Nachrichten und Berichte

 

In dieser Rubrik finden Sie Nachrichten, die die gesamte Gemeinde betreffen, Aktuelles, das im Gemeindebrief noch nicht veröffentlicht werden konnte, oder Entwicklungen, die wir für so wichtig halten, dass wir sie hier erwähnen.

 

 
 

Apostelandacht zu Elisabeth Schmitz

Apostelandacht zu Elisabeth Schmitz, gehalten am 12. September 2010

Im Herbst des Jahres 2004 wurde zufällig in Hanau am Main in einem Kellerraum eines Kirchengebäudes eine offenbar herrenlose Aktenmappe aufgefunden. Sie musste seit vielen Jahren in diesem Raum gelegen haben, denn sie war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Auf ihr lag ein großer Zettel mit der Aufschrift „Nachlass Dr. Elisabeth Schmitz“.

Die Aktenmappe war prall gefüllt mit sieben Ordnern und einer Vielzahl Unterlagen verschiedenster Art. Und kaum jemand wusste damals überhaupt noch, wer diese Dr. Elisabeth Schmitz gewesen war.

Man fand darin auch Schulhefte, in denen sie handschriftlich eine Denkschrift mit dem Titel „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ verfasst hatte. Diese Denkschrift war zwar schon bekannt, aber einer anderen Autorin zugeschrieben worden.

Nun begannen sich Kirchenhistoriker für sie zu interessieren und erkannten, welchen wichtigen Beitrag sie mit dieser Denkschrift und mit ihrer Tätigkeit für die Bekennende Kirche geleistet hatte.

Man entriss sie buchstäblich der Vergessenheit. Im November 2005 weihte der Hanauer Oberbürgermeister für die 1977 Gestorbene ein Ehrengrab und einen Gedenkstein und hielt eine Rede. Aufsätze und Zeitungsartikel erschienen über sie. Und im Mai 2007 fand anlässlich ihres 30. Todestages in Berlin eine Fachtagung über ihre Bedeutung für den kirchlichen Widerstand statt. Die dort gehaltenen Vorträge wurden 2008 in einem Buch dokumentiert. Im gleichen Jahr drehte ein Amerikaner einen Dokumentarfilm über sie, und Bundeskanzlerin Angela Merkel erwähnte sie in ihrer Rede zum 70. Jahrestag der Reichsprogromnacht im November 2008. Vor etwa 3 Monaten erschien schließlich eine umfangreiche Biografie über ihr Leben.

Ihr Biograf Manfred Gailus schreibt darin, dass sie es verdient hätte, in eine virtuelle protestantische Heiligen- und Heldengalerie aufgenommen zu werden.

Wer war also diese Frau?

Elisabeth Schmitz wurde 1893 als jüngste Tochter eines Gymnasialprofessors in Hanau geboren. Alle drei Schmitz-Töchter besuchten standesgemäß eine vornehme private „Höhere Mädchenschule“ in Hanau.

Seit 1908 wurden in Preußen viele gymnasiale Mädchenschulen gegründet, die zum Abitur führten – nicht jedoch in Hanau. So musste die 15jährige Elisabeth auf ein Mädchengymnasium in Frankfurt wechseln und täglich einen langen Schulweg in Kauf nehmen, um dort nach 5 Jahren Abitur zu machen. Sie nahm sich ihre Religionslehrerin zum Vorbild: unabhängig und selbstbewusst, klug und gebildet, berufstätig, modern und frei.

Ein Theologiestudium im Hauptfach für Frauen war damals noch undenkbar. So studierte sie zunächst in Bonn mit dem Ziel Gymnasiallehrerin das Fach Germanistik. Als Nebenfächer wählte sie Geschichte und Evangelische Theologie.

Im April 1915 wechselte sie nach Berlin und studierte dort bei den berühmten Kulturprotestanten Adolf von Harnack und Friedrich Meinecke. Anfang 1920 schloss sie ihr Studium mit dem Doktorexamen ab.

Anschließend begann sie ihren Vorbereitungsdienst für das Höhere Lehramt mit dem Ziel Studienrätin und absolvierte zugleich ein zweites, freiwilliges Ergänzungsstudium an der Theologischen Fakultät.

Nach Abschluss ihres Vorbereitungsdienstes unterrichtete sie schließlich an diversen, häufig wechselnden Einsatzorten in Berliner Schulen und übernahm auch kleine wissenschaftliche Nebenbeschäftigungen zur Aufbesserung ihrer Finanzen.

In diesen frühen Jahren war sie einerseits gern gesehenes Mitglied in einem Kreis von Studierenden bei Adolf von Harnack und hatte sich auch mit dessen Töchtern befreundet. Andererseits klagte sie in ihren Briefen wiederholt über ihre Einsamkeit. So schrieb sie in einem Brief nach Hanau: „Ich brauche Menschen und nicht nur Bücher!“

Von Bekanntschaften zu jungen Männern wissen wir nichts – wahrscheinlich gab es sie nicht.

Es erwartete sie das zölibatäre Leben einer Studienrätin, einer Beamtin, die vor der Zwangsalternative stand, entweder zu heiraten und dadurch den Beruf zu verlieren, oder den Beruf weiter auszuüben und dafür ledig, familienlos, kinderlos zu bleiben.

Sie bewohnte weiterhin ihre Einzimmer-Studentinnen-Möbliertwohnung; aß, arbeitete und schlief zwischen Büchern; pendelte zwischen Berlin und Hanau, im jährlichen Wechsel von Unterrichts- und Ferienzeiten.

Ihre beste Freundin war in dieser Zeit die jüngste der drei Harnacktöchter, mit der sie sich häufig zum „Tee“, d.h. zum ausführlichen Erzählen traf, mit der sie sich brieflich austauschte. Das Briefeschreiben wurde ihr zur eigentlichen Kommunikationsform und zum idealen Ausdrucksmittel. Und nur durch diese Briefe wissen wir noch etwas von ihrem Leben.

Fotos aus dieser Zeit zeigen das Gesicht einer Studienrätin: schmal, Brille, nicht unbedingt ein Blickfang für heiratswillige Männer; insgesamt eine ausgesprochen evangelisch-pfarrfrauenhafte Erscheinung. Der weibliche Körper wurde von ihr nicht nur verhüllt, sondern geradezu versteckt. Er hatte zu funktionieren für den Dienst, für den Geist, ansonsten galt es, ihn zu neutralisieren.

1929 erhielt sie schließlich nach vielen befristeten Verträgen eine Planstelle in Berlin und wurde zur Studienrätin ernannt. So erlangte sie endlich mit 35 Jahren finanzielle Sicherheit und konnte 1933 eine angemessene Berliner Wohnung beziehen.

In diesem Mietshaus wohnte auch die Ärztin Dr. Martha Kassel. Sie war zwar evangelisch getauft, aber jüdischer Herkunft. Deswegen verlor sie ihre kassenärztliche Zulassung und konnte die Miete für ihre Wohnung nicht mehr zahlen.

Elisbeth Schmitz nahm im Herbst 1933 die 13 Jahre Ältere in ihre Wohnung auf.

Schmitz schreibt:

„Gestern abend war Frau Dr. Kassel wieder ganz verzweifelt. Sie sagte immerfort vor sich hin: ‚Warum hassen sie uns denn nur so? Ich kann es gar nicht verstehen.’ Sie fühlt sich gar nicht als Jüdin, hat es nie getan und ist so fassungslos, dass man sie trennen will vom Deutschtum, wo sie doch deutsche Literatur und Kunst und Landschaft und alles so liebt.“

Das war für Elisabeth Schmitz der erste wesentliche Schock nach wenigen Monaten „nationaler Revolution“, den sie hautnah zu spüren bekam. Er ließ sie diese Zeit aus der Perspektive der Ausgegrenzten und Verfolgten wahrnehmen.

Ein weiterer Bezugspunkt war die Theologie Karl Barths. Er hatte für sie nach dem Tod ihres Mentors Adolf von Harnack die Rolle einer neuen geistigen Vaterfigur eingenommen.

Karl Barth war 1933 noch Professor in Bonn. Elisabeth Schmitz schrieb ihm:

„Verzeihen Sie, dass ich als Ihnen gänzlich Unbekannte an Sie schreibe. Aber es drängt mich dazu aus der tiefen Not der Zeit heraus. In meinem engsten Freundeskreis erlebe ich erschütternd schwer die Folgen der Judenverfolgung. Die Flut von Undankbarkeit, Ungerechtigkeit, Hass, Lüge, Grausamkeit, die über unsere jüdischen und von Juden abstammenden Volksgenossen hereinbricht, scheint mir ein so furchtbarer Beweis von Sünde und Schuld der ‚christlichen’ Seite, dass uns doch wohl noch in anderm Sinne als sonst Todesangst erfassen müsste vor dem Gericht Gottes. Aber die Kirche feiert Ostern in der Siegesstimmung, die augenblicklich durch unser deutsches Volk geht.“

Abschließend fragte sie den renommierten Theologen, dessen Stimme in Deutschland am meisten gehört werde, ob er nicht etwas tun könne, um die Gewissen wach zu rütteln.

Barth antwortete ausweichend diplomatisch.

Anlässlich der letzten Kirchenwahlen vom Juli 1933 kam Schmitz in die Gemeindevertretung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde. Dort wurde sie Mitglied der Bekennenden Kirche und traf sich regelmäßig mit Gleichgesinnten in verschiedenen Kreisen.

Jüdische Schülerinnen wurden in dieser Zeit laufend diskriminiert und mussten nach und nach die Schule verlassen. Schmitz und manche Kolleginnen nahmen sie so weit wie möglich in Schutz. Die Schulleiterin wurde wegen ihrer linken politischen Haltung abgesetzt. Trotz Kontaktverbots traf man sich aber regelmäßig privat bei ihr.

Das Jahr 1935 wurde für Elisabeth Schmitz sehr entscheidend. In den Sommerferien fasste sie den Entschluss, eine umfassendere Stellungnahme zur Lage der Juden in Deutschland auszuarbeiten. Sie verfasste eine Denkschrift für die Bekennende Kirche.

Im ersten Abschnitt „Die innere Not“ schildert sie die Aufhetzung der öffentlichen Meinung und die Folgen der Verhetzung. Sie präsentiert eine Zitatenkollage aus NS-Blättern über antijüdische Maßnahmen und Artikel sowie Reden der NS-Führer.

Sie zitiert Berichte über rassistische Maßnahmen und Kundgebungen im Bereich der Medizin und der Ärzteschaft und schließt die Zitatensammlung mit folgenden Worten:

„Wer ruft die Gemeinden und unser ganzes Volk zurück zu dem, nach dem alles Christentum sich nennt? Zu dem, der seiner Kirche gerade den Samariter, den „artfremden“, verachteten Mischling“ als das große Beispiel der Barmherzigkeit, des praktischen Christentums hinstellt? Zu dem, der gesagt hat: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst – und gegen dessen Gebote es sich empört? Und wer von uns wagt, sich zu sondern von seinem Volk, das diese Schuld auf sich lädt? Dieses Volkes Schuld ist auch unsere Schuld.“

Im zweiten Abschnitt „Die äußere Not“ werden Folgen der Gesetzgebung beschrieben, wiederum mit zahlreichen Beispielen: die berufliche Not durch das Berufsbeamtengesetz, die wirtschaftliche Not durch den Boykott. Sie schließt diesen Abschnitt:

„Was sollen wir antworten einst auf die Frage: ‚Wo ist Dein Bruder Abel?’ Es wird auch uns, auch der Bekennenden Kirche keine andere Antwort bleiben als die Kainsantwort.“

Im dritten Abschnitt „Die Stellung der Kirche“ fasst sie zusammen, was sie angesichts aller dieser Ereignisse und Maßnahmen zum weitgehenden Schweigen der Bekennenden Kirche zu sagen hat. Einer Judenverfolgung im Namen von Blut und Rasse müsse notwendigerweise eine Christenverfolgung folgen.

„Warum tut die Kirche nichts? Warum lässt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politische Bekenntnisse sind und sich gegen das Leben eines Teils ihrer eigenen Glieder richten? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein? Menschlich geredet bleibt die Schuld, dass alles dies geschehen konnte vor den Augen der Christen, für alle Zeiten und vor allen Völkern und nicht zuletzt vor den eigenen künftigen Generationen auf den Christen Deutschlands liegen.

Seit wann hat der Übeltäter Recht, seine Übeltat als den Willen Gottes auszugeben? Seit wann ist es etwas anderes als Gotteslästerung zu behaupten, es sei der Wille Gottes, dass wir Unrecht tun? Hüten wir uns, dass wir den Greuel unserer Sünde nicht verstecken im Heiligtum des Willens Gottes. Es könnte sonst wohl sein, dass auch uns die Strafe der Tempelschänder träfe, dass auch wir den Fluch dessen hören müssten, der die Geißel flocht und trieb sie hinaus.“

Elisabeth Schmitz überreichte ihren Text am 5. September 1935 einem Pfarrer in Berlin zur weiteren Verwendung im Raum der Bekennenden Kirche.

Die Denkschrift soll wohl der dritten altpreußischen Bekenntnissynode in Berlin-Steglitz übergeben worden sein. Doch der Synode ging es um die Kirche selbst, nicht um die rassisch verfolgten Menschen. Um der Existenz der Kirche willen hielten die meisten es für inopportun, etwas gegen die Politik des NS-Staates zu sagen.

Vermutlich kursierte das anonyme Papier zunächst in wenigen Exemplaren. Dietrich Bonhoeffer übersandte jedenfalls ein Exemplar an einen Pfarrer in London.

---------------Musikstück, Kirchenlied??-----------------

Elisabeth Schmitz entschloss sich, weiteres Material zu sammeln und die Denkschrift um einen Nachtrag mit dem Titel „Folgen der Nürnberger Gesetze“ zu ergänzen. Sie hatte einen Vervielfältigungsapparat erworben, schrieb den Text auf Matrize und stellte in ihrer Wohnung eigenhändig etwa 200 Exemplare her. Ein Teil davon wurde auf der Arbeitskonferenz der Bekennenden Kirche in Brandenburg im Juni 1936 verteilt. Andere gelangten an einflussreiche Einzelpersönlichkeiten der Kirchenopposition.

Mit dem Verfassen und der subversiven Verbreitung ihrer Denkschrift hatte sie entschiedenen Widerspruch gegen zentrale Politikziele des NS-Regimes geleistet, eine riskante Aktion, deren Aufdeckung ihr mindestens mehrjährige KZ-Haft eingebracht hätte.

Im Herbst 1937 sprach sich herum, dass sie mit einer ‚nichtarischen’ Ärztin zusammenwohnte. Nach einer Denunziation durch den Blockwart vernahm die Parteileitung die Lehrerin. Der Groß-Gau Berlin verlangte die sofortige Entlassung der Lehrerin und überwies den Vorgang an die Schulbehörde. Sie wurde vorgeladen und traf zum Glück auf einen verständnisvollen Schulbeamten. Erforderte sie auf, zur Besänftigung der NSDAP in die NS-Volkswohlfahrt einzutreten. Das tat sie auch, worauf die Behörde den Vorgang als erledigt erklärte.

Im Jahr 1938 verließ Martha Kassel schließlich die gemeinsame Wohnung und kam bei einem jüdischen Arzt unter, den sie heiratete und mit dem sie im Dezember 1938 nach Argentinien emigrierte.

Die Tage um die Reichspogromnacht im November 1938 versetzten Elisabeth Schmitz in einen permanenten Erregungs- und Unruhezustand, der sie krank machte. Am 9. November betrat sie zum letzten Mal die Schule und ließ sich anschließend krankschreiben. Ihre Ärztin bescheinigte ihr einen Nervenzusammenbruch. In den Weihnachtsferien schrieb sie dann einen Antrag auf Frühpensionierung, dem auffällig schnell stattgegeben wurde. Ab April 1939 war Elisabeth Schmitz im Alter von 45 Jahren frühpensioniert und erhielt ein Ruhegehalt.

Nach ihrer Pensionierung verstärkte sie ihr Engagement in der Kirchenopposition und war Teil der Dahlemer Gemeinde der Bekennenden Kirche.

Sie erhielt den gefährlichen Auftrag, Religionsunterricht an Juden zu erteilen, die sich taufen lassen wollten und tat dies mit Hausbesuchen in den sogenannten „Judenwohnungen“, weil kirchliche Räume nicht genutzt werden durften. Damit erlangte sie tiefe Einblicke in jüdische Schicksale. Anlässlich einer Gedenkfeier in einer Hanauer Schule im Jahre 1950 berichtete sie:

„Von einem jungen Mädchen möchte ich erzählen, die auch zu denen gehörte, die der NS glaubte als ‚Untermenschen’ ausrotten zu dürfen. Sie war verlobt mit einem Ingenieur, der Christ, aber der Abstammung nach Jude war. Ihr Verlobter lebte ihr sein Christentum so eindrucksvoll vor, dass sie wünschte, getauft zu werden. Das war längst verboten und musste in tiefer Heimlichkeit geschehen. Ich gab ihr den Unterricht und denke oft und gern zurück an diese Stunden, an den Ernst und die Aufgeschlossenheit des jungen Mädchens. Meist war auch ihr Verlobter dabei. Sie heirateten. Die Trauung und Taufe der jungen Frau vollzog ein Pfarrer der Bekennenden Kirche. Längst hatten die Deportationen schon angefangen, aber die beiden waren noch nicht dabei. Die junge Frau erwartete ein Kind. Am 3. Tag nach der Geburt kamen die Männer, um sie zu holen. ¾ Stunden lang brauchten sie, um zu telefonieren und Befehle einzuholen und einzusehen, dass das schlechterdings nicht möglich war. Der kleine Junge wuchs und war gesund, obwohl seine Mutter nur ein wenig Magermilch für ihn bekam. Er war ein reizendes Kind. Sie fuhr es spazieren und obwohl sie den Judenstern trug, wurde sie doch um des netten Kindes willen manchmal angesprochen. Da macht ihr Mann ihr klar, dass sie sich und die andern in höchste Gefahr bringe, sobald jemand anzeige, dass andere mit ihr sprächen. Da fuhr sie ihr Kind nicht mehr aus, sondern ließ es im Zimmer in seinem Körbchen. An dies Zimmer muss ich immer wieder denken. Das Seitengebäude des Hauses war bei einem schweren Angriff ausgebrannt. Ruinen starrten herein. Aber innen wohnte der Friede. Ich stand mit der jungen Mutter vor dem Körbchen des schlafenden Kindes, seine Atemzüge waren das einzige, was man hörte, so still war es. Sie glaubte so zuversichtlich, dass Gott das Kind nicht habe geboren werden lassen, um es gleich wieder zu sich zu nehmen. Mir aber zerriss es das Herz, wenn ich daran dachte, welchem furchtbaren Schicksal dies Kind entgegen schlief, und ich hatte keine Hoffnung. Als ich das nächste Mal kam, war die Wohnung leer. Sie waren nach Theresienstadt transportiert worden, aber, wie wir nach dem Zusammenbruch hörten, von dort weiter nach Polen zur Vergasung. Wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört.“

Die Zusammenkünfte ihrer Kreise in der Bekennenden Kirche wurden zunehmend von der Gestapo überwacht und Ende 1942 definitiv verboten.

