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Apostelandacht zu Heinrich Böll

Apostelandacht zu Heinrich Böll, gehalten am 21.11.2010

Es war einer dieser so genannter Steckrübenwinter im 1. Weltkrieg, als Heinrich Böll. am 21. Dezember 1917 in  Köln geboren wurde. Heinrich war das fünfte Kind von Viktor und Maria Böll (geb. Hermanns).

Die religiösen Eltern erzogen ihre Kinder streng im katholischen Glauben. Der Vater, ein Holzbildhauer,  fertigte in eigener Werkstatt mit seinen Gehilfen  Kirchenmöbel an. Er war ein verständnisvoller Vater, der seine Kinder zum Lernen und zum Spiel ermunterte.

Zu meinen e r s t en  E r i n e r u n g e n – so Heinrich Böll – „gehört  die Werkstatt meines Vaters: Holzgeruch, der Geruch von Leim, Schellack, Beize; der Anblick frisch gehobelter Bretter und das Hinterhaus einer Mietskaserne, in dem die Werkstatt lag.“

Die Mutter kam aus einem streng puritanischen Umfeld, dass sie mit dem katholischen Milieu nicht vereinbaren konnte. H. B. beschreibt seine Mutter als Mensch mit selten vereinten Eigenschaften‚ ‚mit Intelligenz, Naivität, Temperament, Instinkt und Witz.’

Heinrich hatte eine starke und  herzliche Bindung zu Eltern und  Geschwistern. Gespräch und kritisches Auseinandersetzen über  politischen Themen und Glaubensfragen gehörten zum Familienleben. Heinrich lernte früh, dass christlicher Glaube nichts zu tun hat mit der Organisation Kirche.

In der Wirtschaftskrise 1929 verlor der Vater die wirtschaftliche Grundlage seines Geschäftes.

Die Eltern lebten nun in ständiger Sorge, um für sich und die fünf Kinder das tägliche Brot, Kleidung und Schuhe zu beschaffen, sowie die Miete aufbringen zu können.

„Ich wusste damals nie, wovon wir eigentlich lebten.“ So Heinrich.

In einem Interview sagte Heinrich Böll:

„Natürlich sind wir klassisch-katholisch erzogen worden, Schule, Kirche, es wurde auch praktiziert, wie man das so nennt. Und trotzdem glaube ich, dass mein Vater und auch meine Mutter in einer bestimmten Weise antikirchlich waren. In welcher Weise, das kann ich nicht erklären. Ich müsste lange darüber nachdenken. Ich könnte mir denken, dass es bei meinem Vater, der sehr viel für Kirchen gearbeitet hat – er war ja Holzschnitzer und Bildhauer und hat fast nur kirchliche Dinge gemacht – mit Erfahrungen und Erlebnissen mit Klerus und kirchlichen Institutionen zusammenhängt; ja und über meine Mutter muss ich noch sehr lange und viel nachdenken, weil sie einen rebellischen Zug hatte, politische und auch kirchliche Dinge betreffend, der spürbar war, aber nicht so genau artikuliert wurde. Sicher hängt das wieder mit der Bildung zusammen, meine Eltern waren nicht im bürgerlichen Sinne gebildet, aber gebildet schon als Menschen.“

Die politisch aufmerksamen Bölls  lehnten den Nationalsozialismus ab. Im Haus der Familie fanden verbotene Zusammenkünfte katholischer Jugendverbände statt – der ältere Bruder Heinrichs war Mitglied eines dieser Verbände - und Heinrich weigerte sich, in die Hitlerjugend einzutreten.

Als der Vatikan 1933 die Nazis mit einem Konkordat (Vertrag zwischen Vatikan und Staat) international salonfähig gemacht hatte, erwog man aus Glaubenstreue den Kirchenaustritt. Viele Jahre später wird der Schriftsteller und Katholik H. Böll diesen Schritt tatsächlich vollziehen.

Nach dem Abitur 1937 fing H. Böll. eine Buchhändlerlehre an in der Buchhandlung Lempertz in Bonn.. Nach einem Jahr Reichsarbeitsdienst begann er im Sommersemester 1939 Germanistik und klassische Philosophie zu studieren, wurde aber im Spätsommer schon zur Wehrmacht eingezogen.

