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Apostelandacht zu Hellmut Gollwitzer

Apostelandacht zu Hellmut Gollwitzer, gehalten am 29. Januar 2012

In einer Biografie wird der altgewordene Helmut Gollwitzer so beschrieben: Klein, kaum 1 Meter 70 groß, rundlich, mit großen, etwas ratlosen Augen hinter dicken Brillengläsern, die unvermeidliche Pfeife im Mund.

Die Zeitungen nannten ihn in den siebziger Jahren einen Revoluzzer, Zerstörer unserer wohlverdienten Lebensverhältnisse, geistigen Vater studentischer Aufrührer, Verführer der Jugend. Seine Freunde nannten ihn „Golli“. Er konnte gegen Ende seines Lebens weit über tausend Veröffentlichungen vorweisen, war anerkannt von vielen Universitäten, die ihm die Ehrendoktorwürde verliehen. Er war ein Freund von Bundespräsidenten und revoltierenden Studenten, ein rätselhafter und zugleich einfältig frommer Mann. Was war es, das eine ganze junge Generation unseres Landes an ihm faszinierte, auch viele Angehörige der Jungen Gemeinde an unserer Apostelkirche?

Helmut Gollwitzer wurde am 29. Dezember 1908 im bayrischen Pappenheim geboren.

„Mein Vater war ein konservativer Theologe und gleichzeitig selbstverständlich streng national, was hieß, rechts, königstreu, das Militär bejahend. Meine Mutter ergriff die Aufgabe der Pfarrfrau mit ganzer Seele als ihren Beruf, sie bewies die Unentbehrlichkeit der Pfarrfrau bei der Tätigkeit des Pfarrers. Ihr Christsein war es wohl auch vor allem, was uns bei der Achtung vor dem christlichen Glauben festgehalten hat. Eines muss ich als besonders wichtig noch hervorheben, beide Eltern haben uns durch ihr Vorleben und durch die Atmosphäre in ihrem Haus eine Skala von Werten vermittelt, die für unser aller Leben entscheidend war, erst recht in dieser Mammongesellschaft mit ihren Privilegien und Hack- und Rangordnungen. Mit seinem Gewissen im Reinen zu sein ist wichtiger, als was man für Folgen zu tragen hat.“

Als Schüler war er in der Jugendbewegung der 1920er Jahre aktiv, studierte dann von 1928 bis 1932 Philosophie und evangelische Theologie. Karl Barth in Bonn wurde sein wichtigster Lehrer, der seine Haltung zeitlebens prägte. Barth konfrontierte seine Studenten offensiv mit der aktuellen politischen Entwicklung, was für viele Theologen damals ein völlig fremdartiges und von ihnen abgelehntes Verhalten war. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 änderte sich das Ansehen Barths: Aus dem zuvor umstrittenen Theologen wurde die Leitfigur des beginnenden Widerstands gegen die Gleichschaltung der Kirchen.

Doch nicht erst durch den Einfluss Barths, sondern bereits in seiner Jugend zeigte sich Gollwitzers Hang zum Widerspruch:

„Schon in der Gymnasialzeit entdeckte ich als Sohn eines streng deutsch-nationalen, konservativen, lutherischen, bayerischen Pfarrers, dass Pazifisten nicht notwendig verächtliche Feiglinge sind, Sozialisten nicht notwendig verächtliche Novemberverbrecher und Juden nicht notwendig von Gott verdammte Menschen. Von da an begann meine Marxlektüre und während der Studentenzeit Diskussionen mit linken Kommilitonen.“

Im Jahr 1935 wurde Karl Barth aus Deutschland ausgewiesen und mit ihm musste auch sein Assistent Gollwitzer die Bonner Theologische Fakultät verlassen.

Gollwitzer erhielt in dieser Zeit eine Anstellung als Schlossprediger beim Prinzen Reuß in Niederösterreich.

