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Apostelandacht zu Karl Barth

Apostelandacht zu Karl Barth, gehalten am Pfingstmontag, 1. Juni 2009

Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 im schweizerischen Basel geboren.

Seine Eltern waren tief in der Tradition des christlichen Glaubens verwurzelt: Die Mutter Anna war die Tochter eines Pastors, sein Vater Fritz hatte einen Abschluss in Theologie und war Lehrer an der Predigerschule in Basel.

Seine Entscheidung für ein Theologiestudium traf Karl Barth im Laufe seines Konfirmandenunterrichts. Er begann sein Studium in Bern und setzte es in Berlin und Tübingen fort und beendete es schließlich in Marburg.

Während dieser ganzen Zeit stritt er sich ständig mit seinem Vater über die Richtung seiner Ausbildung. Während sein Vater eine konservative Theologie bevorzugte, zog es jungen Heinrich Barth zu den liberalen, vom Geist der Aufklärung geprägten Hochschulen.

Er begann seine Karriere zunächst als Hilfspastor der reformierten Gemeinde in Genf und zog nach 2 Jahren in das kleine schweizerische Dorf Safenwil, wo er 10 Jahre seines Lebens als Pastor verbrachte.

Mehrere Faktoren führten in dieser Zeit zu seinem Bruch mit dem Liberalismus. Während der ersten Jahre in Safenwil kam Barth mit der schweizerischen sozialdemokratischen Bewegung in Berührung und machte sich zunehmend Sorgen über die Nöte der Arbeiterklasse. Es gab zu der Zeit etliche Christen, die glaubten, dass der angewendete Sozialismus die Umsetzung der christlichen Theorie war. Das ging so weit, das mancher im weltlichen demokratischen Sozialismus einen Vorboten des Reiches Gottes sah.

Barth beobachtete den Klassenkonflikt in seiner Dorfgemeinde genau und studierte in dem Zusammenhang das Fabrikrecht, das Versicherungswesen und die Gewerkschaftsbewegungen. Es wurde zum überzeugten Sozialisten, hielt zahlreiche Ansprachen über den Sozialismus und veranstaltete Abendkurse für Arbeiter. Er bekam den Beinamen „roter Pastor von Safenwil“. Sein Vertrauen in den bürgerlichen Religionsethos und in die Annahmen des Liberalismus wurde damit untergraben.

Eine weitere Ursache seiner Abwendung von der liberalen Theologie war wohl der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914. Barth war schockiert, dass seine ehemaligen Lehrer eine Erklärung zur Unterstützung des Krieges unterzeichnet hatten.

Er hielt das für einen Verrat am christlichen Glauben.

Der Gott der liberalen Theologie schien so zu funktionieren, dass er lediglich die Werte und Normen, welche die Gesellschaft etabliert hatte, sanktionierte und mit einem göttlichen Siegel der Billigung ausstattete.

Für Barth war liberales Reden jetzt nur noch ein Reden über die Menschheit mit einer lauteren Stimme.

Liberale Theologen werteten die Bibel nicht als Wort Gottes im strengen Sinne. Ihre Inhalte galten eher einer Sammlung symbolischer Dokumente.

Barth dagegen war überzeugt, dass diese Herangehensweise zur Domestizierung der Bibel und ihrer Botschaft, zu einer Umformung für den Hausgebrauch führt, und damit auch zur Domestizierung Gottes, den die Schrift bezeugt.

Er wollte eine Art der Bibellektüre, die sich mehr auf Gott konzentrierte statt auf den liberalen Ausgangspunkt der menschlichen Erfahrung. Die Bibel erzählt für ihn nicht von Geschichte, Moral oder Religion, sondern von Gott.

Es sind nicht die rechten Menschengedanken über Gott, sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen, die den Inhalt der Bibel ausmachen.

Barth schreibt:

„Über den liberal-theologischen und über den religiös-sozialen Problemkreis hinaus begann mir doch der Gedanke des Reiches Gottes in dem biblisch real-jenseitigen Sinn des Begriffs immer dringlicher und damit die Bibel immer problematischer zu werden.“

So wandte sich Barth im Sommer 1916 einem intensiven Studium des Römerbriefes zu. Daraus entstand ein Kommentar, der eine neue Vorstellung von Theologie einleitet.

