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Apostelandacht zu Heinrich Albertz

Apostelandacht zu Heinrich Albertz, gehalten am 31. Januar 2010

Heinrich Albertz wurde 22. Januar 1915 in Breslau geboren, also vor fast genau 95 Jahren. Sein Vater war der bereits 69jährige reformierte Hofprediger Hugo Albertz, seine Mutter Elisabeth dessen zweite Ehefrau, 33 Jahre jünger als der Vater.

Das Elternhaus war stark monarchistisch geprägt. Pflichterfüllung, Gehorsam, Verlässlichkeit und Fleiß waren die Erziehungsideale preußischer Pastorenfamilien.

Auch nach dem Tod des 77jährigen Vaters blieb er mit seiner Mutter in Breslau.

Von besonderer Bedeutung für ihn war eine Begegnung mit dem viel älteren Stiefbruder in Berlin Anfang 1933, wo dieser als Oberpfarrer an der St. Nikolai-Kirche und als Superintendent des Kirchenkreises tätig war.

„Ich verdanke es ja nur meinem sehr viel älteren Stiefbruder, dass der mich fix 1933 bei einem Spaziergang hier durch den Brieselangschen Forst bei Spandau darüber belehrt hat, dass ein Albertz nie Nationalsozialist werden könnte. Als ich da aufmüpfig wurde, hat er mir dies sogar mittels einer Ohrfeige klargemacht.“

Im gleichen Jahr begann er mit dem Studium der Theologie zunächst in Breslau, wechselte dann nach Halle und Berlin.

Besonders die Schriften von Karl Barth beeinflussten Albertz nachhaltig. Seine sonstigen Interessen und sein Einsatz für die Bekennende Kirche hielten ihn aber von konzentrierter Arbeit ab. Er bracht vielfach als Kurier konspirativ Briefe ins Ausland.

Nach dem bestandenen 1. Theologischen Examen bekam er zunächst eine Stelle als Lehrvikar in Berlin.

1939 heiratete Albertz, das Ehepaar bekam drei Kinder.

Schließlich wurde Albertz Pfarrer im Auftrag der Bekennenden Kirche in der Patronatsgemeinde einer adligen Familie in Schlesien.

In einer Predigt sagte er 1941 über den seit 1937 inhaftierten Martin Niemöller: „Wir können stolz sein, dass Martin Niemöller ein Pfarrer unserer Kirche ist und bleibt.“

Das führte zu seiner Festnahme und Verurteilung zu zwei Monaten Haft. Noch im Gerichtssaal entschied er sich zum Eintritt ins Militär. Die Strafe musste er deshalb nicht in einem Konzentrationslager absitzen, sondern in der Festung Glatz. Aufgrund der guten Verbindungen seines Patrons wurde Albertz nie an die Front versetzt, sondern blieb Mitarbeiter in der Schreibstube des Chefs der Heeresgruppe Süd, beim General von Grohmann.

Unmittelbar nach dem Kriegsende machte er sich von Bayern aus auf den Weg ins niedersächsische Celle, um dort die Familie wiederzutreffen. Durch die Bekanntheit seines Stiefbruders wurde Albertz von der Kriegsgefangenschaft verschont und am 1. August 1945 Flüchtlingspfarrer in Celle.

Nur zwei Monate später übernahm er auch das städtische Flüchtlingsamt; die englische Besatzungsmacht berief ihn schließlich in den neuen Celler Stadtrat.

Von 1946 bis 1948 war er Leiter des Flüchtlingsamtes für den Regierungsbezirk Lüneburg.

1946 trat er in die SPD ein, denn nach seiner Ansicht ließ sich das Flüchtlingsproblem nur politisch und im Rahmen einer Partei lösen.

Er ging zur Sozialdemokratie, überzeugt, dass Sozialisten sich um leidende und bedürftige Menschen kümmerten und dadurch Gottesdienst betrieben wie die Kirche selbst. Diese Überzeugung teilte er mit seinem Vorbild Karl Barth.

1950 wählten ihn die Delegierten eines SPD-Bundesparteitags in den Parteivorstand.

