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Apostelandacht zu Charles de Foucauld

Apostelandacht zu Charles de Foucauld, gehalten am 29. März 2009

Charles Eugène Vicomte de Foucauld wird am 15. September 1858 in Straßburg geboren und gehört einer der reichsten Adelsfamilien Frankreichs an. Beide Eltern sterben, als er 6 Jahre alt ist. Die Erziehung übernehmen die Eltern der Mutter, von denen er später auch ein großes Vermögen erbt.

Während seiner Schulzeit verliert Charles seinen Kinderglauben und wird Agnostiker, glaubt nur noch an das dem Verstand Zugängliche.

Entsprechend der Familientradition tritt Charles in die französische Armee ein, wo er schnell zum Offizier aufsteigt. Wichtiger als die militärische Laufbahn ist ihm in diesen Jahren aber das Vergnügen. In Algerien gibt er seine Geliebte als seine Frau aus. Als der Betrug auffliegt, wir er vor die Wahl gestellt, sich von seiner Geliebten zu trennen oder die Armee zu verlassen.

Der Lebemann Charles de Foucauld bleibt ohne zu zögern bei seiner Freundin. Daraufhin wird er vom Dienst in der Armee suspendiert.

Doch wenige Monate später bricht in Algerien ein Aufstand gegen die französische Besatzungsmacht aus. Foucauld tritt daraufhin wieder in die Armee ein und kehrt nach Afrika zurück.

Dort begegnet er dem gelebten Islam Nordafrikas.

„Der Islam hat eine tief greifende Umwälzung in mir bewirkt. Beim Anblick dieses Glaubens, dieser in der ständigen Gegenwart Gottes lebenden Wesen ließ mich ahnen, dass es etwas Größeres und Wahrhaftigeres gäbe als das Treiben der Welt.“

Nachdem der Aufstand in Algerien niedergeschlagen ist, verlässt er die Armee, um sich ganz der Erforschung Marokkos zu widmen. Dieses Land ist zur damaligen Zeit den Europäern vollkommen verschlossen.

Foucauld hat sich in diesen Monaten sichtbar gewandelt. Aus dem zuvor aufgedunsenen jungen Lebemann ist ein ernsthafter Forscher geworden. Zur Vorbereitung auf die Forschungsreise lernt er Arabisch aus dem Koran und beginnt ethnografische und ethnologische Studien.

Schließlich verkleidet er sich als syrischer Rabbi und bricht mit einem marokkanischen Juden als Führer auf. Acht Monate dauert die entbehrungsreiche Expedition in das Innere Marokkos.

Danach widmet er sich der Aufarbeitung und Veröffentlichung seiner zahlreichen Forschungsergebnisse. In Frankreich wird er zu einem bekannten Mann.

In den marokkanischen Nächten hat er eine Ahnung vom Geheimnis des Schöpfers bekommen:

“In der Andacht solcher Nächte versteht man den Glauben der Araber an eine geheimnisvolle Nacht, wo der Himmel sich auftut, die Engel auf die Erde niedersteigen, die Wasser des Meeres süß werden und die ganze unbelebte Natur sich neigt, um ihren Schöpfer anzubeten.“

In Gesprächen mit einer gläubigen Cousine erinnert er sich an den christlichen Glauben seiner Kindheit und erlebt im Alter von 29 Jahren in einer Pariser Kirche seine Bekehrung.

Er ist sehr früh in der Kirche, um mit dem Abbé über den christlichen Glauben zu sprechen. Der Abbé Huvelin fordert ihn jedoch auf, zu beichten und Gott seine Sünden zu bekennen. Foucauld ist zwar gar nicht gekommen, um eine Beichte abzulegen. Er kniet aber nieder und legt eine Lebensbeichte ab. Indem er dies tut, findet er von einem auf den anderen Augenblick zum Glauben an Jesus Christus.

Mit dieser Hinwendung geht die Berufung zum Leben als Mönch einher.

„Sobald ich glaubte, dass es einen Gott gibt, begriff ich, dass ich nur noch für Ihn leben könne: die religiöse Berufung kam mir zur selben Stunde wie der Glaube. Mein Beichtvater ließ mich drei Jahre lang warten. Ich wollte in einen Orden eintreten, wo ich die genaueste Nachahmung Jesu finden würde. Ich fühlte mich nicht dazu bestimmt, sein öffentliches Leben in der Verkündigung nachzuahmen; so sollte ich also das verborgene Leben des demütigen und armen Handwerkers von Nazareth nachahmen. Mir schien, dieses Leben begegne mir nirgends besser als im Trappistenkloster.“

Er tritt in den Schweigeorden der Trappisten ein und siedelt in ein Kloster in Syrien über. Damit sucht er sich eine der strengsten Lebensformen aus, die der Katholizismus zu bieten hat. Er sehnt sich trotzdem nach einer noch einfacheren Lebensweise, nach einer noch radikaleren Nachfolge Jesu.

