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Apostelandacht zu Jochen Klepper

Apostelandacht zu Jochen Klepper, gehalten am  20. September 2009

Kein Prophet sprach: Mich Geweihten sende!
Wie Fieber brannte es in allen.
Furchtbar ist dem Menschen,
in die Hände Gottes, des Lebendigen, zu fallen.

„Unter dem Schatten Deiner Flügel“

so der Titel des Tagebuches, das Jochen Klepper in den letzten 10 Jahren seines Lebens von 1932 bis 1942 führte. Es ist ein eindringliches und herzbeklemmendes Dokument des Existenzkampfes eines treuen Familienmenschen und christlichen Dichters in einer erbarmungslosen Zeit.

Mich berührt und bestürzt dieses vorbehaltlose Leben mit und im Wort Gottes. Und er vermittelt auf diesen Seiten, dass die Poesie die Quelle seines Lebens ist. Im Schaffensprozess „in dem Gott zu mir spricht“ wie er schreibt, erneuert sich das Vertrauen, mit dem er allen Zweifeln und Abgründen, die in ihm selbst aufbrechen, widerstehen kann.

Jochen Klepper wurde am 22. März 1903 im ehemalig niederschlesischen Beuthen an der oder geboren. Er wuchs in einem evangelischen Pfarrhaus mit vier Geschwistern auf – zwei Schwestern, zwei Brüder. Sein Verhältnis zur Mutter war besonders eng.

Nach dem Willen des Vaters – aber wohl auch aus eigener Neigung – studierte er evangelische Theologie. Er studierte in Erlangen, später in Breslau, belegte auch Fächer für ‚Deutsche Kunst‘ und ‚Nordische Dichtung‘; Kunst, die ihn nie mehr los lies.

Das Erkennen seiner Neigung zur Kunst, die Erfahrung kreativer Freiheit bringt ihn in einen Zwiespalt zur Ordnung des Theologischen Konvikts, in dem er lebt, und in Konflikt zu den Traditionen seines Vaters, was ihm große Not bereitet. Und ihn, der immer schon von labiler Konstitution war, in eine Lebenskrise stürzt.

Mit dem Beistand eines Dozenten und väterlichen Freundes setzt er den während eines Erholungsaufenthaltes gefassten Entschluss um, das Theologiestudium aufzugeben. Und damit beginnt ein Zerwürfnis mit dem Vater, der wohl nicht nachvollziehen konnte, dass sein Sohn der Stimme seiner Berufung folgen musste.

Jochen Klepper bedauerte später manchmal, nicht Pastor geworden zu sein; andererseits gelang es ihm, in seinem Leben und dichterischen Werken Glaube und Kunst zu vereinen.

Die Vater –Sohn-Thematik hält ihn lebenslang fest, wird für ihn wohl zum Trauma. Er setzte sich damit später in seinem großen Roman „Der Vater“ auseinander.

Jochen Klepper wandtet sich der offenen, leichtlebigen Welt der Bühne, des Films und des Funks zu, schrieb literarische Texte, Gedichte – auch Gedichte, die später vertont wurden.

Als erster Roman erschien unter dem Titel „Der Kahn der glücklichen Leute“. Außerdem arbeitete er als Redakteur beim Evangelischen Presseverband in Schlesien.

1929 lernte er seine spätere Frau kennen, die verwitwete Johanna Stein. Hanni war Jüdin aus einer vornehmen jüdischen Familie. Sie hatte zwei Töchter aus erster Ehe, Brigitte und Renate. Die standesamtliche Eheschließung in Breslau fand in Abwesenheit von Jochen Kleppers Eltern und Geschwister statt. Vor allem die Geschwister äußerten antisemitische Hetze auch in Hannis Gegenwart.

Die Zuspitzung des Konflikts mit dem Vater, der Familie führten zur schmerzlichen Trennung und zum Bruch mit dem Elternhaus in Beuthen, woran Jochen Klepper lebenslang litt.

Eine Versöhnung mit dem ihnen bahnte sich erst am Sterbebett des Vaters an.

Jochen, Hanni und die Töchter Brigitte sowie Renate übersiedelten nach Berlin und zogen dort in ein eigenes Haus.

