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Apostelandacht zu Friedrich von Bodelschwingh

Apostelandacht zu Friedrich von Bodelschwingh, gehalten am 6. Juni 2010

Friedrich von Bodelschwingh starb schon vor genau 100 Jahren, im April 1910.

Was kann uns eine Persönlichkeit heute bedeuten, die schon so lange tot ist?

In der Tat gehört Friedrich von Bodelschwingh einer anderen Epoche an – er wurde 1830 geboren und starb mit 80 Jahren, als Kaiser Wilhelm II. noch regierte.

Aber für die Kirchen- und die deutsche Sozialgeschichte ist er eine bedeutende Persönlichkeit. Wir können uns einige Züge seiner Persönlichkeit zum Vorbild nehmen; mit anderen allerdings habe ich meine großen Schwierigkeiten und lehne sie für mich persönlich ab.

Bedeutet das „von“ in seinem Namen, dass er Adliger war?

Ja, er stammte aus einem alten westfälischen Adelsgeschlecht, das über viele Generationen Offiziere und Beamte für den preußischen Staatsdienst stellte. Auch sein Vater war ein hoher preußischer Beamter und für einige Jahre sogar Innenminister Preußens.

Friedrich wurde sogar zum Spielgefährten für den Prinzen Friedrich Wilhelm ausgewählt, dem späteren Kaiser Friedrich III.

Das Elternhaus war streng bibelgläubig und pietistisch gestimmt.

So waren es wohl die Eltern, die Friedrich das Theologiestudium nahe legten?

Nein, Friedrich trat zunächst im Einvernehmen mit seinen Eltern eine Lehre zum Landwirt an. Er lernte auf einem großen Gut in Hinterpommern. Dort erlebte er, wie die Kleinbauern von den adligen Großgrundbesitzern systematisch ausgebeutet und schließlich von ihren Höfen vertrieben wurden. Das Unrecht und die Not der Tagelöhner berührten ihn tief. Er brachte viele von ihnen beim Rübenanbau in Arbeit, verschaffte ihnen Wohnraum. Die bis dahin tätigen ortsfremden Landarbeiter entließ er und schob sie ab.

Er erlernte also nicht nur die Landwirtschaft, sondern wurde dabei auch schon sozial tätig.

Gleichzeitig verteilte er erbauliche Traktate an die Kinder.

Schon hier bildete sich seine Überzeugung heraus, dass tätige Nächstenliebe den ganzen Menschen umfassen muss; dass praktische Hilfe mit der Verkündigung des Evangeliums einhergehen muss; dass liebevolle Hinwendung und strenge Zucht zusammengehören, ebenso das Prinzip Arbeit statt Almosen.

Und wie kam es denn dazu, dass er schließlich Theologie studierte?

Friedrich wurde damals durch die Schriften der Erweckungsbewegung innerlich berührt. Er vermied die Vergnügungen des Landlebens, las in der Einsamkeit regelmäßig im Neuen Testament. Er berichtet später, dass eine fromme Schrift für Kinder mit dem Titel „Tschin, der arme Chinesenknabe“ das Berufungserlebnis in ihm ausgelöst habe. Er schreibt: „Wo ich diese einfachen Worte las, war es plötzlich, als ob mir die Schuppen von den Augen fielen in Bezug auf meinen eigenen Lebensberuf. Ich hätte bis dahin niemals auch nur einen leisen Gedanken gehabt, dass ich Pastor werden möchte. In diesem Augenblick aber wurde es mir so vollständig gewiss, dass mir Gott diesen Beruf geschenkt habe, und ich konnte Gott mit Freudentränen dafür danken.“

Es war also eine schwärmerische Stimmung, in der er beschloss, Missionar zu werden

Zudem starb in dieser Zeit sein Vater, was ihn innerlich sehr erschütterte.

Begann er dann also eine Ausbildung zum Missionar?