Als Soldat war H. Böll. an verschiedenen Frontstellungen der deutschen. Wehrmacht in West- und Osteuropa stationiert. Aus seinen ‚Briefen aus dem Krieg’ wird deutlich, wie sehr er unter diesem  Leben in Uniform litt und das er das Soldatentum nicht mit sich vereinbaren konnte.

Als  ihm zum wiederholten Mal vom Vorgesetzter der Urlaub gestrichen wird, schreibt er an Annemarie Cech, seine spätere Frau, die er 1942 bei einem Fronturlaub heiratete:

 

“ …aber ich will mein Herz bezwingen, ganz ruhig, friedlich, geduldig  und dankbar sein; weißt Du, ich ärgere mich nicht so sehr über den wegfallenden  Urlaub, wirklich nicht, als über  die maßlose Ungerechtigkeit und die kriecherische Betrügerei, die dahinter steckt. Kannst Du verstehen, dass man irrsinnig und wütend wird, wenn man immer, immer und in jedem diesem widerlichen kleinen und kleinsten und schmierigsten Gesindel ausgeliefert ist, seinen erbärmlichen Schikanen …“.

Viermal wurde er verwundet, erlebte das sinnlose Sterben von Kameraden, die leeren Phrasen der Befehlshaber und die Angst wahnsinnig zu werden. Er musste erkennen, dass sein Gottvertrauen ihn nicht vor dieser Angst schützen konnte:

 „Ich bin regelrecht dumm geworden; meine Gefühle fressen mein Gehirn…Doch ich verzweifle nie, ich bin wohl oft sehr traurig, dass mir alles wie eine unendlich große, schwarze Last auf der Seele liegt,… nur schwach bin ich, sehr schwach… Aber keine Sekunde erscheint mir die Zukunft hoffnungslos.“

und in einem weiteren Brief:

„..ich kann das nicht; ich kann mich nicht mit Leidenschaft dem Soldatenberuf hingeben, meine Wege gehen anders; ich muss immer in den Abgrund jedes Menschenlebens sehen, und mit dieser Anlage kann man nicht Soldat sein, man muss entweder ganz einfach oder ganz groß sein, um ein guter und glücklicher Soldat zu sein, und ich bin beides nicht..“.

In weiteren Zeilen an seine Frau wird eine Wandlung deutlich:

„Ich glaube, ich habe den Auftrag, allen Menschen eindringlich zu sagen, dass es nichts so Geheimnisvolles gibt, nichts so Verehrenswürdiges gibt wie das Leid; nichts das so unmittelbar uns geschenkt ist, regelrecht geschenkt, nicht auferlegt. Es ist wirklich eine Gnade, wenn wir leiden dürfen, denn wir dürfen dann doch auf eine geheimnisvolle Weise wie Christus sein.“ 

Am Ende des Krieges geriet  H. B. mit anderen Kriegkameraden in den Kugelhagel der anrückenden Amerikaner und wurden gefangen genommen. Sie hatten die Amerikaner/die Alliierten herbeigesehnt, das Ende des Krieges herbei geflucht.  In den Lagern aber wurden sie hart empfangen, als Nazis angebrüllt und mit Steinen beworfen.

Im November 1945 kehrte das Ehepaar Böll  nach Köln zurück. Es war ein erschütterndes Wiedersehen,. Die Stadt war ein einziges Trümmerfeld, die Türme des Doms zerstört. Menschen irrten durch die Schutthalden, es gab nichts, weder Kleidung, noch Feuerholz oder Lebensmittel. Man hauste in Kellern oder notdürftig abgedichteten Ruinen..

Gleich nach der Rückkehr starb Heinrich und Annemarie Bölls erster Sohn Christoph, noch im Geburtsjahr, an Unterernährung.

  1. Böll arbeitete in dieser Zeit in verschiedenen Gelegenheitsjobs, z. B. in der Schreinerei seines Bruders. Und er nahm sein Studium wieder auf, nicht zuletzt auch, um an die notwendigen Lebensmittelmarken zu kommen.

Inzwischen1947 und 1950 kamen die Söhne Raimund, René und Vincent  zur Welt.