1935 lernte er auf einem Schloss des Fürsten Reuß auch Martin Niemöller kennen, eine Bekanntschaft, die sein Leben bis zum Beginn des Krieges bestimmen sollte.

Gollwitzer verließ 1937 den Dienst des Prinzen, als ihn der Bruderrat der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen bat, in ihren Dienst zu treten. Er schreibt:

„Ich reiste im Land herum und habe das Volk aufgewiegelt, indem ich überall eine Unzahl von Bekenntnisnachmittagen, Bekenntnisabenden und Bekenntnisvorträgen hielt und außerdem theologische Schulung mit der kleinen Zahl von Vikaren, die sich zur Bekennenden Kirche hielt, betrieb.“

Nach der Verhaftung Niemöllers hielt Gollwitzer in dessen Gemeinde in Berlin-Dahlem Bekenntnisgottesdienste, in denen er bei strenger Bibelauslegung doch deutlich Stellung zu den Zeitereignissen nahm. Die Predigten waren nach kurzer Zeit genau so beliebt wir zuvor die von Martin Niemöller.

Im Dezember 1939 verliebte er sich in eine junge Frau, Eva Bildt, die Tochter eines Staatsschauspielers. Eva war eigentlich auch Schauspielerin, durfte aber nicht mehr auftreten, weil ihre Mutter Jüdin war. Die beiden verlobten sich. Ihr Vater stellte bei Hermann Göring einen Heiratsantrag für seine Tochter, der aber abgelehnt wurde

Im März 1945 wollten Eva Bildt und ihr Vater gemeinsam aus dem Leben scheiden. Eva starb, ihr Vater überlebte.

Gollwitzer selbst hat das tragische Ereignis erst im Herbst 1946 erfahren, als die erste Post aus Deutschland im Gefangenenlager eintraf.

Im September 1940 beendete die Gestapo Gollwitzers Arbeit als Pfarrer in Dahlem, wies ihn aus Berlin aus und erteilte ihm Redeverbot im gesamten Reichsgebiet.

Gollwitzer wurde zur Wehrmacht einberufen und im Mai 1941 in Paris stationiert.

Einen Teil des Jahres 1943 verbrachte Gollwitzer im Osten, im Donez-Becken südlich von Slawiansk. Er schreibt:

„Einen großen Teil meiner Kompanie habe ich dort – ich hatte mich zum Sanitäter umschulen lassen – mitbegraben. Seither habe ich im Osten nur Rückzüge und knappes Entkommen aus Kesseln mitgemacht.“

Auf rumänischem Boden geriet Gollwitzer schließlich am 10. Mai 1945 in russische Kriegsgefangenschaft.

Nach Aufenthalten in verschiedenen Sammellagern wurde er schließlich in ein Sonderlager des Moskauer Innenministeriums gebracht, später  nach Westsibirien. Im Dezember 1949 konnte endlich den Transportzug in Richtung Heimat besteigen.

Die Gefangenschaft wurde für Gollwitzer zu einer existenziellen Erfahrung. Er erlebte sie als ein Gleichnis für die christliche Hoffnung.

„Der Gefangene wartete ja nicht etwa ohne jegliche Erwartung für sein Leben, er erwartete sogar sehr viel, er war die fleischgewordene Erwartung, - aber er erwartete alles von der Zukunft, nichts von der Gegenwart und alles von einer ganz bestimmten Zukunft, von einem „Tag“, der ihm – biblisch zu reden  . der ‚Tag des Herrn‘ war, der Tag, um deswillen sich allein das gegenwärtige Leben lohnte, von dem her allein es Sinn bekam. Die Gegenwart war entwertet. Lebenswert war das gegenwärtige Leben nur, sofern es als Hinschreiten auf das eschatologische Ziel von ihm her Sinn bekam.“

Im Jahre 1951 veröffentlichte Gollwitzer seinen Bericht über die Zeit der Gefangenschaft unter dem Titel „…und führen wohin du nicht willst“. Gollwitzer wurde damit mit einem Schlage bekannt, Bundespräsident Theodor Heuss nannte das Buch „ein großes geschichtliches Dokument“ wegen „seiner phrasenlosen, konkret-nüchternen Sachlichkeit und psychologischen Deutkraft“.