Eigentlich wollte er möglichst schnell als Missionar der Basler Missionsgesellschaft zu den Heiden aufbrechen, um sie zu missionieren.

Aber sein Onkel und neuer Vormund Karl von Bodelschwingh, der damalige preußische Finanzminister, drängte ihn, neben der Ausbildung im Missionshaus zugleich die Universität Basel zu besuchen und dort Theologie zu studieren.

An der Universität Basel suchte er sich Lehrer, die den Erweckungsgedanken vertraten, im Gegensatz zu den liberalen Theologen. Die moderne Bibelkritik lehnte er ab.

Er schreibt: „Es wird so viel handwerksmäßige Künstelei mit der Heiligen Schrift getrieben, dass man die stille heilige Freude an ihr verliert – und dazu kommt der konfessionelle Hader, dessen geradezu erkältende Wirkung ich nun auch habe spüren müssen.“

Später setzte er sein Theologiestudium in Erlangen und Berlin fort.

Während seines Berliner Studiums machte er zur Vorbereitung des Missionsdienstes auch eine Ausbildung in Krankenpflege und Arzneikunde.

Zu den Inhalten seines Theologiestudiums äußerte es sich später nochmals sehr kritisch. Er schreibt: „Nach zweijähriger angestrengter wissenschaftlicher Arbeit ist der Weg des Heils mir nicht heller, sondern dunkler geworden.“

Wird er denn nach dem Ende seiner Ausbildung auch Missionar?

Nein, die Arbeitsfelder der Inneren Mission reizten ihn allmählich mehr als die missionarische Tätigkeit unter den Heiden.

So nahm er für sechs Jahre eine Stelle bei der „Evangelischen Mission unter den Deutschen in Paris“ an. Seine Welt dort waren die Elendviertel, in denen viele Tausend Deutsche in ärmlichsten Verhältnissen quasi als Gastarbeiter lebten und als Gassenkehrer die Straßen säuberten und im Müll nach brauchbaren Resten suchten.

Diese Deutschen lebten unter sich, sie lernten meist auch kein Französisch, die Kinder sprachen nur noch schlecht Deutsch. – Ihre Lage ähnelte der unserer heutigen Migranten.

Er sammelte die Kinder der Gassenkehrer, baute für sie eine Schule und ließ sie zweisprachig lernen. Außerdem baute er auf einem verwahrlosten Hügel eine Kirche und bescheidene Wohnungen für die Gassenkehrerfamilien.

Wie wurde das denn alles finanziert?

Er reiste dazu in große deutsche Städte, warb um Spenden und organisierte Spenderkreise. Hier zeigte sich bereits sein großes Talent, breite Schichten zum Spenden zu bewegen. Er ist damit der erste bedeutende Spendensammler, neudeutsch „Fundraiser“.

Seine guten Beziehungen zum preußischen Königshaus halfen ihm dabei sehr. So wurde im gesamten Preußen für seine Arbeit eine Kirchenkollekte veranstaltet, mit deren Ertrag er alle Schulden seiner Unternehmungen tilgen konnte.

Während seiner Pariser Tätigkeit heiratete er auch seine Cousine Ida von Bodelschwingh.

Nach ihrer ersten Geburt wurde sie allerdings schwer psychisch krank, und die Ärzte rieten ihm, wieder nach Deutschland überzusiedeln. Er nahm eine Pfarrstelle im Kirchenkreis Unna an.

Kümmerte er sich denn als Gemeindepastor weiter um soziale Angelegenheiten?

Ja, das Elend der Arbeiterschaft ist weiterhin sein Thema. Er sieht die Ursache im moralischen Versagen vor allem der Unternehmer, in ihrem ungebremsten Profitstreben. Sie kamen seiner Meinung nach ihren sittlichen Verpflichtungen zur Fürsorge für ihre Arbeiter nicht nach. Sie haben den Respekt vor der göttlichen und weltlichen Ordnung verloren. Er machte die Gottvergessenheit der Gesellschaft für die Entstehung der sozialen Frage verantwortlich.