  1. B. hatte während seiner Wehrmachtszeit fast täglich Briefe geschrieben, jetzt waren es Erzählungen, in denen er  die schlimmen Erfahrungen aus dem Krieg ausarbeitete.. Er fand jedoch, wie auch andere Schriftstellerkollegen, keinen Verleger. Niemand wollte diese realistischen Texte herausgeben oder lesen. Er schrieb:

„Wir schrieben also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern. Das ergab drei Schlagwörter, die der jungen Literatur angehängt wurden: Kriegs-, Heimkehrer- und Trümmerliteratur. .. Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfvolle, fast kränkende Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnung bediente: man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, das Krieg gewesen, dass alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, dass wir es gesehen hatten.“

Annemarie Böll verdiente in dieser Zeit als Lehrerin mit fester Anstellung den Unterhalt für die Familie. Gemeinsam  übersetzten sie  englische und amerikanische Literatur.

Sprache war Hort der Freiheit, Schriftsteller die geborenen Einmischer; Literaten trugen  daher eine gesellschaftliche Verantwortung, das waren H. Bölls Überzeugungen..

Mit der Zeit kam der Erfolg für seine schriftstellerische Arbeit. Und er konnte nun als freier Schriftsteller leben. 1951 bekam er den Literaturpreis der Gruppe 47 für seine Erzählung „Das Schwarze Schaf“.

Mit seinen Romanen prägte er das Bild der deutschen Nachkriegsliteratur, in dem er mit Herz und Verstand, aber auch Humor die Lebensnarben der kleinen Leute erkundet und gegen Machtgelüste, Konsumrausch und verweigerte Trauerarbeit angeschrieben hat.

Mit seinen Romane wie ‚Billard um halbzehn’, ‚Ansichten eines Clowns’, ‚Gruppenbild mit Dame’ stieg er zum Weltruhm auf.

Als Publizist übte er Gesellschaftskritik;  führte Klagen gegen die Kriegsfolgen,  polemisierte gegen die Restauration der Nachkriegszeit.

Andererseits aber  galt sein Mitgefühl allen  Wehrlosen. Seine schlimmen Erfahrungen bei der Dt. Wehrmacht  hat er nie vergessen und so träumte er von Gerechtigkeit, von einer entmilitarisierten, klassenlosen Gesellschaft.

Das Bundesverdienstkreuz lehnte er konsequenterweise ab.

Während des kalten Krieges hielt dieser menschenfreundliche Literat unerschütterlich und ohne Rücksicht auf starre politische Einstellungen oder Grenzen durch den ‚Eisernen Vorhang’, zu seinen Kollegen im Ostblock. 1974 nahm er den ausgebürgerten Dissidenten Alexander Solschenitzyn als Gast bei sich auf. Auch Lew Kopelew war sein Gast.

In den 60er und 70er  Jahren sympatisierte Heinrich Böll mit der Außerparlamentarischen Opposition.

Als die RAF mit ihrem Terror die Bundesrepublik aufwühlt, plädiert Böll, der die Taten der RAF  entschieden und unmissverständlich ablehnte, in einem Essay  im Spiegel. für einen rechtsstaatlichen Umgang mit den Terroristen der RAF und griff  die Berichterstattung der Springer-Presse stark an.

In  konservativ-reaktionären Kreisen galt er daraufhin als Sympathisant des dt. Terrorismus.

Die Behörden waren sich nicht zu schade zu vermuten, dass gesuchte RAF-Mitglieder bei H. B. Unterschlupf finden könnten und ließen im Juni 1972 sein Haus in Langenbroich mit bewaffneten Polizisten umstellen und durchsuchen.

In der Springerzeitung Die WELT wurde er zusammen mit Heinrich Albertz, Helmut Gollwitzer und Kurt Scharf auf einem Fahndungsplakat abgebildet, mit der Unterschrift: “Das stille Reserveheer des Terrorismus“.

Heinrich Böll verletzten und beleidigten diese bornierten Angriffe außerordentlich.

In seinem Roman ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum’ setzte er sich mit den Themen Gewalt durch Massenmedien und Überwachung durch den Staat auseinander.

1972  wurde ihm der Literatur-Nobelpreis zuerkannt. Diese Verleihung konnte durchaus als Solidaritätsbekundung mit dem in Deutschland Angegriffenen gesehen werden.