Die eigentliche Botschaft des Berichts war der unerschütterliche Glaube, dass Gottes Führung in einer schrecklichen Zeit zu spüren ist. Es kommt darauf an, wie man die schrecklichen Ereignisse deutet, wie man Not und Verzweiflung verstehen kann. Gleichzeitig brach das Buch gleich mehrere Tabus: Die Russen waren nicht die „Untermenschen“, die „Bestien“, als die sie in den letzten Kriegsjahren dargestellt wurden. Die „Kommunisten“ trugen menschliche Gesichter, waren an Gesprächen und Diskussionen interessiert, behandelten die Deutschen besser als diese die Zwangsarbeiter und russischen Kriegsgefangenen behandelt hatten. Und schonungslos berichtete er über seine mit eigenen und den Augen Mitgefangener erlebten Verbrechen der Wehrmacht, deren Teilnahme an Judenerschießungen in Russland.

Sofort nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wurde Gollwitzer zum Theologie-Professor der Universität Bonn ernannt.

Wenige Wochen nach Dienstantritt erhielt er Besuch von einem alten Freund, der von einer jungen Frau begleitet wurde: Brigitte Freudenberg, die er bereits in Dahlem als Konfirmandin Martin Niemöllers kennengelernt hatte. Wegen ihrer jüdischen Mutter war die Familie 1939 in die Schweiz ausgewandert, gerade noch rechtzeitig, und blieb für die Dauer des Krieges dort. Die beiden verlobten sich recht schnell, und im nächsten Jahr heirateten sie, getraut von Martin Niemöller.

Musikalisches Zwischenspiel

Auf dem vierten Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart im Jahre 1952 legte Gollwitzer seine grundlegenden Positionen zur politischen Ethik dar. Er stellte die Frage: „Was geht den Christen die Politik an?“ Die Antwort war radikal:

„Es kann im Bereich der Politik nichts geben, was nicht sofort eine schreiende Frage nach der Kirche ist. Machen wir auch wieder nur einfach mit, oder kommt durch das Dasein der christlichen Gemeinde ein anderer Ton in das allgemeine Geschrei zwischen Ost und West, in die gegenseitigen Beschuldigungen und Verdammungen, in die täglichen Kriegserklärungen des Kalten Krieges, in die Partei- und Wirtschaftskämpfe hinein?“

In den nächsten Jahren wurde er zu einem gerngesehenen Redner in der Bundeshauptstadt Bonn, war häufig Gast beim Bundespräsidenten Theodor Heuß. Gustav Heinemann, der gerade aus der CDU ausgetreten war und zunächst eine neue Partei gegründet hatte, wollte ihn für eine Bundestagskandidatur gewinnen. Er lehnte ab, weil er sich nicht parteipolitisch binden wollte.

Und Gollwitzer war einer der ersten, der in der Bundesrepublik Deutschland öffentlich die Stimme für Israel erhob. Er sah als grundlegendes politisches Prinzip die Verantwortlichkeit der Menschheit im Westen und im Osten für die Erhaltung des Staates Israel.

„Der Skandal besteht darin, dass nicht die Überlebenden des Volkes der Ermordeten zögern, zum Volk der Mörder normale Beziehungen aufzunehmen, sondern dass die Überlebenden des Volkes der Mörder zögern, ihre Beziehungen zu den Überlebenden des Mordes zu normalisieren.“

Zum Wintersemester 1958/59 zog Gollwitzer nach Berlin und wurde Professor an der Freien Universität. Sonntags predigte er oft an der St. Annenkirche in Berlin-Dahlem. Er verstand seine Predigten als „politische“; sie sollten zum Nachdenken über die eigene Stellung im geschichtlichen und gegenwärtigen Ort innerhalb der Kirche und der Gesellschaft anregen.