Jochen Klepper war ein Familienmensch. Er schätzte die Geborgenheit und Idylle einer gutbürgerlichen Lebensart, lud Freunde in sein Dichterhaus ein, das er wie ein Pfarrhaus führte. Neben seinem Beruf als Schriftsteller arbeitete er in freier Mitarbeit beim Berliner Rundfunk.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 musste die Familie die Hoffnung auf ein gesichertes Leben aufgeben. Jochen Klepper wurde beim Rundfunk entlassen, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Aus gleichem Grund verlor er auch seine spätere Tätigkeit als Lektor beim Ullstein-Verlag und wurde trotz Anerkennung seiner Schriftstellererfolge – das Buch „Der Vater“ erschien 1935 und wurde zum Bestseller – aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.

1940 als Soldat eingezogen, wurde er bereits 10 Monate später als „wehrunwürdig“ aus der Wehrmacht entlassen.

Klepper zog sich aus dem äußeren Leben weitgehend zurück, das Familienhaus und sein Dichterberuf wurden für ihn wie zu Inseln mitten im Sturm.

Die Scheidung, die seine Frau anregte, um ihm den Weg frei zu machen, kam für Jochen Klepper nie in Betracht.

Er schreibt im Tagebuch: „Weil Gott mich führt, mitten in den Bedrängnissen, darum darf ich ‚verlangen‘ bei Hanni zu bleiben, denn dass wir beieinander sind, ist Fügung dessen, der mit seinen Plänen all unser Begreifen übersteigt.“

Erst 1938, als die Synagogen brennen, wird ihm unmissverständlich klar, was die Machthaber wirklich im Schilde führen. Bisher hatte er sich nicht ausdrücklich distanziert von politischen Kreisen – wohl auch, weil er dort als Schriftsteller für sein Buch „Der Vater“ Anerkennung erhalten hatte.

Klepper beklagt, dass die Kirche in ihrer Gesamtheit zu all dem schweigt – sich vor dem Staat mehr fürchtet als vor Gott (das ist der Anfang des Gerichtes über dem Hause Gottes), diese Kirche des ‚nationalen Aufstiegs‘ sei sein Todfeind.

Dennoch fühlt er sich durch seinen Taufspruch an die Kirche gebunden: Jesaja 43: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“

Hanis Entscheidung, sich taufen zu lassen, ermutigt Jochen Klepper sehr; so wird das Ehepaar auch kirchlich getraut.

Für die jüdisch-deutsche Familie werden nun die Bedrängungen immer größer; ihr Lebensraum ist unmittelbar bedroht. Immer wieder aufkommende Gedanken an den gemeinsamen Selbstmord der Familie sind von Zweifeln begleitet; werden zu verwirrenden Anfechtungen.

Es ist das Jahr 1942: Bis November sollen alle Juden aus Deutschland deportiert sein. Jüdische Bürger erhalten keine Lebensmittelzuteilungen mehr; ihnen werden die Wohnungen gekündigt, ohne dass sie neue mieten dürfen; und sie sollen sehr begrenztes Gepäck bereithalten.

Die Nachricht von einem KZ in einem Steinbruch bei Weimar kommt in Umlauf. Schreckensnachrichten von Selbsttötungen jüdischer Bürger und Deportationen befreundeter Familien mehren sich im Umfeld der Familie. Ein Schutzbrief von Innenminister Frick – vermittelt durch Freunde während Jochen Kleppers Militärdienstzeit – bewahrt die Familie zunächst noch vor dem Schlimmsten und schafft für einige Zeit einen Aufschub, während dessen sie mit deutschen und schwedischen Stellen verhandeln, die Auswanderung von Hanni, der jüngeren Tochter, zu erreichen. Die ältere Tochter Brigitte ist bereits emigriert, sie lebt in Schweden.

Jochen Klepper hat eine Schaffensphase, arbeitet an seinem neuen Roman „Das ewige Haus“, über Katharina von Bora und Martin Luther; er bestellt Bücher zum Quellenstudium.