Die Sozialdemokratie sah er allerdings als weltanschaulichen Gegner an.

„...arme, willenlose Knechte ihrer Leidenschaften und Begierden, ein elender, verwahrloster Haufen, fleißig im Saufen und Blau-Montag-Feiern, zum großen Teil ohne jeden Unterricht, und ohne die dürftigsten Inbegriffe von Gott und christlichem Glauben aufgewachsen...“ - Keine Klage über die heutige Spaßgesellschaft, sondern B.s Urteil über die bürgerliche Revolution von 1848. Zur Abhilfe empfiehlt er heute nicht mehr oder kaum noch anwendbare Zwangsmaßnahmen (schon damals erfuhr B., dass ein strikter Puritanismus nicht durchsetzbar war) - aber wie geht es denn dann? Die Existenz einer verbreiteten Brot-und-Spiele-Erwartungshaltung scheint, auch ohne moralinsaures Lamento, unbestreitbar. (B. erkennt scharfsichtig, dass „die Industrie“ das „in Eitelkeit“ kultivierte „raffinierte Wohlleben“ ebenso benötigt wie die immer schneller fließenden Kapitalströme. Im Kern ist diese Diagnose vollkommen aktuell.) Wie wäre B.s Vision der Inneren Mission heute umzusetzen? Muss ein Gottesdienst Spaß machen? Muss man Kindern und Jugendlichen Jesus Christus als „cool“ anbieten?

(...)

War er denn auch ein glücklicher Familienvater?

Ja, seine Frau Ida bekam in dieser Zeit drei weitere Kinder. Aber alle vier Kinder erkrankten an einer Lungenentzündung und starben innerhalb von zwei Wochen. Bodelschwingh deutete dies furchtbare Ereignis als Strafe Gottes dafür, dass sie als Eltern allzu sehr an ihren Kindern gehangen hatten. Er erschrak über die eigene Sündhaftigkeit und wollte sich völlig dem Willen Gottes unterwerfen. Der Tod seiner Kinder wurde für ihn das Vorbild für ein „gelungenes Sterben“, das es zu erlernen gelte. Für uns ist das schwer nachzuvollziehen, aber es half ihm wahrscheinlich, das schwere Leid zu verarbeiten.

Die Erfahrung von Krankheit bis hin zum einen selbst oder nahestehende Menschen bedrohenden Tod hat B. zufolge Zeichencharakter und ruft zur Bußehaltung auf: der Kranke soll erkennen lernen, dass sein Leben gegeben, geschenkt ist. Wir leben einzig aus der Gnade. Der Kranke ist aufgerufen, seinen eigenen Willen dem göttlichen ganz unterzuordnen, sich u.U. heilsam brechen zu lassen, nicht aus Verzweiflung an der Krankheit, sondern als Übergang von Hochmut zu Demut. In dieser Haltung drückt sich ein Vorverständnis aus, das B.s Leben und Wirken insgesamt geprägt zu haben scheint: Diakonie nicht als Durchführung eines sozialen und/oder politischen Programms, sondern ausdrücklich als (Innere) Mission, Hinführung des Menschen zu Gott.

Diakonie „hier und heute“ scheint häufig deutlich andere Schwerpunkte zu setzen; insbesondere tritt das missionarische Leitbild eher in den Hintergrund. Kann man begründet darüber spekulieren, wie B. zu solchen Entwicklungen stünde?

Sofort nach Amtsantritt in Bielefeld setzte er durch, dass ein neues Diakonissenmutterhaus gebaut wurde, außerhalb der Stadt neben der Epileptischen-Anstalt. Er entschied, dass die Epileptischen-Anstalt den Namen „Bethel“ bekommen sollte, übersetzt heißt es das „Haus Gottes“. Das neue Diakonissenmutterhaus wurde „Sarepta“, „Schmelzhütte“ genannt, eine Ortsbezeichnung aus dem Alten Testament, in dem eine Witwe den Propheten Elia bewirtete, obwohl sie selbst schon fast verhungert war.