Im Sommer 1961 suchte man in Basel einen Nachfolger für Karl Barth. Viele dort wollten Gollwitzer berufen, aber schließlich wurde er wegen seines „weichen Kurses gegenüber dem Bolschewismus“ abgelehnt.

In der Schweiz gelangte man zu diesem Vorurteil, weil Gollwitzer ein entschiedener Gegner der deutschen Wiederaufrüstung und Atombewaffnung  war:

„Wo ist gegen diese Katastrophenursachen von Seiten der christlichen Gemeinde eine kräftige Gegenbewegung erfolgt, spontan und stark als Antwort auf die gehörte, freimachende Verkündigung die ganze Gemeinde erfassend? Jeder Blick in die politische Wochenbetrachtung eines beliebigen Sonntagsblattes zeigt, wie es stattdessen steht. Mit der Formel von der ‚Christenheit zwischen zwei Übeln‘ setzt man zwei in Wahrheit unvergleichliche Übel – ein diktatorisches System und den Atomuntergang – einander gleich und hat sich damit schon unfähig gemacht, Wirklichkeit und Forderung der gegenwärtigen Stunde unvernebelt zu erkennen, hat sich stattdessen schon mitschuldig an der Bagatellisierung der Gefahr und an der selbstmörderischen Idiotie des Wettrüstens gemacht.“

Und er kritisierte die CDU, die diese Politik maßgeblich betrieb, in ihrem Selbstverständnis als christliche Partei:

„Vom evangelischen Verständnis des Christentums her ist diese Namensgebung und das sich in ihr ausdrückende Selbstverständnis indiskutabel. Die CDU hat die Verschleuderung des christlichen Namens betrieben, damit zur inneren Verwahrlosung der Deutschen beigetragen und so die Katastrophe Deutschlands perfekt gemacht.“

Diese Äußerungen machten aus ihm, dem Antikommunisten, in den Augen der konservativen Öffentlichkeit einen Kommunistenfreund.

Im Sommer 1966 lud die Evangelische Studentengemeinde Gollwitzer ein, über Marxismus und Christentum zu referieren. Er dachte sich, das könnte er im Schlaf, da brauche er sich doch nicht vorzubereiten! Doch auf einmal wurde ihm etwas klar:

„Den alten Käse kannst du nicht mehr sagen, der war zwar nicht falsch, aber andere Dinge sich wichtiger! Ich entdeckte, dass die Theologie, der ich mich verschrieben hatte, ein Produkt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung war, und ich bin in den letzten Jahren meines Lebens in die Situation eines Christen gekommen, der wie meine Zuhörer, am Abend  ab und zu ein paar theologische Bücher noch lesen kann, im Übrigen aber sein Christsein bewähren muss in seinem weltlichen Beruf. Theologie ist nötig, aber sie ist nicht alles, sie ist nur eine Hilfswissenschaft.“

Ihm ging es immer stärker darum, wie sich das Christentum in den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Konflikten bewähren könne. Für ihn wurde immer deutlicher: Das Evangelium hat eine Tendenz auf den Sozialismus und dessen Ziele einer gerechteren, humanen Gesellschaft hin. Das Evangelium stellt den Menschen allerdings nicht in den Dienst einer sozialistischen Partei, sondern fragt vielmehr ständig nach, ob das politische Agieren tatsächlich in Richtung einer besseren Gesellschaft weist.

Vermutlich war gerade diese theologische Wende mitverantwortlich dafür, dass Gollwitzer die Studentenunruhen der späten 60er Jahre mit großer Sympathie erlebte. Endlich einmal, so schrieb der damals fast Sechzigjährige, bewege sich eine junge deutsche Generation politisch nicht in Richtung auf Nationalismus und militärischen Drill, sondern denke weltoffen, demokratisch und in einer neu bewegenden Weise humanitär.