Im November erleben Johanna und Jochen ihren Tiefpunkt, die Hoffnung auf irdische Rettung ist erloschen. So bereitet das Ehepaar den gemeinsamen Tod vor. -

Wie eigentlich kann das möglich sein: Für das Leben sorgen, an den Herrn des LEBENS glauben und den eigenen Tod vorbereiten. Kleppers Gewissen stört ihn immer wieder auf, andererseits ist seine Einstellung gereift:

„Es ist vergebbare Sünde wie anderen; Gott hat nur ‚eine Sünde‘ ausgenommen, die gegen den Heiligen Geist.“

Noch einmal scheint sich eine Wende anzubahnen: Per Telegramm erfahren sie, dass sie Großeltern geworden sind: die Tochter Brigitte in Schweden hat eine Tochter geboren. Und ein Anruf vom schwedischen Gesandten bestätigt, dass Reni einreisen kann.

Die Gefühlsschwankungen sind kaum auszuhalten:

„Wieder ist es einer der Tage, an dem man sein Herz in beide Hände nehmen; an dem man die Augen schließen muss, die die Fügung Gottes zu sehen wähnen.“

Die schwersten Schritte stehen Jochen Klepper nun bevor, er muss zum Innenministerium gehen, um eine Ausreisegenehmigung ausstellen zu lassen.

Da dem Innenminister Frick die Kompetenzen entzogen wurden, muss Jochen nach einem qualvollen Tag des Wartens zum Leiter des Sicherheitsdienstes, Adolf Eichmann, gehen, zur „Audienz“, wie Klepper es nennt, um zu erfahren, dass Mutter und Kind nicht ausreisen dürfen.

„Gott weiß, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausame und grausigste aller Depotrationen gehen zu lassen. Gott weiß aber auch, dass ich alles von ihm annehmen will an Prüfung, wenn ich nur Hanni und das Kind geborgen weiß.“

Den Gedanken an Flucht hat Hanni aufgegeben, weil sie weiß, was mit anderen geschah, die zur Flucht verholfen haben. Sie will nun mit den Eltern in den Tod gehen.

Jochens Schwester Hildegard steht der kleinen Familie bis zu ihrem Ende bei…

Sie sichert die vielen Seiten des Tagebuches, wird es später herausgeben.

Die letzte Tagebucheintragung am 10.12.1942:
„Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“ ---

Reinhold Schneider, ein Freund Jochen Kleppers, schreibt im Vorwort des Tagebuches:

„Klepper hat die Seinen an die Hand genommen, als es kein Recht und keinen Schutz mehr gab. Und ist mit ihnen vor den Richter, den schrecklichen Vater, geeilt. Sich schuldig wissend und doch unergründlicher Gnade gewiss.

Gerade dieser Tod ist von ihm her gesehen zu einem Glaubenszeugnis und einem Zeichen der Treue geworden.“

Hannelore Bauer

 

Zum Lied EG 380: „Ja, ich will euch tragen…“

Klepper hat seinem Lied die Überschrift „Silvesterlied“ gegeben. Aber es hat noch einen ganz anderen Charakter: Es ist ein Lied vom Altwerden und Altsein. Und es ist vom Anfang bis zum Ende eine Gottesrede. Wenn wir das Lied singen oder beten, redet Gott selbst uns an und tröstet uns mit seinen Verheißungen.

Die einzelnen Strophen sind denkbar kurz und prägnant:

Im Aufbau ist das Lied auf das Schlüsselwort „tragen“ hin strukturiert.

Es stammt aus dem Text des Alten Testaments, den er dem Lied vorangestellt hat, aus dem 46. Kapitel des Buches Jesaja:

„Ja, ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet. Ich will es tun, ich will heben und tragen und erretten. Gedenket der vorigen Zeiten bis daher und betrachtet, was er getan hat an den alten Vätern.“

Das Wort „tragen“  begegnet uns dreimal: in der ersten, in der mittleren vierten und in der letzten Strophe. In den ersten drei Strophen wird das, was Gott von den Menschen erwartet, mit Hilfsverben eingeführt: „Ihr sollt“, „müsst“ und „ihr dürft“, womit eine feine Steigerung angezeigt wird.

Die drei letzten Strophen dagegen werben in Befehlsform um unsere Zustimmung.

Zwei Strophen, die fünfte und die sechste, sind durch das gleiche Anfangswort „Denkt“ miteinander verklammert.