Auch bei der Benennung der Häuser verwendet er gern biblische Orts- und Landschaftsnamen. Damit will er ausdrücken, dass die Betheler Gemeinde aus Kranken, Diakonissen und Diakonen, Ärzten und Pastoren eingebettet ist in die Heilsgeschichte, die Gott mit seinem erwählten Volk Israel schreibt. Für ihn ist das irdische Leben der Weg auf die Ewigkeit zu und Bethel eben ein Ort, an dem man sich darauf vorbereitet.

Im positivsten Sinne beeindruckend ist B.s Überzeugung, Bethel nicht auf materielle Rücklagen, sondern auf das Fundament des Glaubens gegründet zu sehen. Die Stiftung bzw. die Anstalten sollten dementsprechend den Eindruck äußerlicher „Armut und Niedrigkeit“ und zugleich „weiter Barmherzigkeit“ vermitteln. - Heute gibt es gelegentlich Anlass zu öffentlicher Diskussion, welche Preislage für die Dienstwagen des Leitungspersonals karitativer (wenn auch bislang nicht kirchlicher) Körperschaften angemessen sei. Führt das (zwingend) zu einer kritischen Bewertung des Fundraising-Ansatzes? Es gibt auch die Vorstellung, um anderen helfen zu können, müsse man selbst ungebrochen stark sein - und dies auch nach außen darstellen. Die innere Kraft, von der zuvor die Rede war, meint etwas anderes - oder? Geht beides zusammen? (Im Grunde liegt hier wieder die schon diskutierte Frage vor, ob grundlegende Hilfe - über Almosen hinaus - geleistet werden kann, ohne dass man selbst an gesellschaftlichen Zusammenhängen beteiligt wird, die mindestens dazu beitragen, die Hilfeleistung erst erforderlich zu machen. Kann man zwei Herren dienen?)

Die Anstalt wuchs sehr rasch, finanziert von vielen Spendengeldern aus Fördervereinen im ganzen Land, die nach den Besuchen von Bodelschwingh gegründet wurden.

Das klingt so, als ob Bodelschwingh schalten und walten konnte, wie er wollte, hatte er denn keine Beiräte und Aufsichtsgremien, die Einfluss auf seine Arbeit nahmen?

 

Bodelschwingh muss eine sehr führungsstarke, charismatische Persönlichkeit gewesen sein. Es gab einen Verwaltungsrat, der ihn auch eingestellt hatte. Schon bei der Wahl der Namens Bethel war der Verwaltungsrat eigentlich dagegen. Bodelschwingh nahm aber einfach die Benennung vor, und nach einiger Zeit gab man den Widerstand auf und beschloss diesen Namen, wie Bodelschwingh es gewünscht hatte.

Er war auch überhaupt kein Demokrat und gegen demokratische Wahlen und Strukturen in der Kirche und im Staat. Er war Monarchist, unbedingter Anhänger des Hauses Hohenzollern und sein Verhalten erinnert mich stark an den Umgang Bismarcks mit dem preußischen Landtag und später dem Reichstag.

Der praktizierte ein kraftvolles Tatchristentum, hatte einen stahlharten Willen und zwang seine Mitmenschen mir seinem Charisma in die Gefolgschaft.

Einer der Biographen charakterisiert B.s teils schon rastlos, regelrecht getriebenen Tatendrang als „Aktivismus“ (nicht: Aktionismus). Liegt hier aus lutherischer Sicht nicht schon ein Rückfall in eine überwunden geglaubte Werkgerechtigkeit vor?

Inwiefern darf derjenige, der wie B. konsequente Härte gegen sich selbst praktiziert, entsprechende Maßstäbe auch bei anderen, hier den eigenen Mitarbeitern, anlegen? Lehrt christliches Ethos nicht auch den Blick für das Anderssein und mithin die unterschiedlichen Grenzen von Menschen?