Im April 1943 siedelte sie nach Hanau in ihr Elternhaus um.

Nach Kriegsende arbeitete sie zielstrebig daran, mit häufigen Briefwechseln ihre alten Kontakte wieder aufzunehmen, manche Briefpartner besuchte sie auch.

Ostern 1946 wurde sie wieder als Lehrerin reaktiviert am Realgymnasium für Mädchen in Hanau.

Wie früher las sie viel und nahm Anteil an Debatten, fuhr wiederholt nach Bonn, um Vorlesungen von Karl Barth zu hören.

Es ist aus der Rückschau allerdings schwer nachzuvollziehen, warum sie sich zu dieser Zeit nicht als diejenige zu erkennen gab, die 1935/36 die anonyme Denkschrift gegen die Judenverfolgung geschrieben hatte.

In der Schulverwaltung und wohl auch an ihrer Schule genoss sie eine anerkannte, geachtete Stellung. In ihrer Personalakte steht anlässlich ihrer Wiederverbeamtung, ihr erzieherischer Einfluss und ihre entschieden christliche Einstellung seien von unschätzbarem Wert für die junge Generation. Bei Gedenkanlässen in der Schule war sie es, die um ‚den Vortrag’ gebeten wurde.

Eine Schmitz-Schülerin erinnert sich an sie:

„Sie war eine große, stattliche, streng wirkende Lehrerin in faltigem langen Wollrock und hochgeschlossener Bluse. Sie war eine bescheidene Persönlichkeit, der wir gewissen Respekt entgegen brachten und deren Klugheit wir spürten. Aber eine Lehrerin, für die wir schwärmten, war sie nicht.“

Mit Wirkung vom 1. September 1958 wurde die Oberstudienrätin Schmitz im Alter von 65 Jahren regulär in den Ruhestand versetzt. Eine angemessene Beschäftigung fand sie nun verstärkt im Hanauer Geschichtsverein. Ihre eigene Geschichte hat sie in diesem Rahmen aber niemals thematisiert.

Elisabeth Schmitz starb am 10. September 1977 in einem Offenbacher Krankenhaus im Alter von 84 Jahren. Zu ihrer Beisetzung in Hanau sollen sieben oder acht Personen erschienen sein.

Ihr Hanauer Haushalt wurde aufgelöst. Die vermutlich von ihr selbst in später Lebenszeit bewusst so gepackte und der älteren Schwester übergebene Aktentasche mit dem Wichtigsten ihres Lebens war eine Flaschenpost an die Zukunft. Sie ist angekommen.

Im alten, nationalprotestantisch geprägten Protestantismus bis 1970 musste Elisabeth Schmitz eine unbekannte Größe bleiben, eine unbequeme Außenseiterin, eine lästige Randfigur, die nicht gehört wurde. Der neue Protestantismus des 21. Jahrhunderts wird das Gedenken an diese übersehene und überhörte Frau aus den eigenen Reihen noch sehr nötig haben. Sie könnte als eine protestantische Ikone des 20. Jahrhunderts jene Würdigung finden, die ihr zu Lebzeiten leider vorenthalten worden ist.

Der für sie im Jahr 2005 errichtete Gedenkstein in Hanau trägt die Inschrift:

„Elisabeth Schmitz, 1893 bis 1977, eine mutige Hanauerin, die aus christlichem Glauben heraus wachsam war und verantwortungsbewusst handelte, die schon früh die Anfänge nationalsozialistischen Unrechts anprangerte, die ihre Kirche drängte, sich öffentlich für die Entrechteten einzusetzen, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben für Juden eintrat und sie bei sich aufnahm, in ehrendem Gedenken, Stadt Hanau, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Friedrich von Bodelschwingh

Apostelandacht zu Friedrich von Bodelschwingh, gehalten am 6. Juni 2010

Friedrich von Bodelschwingh starb schon vor genau 100 Jahren, im April 1910.

Was kann uns eine Persönlichkeit heute bedeuten, die schon so lange tot ist?

In der Tat gehört Friedrich von Bodelschwingh einer anderen Epoche an – er wurde 1830 geboren und starb mit 80 Jahren, als Kaiser Wilhelm II. noch regierte.

Aber für die Kirchen- und die deutsche Sozialgeschichte ist er eine bedeutende Persönlichkeit. Wir können uns einige Züge seiner Persönlichkeit zum Vorbild nehmen; mit anderen allerdings habe ich meine großen Schwierigkeiten und lehne sie für mich persönlich ab.

Bedeutet das „von“ in seinem Namen, dass er Adliger war?

Ja, er stammte aus einem alten westfälischen Adelsgeschlecht, das über viele Generationen Offiziere und Beamte für den preußischen Staatsdienst stellte. Auch sein Vater war ein hoher preußischer Beamter und für einige Jahre sogar Innenminister Preußens.

Friedrich wurde sogar zum Spielgefährten für den Prinzen Friedrich Wilhelm ausgewählt, dem späteren Kaiser Friedrich III.

Das Elternhaus war streng bibelgläubig und pietistisch gestimmt.

So waren es wohl die Eltern, die Friedrich das Theologiestudium nahe legten?

Nein, Friedrich trat zunächst im Einvernehmen mit seinen Eltern eine Lehre zum Landwirt an. Er lernte auf einem großen Gut in Hinterpommern. Dort erlebte er, wie die Kleinbauern von den adligen Großgrundbesitzern systematisch ausgebeutet und schließlich von ihren Höfen vertrieben wurden. Das Unrecht und die Not der Tagelöhner berührten ihn tief. Er brachte viele von ihnen beim Rübenanbau in Arbeit, verschaffte ihnen Wohnraum. Die bis dahin tätigen ortsfremden Landarbeiter entließ er und schob sie ab.

Er erlernte also nicht nur die Landwirtschaft, sondern wurde dabei auch schon sozial tätig.

Gleichzeitig verteilte er erbauliche Traktate an die Kinder.

Schon hier bildete sich seine Überzeugung heraus, dass tätige Nächstenliebe den ganzen Menschen umfassen muss; dass praktische Hilfe mit der Verkündigung des Evangeliums einhergehen muss; dass liebevolle Hinwendung und strenge Zucht zusammengehören, ebenso das Prinzip Arbeit statt Almosen.

Und wie kam es denn dazu, dass er schließlich Theologie studierte?

Friedrich wurde damals durch die Schriften der Erweckungsbewegung innerlich berührt. Er vermied die Vergnügungen des Landlebens, las in der Einsamkeit regelmäßig im Neuen Testament. Er berichtet später, dass eine fromme Schrift für Kinder mit dem Titel „Tschin, der arme Chinesenknabe“ das Berufungserlebnis in ihm ausgelöst habe. Er schreibt: „Wo ich diese einfachen Worte las, war es plötzlich, als ob mir die Schuppen von den Augen fielen in Bezug auf meinen eigenen Lebensberuf. Ich hätte bis dahin niemals auch nur einen leisen Gedanken gehabt, dass ich Pastor werden möchte. In diesem Augenblick aber wurde es mir so vollständig gewiss, dass mir Gott diesen Beruf geschenkt habe, und ich konnte Gott mit Freudentränen dafür danken.“

Es war also eine schwärmerische Stimmung, in der er beschloss, Missionar zu werden

Zudem starb in dieser Zeit sein Vater, was ihn innerlich sehr erschütterte.

Begann er dann also eine Ausbildung zum Missionar?

Eigentlich wollte er möglichst schnell als Missionar der Basler Missionsgesellschaft zu den Heiden aufbrechen, um sie zu missionieren.

Aber sein Onkel und neuer Vormund Karl von Bodelschwingh, der damalige preußische Finanzminister, drängte ihn, neben der Ausbildung im Missionshaus zugleich die Universität Basel zu besuchen und dort Theologie zu studieren.

An der Universität Basel suchte er sich Lehrer, die den Erweckungsgedanken vertraten, im Gegensatz zu den liberalen Theologen. Die moderne Bibelkritik lehnte er ab.

Er schreibt: „Es wird so viel handwerksmäßige Künstelei mit der Heiligen Schrift getrieben, dass man die stille heilige Freude an ihr verliert – und dazu kommt der konfessionelle Hader, dessen geradezu erkältende Wirkung ich nun auch habe spüren müssen.“

Später setzte er sein Theologiestudium in Erlangen und Berlin fort.

Während seines Berliner Studiums machte er zur Vorbereitung des Missionsdienstes auch eine Ausbildung in Krankenpflege und Arzneikunde.

Zu den Inhalten seines Theologiestudiums äußerte es sich später nochmals sehr kritisch. Er schreibt: „Nach zweijähriger angestrengter wissenschaftlicher Arbeit ist der Weg des Heils mir nicht heller, sondern dunkler geworden.“

Wird er denn nach dem Ende seiner Ausbildung auch Missionar?

Nein, die Arbeitsfelder der Inneren Mission reizten ihn allmählich mehr als die missionarische Tätigkeit unter den Heiden.

So nahm er für sechs Jahre eine Stelle bei der „Evangelischen Mission unter den Deutschen in Paris“ an. Seine Welt dort waren die Elendviertel, in denen viele Tausend Deutsche in ärmlichsten Verhältnissen quasi als Gastarbeiter lebten und als Gassenkehrer die Straßen säuberten und im Müll nach brauchbaren Resten suchten.

Diese Deutschen lebten unter sich, sie lernten meist auch kein Französisch, die Kinder sprachen nur noch schlecht Deutsch. – Ihre Lage ähnelte der unserer heutigen Migranten.

Er sammelte die Kinder der Gassenkehrer, baute für sie eine Schule und ließ sie zweisprachig lernen. Außerdem baute er auf einem verwahrlosten Hügel eine Kirche und bescheidene Wohnungen für die Gassenkehrerfamilien.

Wie wurde das denn alles finanziert?

Er reiste dazu in große deutsche Städte, warb um Spenden und organisierte Spenderkreise. Hier zeigte sich bereits sein großes Talent, breite Schichten zum Spenden zu bewegen. Er ist damit der erste bedeutende Spendensammler, neudeutsch „Fundraiser“.

Seine guten Beziehungen zum preußischen Königshaus halfen ihm dabei sehr. So wurde im gesamten Preußen für seine Arbeit eine Kirchenkollekte veranstaltet, mit deren Ertrag er alle Schulden seiner Unternehmungen tilgen konnte.

Während seiner Pariser Tätigkeit heiratete er auch seine Cousine Ida von Bodelschwingh.

Nach ihrer ersten Geburt wurde sie allerdings schwer psychisch krank, und die Ärzte rieten ihm, wieder nach Deutschland überzusiedeln. Er nahm eine Pfarrstelle im Kirchenkreis Unna an.

Kümmerte er sich denn als Gemeindepastor weiter um soziale Angelegenheiten?

Ja, das Elend der Arbeiterschaft ist weiterhin sein Thema. Er sieht die Ursache im moralischen Versagen vor allem der Unternehmer, in ihrem ungebremsten Profitstreben. Sie kamen seiner Meinung nach ihren sittlichen Verpflichtungen zur Fürsorge für ihre Arbeiter nicht nach. Sie haben den Respekt vor der göttlichen und weltlichen Ordnung verloren. Er machte die Gottvergessenheit der Gesellschaft für die Entstehung der sozialen Frage verantwortlich.

Die Sozialdemokratie sah er allerdings als weltanschaulichen Gegner an.

„...arme, willenlose Knechte ihrer Leidenschaften und Begierden, ein elender, verwahrloster Haufen, fleißig im Saufen und Blau-Montag-Feiern, zum großen Teil ohne jeden Unterricht, und ohne die dürftigsten Inbegriffe von Gott und christlichem Glauben aufgewachsen...“ - Keine Klage über die heutige Spaßgesellschaft, sondern B.s Urteil über die bürgerliche Revolution von 1848. Zur Abhilfe empfiehlt er heute nicht mehr oder kaum noch anwendbare Zwangsmaßnahmen (schon damals erfuhr B., dass ein strikter Puritanismus nicht durchsetzbar war) - aber wie geht es denn dann? Die Existenz einer verbreiteten Brot-und-Spiele-Erwartungshaltung scheint, auch ohne moralinsaures Lamento, unbestreitbar. (B. erkennt scharfsichtig, dass „die Industrie“ das „in Eitelkeit“ kultivierte „raffinierte Wohlleben“ ebenso benötigt wie die immer schneller fließenden Kapitalströme. Im Kern ist diese Diagnose vollkommen aktuell.) Wie wäre B.s Vision der Inneren Mission heute umzusetzen? Muss ein Gottesdienst Spaß machen? Muss man Kindern und Jugendlichen Jesus Christus als „cool“ anbieten?

(...)

War er denn auch ein glücklicher Familienvater?

Ja, seine Frau Ida bekam in dieser Zeit drei weitere Kinder. Aber alle vier Kinder erkrankten an einer Lungenentzündung und starben innerhalb von zwei Wochen. Bodelschwingh deutete dies furchtbare Ereignis als Strafe Gottes dafür, dass sie als Eltern allzu sehr an ihren Kindern gehangen hatten. Er erschrak über die eigene Sündhaftigkeit und wollte sich völlig dem Willen Gottes unterwerfen. Der Tod seiner Kinder wurde für ihn das Vorbild für ein „gelungenes Sterben“, das es zu erlernen gelte. Für uns ist das schwer nachzuvollziehen, aber es half ihm wahrscheinlich, das schwere Leid zu verarbeiten.

Die Erfahrung von Krankheit bis hin zum einen selbst oder nahestehende Menschen bedrohenden Tod hat B. zufolge Zeichencharakter und ruft zur Bußehaltung auf: der Kranke soll erkennen lernen, dass sein Leben gegeben, geschenkt ist. Wir leben einzig aus der Gnade. Der Kranke ist aufgerufen, seinen eigenen Willen dem göttlichen ganz unterzuordnen, sich u.U. heilsam brechen zu lassen, nicht aus Verzweiflung an der Krankheit, sondern als Übergang von Hochmut zu Demut. In dieser Haltung drückt sich ein Vorverständnis aus, das B.s Leben und Wirken insgesamt geprägt zu haben scheint: Diakonie nicht als Durchführung eines sozialen und/oder politischen Programms, sondern ausdrücklich als (Innere) Mission, Hinführung des Menschen zu Gott.

Diakonie „hier und heute“ scheint häufig deutlich andere Schwerpunkte zu setzen; insbesondere tritt das missionarische Leitbild eher in den Hintergrund. Kann man begründet darüber spekulieren, wie B. zu solchen Entwicklungen stünde?

Sofort nach Amtsantritt in Bielefeld setzte er durch, dass ein neues Diakonissenmutterhaus gebaut wurde, außerhalb der Stadt neben der Epileptischen-Anstalt. Er entschied, dass die Epileptischen-Anstalt den Namen „Bethel“ bekommen sollte, übersetzt heißt es das „Haus Gottes“. Das neue Diakonissenmutterhaus wurde „Sarepta“, „Schmelzhütte“ genannt, eine Ortsbezeichnung aus dem Alten Testament, in dem eine Witwe den Propheten Elia bewirtete, obwohl sie selbst schon fast verhungert war.

Auch bei der Benennung der Häuser verwendet er gern biblische Orts- und Landschaftsnamen. Damit will er ausdrücken, dass die Betheler Gemeinde aus Kranken, Diakonissen und Diakonen, Ärzten und Pastoren eingebettet ist in die Heilsgeschichte, die Gott mit seinem erwählten Volk Israel schreibt. Für ihn ist das irdische Leben der Weg auf die Ewigkeit zu und Bethel eben ein Ort, an dem man sich darauf vorbereitet.

Im positivsten Sinne beeindruckend ist B.s Überzeugung, Bethel nicht auf materielle Rücklagen, sondern auf das Fundament des Glaubens gegründet zu sehen. Die Stiftung bzw. die Anstalten sollten dementsprechend den Eindruck äußerlicher „Armut und Niedrigkeit“ und zugleich „weiter Barmherzigkeit“ vermitteln. - Heute gibt es gelegentlich Anlass zu öffentlicher Diskussion, welche Preislage für die Dienstwagen des Leitungspersonals karitativer (wenn auch bislang nicht kirchlicher) Körperschaften angemessen sei. Führt das (zwingend) zu einer kritischen Bewertung des Fundraising-Ansatzes? Es gibt auch die Vorstellung, um anderen helfen zu können, müsse man selbst ungebrochen stark sein - und dies auch nach außen darstellen. Die innere Kraft, von der zuvor die Rede war, meint etwas anderes - oder? Geht beides zusammen? (Im Grunde liegt hier wieder die schon diskutierte Frage vor, ob grundlegende Hilfe - über Almosen hinaus - geleistet werden kann, ohne dass man selbst an gesellschaftlichen Zusammenhängen beteiligt wird, die mindestens dazu beitragen, die Hilfeleistung erst erforderlich zu machen. Kann man zwei Herren dienen?)