Wir wollen uns zunächst auf das Wort „tragen“ konzentrieren. Sich tragen lassen, wie eine Mutter oder ein Vater ein Kind trägt. Wir können an den Boden denken, der uns trägt, an Stuhl und Bett und Sofa. Wir kennen die Tragkraft des Wassers, das uns beim Schwimmen trägt. Sich tragen lassen bedeutet zugleich, zur tragenden Kraft Vertrauen zu haben.

Wir assoziieren vielleicht den Feuerwehrmann, der das ängstliche Kind aus dem brennenden Haus trägt. Oder auch die Situation, ein uns eher fremdes Kleinkind auf den Arm zu bekommen, das sich eben nicht vertrauensvoll hingibt, sondern anfängt zu schreien, uns misstraut.

Um unser Vertrauen in Gottes Tragen wirbt die zweimalige Aufforderung zum Rückblick in den Strophen fünf und sechs.

„Denkt der vor’gen Zeiten, denkt der frühern Jahre, wie auf eurem Pfad, euch das Wunderbare immer noch genaht..“

Wir haben eine Geschichte mit Gott, die nicht erst jetzt anfängt, sondern weit zurückreicht, zu den Vätern und Müttern. Diese Geschichte ist reich an Erfahrungen göttlicher Hilfe.

Am Ende des Liedes steht noch eine andere einfache Aufforderung: „Lasst nun euer Fragen.“ Gemeint sind wohl die trotzigen, skeptischen Fragen an Gott. Dieses Verstummen kritischer Fragen ist es, was die Bibel Glauben nennt. Glaube ist die Bereitschaft, ein Gotteswort einfach einmal stehen zu lassen, nicht zu hinter-fragen, sondern kindlich zu vertrauen, auch wenn wir älter sind. Glauben heißt eben nicht wissen – sondern sich tragen lassen.

Oder in Strophe 4, die letzten beiden Zeilen: „Wer sah mich versagen, wo gebetet ward?“

Dies ist eine rhetorische Frage aus der Perspektive Gottes, eigentlich eine überstarke Aussage.

Das soll uns Hoffnung geben, dass wir unsere existenzielle Angst, vor Schicksalsschlägen in unserem Leben, vor drohender Not, ja auch vor dem Tod, getrost im Gebet vor Gott bringen sollen, der uns in unserer Unvollkommenheit und Hilflosigkeit an unserem Ende in sein Reich tragen wird.

Kleppers Glaube kommt zutiefst aus dem Inneren, aus dem Gefühl; Klepper ist darin der Mystik nahe, und auch der Romantik. Gott ist für ihn Geheimnis, nicht primär theologisch und damit rational zu erfassen. Klepper sucht in den schweren Jahren der Nazi-Diktatur nach Fingerzeigen Gottes, wie er sich verhalten soll. Er vertraut auf Gottes Hilfe und wird dadurch wohl doch eher zur Passivität verleitet – und bleibt gegen den Rat seiner Freunde in Deutschland.

Entsprechend zieht sich Klepper ins Innere zurück, das Bild dafür ist das Haus – das er baut, das er nicht verlassen mag, das auch eine zentrale Stellung in seinem Roman „Der Vater“ einnimmt.

Dieser fast biedermeierliche Rückzug in die Häuslichkeit verbindet ihn mit Matthias Claudius, der auch häuslich, konservativ, familienverbunden war und die wissenschaftsorientierte Theologie ablehnte:

In seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ heißt es:
“Gott lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Bei Klepper heißt es in der 2. Strophe: „…müsst dem Vater trauen, Kinder sein als Greis“.

Jochen Klepper studierte als Jugendlicher 8 Semester Theologie und brach dann dieses Studium ab. Nach einer schweren seelischen Krise gelang es ihm nicht, seine Examensarbeit abzuschließen. Kleppers Glaube ist nicht in erster Linie rational oder wissenschaftlich geprägt, sondern kommt zutiefst aus dem Gefühl. Er begreift sein Leben und alle Schicksalsschläge als „Fügung“, hat die tiefe Gewissheit, dass Leben nichts anderes heißt als in Gottes Hand zu stehen. Sein Taufspruch auch aus dem Buch Jesaja ist ihm wichtig: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“

Dieses Frömmigkeitsverständnis prägt auch das zentrale Kapitel in seinem umfangreichsten Werk, seinem 1000seitigen Roman „Der Vater“.

