließen. Die vier Lübecker Märtyrer stehen für die Kirche Jesu Christi, die nicht lavieren und sich nicht in den Dienst des Unrechts stellen darf.“

Im November 1993 hob das Landgericht Berlin das Todesurteil des Volksgerichtshofes gegen Karl Friedrich Stellbrink uneingeschränkt auf.

In der Luther-Kirche zu Lübeck ist auch seine Grabstätte. Hinter einer Gedenktafel ist die Urne mit seiner Asche in die Wand eingelassen. Die Tafel trägt die Worte: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

In Neu-Allermöhe wurde eine Straße nach ihm benannt.

Am 25. Juni 2011 wird die katholische Kirche ihre drei Märtyrer in Lübeck mit der Seligsprechung ehren.

 

Der „ökumenische Arbeitskreis ‚Lübecker Märtyrer’“ schreibt in einer Veröffentlichung:

„Gleichschaltung“ war ein zentrales Herrschaftsinstrument des nationalsozialistischen Regimes; Schweigen, Gehorsam, Sicheinfügen seine kategorischen Forderungen. Die vier Lübecker Geistlichen widersetzten sich diesem Allmachtsanspruch. Sie erkannten immer klarer den unauflöslichen Widerspruch zwischen dem christlichen Glauben und der rassistischen atheistischen Ideologie der Nationalsozialisten. Dieser Widerspruch ließ sie nicht mehr schweigen. Sie haben sich nicht herausgehalten und sich ein eigenes Urteil nicht verbieten lassen. Je länger das Unrecht dauerte, desto verpflichtender wurde für sie das Gebot, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, die mit Terror regierten und einen Vernichtungskrieg begonnen hatten.

Die Vier zeichnet aus, dass sie angesichts der Willkür der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft die trennenden Grenzen der Konfessionen überwanden und zu gemeinsamem Urteil wie zu gemeinsamem Handeln fanden.

Sie hatten ein Vorbild: den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Die Lübecker schrieben die mutigen Predigten des Bischofs ab zu verbreiteten sie. Sie empfanden wie viele andere das Befreiende dieser Predigten, die das Schweigen brachen und laut aussprachen, was viele insgeheim dachten, als die Aktion zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ anlief, die Ermordung von unschuldigen Geisteskranken.

Die Lübecker Geistlichen haben ihr Widerstehen mit dem Leben bezahlt. Sie sind Zeugen einer anderen, einer besseren Welt in einer Welt des Unheils. Sie sind Zeugen der Wahrheit gegen die Lüge, Zeugen der Menschenwürde gegen die Menschenverachtung, Zeugen des Glaubens in einer Zeit, in der Menschen selbstherrlich den Thron Gottes beanspruchen.

In diesem mit ihrem Tod besiegelten Zeugnis sind die Lübecker als Märtyrer untereinander verbunden und für uns heute ein Vorbild, von dem erneuernde Kraft ausgeht. Sie stehen gemeinsam für die Kirche Jesu Christi, die Unrecht beim Namen nennt, Lüge entschleiert und die Barmherzigkeit Gottes als Quelle des Lebens ehrt.

Zusammen sind sie gestorben. Sie wussten sich vor Gott ungetrennt, „wir sind Brüder“, bezeugte Hermann lange. Als Realität haben sie Gemeinschaft erfahren, die Trennendes überwindet. Konfessionelle Grenzen waren für sie sekundär geworden. Das muss uns für heute Orientierung und Ansporn sein, dass wir dem folgen, was sie uns vorgelebt haben an Gemeinschaft im Geist, im Glauben und im Handeln.

Rolf Polle