Die Anstalt wuchs sehr rasch, finanziert von vielen Spendengeldern aus Fördervereinen im ganzen Land, die nach den Besuchen von Bodelschwingh gegründet wurden.

Das klingt so, als ob Bodelschwingh schalten und walten konnte, wie er wollte, hatte er denn keine Beiräte und Aufsichtsgremien, die Einfluss auf seine Arbeit nahmen?

 

Bodelschwingh muss eine sehr führungsstarke, charismatische Persönlichkeit gewesen sein. Es gab einen Verwaltungsrat, der ihn auch eingestellt hatte. Schon bei der Wahl der Namens Bethel war der Verwaltungsrat eigentlich dagegen. Bodelschwingh nahm aber einfach die Benennung vor, und nach einiger Zeit gab man den Widerstand auf und beschloss diesen Namen, wie Bodelschwingh es gewünscht hatte.

Er war auch überhaupt kein Demokrat und gegen demokratische Wahlen und Strukturen in der Kirche und im Staat. Er war Monarchist, unbedingter Anhänger des Hauses Hohenzollern und sein Verhalten erinnert mich stark an den Umgang Bismarcks mit dem preußischen Landtag und später dem Reichstag.

Der praktizierte ein kraftvolles Tatchristentum, hatte einen stahlharten Willen und zwang seine Mitmenschen mir seinem Charisma in die Gefolgschaft.

Einer der Biographen charakterisiert B.s teils schon rastlos, regelrecht getriebenen Tatendrang als „Aktivismus“ (nicht: Aktionismus). Liegt hier aus lutherischer Sicht nicht schon ein Rückfall in eine überwunden geglaubte Werkgerechtigkeit vor?

Inwiefern darf derjenige, der wie B. konsequente Härte gegen sich selbst praktiziert, entsprechende Maßstäbe auch bei anderen, hier den eigenen Mitarbeitern, anlegen? Lehrt christliches Ethos nicht auch den Blick für das Anderssein und mithin die unterschiedlichen Grenzen von Menschen?

Wurzelt hier womöglich auch B.s teils eigentümlich zwiespältig wirkendes Verhältnis zu den Kranken und Armen, dessen paternalistische Züge immer wieder hervorzutreten scheinen: manches legt die Interpretation nahe, dass er diese zwar als Brüder und Schwestern im Glauben sah, zugleich aber Schwierigkeiten hatte, sie auch als gleichberechtigte gesellschaftliche Subjekte zu verstehen - vielleicht, weil er ihre Not auch als Folge ihrer eigenen Schwäche auffasste? Sich selbst verzieh er (wahrgenommene) Fehler auch nicht - „hart gegen sich, hart gegen andere.“

Haben sich denn die Aufsichtsgremien und die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diesen autoritären Führungsstil gefallen lassen?

Von Widerständen ist nichts mehr bekannt. Mit der Zeit wurde er zur alles beherrschenden Schlüsselfigur des von ihm geschaffenen diakonischen Konzerns. Bereits 1883 war die Anstaltsgemeinde auf nahezu 900 Menschen angewachsen, und er war für alle der „Vater Bodelschwingh“, der immer neue Arbeitsfelder erschloss:

In der damaligen Zeit gab es eine große Zahl von Wanderarbeitern, die überall dort tätig wurden, wo sie gerade gebraucht wurden und ansonsten geradezu wie Landstreicher durch die Gegend zogen. Etliche besuchten auch Bethel und baten um Essen und Spenden. So gründete Bodelschwingh eine landwirtschaftliche Kolonie für Arbeitslose auf drei Höfen in einer wüsten Heide- und Moorlandschaft. Er ließ die wilden Flächen durch Wanderarbeiter für sehr geringe Entlohnung in Ackerland umwandeln. Sie erhielten im Wesentlichen nur freie Kost und Unterkunft sowie schlichte Kleidung. Alkohol war strengstens verboten, die Teilnahme an Hausandachten und Gottesdiensten Pflicht. Von Bielefeld aus wurden die Wanderarbeiter so weit wie möglich in feste Arbeitsstellen vermittelt. Er gründet dort so etwas wie ein erstes Arbeitsamt.

Damit nicht genug: Bodelschwingh startete einen Arbeiterwohnungsbau in zwei kleinen Arbeitersiedlungen. Er prophezeite: Schaffe man jedem fleißigen Fabrikarbeiter ein eigenes Haus, so sei die Sozialdemokratie bald tot und der Thron der Hohenzollern auf Jahrhunderte gesichert.

Seine christlich motivierte Berufstätigkeit wurde doch ursprünglich durch den Wunsch ausgelöst, Missionar zu werden. Hatte er das bei seiner rastlosen Tätigkeit eigentlich vergessen?

Nein, seine ursprüngliche Neigung zur äußeren Mission führte dazu, dass er in einer Berliner Missionsgesellschaft mitarbeitete, sie als charismatische Persönlichkeit schließlich geradezu beherrschte und ihren Sitz nach Bethel verlegte.

Schwerpunkt der Missionsarbeit wurden die deutschen Kolonien im heutigen Tansania und Ruanda, wo er eine Heil- und Pflegeanstalt nach dem Muster Bethels gründen ließ.

Die Bethelmissionare sollten den Afrikanern zugleich mit dem Christentum ein Bündel von Errungenschaften der westlichen Zivilisation vermitteln. Die getauften Afrikaner wurden zur Vaterlandsliebe zu Deutschland und zur Kaisertreue erzogen.

Ein seltsamer Höhepunkt war, als Missionare zwei aus der Sklaverei befreite afrikanische Kinder nach Deutschland brachten, die in Bethel getauft wurden. Es war nach meinem Eindruck so etwas wie eine Marketingaktion, um damit die Spendenbereitschaft in Deutschland zu erhöhen. Die Kinder starben nach kurzer Zeit an Schwindsucht. Ihr geduldiges Leiden und Sterben wurde in den Bethelpublikationen ganz im Sinne der Sterbefrömmigkeit Bodelschwinghs ausgeschlachtet.

Als in Afrika eine Hungersnot ausbrach, sammelte Bodelschwingh Spenden mit dem Werbespruch „Brot für Steine“: Die Spenden wurden zur Bezahlung von afrikanischen Arbeitern verwendet, die Steine für eine Kirche heranschafften und bearbeiteten, ganz nach seinem Motto: „Arbeit statt Almosen“. Die Sammlung war ein großer Erfolg.

Wenn ich das recht verstanden habe, war Bodelschwingh also sehr preußisch-deutsch-national gesinnt?

Ja, er sah in seinem christlichen Einsatz und seiner nationalen Haltung eine Einheit. Er schreibt in einem Brief an den Kronprinzen:

„Wir sind keine Heiligen. Aber das behaupte ich kühnlich, dass unsere Grundsätze und Ziele und auch alle unsere Mittel derartig sind, dass Eure Kaiserliche Hoheit sich mit uns durchaus eins wissen und sie alle gern unterschreiben: Dienende Liebe üben, selbstlose, unverfälschte, weitherzige gegen jedermann, besonders aber gegen alle Mitmenschen, die durch Mangel an Liebe verbittert, gesunken, verkommen, verarmt oder die sonst krank und elend sind. Dies alles aber nicht, um irgend äußeren Kirche Glanz und Ruhm zu verschaffen, sondern lediglich, um aus gottlosen, unglücklichen, verbitterten Menschen gottesfürchtige, glückliche, fröhliche, dankbare Menschen zu machen zur Ehre Gottes und zum Besten des Vaterlandes. Das ist der Zweck der evangelischen Diakonie.“ Solche Schreiben verband er meist auch mit einer Bitte um Spenden, die das Kaiserhaus auch häufig leistete.

Er hat also mit seinen Aktivitäten auch kräftig am Bündnis zwischen Thron und Altar geschmiedet. Wirkt doch heute eher befremdlich oder sogar abstoßend?

Mir behagt das auch nicht, war aber für die damalige Zeit typisch. Auch Wichern in Hamburg mit seiner Stiftung des Rauhen Hauses verfolgte die gleichen Ziele. Beide waren mit dieser Haltung nicht nur hinsichtlich der Spendenbereitschaft aus breiten Kreisen des Bürgertums erfolgreich, sondern sicherten damit auch der Monarchie die Gefolgschaft. Und nach dem Ende des ersten Weltkriegs haben diese Schichten der Bevölkerung und auch die meisten Geistlichen der evangelischen Kirche weiterhin eine deutschnationale Politik unterstützt und mit dem Weg über die Harzburger Front den Nationalsozialisten den Weg an die Macht erleichtert oder sogar erst ermöglicht. Erst einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich viele Geistliche unter dem Eindruck der Terrorherrschaft und den nationalsozialistischen Verbrechen davon befreit.

Zurück zu Bodelschwingh: Seine diakonische Tätigkeit war also auch indirekt politische motiviert. Wurde er dann auch direkt politisch tätig?

Ja, 1903 konnten sich die zwei nationalistisch-konservativen Parteien vor der Wahl zum preußischen Landtag zunächst nicht auf einen Kandidaten für den Wahlkreis Bethel einigen. Man fragte Bodelschwingh, und er kandidierte auf der Liste der Deutschkonservativen Partei und wurde tatsächlich gewählt. Im Mittelpunkt seines Wahlprogramms standen der Bau von Arbeiterhäusern und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Seine Reden im preußischen Landtag waren eine Mischung aus Predigt und Posse und sorgten stets für Heiterkeit im Plenum. Er spielte in der Politik die Rolle des komischen Kauzes voll kindlicher Naivität, Humor, Bauernschläue und Altersweisheit. Sein größter Erfolg war die Verabschiedung des preußischen Wanderarbeitergesetzes. Er wollte damit eine allgemeine Arbeitsvermittlung und eine Erwerbslosenfürsorge schaffen. Das Gesetz blieb aber weitgehend ohne Wirkung. Erst in der Weimarer Republik wurde die Arbeitslosenversicherung beschlossen.

Sein letztes Werk war der Aufbau einer Arbeiterkolonie vor den Toren Berlins.

Nach zwei Schlaganfällen starb er am 2. April 1910 im Kreis seiner Kinder.

Schon zu Lebzeiten war er zu einer Legende geworden. Nach seinem Tod erschien eine Flut von Erinnerungsliteratur, die sein Bild bis heute verklärt.

„Vater Bodelschwingh“ erscheint als eine Heiligengestalt von unerschütterlicher Glaubenskraft, überquellender Liebe und Barmherzigkeit.

Wäre ein neuer Bodelschwingh heute noch denkbar, heute noch möglich?

Heute sehen wir vor allem die geistige Enge seines Glaubens, ein Sendungsbewusstsein, das andere Meinungen nicht gelten ließ; einen mild patriarchalischen, autoritären Führungsstil, eine Rücksichtslosigkeit, mit der er andere Menschen für seine Zwecke einspannte.

Das würde heute wohl kaum einer mehr mit sich machen lassen. Ein geradezu mönchisches Leben mit spartanischem Lebensstil unter dem Motto: „Euer Lohn ist, dass Ihr dienen dürft“ kann keine Massen mehr begeistern.

Entsprechend ist die Diakonie heute vor allem professionalisiert, die Entgelte sind tarifvertraglich geregelt, es gibt Mitarbeitervertretungen, die auf die Interessen der Beschäftigten achten.

Diakonisches Handeln sollte (sage ich...) stets erkennbar aus dem christlichen Menschen- und Weltbild folgen: Wir dienen Gott, indem wir den Menschen dienen - und auch die Umkehrung gilt. Diakonie als tätige Nächstenliebe ist auch eine Erscheinungsform der christlichen Verkündigung. Unsere Gottesdienste wiederum sollen mehr sein als erbauliche, fromme Rituale: Sie dienen den Menschen, indem (insofern) sie ihnen den Weg Gottes mit dem Menschen erschließen und dazu einladen, sich der Liebe Gottes zu öffnen. (Wo das nicht gelingt oder auch von Menschen nicht mehr verstanden wird, steht die Kirche vor einem fundamentalen Problem.)

Gilt das im Bereich der Diakonie noch, oder geht es längst (auch oder zentral) längst um anderes? Betrifft die Kirchen nicht bereits ein gesellschaftliches Kosten-/Nutzenkalkül, das die Existenzberechtigung der Kirchen insgesamt an den Umfang der als nützlich empfundenen karitativen Tätigkeit zurückbindet? Die immer wieder auflebende Diskussion über die Kirchensteuer (die außerhalb des deutschsprachigen Raums immerhin global fast unbekannt ist) legt es nahe. Provoziert oder vertieft diese Situation nicht tiefgreifende Missverständnisse, die die Kirche in die Rolle eines Dienstleisters zu drängen drohen?

Einer etwas zynisch wirkenden Maxime zufolge muss das Leben u.U. zunächst (noch) schlechter werden, bevor es besser werden kann. Als Christenmensch kann man sich diese Sichtweise kaum zueigen machen - und doch ist die Frage zumindest nicht absurd: Stabilisieren nicht Einrichtungen wie die Tafeln, gleich vielen anderen sozialen Projekten, gerade durch die häufig bitter nötige Hilfe, die sie leisten, indirekt auch die systemischen Missstände? Wird nicht die Not insgesamt gerade so weit gelindert, dass sie sozial erträglich („verträglich“) bleibt? B. propagierte „Arbeit statt Almosen“, und genau darum - Hilfe zur Selbsthilfe - müsste es gehen. Stattdessen entsteht nicht selten der deprimierende Eindruck, dass ungewollt die Hilflosigkeit und Abhängigkeit der Menschen reproduziert, aufrechtgehalten wird. Zur materiellen Armut tritt die seelische und geistliche - und erst diese macht (scheint mir) tiefgreifend hoffnungslos

Wie ließe sich das verhindern? Müsste Kirche nicht offensiver politisch werden (diese Dimension fehlt beim in dieser Hinsicht konservativen B. fast gänzlich) - zugleich aber das Wort Gottes den Menschen, ob materiell bedürftig oder nicht, deutlicher, entschiedener, unüberhörbar sagen? Läge nicht darin auch die radikalste politische Utopie, der einzig verbleibende Gegenentwurf zu einem „Markt der Möglichkeiten“, unter dessen Vorzeichen wir mittlerweile alle stehen?

Gewaltloser Widerstand, Ghandi lehrt es ausdrücklich, verlangt Eigenschaften wie Intelligenz, Disziplin, Kreativität, robuste Leidensfähigkeit - eine innere Kraft, die nicht bei allen Menschen manifest und wirksam wird. Der Blick auf B.s Biographie könnte nahelegen, dass erfolgreiche Diakonie ähnliche Qualitäten erfordert. Zugleich war B. offenbar durchaus nicht frei von autoritären Charakterzügen, wirkt im Rückblick vielleicht auch schon etwas zu geschickt und wendig im Umgang mit den Reichen und Mächtigen dieser Welt. Zeichnet sich hier ein Zwiespalt grundsätzlicher Art ab? Zugespitzt: was unterscheidet, trennt einen B. von einer Mutter Theresa? - In die heutige Praxis hat sich (s.o.) der Begriff des Fundraising eingeschlichen, üblicherweise (so sinngemäß die wikipedia) definiert das Einwerben von Zuwendungen „mit marktadäquaten Gegenleistungen“ (!). Der Gebende erhält häufig die Gelegenheit zur gezielten Selbstdarstellung, wobei die Abgrenzung zur kommerziellen oder jedenfalls inhaltlichen Werbung im Einzelfall problematisch sein kann. Es handelt sich um Transaktionen im Sinne des Marktes, vereinzelt mit Zügen eines postmodernen Ablasshandels. Wann darf Kirche daran teilnehmen; wo ist es ihr verboten; in welche (vielleicht auch subtilen) Abhängigkeiten kann sie geraten? Welcher Zweck heiligt welche Mittel? Inwiefern kannte bereits B. diese Problematik, hatte er Vorbehalte?

Bodelschwingh hätte heute wohl keine Chance. Aber sein Werk besteht dank verschiedener organisatorischer Reformen und betriebswirtschaftlicher Professionalisierung weiter und seine Persönlichkeit ist ein wesentlicher Teil unserer Kirchengeschichte.

Auf seinem Grabstein steht: „Weil uns Barmherzigkeit widerfahren ist, darum werden wir nicht müde“ aus dem 2. Korintherbrief. Er ließ sich vom menschlichen Elend existenziell berühren: Pommersche Landarbeiter, hessische Straßenkinder in Paris, Epilepsiekranke, Wanderarme, hungernde Afrikaner. Weil er selbst bewegt war, bewegte er mit seinem Charisma auch andere zum Handeln.

Bodelschwingh verkörperte wie kaum ein anderer im 19. Jahrhundert das soziale Gewissen des Protestantismus. Er hat nicht nur eines der weltweit größten diakonischen Unternehmen geschaffen. Durch ihn wurde die evangelische Diakonie zu einem Eckpfeiler des modernen Sozialstaates. Dafür können wir ihm ein gutes Andenken bewahren.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Siegfried Schmutzler

Apostelandacht zu Siegfried Schmutzler, gehalten am 11. April 2010

Die letzten Apostelandachten hatten Persönlichkeiten zum Thema, die allgemein bekannt und bis heute sehr geachtet sind: Karl Barth, Jochen Klepper, Dorothee Sölle, Heinrich Albertz.

Warum jetzt der uns doch weitestgehend unbekannte Siegfried Schmutzler? Muss man ihn eigentlich kennen?