Für Barth hat das Wahrnehmen der Stimme und des Willens Gottes bei der Lektüre der Schrift den höchsten Stellenwert. Gelehrsamkeit ist hierfür zwar nützlich, aber sie darf in keinem Fall die Inspiration der Bibel ersetzen oder verdrängen. Er schreibt:

„Meine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, durch das Historische hindurch zu sehen in den Geist der Bibel, der der ewige Geist ist. Wir müssen in einer Weise über Gott sprechen und ihm dienen, die sowohl unserem Status als irdische Wesen als auch Gottes Status als unendlichem Schöpfer gerecht wird. Gott ist im Himmel, wir sind auf der Erde.“

Und so entwickelt Barth eine dialektische Herangehensweise an die menschliche Sprache und das Sprechen über Gott. Er spricht von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus als dem Zentrum des menschlichen Wissens von Gott – erklärt aber gleichzeitig, dass menschliche Wesen nicht fähig sind, das Offenbarte zu begreifen.

Barth schreibt:

„Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides wissen, unser Sollen und unser Nicht-Können, und eben damit Gott die Ehre geben.“

Barths Römerbriefkommentar und seine zunehmende Prominenz in Deutschland trugen 1921 zu seiner Ernennung zum Honorarprofessor für reformierte Theologie an der Universität Göttingen bei.

Die Wandlung vom Gemeindepastor zum Universitätsprofessor forderte seine ganze Arbeitskraft. Er erkannte, dass seine neue Tätigkeit eine Breite von Wissen erforderte, über die er nicht verfügte. Aber er bemerkte:

„Studenten interessieren sich besonders für einen Professor, der sozusagen selber noch Student ist.“

Er hielt in dieser Zeit auch viele Vorträge, in denen er seine dialektische Theologie weiter ausformuliert und bekannt machte:

„Wir können nicht von Gott sprechen. Vom Standpunkt der Menschen aus ist Theologie eine Unmöglichkeit. Theologie wird nur dort möglich, wo Gott spricht, wenn von Gott gesprochen wird. Die Menschen haben aber keine Kontrolle über diese selbstoffenbarende Sprache, sie sind bei der theologischen Arbeit immer von Gott abhängig.

Theologie wird nur durch die Gnade Gottes möglich, in der Gott menschliche Worte aufnimmt und sie trotz ihrer Unzulänglichkeit zur Selbstoffenbarung verwendet.“

Anfang 1924 begann Barth mit Vorlesungen zur Dogmatik, die schließlich in seinem monumentalen Lebenswerk, der „Kirchlichen Dogmatik“ über rund 10.000 Buchseiten veröffentlicht wurden.

Dogmatik bezeichnet den Versuch, den charakteristischen Inhalt des christlichen Glaubens für die Kirche zu verdeutlichen. Außerdem ist sie auch eine Untersuchung des Inhalts der christlichen Theologie mit einem praktischen Ziel: nämlich wie dieser Inhalt am besten in jeder neuen Umgebung vermittelt werden könnte.

Nach 4 Göttinger Jahren erhielt Barth einen Ruf an die Universität Münster. Münster ist stark katholisch geprägt und daher setzte sich Barth in dieser Zeit auch intensiv mit den Unterschieden zwischen Katholizismus und Protestantismus auseinander.

Der zentrale Unterschied betrifft die Natur der Gnade.

Die katholische Kirche sieht sich ermächtigt, Gnade durch ihre Gegenwart, ihr Amt und ihre Sakramente zu kommunizieren.

Für Protestanten hat die Kirche nicht die geringste Macht oder Kontrolle über die Gnade. Die Kirche in der Welt ist zwar als Instrument Gottes eine sichtbare und historische Institution, hat aber keinerlei Kontrolle über die Verteilung der Gnade in der Welt.

Dieses Vorrecht gehört Gott und nur Gott allein. Würde die Gnade unter menschliche Kontrolle geraten, wäre sie eben nicht mehr die Gnade Gottes. Somit hat weder die Kirche noch irgendein Individuum in der Kirche einen Anspruch auf die Gnade Gottes.