Wurzelt hier womöglich auch B.s teils eigentümlich zwiespältig wirkendes Verhältnis zu den Kranken und Armen, dessen paternalistische Züge immer wieder hervorzutreten scheinen: manches legt die Interpretation nahe, dass er diese zwar als Brüder und Schwestern im Glauben sah, zugleich aber Schwierigkeiten hatte, sie auch als gleichberechtigte gesellschaftliche Subjekte zu verstehen - vielleicht, weil er ihre Not auch als Folge ihrer eigenen Schwäche auffasste? Sich selbst verzieh er (wahrgenommene) Fehler auch nicht - „hart gegen sich, hart gegen andere.“

Haben sich denn die Aufsichtsgremien und die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diesen autoritären Führungsstil gefallen lassen?

Von Widerständen ist nichts mehr bekannt. Mit der Zeit wurde er zur alles beherrschenden Schlüsselfigur des von ihm geschaffenen diakonischen Konzerns. Bereits 1883 war die Anstaltsgemeinde auf nahezu 900 Menschen angewachsen, und er war für alle der „Vater Bodelschwingh“, der immer neue Arbeitsfelder erschloss:

In der damaligen Zeit gab es eine große Zahl von Wanderarbeitern, die überall dort tätig wurden, wo sie gerade gebraucht wurden und ansonsten geradezu wie Landstreicher durch die Gegend zogen. Etliche besuchten auch Bethel und baten um Essen und Spenden. So gründete Bodelschwingh eine landwirtschaftliche Kolonie für Arbeitslose auf drei Höfen in einer wüsten Heide- und Moorlandschaft. Er ließ die wilden Flächen durch Wanderarbeiter für sehr geringe Entlohnung in Ackerland umwandeln. Sie erhielten im Wesentlichen nur freie Kost und Unterkunft sowie schlichte Kleidung. Alkohol war strengstens verboten, die Teilnahme an Hausandachten und Gottesdiensten Pflicht. Von Bielefeld aus wurden die Wanderarbeiter so weit wie möglich in feste Arbeitsstellen vermittelt. Er gründet dort so etwas wie ein erstes Arbeitsamt.

Damit nicht genug: Bodelschwingh startete einen Arbeiterwohnungsbau in zwei kleinen Arbeitersiedlungen. Er prophezeite: Schaffe man jedem fleißigen Fabrikarbeiter ein eigenes Haus, so sei die Sozialdemokratie bald tot und der Thron der Hohenzollern auf Jahrhunderte gesichert.

Seine christlich motivierte Berufstätigkeit wurde doch ursprünglich durch den Wunsch ausgelöst, Missionar zu werden. Hatte er das bei seiner rastlosen Tätigkeit eigentlich vergessen?

Nein, seine ursprüngliche Neigung zur äußeren Mission führte dazu, dass er in einer Berliner Missionsgesellschaft mitarbeitete, sie als charismatische Persönlichkeit schließlich geradezu beherrschte und ihren Sitz nach Bethel verlegte.

Schwerpunkt der Missionsarbeit wurden die deutschen Kolonien im heutigen Tansania und Ruanda, wo er eine Heil- und Pflegeanstalt nach dem Muster Bethels gründen ließ.

Die Bethelmissionare sollten den Afrikanern zugleich mit dem Christentum ein Bündel von Errungenschaften der westlichen Zivilisation vermitteln. Die getauften Afrikaner wurden zur Vaterlandsliebe zu Deutschland und zur Kaisertreue erzogen.