In der Tat ist Siegfried Schmutzler wohl den wenigsten Menschen in den Ländern der alten Bundesrepublik bekannt. Wir haben deshalb auch in unserem Plakat einen Ausschnitt aus einer DDR-Zeitung des Jahres 1957 abgedruckt. Darin wird deutlich, wie der damalige Leipziger Studentenpfarrer öffentlich an den Pranger gestellt wurde. Es wurde berichtet, dass er „staatsfeindliche Ziele“ der illegalen Jungen Gemeinde unter dem Vorwand religiöser Betätigung verfolgte. Er habe Seelsorge für politische und für Nato-Hetze missbraucht, ebenso den Talar und die Kanzel. Neugierig geworden, haben wir uns mit seinem Leben und seiner Tätigkeit befasst und halten ihn in der Tat für jemanden, der uns Orientierung im Leben und im Glauben geben kann.

Ein Freund schlug ihm vor, Theologie zu studieren. Warum lehnte er zunächst ab?

Er antwortete seinem Freund mit Hinweis auf seine naturwissenschaftliche Bildung:

„Theologie studieren aber heißt doch mit Sicherheit auch Einstehen für alle möglichen Wunderdinge, von denen in der Bibel erzählt wird, z.B. die Verwandlung von Wasser in Wein durch Jesus, die wunderbare Speisung der Fünftausend mit einigen Broten und Fischen, Jesu Wandeln auf dem See, sein Entschweben zum Himmel, ganz zu schweigen von seiner jungfräulichen Geburt. Das alles aber bedeutet Verleugnung der Naturgesetze. Und eine solche geistige Verrenkung willst du mir zumuten?“

Wie kam es dann zu seiner Bekehrung?

Während eines Gottesdienstes erlebte er die Gemeinschaft der Gläubigen und fühlt sich in ihr aufgehoben. Ihn berührte innerlich das laute, gemeinsame Beten des Vaterunsers. Er schreibt darüber:

„Niemand hatte zum gemeinsamen Sprechen des Gebetes aufgefordert. Es geschah spontan. Meine Ergriffenheit stieg von Bitte zu Bitte. Als das Amen gesagt war, hatte ich zum ersten Male in meinem Leben erfahren, was Gebet ist: eine wundervolle Öffnung ins Grenzenlos-Universelle hin zu dem unfasslichen lichten und konkreten Gegenüber des Christusgottes und zugleich ein wunderbares Einströmen von Kraft und Heiligkeit und Zuversicht. Ich ergriff das Gebet als eine Möglichkeit meines persönlichen Lebens. Es war wie eine kopernikanische Wende. Ich empfand: Beten, das ist nicht eine fromme Übung neben vielen anderen, es ist die Mitte praktizierten Glaubens. Glaube in Aktion. Mit wurde bewusst: Betend komme ich los von dem Umsichselbstkreisen meines „dicken Ich“, indem ich mich festmache an einem archimedischen Punkt jenseits der Mächte und Gewalten, die in mir und um mich herum rumoren und mich beherrschen wollen. Und dieser „Punkt“ hat einen Namen. Er heißt Gott, genauer: Gott in Jesus Christus.

Dieses Sichfestmachen kann nicht nur punktuell im persönlichsten Innenraum geschehen, es bedarf der Stetigkeit und auch der nach außen sichtbaren Gebärde sowie der Gemeinsamkeit der Gemeinde.“

Die Überwindung einer individualistischen Sicht und Lebenshaltung fordern gerade auch - zumindest als Anspruch - die sozialistischen Entwürfe. Dementsprechend stellt die staatssozialistische Gesellschaft, hierin durchaus dem NS vergleichbar, sehr stark darauf ab, die Einzelperson in Gruppenstrukturen hineinzuziehen, häufig über Zwang. Insofern ist die Frage relevant, was jemanden wie S. dazu veranlasst, sich stattdessen dem christlichen Glauben zuzuwenden.

Welche Folgen hat denn dieses Gemeinschaftserlebnis für sein weiteres Verhalten? Wirkte sich das auch auf seine wissenschaftliche Tätigkeit aus?

 

Nach dem Abend in der Nikolaikirche machte er sich kundig über die Bekennende Kirche und las die in Barmen 1934 beschlossene „Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“.

Jeder Satz dieser Erklärung wird eingeleitet durch Worte der Heiligen Schrift, und jedem folgt ein Satz der Verwerfung einer aktuellen Irrlehre. Sie hatte für ihn etwas umwerfend Überzeugendes.

Er schloss Freundschaft mit einer Gruppe von Theologiestudenten und erlebte, wie diese täglich mit der Bibel lebten und sie auf sich persönlich und auf die Situation der Kirche bezogen.

Die Gestapo schloss jedoch die Gemeinschaftsräume der evangelischen Studentengemeinde und verbot ihre Zusammenkünfte. Trotzdem traf man sich, sang, spielte und betete miteinander und hielt Bibelstunden. In allem erfuhr Siegfried Schmutzler eine Gemeinschaft, wie es sie zuvor noch nie erlebt hatte. Dies war prägend für sein ganzes späteres Leben.

So war es nur konsequent, dass er sich bei den Nazi-Organisationen abmeldete und in die Bekennende Kirche eintrat.

Gab es für S. einen notwendigen Zusammenhang zwischen seinem innerlichen Angerührtsein einerseits und der späteren wissenschaftlichen Tätigkeit sowie auch dem Wunsch nach christlicher Gemeinschaft, nach gelebtem Glauben?

In diese Zeit fällt auch die Staatsgründung der DDR und der Beginn der SED-Diktatur. Hatte Schmutzler schon in dieser Zeit Probleme mit der Staatsmacht?

Schon Anfang der fünfziger Jahre gab es in der DDR einen militanten Atheismus. Schmutzler schreibt, dass diese Entwicklung starke Parallelen mit dem „Kirchenkampf“ der Nazis aufwies. Der Religionsunterricht an den Schulen war zwar geduldet, aber wurde nach Kräften gebremst. Der militant-atheistische Druck brachte besonders für Kinder christlicher Familien schwere Gewissenskonflikte und massive Benachteiligungen. Riesenplakate in Hallen und Hörsälen der Leipziger Uni verkündeten: „Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist!“

Eine Zeitschrift der evangelischen Jugend wurde ohne Begründung verboten, die Vertreter der Jungen Gemeinde wurden aus dem demokratischen Jugendring der DDR ausgeschlossen.

In der „Leipziger Volkszeitung“ erschien ein Hetzartikel nach dem anderen gegen die Junge Gemeinde.

Als Gemeindepfarrer unterrichtete er auch „Christenlehre“ an der Schule, wo er sich mehrfach vor dem Bürgermeister und dem zuständigen Kreisschulrat für sein Verhalten rechtfertigen musste. Es blieb für ihn aber noch ohne weitere ernsthafte Folgen.

Im Predigerseminar unterrichtete er auch das Fach „Christentum und Marxismus“. Kann man Religion und Marxismus überhaupt vereinbaren? Wie sah Schmutzler das?

Ihm kam es darauf an, einem in Kirchenkreisen verständlichen Antikommunismus zu widerstehen. Denn das genau hätte ja dem Feindbild des Marxismus-Leninismus entsprochen und war seiner Meinung nach weder theologisch noch philosophisch noch politisch sachgemäß. Er stellte dagegen die sozialethisch berechtigte Forderung des Marxismus für soziale Gerechtigkeit heraus, angesichts der schamlos ausgebeuteten Massen des Industrieproletariats im 19. Jahrhunderts. Die Kirche hatte davor weitgehend versagt.

Er unterstützte also die kapitalismus-kritische Dimension marxistischen Denkens, kritisierte aber zugleich das marxistisch-leninistische Gesellschaftssystem, wie es in der DDR und der Sowjetunion täglich erfahren wurde.

Für theoretisch unhaltbar hielt er den Ökonomismus des Marxismus, wonach nämlich alles, was Kultur heißt, nichts weiter ist als ein Überbau der Produktionsverhältnisse.

Der Mensch ist eben nicht nur eine Funktion und ein Produkt der Gesellschaft. Der Marxismus leugnet das Geheimnis des Ich, die Einheit von Sozialität und Individualität, die dialektische Einheit von Notwendigkeit und Freiheit.

Hinzu kam die Praxis als Diktatur des Proletariats, die der Praxis der NS-Diktatur glich.

 

Dieser Position mag man sich anschließen; sie ist jedoch (noch) nicht inhärent christlich. Man kann genauso argumentieren, ohne sich auf Bekenntnis und Evangelium zu beziehen, etwa auf Grundlage eines bürgerlich-säkularen Humanismus’. Mir wird der zwingende innere Bezug zu Gott an dieser Stelle nicht klar.

1956 war ein Jahr der Krise im Ostblock. In Ungarn kam es zum Volksaufstand, und auch an der Uni Leipzig gab es Proteste. Was spielte sich da ab?

Eine Versammlung der Theologiestudenten forderte die Hebung des Niveaus und Diskussionsfreiheit. Auf der Suche nach Schuldigen wurde die Parteileitung schnell fündig: Der Studentenpfarrer Georg Schmutzler. Sie verteilte ein Flugblatt, in dem u.a. stand: „Herr Schmutzler erging sich ausgerechnet in der altehrwürdigen Universitätskirche in Ausfällen gegen unsere gesellschaftlichen Organisationen und diejenigen Universitätsangehörigen, die unserem Arbeiter- und Bauernstaat treu ergeben sind.“

Gleichzeitig wurde Schmutzler zu einer „persönlichen Aussprache“ vor dem Bezirksratsvorsitzenden gebeten, die allerdings eher ein Verhör war. Man forderte ihn auf, künftig alle Äußerungen staatsfeindlicher Art zu unterlassen.

Ein Jahr später, 1957, organisierte Schmutzler Besuchsdienste der Studenten in Landgemeinden. Warum machte er das und scheute nicht die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht?

Zu Tumulten kam es während einer Veranstaltung mit dem Thema „Der christliche Glaube – Opium oder Vitamin“. Offensichtlich waren von der STASI Störer geschickt worden. Schon die Themenstellung muss provozierend auf die SED gewirkt haben.

In den folgenden Wochen erhielt Schmutzler einige Warnungen aus der Bevölkerung, er müsse demnächst mit der Verhaftung rechnen. Im Nachhinein vermutete er, dass die STASI ihn damit zur Republikflucht verleiten wollte, um ihn loszuwerden. Er tat den Sicherheitsorganen diesen Gefallen aber nicht und blieb:

„Ich hatte drei zwingende Gründe zu bleiben: 1. habe ich nichts gesagt und getan, wozu ich nicht vom Evangelium und vom Gesetz des Staates her ein gutes Gewissen hätte; ich würde mich ja geradezu ins Unrecht setzen, wenn ich flöhe. 2. Wenn man mich schon mit den Rechtsmitteln des Staates verdrängen will, so soll es in aller Öffentlichkeit geschehen, auf dass alle Welt sieht, welche Art Recht bei uns herrscht. Und schließlich 3. das wichtigste Argument: Der Hirte gehört zu seiner Herde. Verlasse ich die DDR, so beraube ich mich für alle Zukunft der Wirkungsmöglichkeit hier. Aber hier ist meine Heimat. Hier ist meine Aufgabe. Hier hat der Herr mich hingestellt und in Dienst genommen.“

Und dann wird Siegfried Schmutzler tatsächlich verhaftet?

Am Abend des 5. April 1957 ist es dann soweit: Er wurde von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit verhaftet und kam ins STASI-Untersuchungsgefängnis. Dort wurde er über mehrere Monate fast täglich verhört.

Die Anklageschrift bekam er erst im November 1957, also nach 7 Monaten Haft.

Die Vorwürfe gegen ihn waren: Boykotthetze im Dienste der Nato, er sei ein Staatsfeind, der die Evangelische Studentengemeinde als illegale Organisation aufgezogen und in seinen Dienst gestellt habe. In den westlichen Evangelischen Akademien säßen seine Auftraggeber.

Wie stand er die lange Zeit der STASI-Haft durch?

Er schreibt, dass er gegen die beabsichtigte Zermürbung durch die STASI persönliche Waffen hatte:
“Für mich ist und blieb die entscheidende Waffe von Anfang an: das Gebet. Das ganz persönliche, das Stoßgebet. Aber auch und gerade das formulierte Gebet der Kirche. Es erwies sich als ein ungeheurer Gewinn, dass ich viele Psalmen auswendig kann und im Stundengebet der Kirche seit Jahren zu Hause bin. So konnte ich lange, im intensiven Gebet versunken, stehend verharren, das Auge auf den matten Lichtglanz geheftet, der durch die Glasbausteine dringt, indes die Wachtmeister unablässig durch den Spion spähten und nur meinen Rücken zu sehen bekamen. Immer wieder bete ich: ‚Herr in deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“

Auch nach seiner vierjährigen Haft blieb er aus freiem Entschluss in der DDR. Was machte er in den folgenden Jahren?

Siegfried Schmutzler erhielt eine Stelle als „theologisch-pädagogischer Fachberater“ der sächsischen Landeskirche. Seine Aufgabe war die theoretische und praktische Durchdringung des gesamten kirchlichen-pädagogischen Handelns in Verkündigung, Kinder-, Konfirmanden- und Jugendarbeit, Arbeit mit Eltern, Ausbildung und Weiterbildung kirchlicher Mitarbeiter einschließlich der Theologen.

Und wieder vermittelte er vorrangig in den Gemeinden das Gemeinschaftserlebnis, meist in Form von Themenabenden. Da andere als geistliche Veranstaltungen der Kirchengemeinden vom Staat verboten waren, wich er auf kirchliche Sommerfeste im Pfarrgarten aus, die die Gemeindeglieder unter seiner Anleitung selbst organisierten und die wieder zu Erlebnissen christlicher Gemeinschaft wurden, die er für so wichtig hielt.

Der junge, naturwissenschaftlich orientierte Schmutzler hatte seine Probleme mit den Wundergeschichten der Bibel. Wie bewältigt dies der gereifte Schmutzler?

Er unterscheidet zwischen dem Gesagten einerseits, dem Geschriebenen, das in einem überholten Weltbild verhaftet war, und dem Gemeinten, das uns noch heute betrifft.

Er macht das deutlich an der Geschichte von der Sturmstillung durch Jesus. Dieser novellistischen Erzählung mag ein reales Erlebnis zugrunde gelegen haben. Aber er bezieht die Handlung als Gleichnis auf die Bedrohungssituation der Kirche. Wir sollen auch in Bedrängnis in der Gewissheit sein, dass die Insassen des Schiffs „Gemeinde“ Hilfe im Kampf und im Widerstand gegen die dämonischen, gesellschaftlichen und politischen Kräfte erhalten, wenn sie ihren Kleinglauben überwinden.

Wind und Wellen sind zum Bild anderer, nämlich gesellschaftlicher und personeller Mächte geworden.

Schmutzler schreibt: „Jesus ruft den angstvollen Menschen zum unverzagten Glauben an Gott, den Schöpfer und Herrn, den Vater, und er kommt den Nichtglaubenden mit seiner eigenen Gottesgewissheit wunderbar zu Hilfe. Dieses Geschehen wird bildhaft dargestellt. Das Bild erzählt, wie Jesus die Jünger vom Tode rettet und wie er sie damit vor dem Versinken in Verzweiflung und Gottesferne bewahrt. Das Bild veranschaulicht die Vollmacht Jesu, in solcher Weise anderen Menschen zu begegnen. Das letztlich unanschauliche Geschehen wird sichtbar gemacht, zugleich aber durch die nachdrückliche Frage nach dem rechten Glauben auf seine eigentliche Wahrheit gebracht.“

Die Rede von der „Bildersprache“ der Heiligen Schrift hat etwas durchaus Zwiespältiges. Wenn es hier um die Wahrheit Gottes geht, dann hat die Sprache der Bibel auch nichts mit einem „überholten Weltbild“ zu tun. Die Bibel berichtet uns davon, wie der Lebendige Gott in unserer Welt wirkt, handelt und seine Geschichte mit den Menschen schreibt. Ist Christus am dritten Tage auferstanden nach der Schrift, oder geht es um nicht mehr als eine Metapher, ein gutgemeintes Bild, das eine allgemein und abstrakt bleibende Hoffnung vermitteln soll? - Vielleicht ist es hilfreicher, über dieser Frage zum Logiker statt zum Naturwissenschaftler zu werden. Also: die Macht des Todes ist gebrochen, den Menschen zum Heil - oder eben nicht; es gibt keine dritte Möglichkeit. Ist das leere Grab nicht mehr als ein Symbolismus, dann droht uns in der Tat die Möglichkeit, dass der Glaube nichtig sei. [vgl. 1. Kor 15] Wir wüssten dann nicht, dass uns - glaubhaft, verlässlich - die Rettung zugesagt ist. Es könnte auch irgendetwas anderes gemeint sein. Das biblische Geschehen weist sicherlich weit über seine „sichtbare“ Ebene hinaus, ist aber dennoch umgekehrt auch nicht rein metaphorisch. Das Geheimnis des Glaubens lässt sich weder physikalisch noch etwa auch religionssoziologisch auflösen. Der Glaube ist nicht vernunftwidrig, aber auch nicht aus der Vernunft herleitbar. Man kennt ihn nur „von innen“ - also aus der Sicht desjenigen, der dieses Wagnis eingeht - oder gar nicht.

Hatte er denn auch noch Konflikte mit dem Staat?

Nicht mehr so offen wie vor seiner Verhaftung.

Er bemühte sich in diesen Jahren intensiv um eine Reform des Konfirmandenunterrichts, der in teils offener, teils verdeckter Konfrontation zur staatlich geförderten Jugendweihe stand.

So beschreibt er ausführlich, wie Eltern unter Druck gesetzt wurden, ihre Kinder nicht zum Konfirmandenunterricht anzumelden, wie dies mit der Androhung beruflicher und anderer Nachteile verbunden war. Er verfasste Handreichungen für einen Konfirmandenunterricht mit aktuellen Themen. Fast immer erhielt er für diese Schriften keine Druckerlaubnis. Sie konnten nur innerkirchlich als „graue Literatur“ verbreitet werden: vervielfältigt mit Matritzen, teils auch in Kurzform in kirchlichen Amtsblättern. Immer war es schwierig, für die Vervielfältigungen Papier zu erhalten. Seine Arbeit wurde also eher indirekt behindert.