Brigitte und Helmut Gollwitzer nahmen in dieser Zeit häufig Studenten in ihrem Haus auf, das sich langsam in eine Wohngemeinschaft verwandelte; unter anderen Rudi Dutschke und Christa Ohnesorg, die Witwe des erschossenen Studenten Benno Ohnesorg. Es gab regelmäßige Hausandachten, ein Tischgebet, und ein „Hausrat“ regulierte das Zusammenleben sowie die Finanzierung des Haushaltes.

Rudi Dutschke wurde Ostern 1968 Opfer eines Attentats und überlebte schwerverletzt. Als er dann Weihnachten 1979 an den Spätfolgen  in Dänemark gestorben war, beerdigte Gollwitzer ihn auf dem Friedhof der Dahlemer St.-Annen-Kirche.

Bereits 1959 hatte Gollwitzer die spätere Terroristin Ulrike Meinhof bei einem studentischen Kongress gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr in Berlin kennengelernt und war mit ihr in loser Verbindung geblieben, bis sie mit der „Roten Armee Fraktion“ im Untergrund verschwand.  Als sie im Gefängnis in Köln einsaß, besuchte Gollwitzer sie. Nach ihrem Tod im Jahre 1976 wurde er von einer Vorbereitungsgruppe gebeten, an ihrem Grab zu sprechen. Er sah dies als seine Christenpflicht an, distanzierte sich andererseits aber klar und deutlich von Meinhofs Gewaltanwendung. Lauten Beifall und Buhrufe gab es, als Gollwitzer in seiner Traueransprache sagte:

„Allen bürgerlichen und christlichen Leuten, die sie verdammen wegen ihrer Taten und wegen ihres Todes, sage ich: Dieses Kind Gottes Ulrike Meinhof ist – unabhängig von allem Richtigen und Falschen in ihrem Wollen und Tun – hinübergegangen in die Arme der ewigen Liebe:“

Den Buhrufern schleuderte Gollwitzer nach einer Pause entgegen:

„Gott sei Dank!“

Sein wichtigstes Werk veröffentlichte Gollwitzer 1970: „Krummes Holz und aufrechter Gang“. Schnell erreichte das Buch 10 Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Über viele Jahre hatte sich Gollwitzer mit der Frage abgequält, wie das Evangelium und die Suche nach dem Sinn des Lebens miteinander in Beziehung stehen:

Er schrieb dazu:

„Das Buch ist nicht ein wissenschaftliches für Wissenschaftler geworden. Ich erhoffe Verständlichkeit ohne Fachvoraussetzungen.“

Mit dem Buch wollte er deutlich machen, dass die Sinnfrage nichts anderes ist als die Gottesfrage schlechthin. Die Suche nach Sinn ist in Wahrheit die Suche nach Gott.

Die Begegnung mit dem Evangelium geschehe immer in einer doppelten Richtung:

„Ich werde befreit vom Blick auf mich selbst und meine Leistungen – davon hängt mein Leben nicht ab. Der Sinn ist etwas, was ich empfange. Und dann aber umgekehrt die Frage: Was tust du selbst dazu und inwiefern zerstörst du deinen Lebenssinn durch Abwendung von deinem Mitmenschen. Die Sinnfrage wird uns in allen ihren Formen – warum Übel, warum Leid, Tod usw. – nicht einfach im Evangelium beantwortet, sondern die Antwort wird uns erst verheißen. Durch diese Verheißung können wir leben, ein Leben mit ungelösten Fragen. Mit ungelösten Fragen leben, das scheint mir eigentlich das Wichtigste zu sein.“

Im Jahre 1975 beendete Gollwitzer seine offizielle Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin. Er blieb aber weiterhin öffentlich tätig und wirksam. Er marschierte 1981 mit auf der Friedensdemonstration in Bonn, galt als „APO-Opa“. 