In seiner Nobelrede in Stockholm spricht Böll von der Parteinahme für die Vertrieben und Gefangenen des ganzen Jahrhunderts sowie ‚ganze Provinzen von Gedemütigten’ in seiner Literatur Und wendet sich damit gegen seine Kritiker, die ihm vorwarfen, nicht klassisch-literarisch zu schreiben.

Das grundkatholische Irland wird in dieser Zeit zum Zufluchtsort für H. Böll und seine Familie. Er selbst  sprach später auch von Flucht vor der Hetze gegen ihn im eigenen Land. In den Erzählungen des Bändchens ’Irisches Tagebuch’ beschreibt er die Landschaft, von den Verhältnisse der Menschen, von den einfachsten Dingen des Lebens.

Die Entfremdung zur römisch-katholischen Kirche durchzieht H. B.  gesamtes Leben.

Er wand sich gegen den Klerikalismus der katholischen Kirche, und trat 1976 zusammen mit seiner Frau aus der Kirche aus. Er sagte:

 „Wir treten aus der katholischen Kirche aus „nicht aber aus der Gemeinschaft der an den armen Christus glaubenden. Wir sind Deutsche geblieben und Katholiken, aber wir gehören nicht mehr zum organisierten deutschen Katholizismus.“

Und an anderer Stelle:

Ich brauche die Sakramente, ich brauche die Liturgie, aber ich brauche den Klerus nicht – grob gesagt – als Institution“.

In dieser Aussage Bölls wird der religiöse Grundkonflikt seiner Person und seines Werkes deutlich. Sein Kirchenverständnis unterscheidet zwischen „Corpus“ und „Corporation“. Die Bindung an die Kirche – als den „Corpus“ – ist für Böll „eine sakramental begründete, mystische“ Bindung, die von der Institution in eine „verrechtlichte, völlig unmystische“ verwandelt worden ist.

Diese kritische Haltung fasst (der deutsche Schriftsteller) Carl Amery so zusammen:
„Bölls Groll gilt der angepassten, der bürokratisierten, der smarten, auf „die Höhe der Zeit“ gebrachten Kirche. Er gilt denen, die überall dabei sein müssen; denen, die sich in einer bösartigen Gesellschaft, in den verlogenen Strukturen des bürgerlichen „Anstands“, aber auch in denen des verlogenen modernen Kulturbetriebs eingenistet haben, um irgendwie ihre Schäflein noch ins trockene zu bringen.“

In einem Interview von 1970 sagt Heinrich Böll:

„Die einzige Definition des Wortes Kirche, die mir jetzt einfällt, ich weiß nicht, ob es noch mehr gibt, ist die: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch‘“.

Jetzt reagierte  das katholische Oberschicht/Establishment mit Ausgrenzung, übler Nachrede, Zensur. Eine Radiosendung ‚Brief an einen Katholiken’, eine fiktiver Brief an einen Wehrpflichtigen, in dem Böll seine eigenen Erfahrungen mit der  Militärseelsorge im dritten Reich  schilderte, wurde kurzerhand abgesetzt.

Heinrich Böll war mit allen Fasern einer kernkatholischen Tradition verhaftet. Er hasste aufdringliche Predigten.  Er sprach in diskreten Bildern von Gott, den er nie in Frage stellte.

Das sinnliche Erleben von den Sakramenten Brot, Wein, Liebe, bedeutete Böll viel, den Automatismus im Absolvieren dieser Handlungen lehnte er ab, im Gottesdienst wie im zwischen menschlichen Miteinander.

Und er hatte eine zärtliche Aufmerksamkeit für  Menschen.

„Der Mensch ist ja ein Gottesbeweis ..Die Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben – dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind, nicht ganz zu Hause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen.“

  1. B. wird mit seinen Überzeugungen von einem zutiefst menschlichen, Berührung und Kontakt nicht scheuenden, zärtlichen Christentum zitiert. Er sagte:

„Im Neuen Testament steckt eine Theologie der  - ich wage das Wort – Zärtlichkeit, die immer heilend wirkt: durch Worte, durch Handauflegen, das man ja auch Streicheln nennen kann, durch Küsse, eine gemeinsame Mahlzeit. Dieses Element des Neuen Testaments – das zärtliche – ist noch gar nicht entdeckt worden; es ist alles in Anbrüllen, Anschnauzen verwandelt worden; es gibt doch gewiss Menschen, die durch eine Stimme, einfach durch das Tonmaterial einer bestimmten Stimme geheilt werden können; oder durch eine gemeinsame Mahlzeit.“