Benahm sich Schmutzler also diplomatischer als vor seiner Verhaftung?

Das tat er eher nicht. Ohne Scheu veranstaltete er Kurse zum Thema Erziehung zum Frieden, Erziehung zur Freiheit, in Abgrenzung zur Militarisierung der DDR-Pädagogik in den siebziger Jahren.

Und als im Mai 1968 die ehrwürdige Paulinerkirche in Leipzig, die Universitätskirche, gesprengt werden sollte, fuhr Schmutzler zum Superintendenten. Er schlug ihm vor, dass die Leipziger Pfarrer am Nachmittag im Talar in einem Schweigemarsch von der Thomaskirche zur Paulinerkirche dagegen protestieren sollten. Man würde nicht wagen, eine Schar von Pfarrern im Talar auf offener Straße in der Stadtmitte zu verhaften. Die Welt würde erfahren, was in Leipzig im Gange war. Doch der Superintendent lehnte ab, er protestierte nur intern und damit nichtöffentlich. Die Kirche wurde gesprengt.

Wie beurteilte Schmutzler die Lage der Kirche nach der Wiedervereinigung?

Er sieht zwar die Veränderungen, mahnt aber, dass das Vorrücken des Säkularismus, eines essentiellen Atheismus, weitergeht. Er schreibt: „Der Konsumismus der westlichen kapitalistischen Industriegesellschaft durchdringt alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens und bestimmt das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen als ein quasireligiöser Letztwert. Dieser Götze war auch im kommunistischen Osten am Werke, nur gewissermaßen in seiner Negativgestalt, als Mangelerscheinung, deren Überwindung im Leben der Bürger höchstes Ziel und sehnlichstes Verlagen war.

Indem Gott im Jesus von Nazareth sich als ein Mensch uns Menschen bekannt machte, sich völlig auf die menschliche Situation einließ, wird es auch in Zukunft darauf ankommen, sich in der kirchlichen Arbeit mit Menschen ganz auf deren Situation heute und hier einzulassen.“

Siegfried Schmutzler wurde 1981 in den Ruhestand versetzt. Was geschah anschließend?

Er zog nach West-Berlin um. 1991, nach der Wende, wurde er politisch rehabilitiert, und zwar im selben Gericht, in dem er 34 Jahre zuvor verurteilt worden war. Das Leipziger Bezirksgericht bestätigte, dass er nur seine durch die DDR-Verfassung garantierten Grundrechte der Religions- und Meinungsfreiheit wahrgenommen hatte.

1996 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, 1997 erhielt er die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig.

Im Oktober 2003 starb Siegfried Schmutzler im Alter von 88 Jahren in Berlin. Ein Jahr später wurde eine Straße im Leipziger Stadtteil Gohlis-Süd, wo er als Pfarrer gearbeitet hatte, nach ihm benannt.

Sie sagten anfangs, er sei jemand, der uns Orientierung im Leben und im Glauben geben kann. Welche Elemente in seinem Leben sind das?

Erstens: Er war kompromisslos und unbeugsam in seinem Glauben. Er war bereit, für seine Überzeugungen auch zu leiden. Er arbeitete dort, wo er sich von Gott hingestellt fühlte. Darin kann er uns Vorbild sein.

Zweitens: Sein pädagogischer Ansatz in der Verkündigung ist meines Erachtens immer noch aktuell. Insbesondere sein gelebter und gelehrter Hinweis auf die zentrale Wichtigkeit des Gemeinschaftserlebnisses in der Kirchengemeinde sollte uns Anregungen für unsere Arbeit hier und heute geben.

Drittens: Für mich ist seine differenzierte Haltung zum Marxismus wichtig: Die von ihm positiv gewertete Kritik an kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen, am vorherrschenden Prinzip der Ökonomie, an der dadurch verdrängten Mitmenschlichkeit, der auch verdrängten Nächstenliebe, der fehlenden Achtung vor dem Mitmenschen;

andererseits die bedingungslose Ablehnung des marxistischen Atheismus sowie des damals real existierenden Sozialismus. Diese Haltung teile ich und hoffe, dass auch andere sie teilen.

Schließlich: Siegfried Schmutzler war 6 Jahre als Soldat im Krieg, anschließend ein Jahr in Gefangenschaft; es folgen 4 Jahre STASI-Haft.

Ich bewundere seine Lebensenergie und bin dankbar dafür, dass mir und meiner Generation diese Belastungen erspart geblieben sind, dass es uns wirtschaftlich so gut geht, wir in Freiheit leben und ohne Bedrohung evangelische Christen sein dürfen.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Heinrich Albertz

Apostelandacht zu Heinrich Albertz, gehalten am 31. Januar 2010

Heinrich Albertz wurde 22. Januar 1915 in Breslau geboren, also vor fast genau 95 Jahren. Sein Vater war der bereits 69jährige reformierte Hofprediger Hugo Albertz, seine Mutter Elisabeth dessen zweite Ehefrau, 33 Jahre jünger als der Vater.

Das Elternhaus war stark monarchistisch geprägt. Pflichterfüllung, Gehorsam, Verlässlichkeit und Fleiß waren die Erziehungsideale preußischer Pastorenfamilien.

Auch nach dem Tod des 77jährigen Vaters blieb er mit seiner Mutter in Breslau.

Von besonderer Bedeutung für ihn war eine Begegnung mit dem viel älteren Stiefbruder in Berlin Anfang 1933, wo dieser als Oberpfarrer an der St. Nikolai-Kirche und als Superintendent des Kirchenkreises tätig war.

„Ich verdanke es ja nur meinem sehr viel älteren Stiefbruder, dass der mich fix 1933 bei einem Spaziergang hier durch den Brieselangschen Forst bei Spandau darüber belehrt hat, dass ein Albertz nie Nationalsozialist werden könnte. Als ich da aufmüpfig wurde, hat er mir dies sogar mittels einer Ohrfeige klargemacht.“

Im gleichen Jahr begann er mit dem Studium der Theologie zunächst in Breslau, wechselte dann nach Halle und Berlin.

Besonders die Schriften von Karl Barth beeinflussten Albertz nachhaltig. Seine sonstigen Interessen und sein Einsatz für die Bekennende Kirche hielten ihn aber von konzentrierter Arbeit ab. Er bracht vielfach als Kurier konspirativ Briefe ins Ausland.

Nach dem bestandenen 1. Theologischen Examen bekam er zunächst eine Stelle als Lehrvikar in Berlin.

1939 heiratete Albertz, das Ehepaar bekam drei Kinder.

Schließlich wurde Albertz Pfarrer im Auftrag der Bekennenden Kirche in der Patronatsgemeinde einer adligen Familie in Schlesien.

In einer Predigt sagte er 1941 über den seit 1937 inhaftierten Martin Niemöller: „Wir können stolz sein, dass Martin Niemöller ein Pfarrer unserer Kirche ist und bleibt.“

Das führte zu seiner Festnahme und Verurteilung zu zwei Monaten Haft. Noch im Gerichtssaal entschied er sich zum Eintritt ins Militär. Die Strafe musste er deshalb nicht in einem Konzentrationslager absitzen, sondern in der Festung Glatz. Aufgrund der guten Verbindungen seines Patrons wurde Albertz nie an die Front versetzt, sondern blieb Mitarbeiter in der Schreibstube des Chefs der Heeresgruppe Süd, beim General von Grohmann.

Unmittelbar nach dem Kriegsende machte er sich von Bayern aus auf den Weg ins niedersächsische Celle, um dort die Familie wiederzutreffen. Durch die Bekanntheit seines Stiefbruders wurde Albertz von der Kriegsgefangenschaft verschont und am 1. August 1945 Flüchtlingspfarrer in Celle.

Nur zwei Monate später übernahm er auch das städtische Flüchtlingsamt; die englische Besatzungsmacht berief ihn schließlich in den neuen Celler Stadtrat.

Von 1946 bis 1948 war er Leiter des Flüchtlingsamtes für den Regierungsbezirk Lüneburg.

1946 trat er in die SPD ein, denn nach seiner Ansicht ließ sich das Flüchtlingsproblem nur politisch und im Rahmen einer Partei lösen.

Er ging zur Sozialdemokratie, überzeugt, dass Sozialisten sich um leidende und bedürftige Menschen kümmerten und dadurch Gottesdienst betrieben wie die Kirche selbst. Diese Überzeugung teilte er mit seinem Vorbild Karl Barth.

1950 wählten ihn die Delegierten eines SPD-Bundesparteitags in den Parteivorstand.

Albertz ergriff Partei für Martin Niemöller gegen die Politik der Westintegration Adenauers. Er wurde um der deutschen Einheit willen zum erbitterten Gegner der Wiederbewaffnung, zum Feind der Westbindung, zum Anhänger der Blockfreiheit und Kämpfer für eine aktive Wiedervereinigungspolitik.

Als die SPD in Niedersachsen in die Opposition musste, nahm Albertz im Mai 1955 ein Angebot aus Berlin an, Senatsdirektor beim Senator für Volksbildung zu werden.

Kurz darauf wurde er der erste Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt.

1959 wurde er Chef der Senatskanzlei.

Am 13. August 1961 errichtete die DDR die Berliner Mauer. Albertz war schockiert über die zurückhaltende Art und Weise, mit der die Alliierten und Bundeskanzler Adenauer diese Vorgänge aufnahmen. Es bestärkte ihn, in der Berlinpolitik fortan eigene, von Bonn unabhängige Wege zu gehen. Nach seiner Überzeugung ließ sich die Einheit der Nation nur bewahren, wenn man von zwei deutschen Staaten ausging, die miteinander verhandelten. Das war damals in der Bundesrepublik auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs eine Außenseitermeinung, die auf wütenden Protest in der Öffentlichkeit stieß.

Die Lage in Berlin spitzte sich weiter dramatisch zu, als am 17. August 1962 der Ost-Berliner Arbeiter Peter Fechter nach einem Fluchtversuch von Grenztruppen der DDR angeschossen wurde und im Stacheldraht verblutete. Über eine Stunde lang hatte der Verletzte auf Ost-Berliner Gebiet gelegen, ohne dass ihm geholfen wurde. Bei den nun folgenden Massendemonstrationen auf Westberliner Seite ließ Albertz mit einem großen Polizeiaufgebot die Mauer schützen.

1966 wurde Willy Brandt Außenminister der Großen Koalition in Bonn. Heinrich Albertz trat seine Nachfolge als Regierender Bürgermeister von Berlin an.

Er entmachtete zügig den rechten Parteiflügel der SPD. Interne Konflikte und Richtungsstreitigkeiten in der SPD erschwerten ihm die Arbeit; aber auch er selbst provozierte seine innerparteilichen Gegner gern. So versuchten etliche Parteifreunde mit allen Mitteln, Albertz zu stürzen.

Bei Demonstrationen von Studenten aus Anlass eines Besuchs des Schah von Persien kam es zu heftigen Schlägereien zwischen den Demonstranten und den eigens für den Besuch eingeflogenen „Jubelpersern“. Die Polizei war von Albertz angewiesen, mit aller Härte durchzugreifen; die Demonstrationen wurden schließlich mit Gewalt aufgelöst: Dabei kam der Student Benno Ohnesorg ums Leben. Der Polizeipräsident sprach von der Notwehr eines lebensgefährlich bedrohten Polizeibeamten und einem Warnschuss, der als Querschläge den Studenten getroffen habe. Es war aber ein gezielter Schuss, wie sich schnell herausstellte.

Albertz versuchte zunächst, das Vorgehen der Polizei öffentlich zu rechtfertigen. Als er aber mitbekam, dass er getäuscht worden war, änderte sich seine Haltung. Er fühlte sich schuldig an den gewalttätigen Auseinandersetzungen und bekannte das auch öffentlich, was ihm scharfe Kritik aus allen politischen Lagern und aus der Öffentlichkeit eintrug.

Albertz empfand: Er hatte nicht auf seinen Gott gehört, wie es das erste Gebot fordert, sondern mehr auf seinen Polizeipräsidenten.

Der Berliner Bischof Kurt Scharf war in diesen Tagen sein engster Berater, Seelsorger und Freund. In seiner letzten Rede vor dem Abgeordnetenhaus bekannte Albertz schließlich:

„Ich glaube, ich bin hart geworden in diesen Monaten, zuerst gegen mich selbst, um durchzuhalten, was in dieser Stadt und in dieser Lage auf den Regierenden Bürgermeister zukommt. Aber ich habe auch gelernt, wie fragwürdig pauschale Forderungen sein können, in Entscheidungslagen, wo nicht Härte oder Weichheit das Problem ist, sondern das Richtige oder das Falsche zu tun. An mir selbst dargestellt: Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war, in jener Nacht des 2. Juni, weil ich dort objektiv das Falsche tat.“

Nach den Rücktritten von zwei Senatoren fand Albertz keine Mehrheit für die Neubildung des Senats und trat selbst zurück, nach nur 285 Tagen im Amt.

Für Albertz war das erste Gebot eine zentrale Richtschnur in seinem Leben:

Er schreibt: „

„Das erste Gebot hat immer seine schneidende Rolle gespielt, schneidend und heilend zugleich und war schließlich auch der tiefste Grund für mein Ausscheiden aus der Versuchung der Macht im Jahre 1967 in Berlin“.

Sein Freund Bischof Scharf bat ihn danach, gemeinsam mit Günter Grass als Vermittler zwischen den Staatsorganen und den Studenten tätig zu werden. Zusammen mit anderen erreichte er schließlich auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in der Stadt die Aufhebung eines Demonstrationsverbotes per Richterspruch und beruhigte damit die Lage, so dass die Demonstration friedlich verlief.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im Frühjahr 1968 bekannte er auf einer Versammlung von Studenten:

„Ich spreche als einer, der viele bittere Enttäuschungen mit sich selbst und mit anderen erlebt hat und der trotzdem glaubt, dass noch nicht alles verloren ist.“

Er wurde von den Protestierenden als Vermittler akzeptiert und ergriff nun immer häufiger das Wort, um zu brisanten Fragen Stellung zu beziehen.

Der Rücktritt vom Amt des Regierenden Bürgermeisters und das Eingeständnis des Scheiterns veränderten Albertz tiefgreifend. Das Kalte, Unnahbare wich.

Psalm 23 und das 1. Gebot erneuerten noch einmal seine Grundlage von Glauben und Leben.

„Auf Herrschenwollen verzichten“:

 Die radikale Befreiung, die wir erfahren, wenn wir uns auf den Gott des ersten Gebotes einlassen, macht uns zugleich frei von jeder ernsthaften Angst. Nicht dass wir uns nun gar nicht mehr fürchten würden. Aber wir lernen, uns nicht mehr zu fürchten, als es unbedingt notwendig ist. Die Freiheit Gottes schenkt uns im letzten unerschütterliche Gelassenheit.

 Wenn wir begriffen haben, dass es nur einen wirklichen Herrn gibt, haben wir es leichter, auf das eigene Herrschenwollen zu verzichten. Die Beherrschung des Menschen durch Menschen ist eine zutiefst unchristliche Sache – ich wiederhole: auch wenn sie im christlichen Gewande auftritt.

1974 berief ihn die Berliner Kirchenleitung als Pfarrer an die Johannes-Gemeinde in Schlachtensee, in der er bis zu seiner Pensionierung tätig war.

Im Februar 1975 entführten Terroristen den CDU-Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Berlin, Peter Lorenz. Sie verlangten, dass Albertz als Garant für die Erfüllung ihrer Forderungen nach Freilassung der inhaftierten Gesinnungsgenossen mit zum vereinbarten Übergabeort fliegen sollte.

Am Sonntag predigte Albertz noch im Gottesdienst seiner Schlachtenseer Gemeinde. Abends flog er nach Frankfurt und von dort mit den freigelassenen Gefangenen nach Aden. Das Fernsehen übertrug den Abflug live. Nach seiner Rückkehr von der abenteuerlichen und gefährlichen Reise wurde der entführte Peter Lorenz von den Terroristen freigelassen.

Mit Kurt Scharf und Helmuth Gollwitzer blieb Albertz anschließend weiter im Gespräch mit den RAF-Terroristen. Er besuchte sie in den Gefängnissen, denn: „Sie sind doch unsere Söhne und Töchter!“

In der folgenden Zeit wurde Heinrich Albertz zur „Klagemauer der Nation“. Plötzlich sollte der Pfarrer überall dort helfen, wo junge Menschen glaubten, kein Gehör zu finden.

1979 ging er in den Ruhestand. Nach wie vor hielt er aber Gottesdienste in Berlin-Schlachtensee und engagierte sich in der Friedensbewegung gemeinsam mit Helmut Gollwitzer, Kurt Scharf, Heinrich Böll, Walter Jens und anderen gegen den Nachrüstungsbeschluss der NATO. Mit weiteren Prominenten beteiligte er sich im September 1983 an der Blockade des US-Atomwaffendepots in Mutlangen.

1986 siedelte das Ehepaar Albertz nach Bremen in ein Altenheim über. Auch hier war er noch Pastor, predigte häufig in der Kirche St. Stephani. Er nahm er am politischen Tagesgeschehen teil, fuhr zu Vorträgen.

Regelmäßig sprach er im Fernsehen das „Wort zum Sonntag“, war Referent, Mahner und Diskutant bei den „Deutschen Evangelischen Kirchentagen“ und verfasste viele Bücher, veröffentlichte seine Predigten, Reden und Vorträge.