„Aufgabe der Kirche kann nur darin bestehen, dass sie in ihrer ehrlich eingestanden Armut das Wort des ewig reichen Gottes hört und zu Gehör bringt.“

Im März 1930 zog Barth an die Universität Bonn, wodurch sich dort die Anzahl der Studenten sofort verdoppelte. Barth erkannte die extreme Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging. Er trat aus Protest gegen die Bedrohung der Demokratie in die SPD ein.

Die Unterstützung des Nationalsozialismus erstreckte sich bis in die Kirche hinein. Die sogenannten „Deutschen Christen“ formierten sich im Juni 1932 und vereinbarten nach der Machtergreifung mit Adolf Hitler die Gründung einer evangelischen Reichskirche.

Als Gegenbewegung und vor allem gegen die Einmischung der Nationalsozialisten in das Leben der Kirche gründete Martin Niemöller den Pfarrernotbund und es entstand die „Bekennende Kirche“.

Vom 29. bis 31. Mai 1934, also vor genau 75 Jahren, nahmen Gesandte aus allen Teilen Deutschlands an der ersten Bekennenden Synode der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen teil.

Karl Barth formulierte zusammen mit anderen die „Barmer Theologische Erklärung“. Die erste These gibt mit einer direkten Erklärung den Ton des ganzen Dokuments an:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören und dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Gegen den Nationalsozialismus gerichtet war vor allem eine Passage aus der 5. These:

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“

Gegen die deutschen Christen richtete sich der dann folgende Satz:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als soll und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“

Barths Opposition gegen den Nationalsozialismus führte dazu, dass er den uneingeschränkten Treueid auf den Führer verweigerte. Daraufhin wurde er von seinen Lehrpflichten in Bonn suspendiert und aus seiner Professorenstelle entfernt.

Drei Tage nach seiner Kündigung in Bonn erhielt er ein Angebot auf einen theologischen Lehrstuhl der Universität Basel, den er sofort annahm. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1962.

In diesen Jahren in Basel war er unendlich produktiv und verfasste zahlreiche Werke, worunter die vier Bände der „Kirchlichen Dogmatik“ zu den bedeutendsten zählen.

Die Theologie ist für Barth vollkommen abhängig von Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus. Dies ist ihre einzig mögliche Grundlage. Wir müssen zunächst glauben und können erst dann versuchen zu verstehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.

Diesen theologischen Ansatz haben wir auch mit dem Zitat aus seinem Römerbrief in unserem Plakat zur heutigen Andacht deutlich gemacht:

„Jesus Christus ist unser Herr, das ist die Heilsbotschaft, das ist der Sinn der Geschichte.“

Er lehnt die Annahme der modernen Theologie ab, dass die Rationalität des christlichen Glaubens fragwürdig oder unhaltbar sei und folglich ihre grundlegenden Begriffe aus anderen Wissenschaften ableiten müsse, wie beispielsweise der Geschichtswissenschaft oder der Philosophie.

Stattdessen sollen wir beten, dass Gott sich uns während unseres Suchens und Erforschens mit unserem endlichen Wissen und begrenzten Verständnis selbst offenbare.

Barth schreibt:

Dogmatik ist die wissenschaftliche Selbstprüfung der christlichen Kirche hinsichtlich des Inhalts ihrer eigentümlichen Rede von Gott. Es gibt keine Grundlage für die Verkündigung oder für theologische Überlegungen, abgesehen von der, die vom Wort Gottes selbst stammt.“

Im Sprechen Gottes durch die Bibel offenbart sich uns der verborgene, unaussprechliche Gott: Im Senden seines Sohnes wird Gott selbst die Offenbarung; und im Senden seines Geistes macht sich Gott den Menschen wirksam bekannt.

Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist, und nur in dem Wirken aller drei zusammen geschieht Offenbarung.

Das erfordert, dass Menschen die Augen und Ohren des Glaubens gegeben werden, damit sie die Enthüllung Gottes wahrnehmen können, der hinter dem geschöpflichen Schleier der verkündenden Menschen verborgen bleibt.