Auf dieser Demonstration begann er seine Rede mit den Worten:

„Wir rücken ihnen jetzt auf den Leib, hier in Bonn! Nur unsere Weigerung, das schwachsinnige Weitermachen auf dem Wege der Zerstörung der Erde und der Erhöhung der Kriegsgefahr weiter mitzumachen, kann noch etwas ändern. Friedensfähig werden, abrüstungsfähig werden – dass müssten die Völker ihren Politikern beibringen durch konsequente Rüstungsverweigerung und Rüstungsverhinderung“.

An dieser Demonstration habe ich selbst auch teilgenommen, und Gollwitzers Rede ist mir eine bleibende Erinnerung.

Noch mit siebzig Jahren setzte er sich zusammen mit seiner Frau Brigitte und vielen anderen Angehörigen der Friedensbewegung auf die Straße vor die Pershing-Raketen in Mutlangen und wurde deswegen rechtskräftig verurteilt.

Am 17. Oktober 1993 starb Gollwitzer an den Folgen eines Treppensturzes. Er wurde auf dem Dahlemer Friedhof in seinem „geliebten Räuberzivil“, mit Karohemd und Cordhose, begraben.

 

Sinn des Lebens – sinnvolles Leben

Helmut Gollwitzer macht sich in seinem wichtigsten Werk Gedanken über den Sinn des Lebens und stellt damit auch die Frage nach einer sinnvollen Gestaltung des Lebens.

Der Buchtitel lautet: „Krummes Holz – aufrechter Gang.“

Krummes Holz nannte Immanuel Kant die Menschen. Aufrechter Gang ist das Bild Ernst Blochs für die noch nicht erreichte, noch zu gewinnende Bestimmung des Menschen.

Aufrechter Gang ist Leben in der Sinnesgewissheit. Krummes Holz bezweifelt den Sinn überhaupt. Gollwitzer stellt an den Anfang seines Buches die Leitfrage: Wie kommt krummes Holz, nämlich der am Sinn des Lebens Zweifelnde – zu aufrechtem Gang – zu einem sinnerfüllten Leben?

Es geht bei der Sinnfrage um mich selbst. Alle Menschen haben ein Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben. Sinn hat eine Funktion im Interessenzusammenhang, in Zielsetzungen. Die einzelne Handlung empfängt ihren Sinn aus diesem Zusammenhang, durch ihren Nutzen zum Erreichen eines oder mehrerer Ziele.

Sinn kann im unaufhörlichen Suchen nach Höhepunkten im Leben bestehen, nach Events, auch das Streben nach Geltung, nach Reichtum und Macht kann dazugehören. Manchmal bleibt nach dem Erreichen eines solchen Ziels ein schaler Nachgeschmack – wie der Kater nach einer alkoholreichen Party. Das kann doch nicht alles gewesen sein? Was kommt jetzt, was kommt danach? Das Leben geht irgendwie weiter, wir machen uns erneut auf die Sinnsuche.

Die Sinnfrage wird am drängendsten in einer Lage der Existenzbedrohung, also der Lebensgefahr, des drohenden eigenen Todes oder des Todes eines anderen, einem nahestehenden Menschen. Die Sinnfrage äußert sich dann als Klage, als Trauer, Jammer oder auch melancholischer Resignation. Es hat ja doch alles keinen Sinn?

Der Trost, mit dem die Klage beantwortet wird, muss ein neues „Wofür“ geben. Wofür lohnt es sich, weiterzuleben? Was Sinngebendes ist, muss es also mit dem Tode aufnehmen können.

Das ist das Motiv des Toten- und Gräberkultes: Wir erweisen den Gestorbenen die Wohltat des Nicht-Vergessenwerdens und uns selbst dabei die Wohltat, sie im Gedächtnis gegenwärtig zu haben. Sie leben in unserer Erinnerung weiter.

So wird das Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern weiter nachvollzogen mit der Aufforderung: „Dieses tut zu meinem Gedächtnis!“

Und eben dies ist die hoffende Gewissheit, die der biblische Glaube gewähren will: Der Ewige Gott gedenkt des Menschen, der Mensch lebt im Gedenken Gottes

Der Weg zu Gott ist der absolute Sinngrund, der von sich aus und durch sich selbst sinnhaft ist und allem anderen Sinn verleihen kann.