Er beschreibt in diesem Buch den Vater Friedrichs II. von Preußen, den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I.; schildert, mit welcher Liebe und Selbstdisziplin dieser sein Land aus dem Elend geholt hat. Er versteht irdisches Geschehen als Abbild göttlicher Ordnung. Kleppers verstecktes Ziel ist es, dem faschistischen Führertypus das Bild eines sittlichen Erziehers des Volkes entgegenzustellen.

Jedem Kapitel stellt Klepper ein Bibelzitat als Motto voran und verweist damit auf die höhere Ordnung.

Wir erinnern uns: Friedrich Wilhelm I. erzieht seinen Sohn, der die Künste und die Literatur liebt, preußisch streng und spartanisch. Friedrich will während einer Auslandsreise fliehen und wird festgenommen. Der Vater-Sohn-Konflikt gerät auf seinen Höhepunkt:

Der Vater Friedrich Wilhelm ist bereit, seinen Sohn für seine Prinzipien zu opfern und durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilen zu lassen. Dies ist das Thema des 11. Romankapitels, das Klepper „Der Gott von Geldern“ nennt.

König Friedrich Wilhelm ist während einer Reise in der Stadt Geldern angekommen und sieht in der Kirche die Pietà des Schmerzensreichen Vaters. „Es trifft ihn ins innerste Herz, das Leiden des ewigen Vaters schauen zu müssen, indes die Glocken zu läuten aufhören und die Kirchgänger zu singen begannen.“

Verstört reist er weiter zum katholischen Erzbischof von Köln und fragt ihn: „Warum müssen Eure Durchlaucht, der Männlichsten einer, ohne Frau und Kind und Erben bleiben? Müssen nicht nach Gottes Kraft und Willen alle Männer dieser Erde Väter künftiger Väter sein?“

Der Erzbischof weiß, was Friedrich Wilhelm eigentlich bewegt und antwortet:
„In der Heiligen Schrift, Majestät, steht das Wort eines Königs aufgezeichnet, das er dem kommenden König weitergab für den künftigen Sohn: ‚Züchtige deinen Sohn, solange Hoffnung da ist; aber lass’ deine Seele nicht bewegt werden, ihn zu töten.‘“

Der Termin der Verhandlung vor dem Kriegsgericht naht, und Friedrich Wilhelm ist innerlich verstört: „Wieder sah er nur das Bild, wie ihm denn die Gedanken immer nur im Bilde des Vollendeten kamen. Er sah das Bild eines großen Gerichtes, in dem das Weltgericht sich spiegelte, vollzogen und aufgehoben in der Opferung des Sohnes.“

Er lässt seinen lutherischen Hofprediger holen und möchte von ihm erfahren, wie der Unterschied sei zwischen Prädestination (Vorherbestimmung) und Fatalismus.

Der Hofprediger antwortet: „Wie zwischen Himmel und Hölle, Geist und Fleisch.

In der Prädestination ist der, welcher alles vorherbestimmt, vorherweiß, fügt, leitet und nach seiner heiligen Ordnung zu Ende führt, der allmächtige Gott. Im Fatalismus aber ist Gott der Herr selbst gar nichts anderes mehr als ein fallender Stein und ein stürzender Bach.“

‚Gott aber lenkt die Herzen der Könige wie die Wasserbäche‘, schloss der König leise.“

Die Frage der Prädestination ist für Friedrich Wilhelm von großer Bedeutung, weil sein Erzieher ihn lehrte, Aufstieg und Niedergang der Regentenhäuser seien sichtbare Zeichen der Erwählung oder Verwerfung durch Gott.

So sucht er weiter nach dem richtigen Weg:

„Tag um Tag und Nacht um Nacht las der König in der Bibel von Gottvater und dem Menschensohn, den er mit der Schuld der Welt belud, von Abraham und Isaak; von König Davids Klage um Absalom, den Aufrührer; von der Verheißung über alle Erstgeburt; von Krone und Dornenkrone; von Gottes Richterstuhl und den Thronen der Könige. Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, da er versucht ward, und gab dahin den Eingeborenen und dachte: Gott kann auch wohl von den Toten erwecken. Dann versank er in der Karfreitagsgeschichte.