Ein seltsamer Höhepunkt war, als Missionare zwei aus der Sklaverei befreite afrikanische Kinder nach Deutschland brachten, die in Bethel getauft wurden. Es war nach meinem Eindruck so etwas wie eine Marketingaktion, um damit die Spendenbereitschaft in Deutschland zu erhöhen. Die Kinder starben nach kurzer Zeit an Schwindsucht. Ihr geduldiges Leiden und Sterben wurde in den Bethelpublikationen ganz im Sinne der Sterbefrömmigkeit Bodelschwinghs ausgeschlachtet.

Als in Afrika eine Hungersnot ausbrach, sammelte Bodelschwingh Spenden mit dem Werbespruch „Brot für Steine“: Die Spenden wurden zur Bezahlung von afrikanischen Arbeitern verwendet, die Steine für eine Kirche heranschafften und bearbeiteten, ganz nach seinem Motto: „Arbeit statt Almosen“. Die Sammlung war ein großer Erfolg.

Wenn ich das recht verstanden habe, war Bodelschwingh also sehr preußisch-deutsch-national gesinnt?

Ja, er sah in seinem christlichen Einsatz und seiner nationalen Haltung eine Einheit. Er schreibt in einem Brief an den Kronprinzen:

„Wir sind keine Heiligen. Aber das behaupte ich kühnlich, dass unsere Grundsätze und Ziele und auch alle unsere Mittel derartig sind, dass Eure Kaiserliche Hoheit sich mit uns durchaus eins wissen und sie alle gern unterschreiben: Dienende Liebe üben, selbstlose, unverfälschte, weitherzige gegen jedermann, besonders aber gegen alle Mitmenschen, die durch Mangel an Liebe verbittert, gesunken, verkommen, verarmt oder die sonst krank und elend sind. Dies alles aber nicht, um irgend äußeren Kirche Glanz und Ruhm zu verschaffen, sondern lediglich, um aus gottlosen, unglücklichen, verbitterten Menschen gottesfürchtige, glückliche, fröhliche, dankbare Menschen zu machen zur Ehre Gottes und zum Besten des Vaterlandes. Das ist der Zweck der evangelischen Diakonie.“ Solche Schreiben verband er meist auch mit einer Bitte um Spenden, die das Kaiserhaus auch häufig leistete.

Er hat also mit seinen Aktivitäten auch kräftig am Bündnis zwischen Thron und Altar geschmiedet. Wirkt doch heute eher befremdlich oder sogar abstoßend?

Mir behagt das auch nicht, war aber für die damalige Zeit typisch. Auch Wichern in Hamburg mit seiner Stiftung des Rauhen Hauses verfolgte die gleichen Ziele. Beide waren mit dieser Haltung nicht nur hinsichtlich der Spendenbereitschaft aus breiten Kreisen des Bürgertums erfolgreich, sondern sicherten damit auch der Monarchie die Gefolgschaft. Und nach dem Ende des ersten Weltkriegs haben diese Schichten der Bevölkerung und auch die meisten Geistlichen der evangelischen Kirche weiterhin eine deutschnationale Politik unterstützt und mit dem Weg über die Harzburger Front den Nationalsozialisten den Weg an die Macht erleichtert oder sogar erst ermöglicht. Erst einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich viele Geistliche unter dem Eindruck der Terrorherrschaft und den nationalsozialistischen Verbrechen davon befreit.

Zurück zu Bodelschwingh: Seine diakonische Tätigkeit war also auch indirekt politische motiviert. Wurde er dann auch direkt politisch tätig?

Ja, 1903 konnten sich die zwei nationalistisch-konservativen Parteien vor der Wahl zum preußischen Landtag zunächst nicht auf einen Kandidaten für den Wahlkreis Bethel einigen. Man fragte Bodelschwingh, und er kandidierte auf der Liste der Deutschkonservativen Partei und wurde tatsächlich gewählt. Im Mittelpunkt seines Wahlprogramms standen der Bau von Arbeiterhäusern und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Seine Reden im preußischen Landtag waren eine Mischung aus Predigt und Posse und sorgten stets für Heiterkeit im Plenum. Er spielte in der Politik die Rolle des komischen Kauzes voll kindlicher Naivität, Humor, Bauernschläue und Altersweisheit. Sein größter Erfolg war die Verabschiedung des preußischen Wanderarbeitergesetzes. Er wollte damit eine allgemeine Arbeitsvermittlung und eine Erwerbslosenfürsorge schaffen. Das Gesetz blieb aber weitgehend ohne Wirkung. Erst in der Weimarer Republik wurde die Arbeitslosenversicherung beschlossen.