Die Ordensleitung beschließt, dass er Theologie studieren und sich zum Priester weihen lassen soll. Doch während der Ausbildung reift in Foucauld der Entschluss, sich nicht zum Priester weihen zu lassen, sondern aus dem Trappistenorden auszuscheiden und als Hausknecht eines Klarissenklosters in Nazareth zu leben.

Dort kann Foucauld endlich leben wie Jesus in Nazareth: unbekannt, grenzenlos arm, erniedrigt, in Kittel und Sandalen als armer Hausknecht bei armen Nonnen.

„Alle sollen arbeiten, ein werktätiges Leben führen; wer vor allem geistig arbeitet, soll daneben wenigstens eine gewisse Zeit des Tages eine niedrige und bescheidene körperliche Arbeit verrichten, um sich durch diese Nachahmung des ‚Handwerkers, des Sohnes der Maria’ zu adeln, um ein Stück Evangelium zu erleben, das Evangelium kennenzulernen, das man nicht beim Anhören, sondern beim Ausüben versteht, um ihre Umgebung den Adel, die Größe der körperlichen Arbeit zu lehren und ihr Liebe und Ehrfurcht dafür einzuflößen.“

Seine Sehnsucht nach Armut ist groß. Er lebt in Nazareth in einem kleinen Bretterverschlag, der zuvor als Geräteschuppen gedient hat. Dieser Bretterverschlag wird seine Einsiedelei, in die er sich immer wieder zu Gebet und zur Schriftbetrachtung zurückzieht.

Drei Jahre lebt Foucauld dieses Leben der Nachahmung Jesu in Nazareth.

„Wenn ihr euch müde, traurig, allein fühlt, vom Kummer gebeugt, zieht euch zurück in dies innerste Heiligtum eurer Seele: dort werdet ihr euren Bruder finden, euren Freund, Jesus, der euer Tröster sein wird, eure Stütze und Kraft. Jesus antwortet dem Beter: Ich will dir alles mit einem Wort sagen: ‚verlasse alles, mein Kind, und du wirst alles finden.’“

In ihm wächst allmählich die Überzeugung, selbst in Nazareth ein zu behagliches Leben zu führen. Er will sich jetzt doch zum Priester weihen lassen, um auf diese Weise den Menschen geistlich dienen zu können. Er erkennt seine Berufung: Unter denjenigen Menschen zu wirken, zu denen sonst keine Christen kommen:

“Meine letzten Exerzitien haben mir gezeigt, dass ich dieses Leben von Nazareth, das meine Berufung ist, nicht in dem so sehr geliebten Heiligen Land führen soll, sondern unter den elendsten Seelen, den verlassenen Schafen.“

1901 kehrt Foucauld nach Nordafrika zurück. Im Umfeld einer Oase errichtet er eine Fraternität, ein offenes Haus für Christen, Muslime und Juden. Anders als in Nazareth will er hier sein Leben mit anderen Menschen teilen.

Er beginnt die Sprache der einheimischen Muslime zu lernen, unterstützt die Armen, kauft sogar Sklaven frei und gewährt Reisenden Gastfreundschaft.

In den Augen der Muslime in seiner Nachbarschaft wird Charles de Foucauld in diesen Jahren zum heiligen Mann, zum christlichen Marabut. Denn er lebt vor, dass nicht nur Muslime ein gottgeweihtes Leben führen können. Mehr und mehr wird er zum Bruder aller Menschen.

Im Jahre 1905 siedelt er sich mit Zustimmung seines Bischofs in Tamanrasset im Hoggargebirge, im Süden Algeriens an. Dort sind die Lebensbedingungen noch wesentlich härter als in seinem vorigen Wohnort. Er lebt in einem kleinen Dorf als einziger Europäer. Um sich mit dem Berbervolk der Tuareg verständigen zu können, wird er zum Sprachforscher. Eine Grammatik und ein Wörterbuch ihrer Sprache werden zu Foucaulds letzter Lebensaufgabe. Sowohl die wissenschaftliche Arbeit als auch die Begegnungen mit den Menschen sollen dazu dienen, den Muslimen eine Brücke zum Evangelium zu bauen.