Albertz ergriff Partei für Martin Niemöller gegen die Politik der Westintegration Adenauers. Er wurde um der deutschen Einheit willen zum erbitterten Gegner der Wiederbewaffnung, zum Feind der Westbindung, zum Anhänger der Blockfreiheit und Kämpfer für eine aktive Wiedervereinigungspolitik.

Als die SPD in Niedersachsen in die Opposition musste, nahm Albertz im Mai 1955 ein Angebot aus Berlin an, Senatsdirektor beim Senator für Volksbildung zu werden.

Kurz darauf wurde er der erste Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt.

1959 wurde er Chef der Senatskanzlei.

Am 13. August 1961 errichtete die DDR die Berliner Mauer. Albertz war schockiert über die zurückhaltende Art und Weise, mit der die Alliierten und Bundeskanzler Adenauer diese Vorgänge aufnahmen. Es bestärkte ihn, in der Berlinpolitik fortan eigene, von Bonn unabhängige Wege zu gehen. Nach seiner Überzeugung ließ sich die Einheit der Nation nur bewahren, wenn man von zwei deutschen Staaten ausging, die miteinander verhandelten. Das war damals in der Bundesrepublik auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs eine Außenseitermeinung, die auf wütenden Protest in der Öffentlichkeit stieß.

Die Lage in Berlin spitzte sich weiter dramatisch zu, als am 17. August 1962 der Ost-Berliner Arbeiter Peter Fechter nach einem Fluchtversuch von Grenztruppen der DDR angeschossen wurde und im Stacheldraht verblutete. Über eine Stunde lang hatte der Verletzte auf Ost-Berliner Gebiet gelegen, ohne dass ihm geholfen wurde. Bei den nun folgenden Massendemonstrationen auf Westberliner Seite ließ Albertz mit einem großen Polizeiaufgebot die Mauer schützen.

1966 wurde Willy Brandt Außenminister der Großen Koalition in Bonn. Heinrich Albertz trat seine Nachfolge als Regierender Bürgermeister von Berlin an.

Er entmachtete zügig den rechten Parteiflügel der SPD. Interne Konflikte und Richtungsstreitigkeiten in der SPD erschwerten ihm die Arbeit; aber auch er selbst provozierte seine innerparteilichen Gegner gern. So versuchten etliche Parteifreunde mit allen Mitteln, Albertz zu stürzen.

Bei Demonstrationen von Studenten aus Anlass eines Besuchs des Schah von Persien kam es zu heftigen Schlägereien zwischen den Demonstranten und den eigens für den Besuch eingeflogenen „Jubelpersern“. Die Polizei war von Albertz angewiesen, mit aller Härte durchzugreifen; die Demonstrationen wurden schließlich mit Gewalt aufgelöst: Dabei kam der Student Benno Ohnesorg ums Leben. Der Polizeipräsident sprach von der Notwehr eines lebensgefährlich bedrohten Polizeibeamten und einem Warnschuss, der als Querschläge den Studenten getroffen habe. Es war aber ein gezielter Schuss, wie sich schnell herausstellte.

Albertz versuchte zunächst, das Vorgehen der Polizei öffentlich zu rechtfertigen. Als er aber mitbekam, dass er getäuscht worden war, änderte sich seine Haltung. Er fühlte sich schuldig an den gewalttätigen Auseinandersetzungen und bekannte das auch öffentlich, was ihm scharfe Kritik aus allen politischen Lagern und aus der Öffentlichkeit eintrug.

Albertz empfand: Er hatte nicht auf seinen Gott gehört, wie es das erste Gebot fordert, sondern mehr auf seinen Polizeipräsidenten.