Sein letztes Werk war der Aufbau einer Arbeiterkolonie vor den Toren Berlins.

Nach zwei Schlaganfällen starb er am 2. April 1910 im Kreis seiner Kinder.

Schon zu Lebzeiten war er zu einer Legende geworden. Nach seinem Tod erschien eine Flut von Erinnerungsliteratur, die sein Bild bis heute verklärt.

„Vater Bodelschwingh“ erscheint als eine Heiligengestalt von unerschütterlicher Glaubenskraft, überquellender Liebe und Barmherzigkeit.

Wäre ein neuer Bodelschwingh heute noch denkbar, heute noch möglich?

Heute sehen wir vor allem die geistige Enge seines Glaubens, ein Sendungsbewusstsein, das andere Meinungen nicht gelten ließ; einen mild patriarchalischen, autoritären Führungsstil, eine Rücksichtslosigkeit, mit der er andere Menschen für seine Zwecke einspannte.

Das würde heute wohl kaum einer mehr mit sich machen lassen. Ein geradezu mönchisches Leben mit spartanischem Lebensstil unter dem Motto: „Euer Lohn ist, dass Ihr dienen dürft“ kann keine Massen mehr begeistern.

Entsprechend ist die Diakonie heute vor allem professionalisiert, die Entgelte sind tarifvertraglich geregelt, es gibt Mitarbeitervertretungen, die auf die Interessen der Beschäftigten achten.

Diakonisches Handeln sollte (sage ich...) stets erkennbar aus dem christlichen Menschen- und Weltbild folgen: Wir dienen Gott, indem wir den Menschen dienen - und auch die Umkehrung gilt. Diakonie als tätige Nächstenliebe ist auch eine Erscheinungsform der christlichen Verkündigung. Unsere Gottesdienste wiederum sollen mehr sein als erbauliche, fromme Rituale: Sie dienen den Menschen, indem (insofern) sie ihnen den Weg Gottes mit dem Menschen erschließen und dazu einladen, sich der Liebe Gottes zu öffnen. (Wo das nicht gelingt oder auch von Menschen nicht mehr verstanden wird, steht die Kirche vor einem fundamentalen Problem.)

Gilt das im Bereich der Diakonie noch, oder geht es längst (auch oder zentral) längst um anderes? Betrifft die Kirchen nicht bereits ein gesellschaftliches Kosten-/Nutzenkalkül, das die Existenzberechtigung der Kirchen insgesamt an den Umfang der als nützlich empfundenen karitativen Tätigkeit zurückbindet? Die immer wieder auflebende Diskussion über die Kirchensteuer (die außerhalb des deutschsprachigen Raums immerhin global fast unbekannt ist) legt es nahe. Provoziert oder vertieft diese Situation nicht tiefgreifende Missverständnisse, die die Kirche in die Rolle eines Dienstleisters zu drängen drohen?