Der König las in der Bibel, doch betete nicht. Es war, als würde er gepeinigt. Es war, als würde er gerichtet; und nicht des Königs Sohn Friedrich.“

Das Kriegsgericht erklärt sich schließlich für unzuständig, nämlich „dass es Sachen sind, so zwischen Vater und Sohn passieret“.

„Sie bestätigten ihn nicht im Gericht. Gott wollte das Opfer nicht. Gott gab ihm kein Recht dazu, in eigener Tat zu sühnen. Der Erstgeborene gehörte ihm, dem Vater, nicht: er war von Gott als der künftige König gezeichnet. Und im Tode seiner beiden ersten Söhne, die im Kleinkindalter gestorben waren, war die Erwählung Friedrichs zum König besiegelt.

Am nächsten Morgen wurde Des Königs Sohn Friedrich begnadigt – begnadigt im Gericht des Vaters über sich selbst.“

Am Schluss des Kapitels betet der König: „Sein Gebet war nur, Gott möge ihn seine Befehle so wissen lassen, wie ein Soldat die Order seines Königs erhält. Gott möge ihn zu solchem Soldaten-König machen, der gehorcht, dient und vertraut und an dem Willen seines Herrn nicht rüttelt und seinen Plan nicht zu erfragen wagt.“

Nicht im Studium der Bibel, nicht durch Gespräche und Beratung bewältigt er seine schweren inneren Konflikte. Erst im Gebet gelingt ihm dies.

„Gott ließ sich nichts abtrotzen. Gott allein vermochte Menschen zu machen nach seinem Bilde. Der König gab den Sohn zum zweitenmal an Gott. Diesmal richtete er ihn nicht. Er betete für seinen Sohn.“

Klepper lebt aus und mit der Bibel und vertraut auf Gottes Führung. In seinem Tagebuch sucht er das lebendige Gespräch mit Gott. Er wandte die täglich von ihm gelesenen Bibelworte auf das eigene Leben an und ließ sich von ihnen leiten. Sie ermöglichten ihm, das Leben in all seiner Schwere zu ertragen. Der Glaube war für ihn nicht einfach Kirchenlehre, sondern Lebensvollzug. Von Gott her erwartet er alle Last und alles Heil seines Daseins. Gott ist ihm primär Schöpfer und erst sekundär der Richter des Menschen.

In vielem, was ihm geschah oder ihm nicht glückte, vermutete er ein Zeichen Gottes. Selbst seine Anstellung beim Rundfunk hat Klepper als Fügung Gottes anerkannt und auch die Begegnung mit seiner späteren Frau Hanni. Diese Deutung seines Lebensschicksals legt er auch in die Figur des Soldatenkönigs hinein.

Als 1941 die Situation für Klepper und seine Familie immer brenzliger wurde, schrieb er in sein Tagebuch: „Wir wissen, dass Gott noch alles wenden kann.“

Persönlich erschüttert und zugleich seinen festen Glauben bewundernd habe ich seine Werke und Auszüge aus seinen Tagebüchern gelesen.

Aber nach unserem heutigen Verständnis ist Kleppers Umgang mit Texten der Bibel schwer nachvollziehbar. Er meint, der Bibel eine direkte Handlungsanweisung entnehmen zu können, sie wörtlich auf sich beziehen zu sollen. Nach außen erschien er oft passiv und resigniert. Er selbst ergriff kaum die Initiative, sondern überließ möglichst alles Gott. Nur im Glauben vermochte Klepper einen Sinn des Lebens zu erfahren. Biografen Kleppers meinen, dass gerade seine Religiosität jeden Eigenwillen erstickt habe.

Wie weit reicht Gottes Fügung in den Bereich menschlicher Freiheit und in menschliche Entscheidungen hinein? Wie weit kann man beides, Gottes Fügung und menschliche Freiheit, in Einklang bringen? Darüber lohnt es sicher, weiter nachzudenken. Kleppers Leben und sein Sterben, sein Werk könnte uns dazu anregen.

Rolf Polle