Dennoch ist es vor allem die Ruhe des Lebensabends, die Entdeckung der Langsamkeit, die die letzten Jahre prägten:

Er schrieb in seinem Buch „Am Ende des Weges, Nachdenken über das Alter“:

„Sorgt nicht um euer Leben“ – was heißt das also? Es bedeutet wohl zuerst eine schier unglaubliche Freiheit von der Lebensangst. Der Mensch, der dem Jesus Christus begegnet ist, kann mit seiner Furcht fertig werden. Aber Furchtlosigkeit heißt nicht Lethargie, nicht Resignation, nicht Wurstigkeit. Freiheit von dieser Angst heißt durchaus, im Getümmel stehen, redend, handelnd, Partei ergreifend, aber zugleich wissend, Partei, Auseinandersetzung, Leistung, Karriere, der Ablauf der Jahre, das Altwerden, der Tod – das ist alles nicht das Letzte, nicht das Ziel, nicht die Mitte und der Sinn. Mitte und Sinn gibt der, der in unserem Evangelium redet, der selbst dieses Evangelium ist. Was wir tun oder nicht tun, ist Widerschein, Abglanz, Spiegel in einem dunklen Wort. Freiheit von Lebensangst, von kleiner bedrückender, auf den Tag schauender Sorge ist eben die königliche Freiheit der Kinder Gottes, von der das Neue Testament von der ersten bis zur letzten Zeile redet.“

Und er genießt die ihm vergönnte Ruhe:

„Nichts ist schöner, als mit dir in der Abendsonne auf einer Bank zu sitzen - dicht am Hause vor unserer schönen Wiese, in dem herrlichen Park ganz in unserer Nähe, im alten Riensberger Friedhof. Wir erzählen uns die alten Geschichten, von Glück und Unglück in unserem Leben, von Kindern und Enkeln. Wir sehen in die grünen Bäume hinauf, wie Dome über uns gewölbt, ins Wasser zu unseren Füßen, und sehen in seinem Spiegel den Himmel auf Erden«

Ein Krebsleiden machte Albertz schwer zu schaffen. Er verlor aber nicht die Hoffnung, den Gedanken an die Erlösung:

„Jesus Christus hat gesagt, dass es eine Hoffnung gibt. Eine unbeschreibliche, unbeschreibliche Hoffnung: dass das Leben weitergeht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass wir im Sterben nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes.“

Er starb am 18. Mai 1993 im Alter von 78 Jahren im Kreis seiner Familie. In seinem Leben hat er das demokratische Profil der Bundesrepublik und den Protestantismus über die Grenzen des Landes hinaus entscheidend mitgeprägt.

In seiner Traueranzeige stand das Wort aus dem Psalm 23, wie ein Schlüssel zu seinem Leben, zu seinem Wirken, seinem Leiden und auch seinem Sterben: „Und ob ich schon wandere im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Rolf Polle

 

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Apostelandacht zu Dorothee Sölle

Apostelandacht zu Dorothee Sölle, gehalten am 22. November 2009

Dorothee Nipperdey wird am 30. September 1929 geboren. Sie ist das vierte von insgesamt fünf Kindern. Der Vater ist Professor für Arbeitsrecht und später Präsident des Arbeitsgerichtshofes. Die Mutter ist der Mittelpunkt der Familie. Sie hatte jung geheiratet und deswegen ihren Wunsch nach Ausbildung und Beruf aufgeben müssen. Dorothee wird später beschließen, dass ihr das nicht passieren wird.

Sie wächst also in Köln in einer bildungsbürgerlichen, wertkonservativen Atmosphäre auf.  Der Vater ist kein Nazi, hat sich aber mit den Machthabern des „Dritten Reichs“ arrangiert.

Erst im November 1945 erfährt sie, dass ihr Vater eine jüdische Großmutter hatte. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Neulich erfuhr ich durch Zufall, Papi ist Vierteljude, politisch verfolgt. Ich war entsetzt, zuerst, es machte mir so Minderwertigkeitsgefühle, ich bin doch zu ‚naziverseucht’ und sehe im Nichtarischen das Unreine, Mindere.“

Dieses Erschrecken über ihre jugendliche Blindheit ist der Ausgangspunkt für einen lebenslangen Prozess einer persönlichen „Wiedergutmachung, geboren aus einem tiefen Gefühl der Scham“, wie sie schreibt.

Halt findet sie erst einmal bei den Werken des Philosophen Heidegger. Seinen Satz „Dasein ist das Hineingehaltensein in das Nichts“ schreibt sie auf einen Zettel, der jahrelang auf ihrem Schreibtisch liegt. Auch Sartres Existenzphilosophie beeindruckt sie tief.

Der christliche Glaube erscheint der jungen Dorothee zunächst als „ein unerlaubter Ausweg aus dem auszuhaltenden Dunkel“.

Bis eine junge Lehrerin kommt. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Die neue Religionslehrerin ist umwerfend gut, leider Christ!“ Ohne sie wäre Dorothee nie zur Theologie gekommen wie sie schreibt. Neben Sartre und Heidegger lernt sie durch ihre Lehrerin die Werke Luthers, Bonhoeffers und des Theologen Bultmann kennen.

Sie studiert in Göttingen Theologie um, wie sie schreibt, „die Wahrheit herauszubekommen“. Auf dem Weg zur Theologie begegnet ihr das Werk Kierkegaards, der für sie die Brücke bildet zur Theologie mit seinem existenzialistischen Christentum.

Für Dorothee wird die Theologie zu einer geistigen Heimat, aber nicht die Kirche. Ihr Christentum ist wenig traditionell, unkirchlich, existenzialistisch.

In der Szene zwischen Kunst und Literatur, Religion und Politik finden Dorothee Nipperdey und der junge Maler Dieter Sölle zusammen. Was sie verbindet, seht in ihrem Tagebuch: „Wir sind zusammen Christen geworden.“

Sie verwirklichen zusammen ein romantisches Ideal von Liebe und Ehe, sie heiratet in Weiß und sie bekommen drei Kinder.

An einem Kölner Mädchengymnasium unterrichtet sie Religion.

Ab 1960 schreibt sie für den Rundfunk und verschiedene Zeitungen über theologische und literarische Themen – und ihre Ehe zerbricht, was für sie zunächst das Ende eines Lebensentwurfs bedeutet.

Sie ist arbeitet jetzt freiberuflich, ist zeitweise Assistentin an der TU Aachen und im Hochschuldienst der Universität Köln.

Für ihre Kinder hat sie wenig, aber qualifizierte Zeit, wie sie schreibt.

In dieser Phase ihres Lebens verfasst sie ihr erstes theologisches Buch mit dem Titel „Stellvertretung“ und dem Untertitel „Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes“. In den einleitenden Sätzen heißt es:
“Dieses Buch geht von der Frage aus, wie ein Mensch mit sich selber identisch werden könne, und es versucht, sie in Beziehung zu setzen zu der anderen, was Christus für unser Leben bedeute.

Wer bin ich? Wie komme ich zu mir selber? Wie lebe ich so, dass ich es bin, der dieses Leben lebt? So fragt nicht nur die um sich selbst bekümmerte Subjektivität, sondern der Mensch in der Gesellschaft, die ihn bindet und formt, beschädigt und entstellt. Geblendet von den Rückschritten der Aufklärung in diesem Jahrhundert, jenem ungeheuren Rückgang in die selbstverschuldete Unmündigkeit, betroffen von den immer neuen und sich vervielfältigenden Formen der Versagung jeder möglichen Identität, geängstet von Neurosen, mit denen Zivilisation sich erkauft und nicht hält, was sie verspricht: Humanisierung – fragen wir nach einer Welt, in der es vielleicht einfacher sein möchte, mit sich identisch zu werden. Aber jede Vision einer heimatlicheren Erde muss sich messen an der größten der Visionen, die wir kennen: am Reich Gottes.“

Und später erinnert sie sich an diese Zeit:

„Mich persönlich hat weder die Kirche, die ich eher als Stiefmutter erlebte, noch das geistige Abenteuer einer nachaufklärerischen Theologie zu dem lebenslangen Versuch, Gott zu denken, verlockt. Es ist das mystische Element, das mich nicht loslässt. Es ist die Gottesliebe, die ich leben, verstehen und verbreiten will.“

Wie kann man nach Auschwitz von einem Gott reden, der alles so herrlich regieret? Es bleibt die Erfahrung vom „Tode Gottes.“ Diese Erfahrung kann nur dadurch aufgehoben werden, dass Christus diese Leerstelle besetzt: Als Stellvertreter Gottes vor den Menschen und als Stellvertreter der Menschen vor Gott. Ihm folgen heißt, sich eine Lebensperspektive zu eigen zu machen, die im wesentlichen, unüberbrückbaren Konflikt zur Gesellschaft, in der wir leben, steht. (Ihr Glaubensbekenntnis einfügen?)

Sie liest im Werk Martin Bubers, des großen jüdischen Philosophen. Er ist für sie ein Grund, nach Jerusalem zu pilgern.

So fährt also Dorothee Sölle zur Jahreswende 1959/60 zum ersten Mal mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nach Israel.  Sie taucht ein in die Welt der Kibbuz-Genossenschaften, konfrontiert sich mit den Überlebenden des Holocaust, nimmt die Landschaft in sich auf. Zum ersten Mal verbindet sich für die junge Religionslehrerin der christliche Glaube mit dem Glauben an den Gott Israels in einer eindrücklichen und sinnlichen Art und Weise. Und sie trifft Martin Buber.

Das Reden von Gott, sagen jüdische Theologen, ist kein Formulieren von Lehrsystemen, sondern ständiger Diskurs, eine gemeinsame, spannungsreiche Suche nach der Wahrheit, die niemals völlig zu ergründen ist. Diese Sichtweise übernimmt Dorothee Sölle.

1966 wird sie zu einer Konferenz eingeladen, die von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Jerusalem veranstaltet wird. Zu den Organisatoren gehört Fulbert Steffensky, ein katholische Theologe und Benediktinermönch.

In ökumenischer Eintracht suchen evangelische wie katholische Grenzgänger nach neuen Wegen und Quellen der Erkenntnis – und landen bei den gemeinsamen Wurzeln, den jüdischen Traditionen des Glaubens und der Gotteserkenntnis.

Sie schreibt:

„Als wir entdeckten, welche Beziehungen uns mit Buber verbanden, sagte Fulbert kurz entschlossen: ‚Dann gehen wir eben morgen zu Bubers Grab.’ Alles Weitere in meinem Leben nahm dort, in Jerusalem, seinen Anfang“

Drei Jahre später heiraten Fulbert und Dorothee.

Ihre Beziehung, die in Jerusalem ihren Anfang nahm, setzt sich bald in einer gemeinsamen Aktion fort, dem „Politischen Nachtgebet“.

Man kommt zu der Einsicht, dass die Beschäftigung mit theologischen Fragen auch politische Konsequenzen haben muss. Beim Katholikentag 1968 in Essen stellt man den Antrag, eine politische Gebetsliturgie zu aktuellen politischen Fragen halten zu dürfen. Das Organisationsbüro legt den Termin auf eine Zeit nach 23 Uhr. Damit ist das „politische Nachtgebet“ entstanden.

„Es handelte sich dabei um politische Information, um ihre Konfrontation mit biblischen Texten, eine kurze Ansprache, Aufrufe zur Aktion und die Diskussion mit der Gemeinde. Information, Meditation und Aktion sind die Grundelemente aller folgenden Nachtgebete geblieben.“

Die Themen in den späten 60er und frühen 70er Jahren spiegeln die Umbrüche dieser Zeit wider. Es geht um den Krieg in Vietnam, die Zerschlagung des „Prager Frühlings“, um die Intervention der USA in Santo Domingo und am Ende um den faschistischen Putsch in Chile. Behandelt werden gesellschaftliche Probleme wie Frauendiskriminierung, Strafvollzug und Entwicklungshilfe. Die einzelnen Themen werden jeweils von einer Gruppe vorbereitet. Auf diese Weise entstehen Freundschaften über konfessionelle und weltanschauliche Grenzen hinweg.

Die evangelischen und katholischen Kirchenleitungen sperren das Politische Nachtgebet aus den Kölner Kirchen aus. Für viele andere dagegen öffnet sich die Kirche endlich wieder der Welt und den Menschen, ihren Problemen, Sehnsüchten und Hoffnungen.

Man kann nicht denken, was man nicht tut!

Aus diesen Gedanken entwickelt sich zur gleichen Zeit die Theologie der Befreiung. Erst im bewussten Leben mit und für andere, in Parteilichkeit und Solidarität wird sich der Sinn des Evangeliums neu erschließen.

Dorothee Sölle unterstützt in dieser Zeit Basisgruppen, hält Vorträge in Kneipen, Hinterzimmern und Gemeindehäusern fortschrittlicher Pastoren.

In den Amtskirchen und Universitäten wird sie hingegen abgelehnt. Aus den Reihen bekenntnistreuer Christen schallt der Ruf: „Niedergefahren zur Sölle!“

Eine Universitätskarriere bleibt ihr verschlossen. Zu wenig kann man mit der Querdenkerin und politischen Basisaktivistin anfangen.

Die erste spektakuläre Aktion des Politischen Nachtgebets war 1968 eine Demonstration gegen den Krieg der USA in Vietnam gewesen. „Vietnam ist Golgatha!“ stand auf dem Transparent, das eine Gruppe evangelischer und katholischer Christen durch die Kölner Innenstadt trug und dann am Eingang des Kölner Doms aufstellte. Dorothee Sölle arbeitet in der „Hilfsaktion Vietnam“ mit, die politische und humanitäre Hilfe für die vietnamesische Befreiungsbewegung und das ebenfalls von den Amerikanern angegriffene Nordvietnam organisiert.

1972 reist sie mit einer Gruppe durch einige Städte und Dörfer in Nordvietnam, um sich ein Bild von der Lage im Land zu machen. Dorothee ist durch das, was sie sieht, tief erschüttert. Ihre Eindrücke fasst sie in einem Gedichtzyklus zusammen:
“Der Frieden muss sich verstecken

im unterstand steht er ein doktor

der splitter sucht in der lunge des kleinkinds

in der Höhle sitzt er ein Lehrer

der mädchen zeigt wie man bomben entschäft

im bunker hockt er eine mutter

die dem kleinen die brust gibt bei schichtwechsel

unter der erde wohnt er

nicht auf erden“

 

Dass der Gekreuzigte in Vietnam zu finden ist und nicht im sakralen Abseits der Kirchen, wird zu einer zentralen Botschaft des Politischen Nachtgebets. Der ermordete und auferweckte Messias wird identisch mit den gefolterten Opfern der Militärdiktaturen und der Todesschwadrone, er wird aber auch zum Symbol für das Leiden und die Kraft der Schwachen.

1971 erscheint ihr zweites wichtiges Buch „Politische Theologie“, eine Auseinandersetzung mit der Theologie Rudolf Bultmanns. Er hatte ihr mit seinem Programm der Entmythologisierung während des Studiums einen wichtigen, von Vernunft bestimmten Zugang zur Bibel und Theologie ermöglicht.

Am Beispiel der Schuldverstrickung der Bewohner westlicher Länder in das Elend der Arbeiter auf den Bananen- und Kaffeeplantagen in Lateinamerika will sie den personalen Begriff von Sünde in einen strukturellen Zusammenhang stellen.

Das Schicksal der Märtyrerkirche in El Salvador und ihres Bischofs Arnulfo Romero, der während des Gottesdienstes ermordet wird, Kriege in Kolumbien und Guatemala finden ihren Niederschlag in Gedichten, Reportagen und Heiligenlegenden, mit denen Dorothee ihre Verbundenheit mit den Menschen Lateinamerikas zum Ausdruck bringt.

Mitte der siebziger Jahre wird ihr der politische Aktionismus suspekt. Auch richtiges und notwendiges Handeln in der Welt braucht eine spirituelle Dimension. Schon immer hat sie sich für die Mystiker interessiert, jetzt werden sie ihr zunehmen wichtig.

Auf der Suche nach Heilwerden und Ganzheit stellt sie fest, dass sich Identität nicht einseitig durch Arbeit, Aktion und Anstrengung erreichen lässt.

Jeder Mensch ist ein Geheimnis, das nicht in der sozialen Identität aufgeht. Liebe bedeutet nicht nur, den anderen zu entdecken, sondern den anderen in seiner unergründlichen Tiefe wahrzunehmen, eben in seinem von Gott Erkanntsein.

Die Familie zieht nach Hamburg um, Fulbert Steffensky hat eine Professur für Religionspädagogik an der Universität angenommen. Im Sommer 1974 erhält sie einen Ruf an das Union Theological Seminary in New York. Es ist das einzige theologische Seminar, das nicht mit einer Kirche verbunden ist, ein Zentrum der liberalen Theologie in den USA.

Die Studierenden wollen ihren christlichen Glauben im Zusammenhang ihrer Lebenswelt praktizieren und eine aus dem Glauben begründete gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Man ist dort der Überzeugung, dass die biblischen Gebote nicht nur als Anweisung für eine christliche Lebensführung des Einzelnen gedacht sind, sondern auch in soziale und politische Kategorien umgesetzt werden müssen.

Zehn Jahre lang lehrt Dorothee Sölle dort jeweils im Sommersemester, im Winterhalbjahr kehrt sie zu ihrer Familie nach Hamburg zurück.

Politische Schwerpunkte sind in diesen Jahren die Solidarität mit den Befreiungsbewegungen Lateinamerikas, verbunden mit der Unterstützung illegaler Einwanderer.

Schließlich ist sie der Zerrissenheit ihres Lebens zwischen New York und Hamburg überdrüssig und kehrt endgültig nach Hamburg zurück.

1985 nimmt sie am Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf teil, ihre Freundin Luise Schottroff hat die offizielle Einladung gegen starke Widerstände durchgesetzt. Die beiden Frauen geben ihrer Bibelarbeit zum Kirchentagsmotto den Titel: „Die Erde gehört Gott!“ Gott ist anders, nicht nur Mann und „Herr“ er bekommt weibliche und geschwisterliche Attribute.