Einer etwas zynisch wirkenden Maxime zufolge muss das Leben u.U. zunächst (noch) schlechter werden, bevor es besser werden kann. Als Christenmensch kann man sich diese Sichtweise kaum zueigen machen - und doch ist die Frage zumindest nicht absurd: Stabilisieren nicht Einrichtungen wie die Tafeln, gleich vielen anderen sozialen Projekten, gerade durch die häufig bitter nötige Hilfe, die sie leisten, indirekt auch die systemischen Missstände? Wird nicht die Not insgesamt gerade so weit gelindert, dass sie sozial erträglich („verträglich“) bleibt? B. propagierte „Arbeit statt Almosen“, und genau darum - Hilfe zur Selbsthilfe - müsste es gehen. Stattdessen entsteht nicht selten der deprimierende Eindruck, dass ungewollt die Hilflosigkeit und Abhängigkeit der Menschen reproduziert, aufrechtgehalten wird. Zur materiellen Armut tritt die seelische und geistliche - und erst diese macht (scheint mir) tiefgreifend hoffnungslos

Wie ließe sich das verhindern? Müsste Kirche nicht offensiver politisch werden (diese Dimension fehlt beim in dieser Hinsicht konservativen B. fast gänzlich) - zugleich aber das Wort Gottes den Menschen, ob materiell bedürftig oder nicht, deutlicher, entschiedener, unüberhörbar sagen? Läge nicht darin auch die radikalste politische Utopie, der einzig verbleibende Gegenentwurf zu einem „Markt der Möglichkeiten“, unter dessen Vorzeichen wir mittlerweile alle stehen?

Gewaltloser Widerstand, Ghandi lehrt es ausdrücklich, verlangt Eigenschaften wie Intelligenz, Disziplin, Kreativität, robuste Leidensfähigkeit - eine innere Kraft, die nicht bei allen Menschen manifest und wirksam wird. Der Blick auf B.s Biographie könnte nahelegen, dass erfolgreiche Diakonie ähnliche Qualitäten erfordert. Zugleich war B. offenbar durchaus nicht frei von autoritären Charakterzügen, wirkt im Rückblick vielleicht auch schon etwas zu geschickt und wendig im Umgang mit den Reichen und Mächtigen dieser Welt. Zeichnet sich hier ein Zwiespalt grundsätzlicher Art ab? Zugespitzt: was unterscheidet, trennt einen B. von einer Mutter Theresa? - In die heutige Praxis hat sich (s.o.) der Begriff des Fundraising eingeschlichen, üblicherweise (so sinngemäß die wikipedia) definiert das Einwerben von Zuwendungen „mit marktadäquaten Gegenleistungen“ (!). Der Gebende erhält häufig die Gelegenheit zur gezielten Selbstdarstellung, wobei die Abgrenzung zur kommerziellen oder jedenfalls inhaltlichen Werbung im Einzelfall problematisch sein kann. Es handelt sich um Transaktionen im Sinne des Marktes, vereinzelt mit Zügen eines postmodernen Ablasshandels. Wann darf Kirche daran teilnehmen; wo ist es ihr verboten; in welche (vielleicht auch subtilen) Abhängigkeiten kann sie geraten? Welcher Zweck heiligt welche Mittel? Inwiefern kannte bereits B. diese Problematik, hatte er Vorbehalte?

Bodelschwingh hätte heute wohl keine Chance. Aber sein Werk besteht dank verschiedener organisatorischer Reformen und betriebswirtschaftlicher Professionalisierung weiter und seine Persönlichkeit ist ein wesentlicher Teil unserer Kirchengeschichte.

Auf seinem Grabstein steht: „Weil uns Barmherzigkeit widerfahren ist, darum werden wir nicht müde“ aus dem 2. Korintherbrief. Er ließ sich vom menschlichen Elend existenziell berühren: Pommersche Landarbeiter, hessische Straßenkinder in Paris, Epilepsiekranke, Wanderarme, hungernde Afrikaner. Weil er selbst bewegt war, bewegte er mit seinem Charisma auch andere zum Handeln.

Bodelschwingh verkörperte wie kaum ein anderer im 19. Jahrhundert das soziale Gewissen des Protestantismus. Er hat nicht nur eines der weltweit größten diakonischen Unternehmen geschaffen. Durch ihn wurde die evangelische Diakonie zu einem Eckpfeiler des modernen Sozialstaates. Dafür können wir ihm ein gutes Andenken bewahren.

Rolf Polle