Der Berliner Bischof Kurt Scharf war in diesen Tagen sein engster Berater, Seelsorger und Freund. In seiner letzten Rede vor dem Abgeordnetenhaus bekannte Albertz schließlich:

„Ich glaube, ich bin hart geworden in diesen Monaten, zuerst gegen mich selbst, um durchzuhalten, was in dieser Stadt und in dieser Lage auf den Regierenden Bürgermeister zukommt. Aber ich habe auch gelernt, wie fragwürdig pauschale Forderungen sein können, in Entscheidungslagen, wo nicht Härte oder Weichheit das Problem ist, sondern das Richtige oder das Falsche zu tun. An mir selbst dargestellt: Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war, in jener Nacht des 2. Juni, weil ich dort objektiv das Falsche tat.“

Nach den Rücktritten von zwei Senatoren fand Albertz keine Mehrheit für die Neubildung des Senats und trat selbst zurück, nach nur 285 Tagen im Amt.

Für Albertz war das erste Gebot eine zentrale Richtschnur in seinem Leben:

Er schreibt: „

„Das erste Gebot hat immer seine schneidende Rolle gespielt, schneidend und heilend zugleich und war schließlich auch der tiefste Grund für mein Ausscheiden aus der Versuchung der Macht im Jahre 1967 in Berlin“.

Sein Freund Bischof Scharf bat ihn danach, gemeinsam mit Günter Grass als Vermittler zwischen den Staatsorganen und den Studenten tätig zu werden. Zusammen mit anderen erreichte er schließlich auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in der Stadt die Aufhebung eines Demonstrationsverbotes per Richterspruch und beruhigte damit die Lage, so dass die Demonstration friedlich verlief.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im Frühjahr 1968 bekannte er auf einer Versammlung von Studenten:

„Ich spreche als einer, der viele bittere Enttäuschungen mit sich selbst und mit anderen erlebt hat und der trotzdem glaubt, dass noch nicht alles verloren ist.“

Er wurde von den Protestierenden als Vermittler akzeptiert und ergriff nun immer häufiger das Wort, um zu brisanten Fragen Stellung zu beziehen.

Der Rücktritt vom Amt des Regierenden Bürgermeisters und das Eingeständnis des Scheiterns veränderten Albertz tiefgreifend. Das Kalte, Unnahbare wich.

Psalm 23 und das 1. Gebot erneuerten noch einmal seine Grundlage von Glauben und Leben.

„Auf Herrschenwollen verzichten“:

 Die radikale Befreiung, die wir erfahren, wenn wir uns auf den Gott des ersten Gebotes einlassen, macht uns zugleich frei von jeder ernsthaften Angst. Nicht dass wir uns nun gar nicht mehr fürchten würden. Aber wir lernen, uns nicht mehr zu fürchten, als es unbedingt notwendig ist. Die Freiheit Gottes schenkt uns im letzten unerschütterliche Gelassenheit.

 Wenn wir begriffen haben, dass es nur einen wirklichen Herrn gibt, haben wir es leichter, auf das eigene Herrschenwollen zu verzichten. Die Beherrschung des Menschen durch Menschen ist eine zutiefst unchristliche Sache – ich wiederhole: auch wenn sie im christlichen Gewande auftritt.

1974 berief ihn die Berliner Kirchenleitung als Pfarrer an die Johannes-Gemeinde in Schlachtensee, in der er bis zu seiner Pensionierung tätig war.

Im Februar 1975 entführten Terroristen den CDU-Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Berlin, Peter Lorenz. Sie verlangten, dass Albertz als Garant für die Erfüllung ihrer Forderungen nach Freilassung der inhaftierten Gesinnungsgenossen mit zum vereinbarten Übergabeort fliegen sollte.

Am Sonntag predigte Albertz noch im Gottesdienst seiner Schlachtenseer Gemeinde. Abends flog er nach Frankfurt und von dort mit den freigelassenen Gefangenen nach Aden. Das Fernsehen übertrug den Abflug live. Nach seiner Rückkehr von der abenteuerlichen und gefährlichen Reise wurde der entführte Peter Lorenz von den Terroristen freigelassen.

Mit Kurt Scharf und Helmuth Gollwitzer blieb Albertz anschließend weiter im Gespräch mit den RAF-Terroristen. Er besuchte sie in den Gefängnissen, denn: „Sie sind doch unsere Söhne und Töchter!“

In der folgenden Zeit wurde Heinrich Albertz zur „Klagemauer der Nation“. Plötzlich sollte der Pfarrer überall dort helfen, wo junge Menschen glaubten, kein Gehör zu finden.