Sie sagt:

„Es gibt eine männliche Theologie, die Gott vor allem als Befehlshaber, als Allmacht, als Imperator denkt. Ich will diese Theologie den Gottesimperialismus nennen, weil ich glaube, dass sie im Bereich der Ideologie genauso funktioniert wie der Imperialismus im wirtschaftlichen und politischen Bereich, nämlich um Menschen zu unterwerfen. So ist der Fatalismus die Kehrseite des Gottesimperialismus.“

Für sie war der Feminismus Teil einer notwendigen Befreiungsbewegung, die aber nicht auf die Frauenbewegung verengt werden durfte.  Sie schreibt: „Für mich ist Feminismus ein menschheitliches Unternehmen. Gott braucht alle ihre Kinder, damit sie von Furcht und Hass frei werden können und wir endlich miteinander in einen herrschaftsfreien Raum hineinwachsen.“

Frauengottesdienste mit eigenen Themen und Ritualen sind ihr wichtig, mit dem, was Frauen erleben: Schwangerschaft und Geburt, Abtreibung und Vergewaltigung. Mit der Wahrnehmung der weiblichen Spiritualität kommt auch die Entdeckung, dass Gott mehr ist als ein Mann.

Gemeinsam mit Luise Schottroff formuliert sie:

„Grundlage unserer Bibelarbeiten ist eine befreiungstheologische Hermeneutik, die mit der Befreiungstheologie und der Feministischen Theologie zusammengehört. Es gehört dazu, die Situation der Menschen von damals ebenso ernst zu nehmen, die in der Bibel vorkommen, wie die der Menschen von heute. Die biblischen Teste sind Zeugnisse Betroffener, die die ungeschminkte Wahrheit über ihre eigene Situation aussprechen und deutlich machen, was der Glaube und die Hoffnung auf Gott praktisch bedeuten, welche Schritte der Befreiung im Alltag mit dem Glauben verbunden sind. Die politischen und sozialen Verhältnisse müssen beim Namen genannt werden, so vom Glauben gesprochen wird.“

Es ist die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Seit Beginn der achtziger Jahre gehen in der BRD Hunderttausende auf die Straße, getrieben von der Sorge um Frieden und Sicherheit in Europa. Linke aller Schattierungen, Christen und Sozialisten, Ökologie- und Frauenszene gehen erstmals ein Bündnis ein

Der Protest gegen die Aufstellung neuer atomarer Mittelstreckenraketen eint sie.

Dorothee Sölle nimmt an Blockadeaktionen vor US-amerikanischen Militärstützpunkten teil. Mit dem Freund Heinrich Böll und anderen Prominenten sitzt sie 1983 vor dem Stützpunkt in Mutlangen, auf dem die neuen Raketen stationiert werden sollen. Alle Blockierer werden „abgeschleppt“ und vor Gericht gestellt.

Sie wird wegen Nötigung in verwerflicher Absicht zu 2000 DM Strafe verurteilt.

Im Sommer 1983 wird sie als Referentin zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen nach Vancouver eingeladen. Sie hält dort ein Referat gegen Geld und Gewalt:

“Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt, einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte, die einige von uns Deutschen noch nicht vergessen konnten; ein Land, das heute die größte Dichte von Atomwaffen in der Welt bereit hält. Ich möchte Ihnen etwas sagen über die Ängste, die in meinem wohlhabenden Land herrschen; ich spreche zu Ihnen aus Zorn, in Kritik und mit Trauer. Dieser Schmerz über mein Land, diese Reibung an meiner Gesellschaft kommt nicht aus Willkür oder weil ich sonst nichts Besseres zu tun hätte; er wächst vielmehr aus dem Glauben an das Leben der Welt, das mir in dem armen Mann aus Nazareth begegnet ist, der weder Reichtum noch Waffen besaß. Dieser arme Mann stellt uns das Leben der Welt vor Augen und weist uns auf den Grund des Lebens hin, auf Gott.

Christus kam in die Welt, damit alle Menschen leben haben und es in Füllte haben. Für rund zwei Drittel der menschlichen Familie gibt es kein Leben in seiner Fülle, weil sie in Armut, nackter ökonomisch bedingter Verarmung and er Grenze zum Tod leben. Sie haben Hunger, sie sind ohne Obdach, sie haben keine Schulen und keine Medizin für ihre Kinder, kein reines Wasser zu trinken, keine Arbeit – und sie wissen nicht, wie sie ihre Unterdrücker loswerden können. Die Handelsverträge und die internationalen Beziehungen werden von der ersten reichen Welt über die Armen verhängt, sie stürzen sie in täglich schlimmer werdendes Elend. Der Kampf ums Überleben zerstört das erfüllte Leben, den Schalom Gottes von dem die Bibel spricht. Christus kam in die Welt, damit alle Leben in Fülle haben, aber die absolute Verarmung, die innerhalb einer technologisch entwickelten Welt ein Verbrechen ist, zerstört Menschen physisch, geistig, psychisch und auch religiös, weil sie die Hoffnung vergiftet und den Glauben zu einer Fratze, zu einer ohnmächtigen Apathie macht. Zwischen Christus, der die Fülle des Lebens für alle bedeutet, und den Verarmten schiebt sich die Ausbeutung als die Sünde der Reichen, die versuchen, das Versprechen Christi zu zerstören.“

Dorothee Sölle hat damit ausgesprochen, was viele ökumenisch und politisch ausgerichtete Christen in der Friedens- und Solidaritätsbewegung denken. Die Kirchenleitungen dagegen distanzieren sich von ihr und weisen darauf hin, dass Sölle auf Einladung des ÖRK und nicht als Vertreterin der EKD in Vancouver gesprochen haben.

Der Titel ihres letzten Buches lautet: „Mystik und Widerstand“. Sie schreibt darin:
“Wir leben seit 1989 in einer vereinheitlichten Wirtschaftsordnung der Technokratie, die eine absolute Verfügung über Raum, Zeit, Schöpfung beansprucht und herstellt. Die Maschine, getrieben vom Zwang, mehr zu produzieren, läuft, von technologischen Erfolgen unvorstellbaren Ausmaßes bestätigt. Sie ist auf ein „Mehr“ an Schnelligkeit, Produktivität, Verbrauch und Gewinn für etwa zwanzig Prozent der Menschheit hin programmiert. Dieses Programm ist effektiver und gewalttätiger als alle historischen Großreiche mit ihren babylonischen Türmen.“

Angesichts dieser Realität stellt sich nicht nur die Frage nach veränderten Formen des Widerstands, sondern auch nach neuen Kraftquellen und Motivationen.

Dieses ist der Ansatz für die Verbindung von Mystik und Widerstand: Das „Nein zur Welt, wie sie jetzt ist!“

In diesem Zusammenhang fragt sie neu nach dem Sinn des Leidens:

„Leiden trennt nicht notwendigerweise von Gott, sondern vermag uns gerade in Beziehung zu dem Geheimnis der Wirklichkeit setzen. Christus nachzufolgen bedeutet, teilzunehmen an seinem Leiden. Mitleiden in diesem Sinne entsteht angesichts der realen Situation anderer unschuldig Leidender aus Solidarität mit ihnen. Ohne Leiden keine Auferstehung.

„Opfer“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass dem Leiden in sich eine Heilsqualität zukäme; wohl aber spricht der Begriff die Teilhabe der Menschen aus, die sich nicht abfinden, sondern in einem mystischen Trotz mitleidend darauf bestehen, dass nichts verloren geht.“

Das „Trotz alledem“ des jüdischen Glaubens das die Widerstandstradition beider Testamente begründet hat, ist die entscheidende Quelle ihrer Kraft und ihrer Inspiration. Diese Tradition ist das Besondere, das Christen und Juden in den Menschheitstraum von einem neuen Morgen einbringen können.

Die andere Tradition ist die der widerständigen Mystik, die die Visionen Dorothee Sölles mit denen der Gottsucher, Wahrheitsfinder und Heimatsucher in vielen Völkern und Kulturen verbindet.

Ihr Mann Fulbert Steffensky schreibt:

„Mystik ist die Erfahrung der Einheit und der Ganzheit des Lebens. Mystische Wahrnehmung, mystische Schau ist dann auch die unerbittliche Wahrnehmung der Zersplitterung des Lebens. Leiden an der Zersplitterung und sie unerträglich finden, in arm und reich, in oben und unten, in krank und gesund, in schwach und mächtig, das ist das Leiden der Mystiker. Der Widerstand wächst aus der Wahrnehmung der  Schönheit. Und das ist der langfristigste und der gefährlichste Widerstand, der aus der Schönheit geboren ist.“

Mystik ist für Dorothee Sölle Widerstand, nicht religiöse Wellness, sondern heiliger Zorn und Raserei, ein Rasen gegen das Sterben des Lichts.

„Wenn du nur Glück willst, willst du nicht Gott“, das ist Dorothees letzter Vortrag, gehalten am 25. April 2003 in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Wer nicht nur Glück will, sondern auch Gott, kommt nicht herum um die großen Klagen, Fragen und Anrufungen, die wir schon in den biblischen Texten finden.

Die Gegenseitigkeit der Gottesbeziehung führt zuletzt wieder zu der Erkenntnis, dass Gott zum Heilwerden unsere Hilfe braucht wie wir seine. Am Ende steht immer noch der Tod; aber stark wie der Tod ist die Liebe:

„Ich habe keine Angst vor Ihnen, Mr. Death. Was ich fürchte, ist das Alleingelassen-Werden, wenn mein Lache-und-Weine-Partner von mir fort muss. Manchmal vermute ich, dass Liebe – falls wir wissen, was wir mit diesem Wort sagen – das Einzige ist, wovor Sie Respekt haben. In diesem Sinne möchte ich Sie bitten, uns nicht zu trennen.“

Das ist am Ende Dorothees großer Wunsch, und er wird ihr erfüllt. Am Abend nach dem Vortrag sitzen beide in Bad Boll mit guten Freunden zusammen, trinken Wein und freuen sich an dem gemeinsamen Abend. Am frühen Morgen erleidet sie einen schweren Herzinfarkt und stirbt im Krankenhaus.

Auf ihrem Grabstein stehen die Worte des Psalms 36: „In Deinem Licht sehen wir das Licht.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Jochen Klepper

Apostelandacht zu Jochen Klepper, gehalten am  20. September 2009

Kein Prophet sprach: Mich Geweihten sende!
Wie Fieber brannte es in allen.
Furchtbar ist dem Menschen,
in die Hände Gottes, des Lebendigen, zu fallen.

„Unter dem Schatten Deiner Flügel“

so der Titel des Tagebuches, das Jochen Klepper in den letzten 10 Jahren seines Lebens von 1932 bis 1942 führte. Es ist ein eindringliches und herzbeklemmendes Dokument des Existenzkampfes eines treuen Familienmenschen und christlichen Dichters in einer erbarmungslosen Zeit.

Mich berührt und bestürzt dieses vorbehaltlose Leben mit und im Wort Gottes. Und er vermittelt auf diesen Seiten, dass die Poesie die Quelle seines Lebens ist. Im Schaffensprozess „in dem Gott zu mir spricht“ wie er schreibt, erneuert sich das Vertrauen, mit dem er allen Zweifeln und Abgründen, die in ihm selbst aufbrechen, widerstehen kann.

Jochen Klepper wurde am 22. März 1903 im ehemalig niederschlesischen Beuthen an der oder geboren. Er wuchs in einem evangelischen Pfarrhaus mit vier Geschwistern auf – zwei Schwestern, zwei Brüder. Sein Verhältnis zur Mutter war besonders eng.

Nach dem Willen des Vaters – aber wohl auch aus eigener Neigung – studierte er evangelische Theologie. Er studierte in Erlangen, später in Breslau, belegte auch Fächer für ‚Deutsche Kunst‘ und ‚Nordische Dichtung‘; Kunst, die ihn nie mehr los lies.

Das Erkennen seiner Neigung zur Kunst, die Erfahrung kreativer Freiheit bringt ihn in einen Zwiespalt zur Ordnung des Theologischen Konvikts, in dem er lebt, und in Konflikt zu den Traditionen seines Vaters, was ihm große Not bereitet. Und ihn, der immer schon von labiler Konstitution war, in eine Lebenskrise stürzt.

Mit dem Beistand eines Dozenten und väterlichen Freundes setzt er den während eines Erholungsaufenthaltes gefassten Entschluss um, das Theologiestudium aufzugeben. Und damit beginnt ein Zerwürfnis mit dem Vater, der wohl nicht nachvollziehen konnte, dass sein Sohn der Stimme seiner Berufung folgen musste.

Jochen Klepper bedauerte später manchmal, nicht Pastor geworden zu sein; andererseits gelang es ihm, in seinem Leben und dichterischen Werken Glaube und Kunst zu vereinen.

Die Vater –Sohn-Thematik hält ihn lebenslang fest, wird für ihn wohl zum Trauma. Er setzte sich damit später in seinem großen Roman „Der Vater“ auseinander.

Jochen Klepper wandtet sich der offenen, leichtlebigen Welt der Bühne, des Films und des Funks zu, schrieb literarische Texte, Gedichte – auch Gedichte, die später vertont wurden.

Als erster Roman erschien unter dem Titel „Der Kahn der glücklichen Leute“. Außerdem arbeitete er als Redakteur beim Evangelischen Presseverband in Schlesien.

1929 lernte er seine spätere Frau kennen, die verwitwete Johanna Stein. Hanni war Jüdin aus einer vornehmen jüdischen Familie. Sie hatte zwei Töchter aus erster Ehe, Brigitte und Renate. Die standesamtliche Eheschließung in Breslau fand in Abwesenheit von Jochen Kleppers Eltern und Geschwister statt. Vor allem die Geschwister äußerten antisemitische Hetze auch in Hannis Gegenwart.

Die Zuspitzung des Konflikts mit dem Vater, der Familie führten zur schmerzlichen Trennung und zum Bruch mit dem Elternhaus in Beuthen, woran Jochen Klepper lebenslang litt.

Eine Versöhnung mit dem ihnen bahnte sich erst am Sterbebett des Vaters an.

Jochen, Hanni und die Töchter Brigitte sowie Renate übersiedelten nach Berlin und zogen dort in ein eigenes Haus.

Jochen Klepper war ein Familienmensch. Er schätzte die Geborgenheit und Idylle einer gutbürgerlichen Lebensart, lud Freunde in sein Dichterhaus ein, das er wie ein Pfarrhaus führte. Neben seinem Beruf als Schriftsteller arbeitete er in freier Mitarbeit beim Berliner Rundfunk.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 musste die Familie die Hoffnung auf ein gesichertes Leben aufgeben. Jochen Klepper wurde beim Rundfunk entlassen, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Aus gleichem Grund verlor er auch seine spätere Tätigkeit als Lektor beim Ullstein-Verlag und wurde trotz Anerkennung seiner Schriftstellererfolge – das Buch „Der Vater“ erschien 1935 und wurde zum Bestseller – aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.

1940 als Soldat eingezogen, wurde er bereits 10 Monate später als „wehrunwürdig“ aus der Wehrmacht entlassen.

Klepper zog sich aus dem äußeren Leben weitgehend zurück, das Familienhaus und sein Dichterberuf wurden für ihn wie zu Inseln mitten im Sturm.

Die Scheidung, die seine Frau anregte, um ihm den Weg frei zu machen, kam für Jochen Klepper nie in Betracht.

Er schreibt im Tagebuch: „Weil Gott mich führt, mitten in den Bedrängnissen, darum darf ich ‚verlangen‘ bei Hanni zu bleiben, denn dass wir beieinander sind, ist Fügung dessen, der mit seinen Plänen all unser Begreifen übersteigt.“

Erst 1938, als die Synagogen brennen, wird ihm unmissverständlich klar, was die Machthaber wirklich im Schilde führen. Bisher hatte er sich nicht ausdrücklich distanziert von politischen Kreisen – wohl auch, weil er dort als Schriftsteller für sein Buch „Der Vater“ Anerkennung erhalten hatte.

Klepper beklagt, dass die Kirche in ihrer Gesamtheit zu all dem schweigt – sich vor dem Staat mehr fürchtet als vor Gott (das ist der Anfang des Gerichtes über dem Hause Gottes), diese Kirche des ‚nationalen Aufstiegs‘ sei sein Todfeind.

Dennoch fühlt er sich durch seinen Taufspruch an die Kirche gebunden: Jesaja 43: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“

Hanis Entscheidung, sich taufen zu lassen, ermutigt Jochen Klepper sehr; so wird das Ehepaar auch kirchlich getraut.

Für die jüdisch-deutsche Familie werden nun die Bedrängungen immer größer; ihr Lebensraum ist unmittelbar bedroht. Immer wieder aufkommende Gedanken an den gemeinsamen Selbstmord der Familie sind von Zweifeln begleitet; werden zu verwirrenden Anfechtungen.

Es ist das Jahr 1942: Bis November sollen alle Juden aus Deutschland deportiert sein. Jüdische Bürger erhalten keine Lebensmittelzuteilungen mehr; ihnen werden die Wohnungen gekündigt, ohne dass sie neue mieten dürfen; und sie sollen sehr begrenztes Gepäck bereithalten.

Die Nachricht von einem KZ in einem Steinbruch bei Weimar kommt in Umlauf. Schreckensnachrichten von Selbsttötungen jüdischer Bürger und Deportationen befreundeter Familien mehren sich im Umfeld der Familie. Ein Schutzbrief von Innenminister Frick – vermittelt durch Freunde während Jochen Kleppers Militärdienstzeit – bewahrt die Familie zunächst noch vor dem Schlimmsten und schafft für einige Zeit einen Aufschub, während dessen sie mit deutschen und schwedischen Stellen verhandeln, die Auswanderung von Hanni, der jüngeren Tochter, zu erreichen. Die ältere Tochter Brigitte ist bereits emigriert, sie lebt in Schweden.

Jochen Klepper hat eine Schaffensphase, arbeitet an seinem neuen Roman „Das ewige Haus“, über Katharina von Bora und Martin Luther; er bestellt Bücher zum Quellenstudium.

Im November erleben Johanna und Jochen ihren Tiefpunkt, die Hoffnung auf irdische Rettung ist erloschen. So bereitet das Ehepaar den gemeinsamen Tod vor. -

Wie eigentlich kann das möglich sein: Für das Leben sorgen, an den Herrn des LEBENS glauben und den eigenen Tod vorbereiten. Kleppers Gewissen stört ihn immer wieder auf, andererseits ist seine Einstellung gereift:

„Es ist vergebbare Sünde wie anderen; Gott hat nur ‚eine Sünde‘ ausgenommen, die gegen den Heiligen Geist.“

Noch einmal scheint sich eine Wende anzubahnen: Per Telegramm erfahren sie, dass sie Großeltern geworden sind: die Tochter Brigitte in Schweden hat eine Tochter geboren. Und ein Anruf vom schwedischen Gesandten bestätigt, dass Reni einreisen kann.