Barth schreibt:

„Denn wie Gott nicht erkannt wird und nicht erkennbar ist außer in Jesus Christus, so existiert er auch in seinem göttlichen Sein und in seinen göttlichen Vollkommenheiten nicht ohne Jesus Christus, in welchem er sowohl wahrer Gott und wahrer Mensch ist, also nicht ohne den in diesem Namen beschlossenen und vollzogenen Bund mit dem Menschen. Man hätte Gott nicht vollständig, man hätte ihn darum gar nicht erkannt, wenn man ihn nicht als den Stifter und Herrn dieses Bundes zwischen ihm und dem Menschen erkannt hätte.“

Wir müssen gegenüber dem Zeugnis der Schrift einfach so vertrauensvoll sein wie möglich und das Mysterium, das Geheimnis anerkennen, das zu der Einzigartigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus gehört.

Jesus Christus wird in seiner Bereitschaft, uns zuliebe Erniedrigung zu ertragen und somit sein priesterliches Amt als unser Stellvertreter zu erfüllen, wahrhaft und ganz als Gott offenbart. Jesus Christus wird wahrhaft und ganz als Mensch offenbart, wenn er in der Erfüllung seines königlichen Amtes zu der Gemeinschaft mit Gott erhöht wird. Jesus Christus wird als eine Person, göttlich und menschlich, offenbart, indem er uns und für uns durch den Heiligen Geist sich selbst gibt.

Die Zuteilung göttlicher Erneuerung und Erlösung des Menschen sieht Barth als das Wirken des Heiligen Geistes in der Versammlung der Gemeinde, also dass Individuen nur in der Gemeinschaft von Christusanhängern „Christen“ sein können.

Was bedeutet das für unser Handeln in der Welt, also ethisch?

Dem Namen Jesus den ethischen Vorrang zu geben, heißt zu fordern, dass wir uns bei unseren Handlungen immer fragen sollen: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Wir sollen das tun, was der Gnade Gottes entspricht. Wir sollen mit unserem Tun Rechenschaft ablegen dieser Gnade gegenüber. Ihr allein sind wir verantwortlich. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet.

Gemäß dieser Maxime wendete sich Barth kompromisslos gegen die verbrecherische Herrschaft der Nationalsozialisten.

Mit Misstrauen verfolgte er nach dem Krieg den politischen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland und seine restaurativen Tendenzen. „Viel Geld und wenig Geist“ kommentiert er den Wiederaufbau in einem Interview.

Er äußerte sich kritisch zur Aufrüstung, zu Fragen atomarer Bewaffnung, zum prinzipiellen Antikommunismus des Westens. Er kontert den Vorwurf, er sei Kommunist geworden: Die Probleme der Welt würden nicht durch Abwehrideologien des christlichen Abendlandes, sondern nur durch eine bessere Gerechtigkeit gelöst. Der Christ stehe um des Menschen willen zwischen den Fronten. In der Entwicklung der Evangelischen Kirche beobachtete er mit Sorge die restaurativen Tendenzen.

Im Jahre 1969 sollte Karl Barth auf einer Ökumenischen Woche vor katholischen und reformierten Christen einen Vortrag halten. Er wollte ihn unter das Motto stellen: „Aufbrechen, Umkehren, Bekennen.

Am Abend des 9. Dezember 1968 unterbricht er seine Arbeit an diesem Vortrag. In der Nacht darauf ist er gestorben.

Hans Küng berichtet auf der Trauerfeier von einem Gespräch mit ihm. Er sagte:
“Wenn einmal der Tag kommt, da ich vor meinen Herrn zu treten habe, dann werde ich nicht mit meinen Werken kommen, mit meinen Dogmatikbändchen auf dem Rücken in der Hutte, im Rückentragekorb. Da müssten alle Engel lachen. Dann wird ich aber auch nicht sagen: Ich habe es immer gut gemeint, ich hatte den guten Glauben. Nein, dann werde ich nur das eine sagen: Herr, sei mir armem Sünder gnädig.“

Rolf Polle