1979 ging er in den Ruhestand. Nach wie vor hielt er aber Gottesdienste in Berlin-Schlachtensee und engagierte sich in der Friedensbewegung gemeinsam mit Helmut Gollwitzer, Kurt Scharf, Heinrich Böll, Walter Jens und anderen gegen den Nachrüstungsbeschluss der NATO. Mit weiteren Prominenten beteiligte er sich im September 1983 an der Blockade des US-Atomwaffendepots in Mutlangen.

1986 siedelte das Ehepaar Albertz nach Bremen in ein Altenheim über. Auch hier war er noch Pastor, predigte häufig in der Kirche St. Stephani. Er nahm er am politischen Tagesgeschehen teil, fuhr zu Vorträgen.

Regelmäßig sprach er im Fernsehen das „Wort zum Sonntag“, war Referent, Mahner und Diskutant bei den „Deutschen Evangelischen Kirchentagen“ und verfasste viele Bücher, veröffentlichte seine Predigten, Reden und Vorträge.

Dennoch ist es vor allem die Ruhe des Lebensabends, die Entdeckung der Langsamkeit, die die letzten Jahre prägten:

Er schrieb in seinem Buch „Am Ende des Weges, Nachdenken über das Alter“:

„Sorgt nicht um euer Leben“ – was heißt das also? Es bedeutet wohl zuerst eine schier unglaubliche Freiheit von der Lebensangst. Der Mensch, der dem Jesus Christus begegnet ist, kann mit seiner Furcht fertig werden. Aber Furchtlosigkeit heißt nicht Lethargie, nicht Resignation, nicht Wurstigkeit. Freiheit von dieser Angst heißt durchaus, im Getümmel stehen, redend, handelnd, Partei ergreifend, aber zugleich wissend, Partei, Auseinandersetzung, Leistung, Karriere, der Ablauf der Jahre, das Altwerden, der Tod – das ist alles nicht das Letzte, nicht das Ziel, nicht die Mitte und der Sinn. Mitte und Sinn gibt der, der in unserem Evangelium redet, der selbst dieses Evangelium ist. Was wir tun oder nicht tun, ist Widerschein, Abglanz, Spiegel in einem dunklen Wort. Freiheit von Lebensangst, von kleiner bedrückender, auf den Tag schauender Sorge ist eben die königliche Freiheit der Kinder Gottes, von der das Neue Testament von der ersten bis zur letzten Zeile redet.“

Und er genießt die ihm vergönnte Ruhe:

„Nichts ist schöner, als mit dir in der Abendsonne auf einer Bank zu sitzen - dicht am Hause vor unserer schönen Wiese, in dem herrlichen Park ganz in unserer Nähe, im alten Riensberger Friedhof. Wir erzählen uns die alten Geschichten, von Glück und Unglück in unserem Leben, von Kindern und Enkeln. Wir sehen in die grünen Bäume hinauf, wie Dome über uns gewölbt, ins Wasser zu unseren Füßen, und sehen in seinem Spiegel den Himmel auf Erden«

Ein Krebsleiden machte Albertz schwer zu schaffen. Er verlor aber nicht die Hoffnung, den Gedanken an die Erlösung:

„Jesus Christus hat gesagt, dass es eine Hoffnung gibt. Eine unbeschreibliche, unbeschreibliche Hoffnung: dass das Leben weitergeht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass wir im Sterben nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes.“

Er starb am 18. Mai 1993 im Alter von 78 Jahren im Kreis seiner Familie. In seinem Leben hat er das demokratische Profil der Bundesrepublik und den Protestantismus über die Grenzen des Landes hinaus entscheidend mitgeprägt.

In seiner Traueranzeige stand das Wort aus dem Psalm 23, wie ein Schlüssel zu seinem Leben, zu seinem Wirken, seinem Leiden und auch seinem Sterben: „Und ob ich schon wandere im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Rolf Polle