Der Auferstehungsglaube ist nicht die „Lösung“ des Todesproblems, aber: die Überwindung des Sterbens ist im Bereich menschlicher Möglichkeiten. Nicht ins bessere Jenseits, sondern an das Leben auf der Erde verweist uns die christliche Auferstehungshoffnung; verweist uns in eine Diesseitigkeit, in der die Erkenntnis des Todes und die Auferstehung immer gegenwärtig ist.

In der Aufforderung Jesu: „Folge mir nach!“ ist nicht nur die Bereitschaft zum Tragen des Kreuzes, zum Leiden enthalten, sondern auch der Blick auf Jesu Leben – auf die Nachfolge in der Nächstenliebe, in den eindrücklichen Aufforderungen der Bergpredigt, wie wir uns gegenüber unseren Mitmenschen verhalten sollen.

Umfragen haben bestätigt: Wir sind von der Anlage her auch soziale Wesen. Die meisten Menschen haben ein Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben durch sinnvolles Tun in der Gesellschaft, in Gemeinschaft.

Das Ja von mir zur Existenz des Anderen verhilft mir auch zur Bejahung meiner eigenen Existenz. Und umgekehrt: Ich empfange das Ja der anderen zu meiner Existenz und beantworte es. Sinn ist daher auch ein Beziehungsbegriff.

Wenn wir Lob und Zuspruch erfahren, sind wir dankbar. Die Leistung, mit der wir antworten, ist unser Dank dafür.

Jesus hat sich in seinen Gleichnissen häufig auf Vater-Kind-Verhältnisse bezogen. Kinder empfangen, ohne zunächst zu leisten. Ihr Dank ist ihre Leistung für gewährte Aufmerksamkeit. Wir sind Kinder Gottes, empfangen seine Gnade und können nur mit Dankbarkeit antworten. Das besagt auch der Bibelvers unseres Einladungsplakats:
„Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“

Gollwitzer zitiert in diesem Zusammenhang ein Wort Jesu: „Wenn ihr nicht die Gottesherrschaft empfangt wie die Kinder, werdet ihr nicht in sie gelangen.“

Vertrauend den Sinn annehmen, statt ihn erleisten zu wollen.

Daraus entsteht Freiheit: Wir stehen nicht permanent unter dem Zwang, für das Gottesreich leisten zu müssen. Katholische Werkgerechtigkeit wird von unserem lutherischen Verständnis her entschieden abgelehnt. Freiheit wie Sinn wie Glück ist immer Gnade.

Die Sinnfrage ist also letztlich die Gottesfrage. Im christlichen Glauben wird das Wort „Gott“ reserviert für eine Stimme, die in der Geschichte Israels und in der Erscheinung Jesu Christi gehört wird.  Wir sind Empfänger der Sinngebung, wenn wir Gottes Wort hören und schließlich anderen gegenüber bezeugen.

Überzeugen liegt nicht in unserer Hand. Bezeugen jedoch können wir am glaubwürdigsten, wenn wir Gottes Wort leben; im eigenen Leben zeigen, wie dadurch das in die Zukunft gehende Leben zur Hoffnung verändert wird. 

Jesus spricht in der Bergpredigt: „Was immer ihr von den Mitmenschen an guten Taten erwartet, das tut ihnen. Das ist das ganze Gesetz Gottes und die Botschaft der Propheten.“ (Matth. 7, V.12)

Das könnte die Sinnerfüllung in unserem Leben, unseres Lebens sein, das ist aufrechter Gang des gewesenen krummen Holzes, wie Helmut Gollwitzer es uns für unser Dasein empfiehlt.

Diese Art von Sinnerfüllung thematisiert auch das Lied Nr. 613, das wir jetzt singen werden.

Rolf Polle