Die radikale Orientierung an den ethischen Aussagen der Schrift hat wesentlich dazu beigetragen, dass Böll in den Ruf eines Moralisten gekommen ist. Seine gesamte Kirchenkritik ist darauf aufgebaut, Verstöße gegen biblische Maximen im kirchlichen Innenraum festzustellen. Wir haben dies in unserem Zitat aus Bölls Roman „Billard um halbzehn“ auf unserem Einladungsplakat deutlich gemacht: „Wenn Ihr an ihn glaubt, warum tut ihr nicht, was er befohlen hat?“

„Unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich, hin und wieder gibt es sie: Christen, und wo einer auftritt, gerät die Welt in Staunen. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe, für die die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“

1982 stirbt sein ältester Sohn Raimund mit 35 Jahren.

Während einer politisch motivierten Reise nach Südamerika erkrankt Böll an einem Gefäßleiden in folge seines starken Tabakkonsums. Er muss in Deutschland operiert werden.

Nach einer weiteren Operation und Rückkehr aus dem Krankenhaus in sein Haus stirbt Hinrich Böll im Juli 1985.

Böll lag mit der sichtbaren Kirche im Streit. Sie erschien ihm bis zuletzt lebensfern, menschenfern, bürokratisch, oft unbarmherzig, machtverliebt und in Allianz mit Militärs und Managern, mit den Reichen vor allem, mit Herrschenden verschiedenster Art und eben weit weniger mit den Armen. Er wünschte sich eine andere Kirche: barmherziger, freier, mehr an Jesus von Nazareth als an Amtsträgern orientiert. Böll hat Priester karikiert, Prälaten, Bischöfe, er hat aber auch Priester detailgetreu, mit großer Liebe beschrieben. Und er wollte nicht ohne den Segen eines katholischen Priesters begraben werden.

Er wurde drei Tage später unter großer Anteilnahme (von Freunden und Bevölkerung und im Beisein der Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker durch einen der Familie befreundeten Priester nach katholischem Ritus bestattet.

Anschließend hagelte es Vorwürfe von links und rechts.

Konservative Kreise kritisierten, dass er als Ausgetretener niemals hätte kirchlich beerdigt werden dürfen.

Von links gab es den Vorwurf, diese Beerdigung sei eine kirchliche Anmaßung, ein unstattgemäßer Verstoß gegen Bölls Willen selbst gewesen.

Die Amtskirche rechtfertigte sich damit, dass Böll sich am Ende doch wieder der von ihm so heftig bekämpften Amtskirche unterworfen habe.

Diese Version ist offensichtlich falsch, verfasst, um dem Wortlaut des Kirchenrechts Genüge zu tun und die binnenkirchlichen Anfragen zu beruhigen.

Böll ist seinem Selbstverständnis gemäß immer Christ und Katholik geblieben. Er besuchte auch nach seinem Kirchenaustritt regelmäßig  Gottesdienste im In- und Ausland.

Er wollte nur aus der Körperschaft der deutschen Kirche als rechtlicher Institution mit Verquickung des Kirchensteuervertrages austreten, aus dem Körper der Kirche nicht.

Der befreundete Priester berichtet in einer veröffentlichten Predigt  von seinem letzten Besuch bei Heinrich Böll:
„Ich habe ihn kirchlich versehen. Kurz vor der Einlieferung ins Krankenhaus zeigte er mir wieder einmal mit zitternden und streichelnden Händen sein Kreuz, das er auf dem Schreibtisch stets vor sich hatte. In seinem Rücken hing das Foto seines verstorbenen und geliebten Sohnes Raimund; und daneben in der gleichen Rahmung als Block ein Christusbild, das eben dieser Sohn in Russland fotografiert hatte. Neben dem sterbenden Böll fand ich die Bibel.“ Nach diesen Dingen, die ich dem Erzbistum Köln mitteilte, hat der Herr Kardinal die kirchliche Beerdigung gestattet.

Heinrich Böll war ein Prophet, wie wir es alle sein sollen – hin auf Christus. Heinrich Böll war ein Hirte, wie wir es alle sein sollen: Lebenshilfe für Menschen – von Christus herkommend.“

Hannelore Bauer