Foucauld wird auch ganz praktisch tätig. Er vermittelt zwischen den Tuareg und den französischen Besatzern, um die Bebauung des Landes und die Viehzucht zu fördern. Er möchte dazu beitragen, dass die regelmäßig auftretenden Hungersnöte überwunden werden können.

„Gott hat Frankreich eine große Gnade erwiesen, als er ihm fünfzig Millionen ungläubiger Untertanen anvertraute, minderjährige Kinder, die es erziehen, im Evangelium unterrichten und zum Himmel führen darf; welche Gnaden wird Frankreich empfangen, wenn es diese Aufgabe erfüllt und die fünfzig Millionen euer erkaufter Seelen rettet, für die Christus gestorben ist! Wie sehr verlangt es mich danach zu sehen, dass die gläubigen Christen Frankreichs sich ein wenig der algerischen Bevölkerung annehmen, da sie für sie zu sorgen haben wie Eltern für ihre Kinder; denn es ist französisches Land, und es geht zugrunde im Islam.“

Der Erste Weltkrieg hat auch die Berberstämme Nordafrikas in Bewegung gebracht. Manche versuchen, die französische Herrschaft abzuschütteln, andere nehmen ihre Raubzüge wieder auf. Charles de Foucauld bleibt in Tamanrasset, um zwischen den Einheimischen und den Franzosen zu vermitteln.

1916 baut er ein kleines befestigtes Fort, um sich zusammen mit den Einwohnern bei einem Angriff feindlicher Stämme zurückziehen zu können. Auch wenn er selbst bereit ist, das Martyrium zu erleiden, will er das Leben seiner Freunde verteidigen.

Am 1. Dezember 1916 ist er im Fort allein. Auf heimtückische Weise verschafft sich eine Gruppe von etwa dreißig Tuareg Zugang. Charles wird gefesselt und auf die Böschung geworfen, die das Fort umgibt.

Zwei militärische Kamelreiter tauchen auf, um die Post zu holen. Sein fünfzehnjähriger Bewacher gerät daraufhin in Panik und schießt ihm in den Kopf.

Damit geht in Erfüllung, was Charles de Foucauld längere Zeit zuvor für sich gewünscht hatte: Die Gnade des Martyriums.  Er wollte auch damit Jesus ähnlich werden.

Der Herr spricht: „Denke, dass du als Märtyrer sterben musst, ausgeraubt, nackt auf der Erde hingestreckt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, von Blut und Wunden bedeckt, auf gewalttätige und qualvolle Weise getötet, und wünsche, es möge heute geschehen. Bleibe fest im Wachen und im Tragen des Kreuzes, damit ich dir diese unendliche Gabe schenke. Erwäge, wie dein ganzes Leben zu diesem Tode hinführen muss; erkenne daraus die geringe Bedeutung so mancher Dinge. Denke oft an diesen Tod, um dich darauf vorzubereiten und die Dinge nach ihrem wahren Wert zu beurteilen.“

Bereits als Einsiedler in Palästina träumt Foucauld von der Gründung einer neuen geistlichen Gemeinschaft. Sie sollte sich wie er das verborgene Leben des irdischen Jesus in Nazareth zum Vorbild nehmen.

„Als ich sah, dass es bei den Trappisten nicht möglich ist, das Leben der Armut, der Niedrigkeit, der tatsächlichen Loslösung, der Demut zu führen, habe ich mich gefragt, ob es nicht am Platz wäre, ein paar Leute zu suchen, mit denen man die Gründung einer kleinen Kongregation dieser Art unternehmen könnte. Ziel dieser Kongregation wäre: so genau wie möglich das Leben des Herrn zu führen, einzig von Handarbeit zu leben, ohne irgendeine freiwillige oder erbettelte Spende anzunehmen, alle Seine Räte buchstäblich zu befolgen, nichts zu besitzen, jedem, der bittet, zu geben, nichts zu fordern, möglichst viel zu entbehren, zunächst, um dem Herrn gleichförmiger zu sein, dann aber auch, um Ihn in der Person der Armen zu beschenken.“

Zu seinen Lebzeiten erfüllt sich sein Wunsch nicht. Erst 1933 wird die Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu gegründet. Ihre Mitglieder bilden kleine Bruderschaften von bis zu fünf Mönchen, tragen Laienkleidung und leben in Armut. Sie widmen sich vor allem solchen Menschen, um die sich sonst keine geistliche Gemeinschaft oder Institution kümmert.

1939 entstehen auch die Kleinen Schwestern Jesu. Entscheidend für alle Gemeinschaften ist bis heute, dass sie ein Leben in Armut führen, um durch ihr Beispiel Menschen eine Brücke zum Glauben an das Evangelium zu bauen.

Rolf Polle