Die Gefühlsschwankungen sind kaum auszuhalten:

„Wieder ist es einer der Tage, an dem man sein Herz in beide Hände nehmen; an dem man die Augen schließen muss, die die Fügung Gottes zu sehen wähnen.“

Die schwersten Schritte stehen Jochen Klepper nun bevor, er muss zum Innenministerium gehen, um eine Ausreisegenehmigung ausstellen zu lassen.

Da dem Innenminister Frick die Kompetenzen entzogen wurden, muss Jochen nach einem qualvollen Tag des Wartens zum Leiter des Sicherheitsdienstes, Adolf Eichmann, gehen, zur „Audienz“, wie Klepper es nennt, um zu erfahren, dass Mutter und Kind nicht ausreisen dürfen.

„Gott weiß, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausame und grausigste aller Depotrationen gehen zu lassen. Gott weiß aber auch, dass ich alles von ihm annehmen will an Prüfung, wenn ich nur Hanni und das Kind geborgen weiß.“

Den Gedanken an Flucht hat Hanni aufgegeben, weil sie weiß, was mit anderen geschah, die zur Flucht verholfen haben. Sie will nun mit den Eltern in den Tod gehen.

Jochens Schwester Hildegard steht der kleinen Familie bis zu ihrem Ende bei…

Sie sichert die vielen Seiten des Tagebuches, wird es später herausgeben.

Die letzte Tagebucheintragung am 10.12.1942:
„Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“ ---

Reinhold Schneider, ein Freund Jochen Kleppers, schreibt im Vorwort des Tagebuches:

„Klepper hat die Seinen an die Hand genommen, als es kein Recht und keinen Schutz mehr gab. Und ist mit ihnen vor den Richter, den schrecklichen Vater, geeilt. Sich schuldig wissend und doch unergründlicher Gnade gewiss.

Gerade dieser Tod ist von ihm her gesehen zu einem Glaubenszeugnis und einem Zeichen der Treue geworden.“

Hannelore Bauer

 

Zum Lied EG 380: „Ja, ich will euch tragen…“

Klepper hat seinem Lied die Überschrift „Silvesterlied“ gegeben. Aber es hat noch einen ganz anderen Charakter: Es ist ein Lied vom Altwerden und Altsein. Und es ist vom Anfang bis zum Ende eine Gottesrede. Wenn wir das Lied singen oder beten, redet Gott selbst uns an und tröstet uns mit seinen Verheißungen.

Die einzelnen Strophen sind denkbar kurz und prägnant:

Im Aufbau ist das Lied auf das Schlüsselwort „tragen“ hin strukturiert.

Es stammt aus dem Text des Alten Testaments, den er dem Lied vorangestellt hat, aus dem 46. Kapitel des Buches Jesaja:

„Ja, ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet. Ich will es tun, ich will heben und tragen und erretten. Gedenket der vorigen Zeiten bis daher und betrachtet, was er getan hat an den alten Vätern.“

Das Wort „tragen“  begegnet uns dreimal: in der ersten, in der mittleren vierten und in der letzten Strophe. In den ersten drei Strophen wird das, was Gott von den Menschen erwartet, mit Hilfsverben eingeführt: „Ihr sollt“, „müsst“ und „ihr dürft“, womit eine feine Steigerung angezeigt wird.

Die drei letzten Strophen dagegen werben in Befehlsform um unsere Zustimmung.

Zwei Strophen, die fünfte und die sechste, sind durch das gleiche Anfangswort „Denkt“ miteinander verklammert.

Wir wollen uns zunächst auf das Wort „tragen“ konzentrieren. Sich tragen lassen, wie eine Mutter oder ein Vater ein Kind trägt. Wir können an den Boden denken, der uns trägt, an Stuhl und Bett und Sofa. Wir kennen die Tragkraft des Wassers, das uns beim Schwimmen trägt. Sich tragen lassen bedeutet zugleich, zur tragenden Kraft Vertrauen zu haben.

Wir assoziieren vielleicht den Feuerwehrmann, der das ängstliche Kind aus dem brennenden Haus trägt. Oder auch die Situation, ein uns eher fremdes Kleinkind auf den Arm zu bekommen, das sich eben nicht vertrauensvoll hingibt, sondern anfängt zu schreien, uns misstraut.

Um unser Vertrauen in Gottes Tragen wirbt die zweimalige Aufforderung zum Rückblick in den Strophen fünf und sechs.

„Denkt der vor’gen Zeiten, denkt der frühern Jahre, wie auf eurem Pfad, euch das Wunderbare immer noch genaht..“

Wir haben eine Geschichte mit Gott, die nicht erst jetzt anfängt, sondern weit zurückreicht, zu den Vätern und Müttern. Diese Geschichte ist reich an Erfahrungen göttlicher Hilfe.

Am Ende des Liedes steht noch eine andere einfache Aufforderung: „Lasst nun euer Fragen.“ Gemeint sind wohl die trotzigen, skeptischen Fragen an Gott. Dieses Verstummen kritischer Fragen ist es, was die Bibel Glauben nennt. Glaube ist die Bereitschaft, ein Gotteswort einfach einmal stehen zu lassen, nicht zu hinter-fragen, sondern kindlich zu vertrauen, auch wenn wir älter sind. Glauben heißt eben nicht wissen – sondern sich tragen lassen.

Oder in Strophe 4, die letzten beiden Zeilen: „Wer sah mich versagen, wo gebetet ward?“

Dies ist eine rhetorische Frage aus der Perspektive Gottes, eigentlich eine überstarke Aussage.

Das soll uns Hoffnung geben, dass wir unsere existenzielle Angst, vor Schicksalsschlägen in unserem Leben, vor drohender Not, ja auch vor dem Tod, getrost im Gebet vor Gott bringen sollen, der uns in unserer Unvollkommenheit und Hilflosigkeit an unserem Ende in sein Reich tragen wird.

Kleppers Glaube kommt zutiefst aus dem Inneren, aus dem Gefühl; Klepper ist darin der Mystik nahe, und auch der Romantik. Gott ist für ihn Geheimnis, nicht primär theologisch und damit rational zu erfassen. Klepper sucht in den schweren Jahren der Nazi-Diktatur nach Fingerzeigen Gottes, wie er sich verhalten soll. Er vertraut auf Gottes Hilfe und wird dadurch wohl doch eher zur Passivität verleitet – und bleibt gegen den Rat seiner Freunde in Deutschland.

Entsprechend zieht sich Klepper ins Innere zurück, das Bild dafür ist das Haus – das er baut, das er nicht verlassen mag, das auch eine zentrale Stellung in seinem Roman „Der Vater“ einnimmt.

Dieser fast biedermeierliche Rückzug in die Häuslichkeit verbindet ihn mit Matthias Claudius, der auch häuslich, konservativ, familienverbunden war und die wissenschaftsorientierte Theologie ablehnte:

In seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ heißt es:
“Gott lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Bei Klepper heißt es in der 2. Strophe: „…müsst dem Vater trauen, Kinder sein als Greis“.

Jochen Klepper studierte als Jugendlicher 8 Semester Theologie und brach dann dieses Studium ab. Nach einer schweren seelischen Krise gelang es ihm nicht, seine Examensarbeit abzuschließen. Kleppers Glaube ist nicht in erster Linie rational oder wissenschaftlich geprägt, sondern kommt zutiefst aus dem Gefühl. Er begreift sein Leben und alle Schicksalsschläge als „Fügung“, hat die tiefe Gewissheit, dass Leben nichts anderes heißt als in Gottes Hand zu stehen. Sein Taufspruch auch aus dem Buch Jesaja ist ihm wichtig: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“

Dieses Frömmigkeitsverständnis prägt auch das zentrale Kapitel in seinem umfangreichsten Werk, seinem 1000seitigen Roman „Der Vater“.

Er beschreibt in diesem Buch den Vater Friedrichs II. von Preußen, den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I.; schildert, mit welcher Liebe und Selbstdisziplin dieser sein Land aus dem Elend geholt hat. Er versteht irdisches Geschehen als Abbild göttlicher Ordnung. Kleppers verstecktes Ziel ist es, dem faschistischen Führertypus das Bild eines sittlichen Erziehers des Volkes entgegenzustellen.

Jedem Kapitel stellt Klepper ein Bibelzitat als Motto voran und verweist damit auf die höhere Ordnung.

Wir erinnern uns: Friedrich Wilhelm I. erzieht seinen Sohn, der die Künste und die Literatur liebt, preußisch streng und spartanisch. Friedrich will während einer Auslandsreise fliehen und wird festgenommen. Der Vater-Sohn-Konflikt gerät auf seinen Höhepunkt:

Der Vater Friedrich Wilhelm ist bereit, seinen Sohn für seine Prinzipien zu opfern und durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilen zu lassen. Dies ist das Thema des 11. Romankapitels, das Klepper „Der Gott von Geldern“ nennt.

König Friedrich Wilhelm ist während einer Reise in der Stadt Geldern angekommen und sieht in der Kirche die Pietà des Schmerzensreichen Vaters. „Es trifft ihn ins innerste Herz, das Leiden des ewigen Vaters schauen zu müssen, indes die Glocken zu läuten aufhören und die Kirchgänger zu singen begannen.“

Verstört reist er weiter zum katholischen Erzbischof von Köln und fragt ihn: „Warum müssen Eure Durchlaucht, der Männlichsten einer, ohne Frau und Kind und Erben bleiben? Müssen nicht nach Gottes Kraft und Willen alle Männer dieser Erde Väter künftiger Väter sein?“

Der Erzbischof weiß, was Friedrich Wilhelm eigentlich bewegt und antwortet:
„In der Heiligen Schrift, Majestät, steht das Wort eines Königs aufgezeichnet, das er dem kommenden König weitergab für den künftigen Sohn: ‚Züchtige deinen Sohn, solange Hoffnung da ist; aber lass’ deine Seele nicht bewegt werden, ihn zu töten.‘“

Der Termin der Verhandlung vor dem Kriegsgericht naht, und Friedrich Wilhelm ist innerlich verstört: „Wieder sah er nur das Bild, wie ihm denn die Gedanken immer nur im Bilde des Vollendeten kamen. Er sah das Bild eines großen Gerichtes, in dem das Weltgericht sich spiegelte, vollzogen und aufgehoben in der Opferung des Sohnes.“

Er lässt seinen lutherischen Hofprediger holen und möchte von ihm erfahren, wie der Unterschied sei zwischen Prädestination (Vorherbestimmung) und Fatalismus.

Der Hofprediger antwortet: „Wie zwischen Himmel und Hölle, Geist und Fleisch.

In der Prädestination ist der, welcher alles vorherbestimmt, vorherweiß, fügt, leitet und nach seiner heiligen Ordnung zu Ende führt, der allmächtige Gott. Im Fatalismus aber ist Gott der Herr selbst gar nichts anderes mehr als ein fallender Stein und ein stürzender Bach.“

‚Gott aber lenkt die Herzen der Könige wie die Wasserbäche‘, schloss der König leise.“

Die Frage der Prädestination ist für Friedrich Wilhelm von großer Bedeutung, weil sein Erzieher ihn lehrte, Aufstieg und Niedergang der Regentenhäuser seien sichtbare Zeichen der Erwählung oder Verwerfung durch Gott.

So sucht er weiter nach dem richtigen Weg:

„Tag um Tag und Nacht um Nacht las der König in der Bibel von Gottvater und dem Menschensohn, den er mit der Schuld der Welt belud, von Abraham und Isaak; von König Davids Klage um Absalom, den Aufrührer; von der Verheißung über alle Erstgeburt; von Krone und Dornenkrone; von Gottes Richterstuhl und den Thronen der Könige. Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, da er versucht ward, und gab dahin den Eingeborenen und dachte: Gott kann auch wohl von den Toten erwecken. Dann versank er in der Karfreitagsgeschichte.

Der König las in der Bibel, doch betete nicht. Es war, als würde er gepeinigt. Es war, als würde er gerichtet; und nicht des Königs Sohn Friedrich.“

Das Kriegsgericht erklärt sich schließlich für unzuständig, nämlich „dass es Sachen sind, so zwischen Vater und Sohn passieret“.

„Sie bestätigten ihn nicht im Gericht. Gott wollte das Opfer nicht. Gott gab ihm kein Recht dazu, in eigener Tat zu sühnen. Der Erstgeborene gehörte ihm, dem Vater, nicht: er war von Gott als der künftige König gezeichnet. Und im Tode seiner beiden ersten Söhne, die im Kleinkindalter gestorben waren, war die Erwählung Friedrichs zum König besiegelt.

Am nächsten Morgen wurde Des Königs Sohn Friedrich begnadigt – begnadigt im Gericht des Vaters über sich selbst.“

Am Schluss des Kapitels betet der König: „Sein Gebet war nur, Gott möge ihn seine Befehle so wissen lassen, wie ein Soldat die Order seines Königs erhält. Gott möge ihn zu solchem Soldaten-König machen, der gehorcht, dient und vertraut und an dem Willen seines Herrn nicht rüttelt und seinen Plan nicht zu erfragen wagt.“

Nicht im Studium der Bibel, nicht durch Gespräche und Beratung bewältigt er seine schweren inneren Konflikte. Erst im Gebet gelingt ihm dies.

„Gott ließ sich nichts abtrotzen. Gott allein vermochte Menschen zu machen nach seinem Bilde. Der König gab den Sohn zum zweitenmal an Gott. Diesmal richtete er ihn nicht. Er betete für seinen Sohn.“

Klepper lebt aus und mit der Bibel und vertraut auf Gottes Führung. In seinem Tagebuch sucht er das lebendige Gespräch mit Gott. Er wandte die täglich von ihm gelesenen Bibelworte auf das eigene Leben an und ließ sich von ihnen leiten. Sie ermöglichten ihm, das Leben in all seiner Schwere zu ertragen. Der Glaube war für ihn nicht einfach Kirchenlehre, sondern Lebensvollzug. Von Gott her erwartet er alle Last und alles Heil seines Daseins. Gott ist ihm primär Schöpfer und erst sekundär der Richter des Menschen.

In vielem, was ihm geschah oder ihm nicht glückte, vermutete er ein Zeichen Gottes. Selbst seine Anstellung beim Rundfunk hat Klepper als Fügung Gottes anerkannt und auch die Begegnung mit seiner späteren Frau Hanni. Diese Deutung seines Lebensschicksals legt er auch in die Figur des Soldatenkönigs hinein.

Als 1941 die Situation für Klepper und seine Familie immer brenzliger wurde, schrieb er in sein Tagebuch: „Wir wissen, dass Gott noch alles wenden kann.“

Persönlich erschüttert und zugleich seinen festen Glauben bewundernd habe ich seine Werke und Auszüge aus seinen Tagebüchern gelesen.

Aber nach unserem heutigen Verständnis ist Kleppers Umgang mit Texten der Bibel schwer nachvollziehbar. Er meint, der Bibel eine direkte Handlungsanweisung entnehmen zu können, sie wörtlich auf sich beziehen zu sollen. Nach außen erschien er oft passiv und resigniert. Er selbst ergriff kaum die Initiative, sondern überließ möglichst alles Gott. Nur im Glauben vermochte Klepper einen Sinn des Lebens zu erfahren. Biografen Kleppers meinen, dass gerade seine Religiosität jeden Eigenwillen erstickt habe.

Wie weit reicht Gottes Fügung in den Bereich menschlicher Freiheit und in menschliche Entscheidungen hinein? Wie weit kann man beides, Gottes Fügung und menschliche Freiheit, in Einklang bringen? Darüber lohnt es sicher, weiter nachzudenken. Kleppers Leben und sein Sterben, sein Werk könnte uns dazu anregen.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Karl Barth

Apostelandacht zu Karl Barth, gehalten am Pfingstmontag, 1. Juni 2009

Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 im schweizerischen Basel geboren.

Seine Eltern waren tief in der Tradition des christlichen Glaubens verwurzelt: Die Mutter Anna war die Tochter eines Pastors, sein Vater Fritz hatte einen Abschluss in Theologie und war Lehrer an der Predigerschule in Basel.

Seine Entscheidung für ein Theologiestudium traf Karl Barth im Laufe seines Konfirmandenunterrichts. Er begann sein Studium in Bern und setzte es in Berlin und Tübingen fort und beendete es schließlich in Marburg.

Während dieser ganzen Zeit stritt er sich ständig mit seinem Vater über die Richtung seiner Ausbildung. Während sein Vater eine konservative Theologie bevorzugte, zog es jungen Heinrich Barth zu den liberalen, vom Geist der Aufklärung geprägten Hochschulen.

Er begann seine Karriere zunächst als Hilfspastor der reformierten Gemeinde in Genf und zog nach 2 Jahren in das kleine schweizerische Dorf Safenwil, wo er 10 Jahre seines Lebens als Pastor verbrachte.

Mehrere Faktoren führten in dieser Zeit zu seinem Bruch mit dem Liberalismus. Während der ersten Jahre in Safenwil kam Barth mit der schweizerischen sozialdemokratischen Bewegung in Berührung und machte sich zunehmend Sorgen über die Nöte der Arbeiterklasse. Es gab zu der Zeit etliche Christen, die glaubten, dass der angewendete Sozialismus die Umsetzung der christlichen Theorie war. Das ging so weit, das mancher im weltlichen demokratischen Sozialismus einen Vorboten des Reiches Gottes sah.

Barth beobachtete den Klassenkonflikt in seiner Dorfgemeinde genau und studierte in dem Zusammenhang das Fabrikrecht, das Versicherungswesen und die Gewerkschaftsbewegungen. Es wurde zum überzeugten Sozialisten, hielt zahlreiche Ansprachen über den Sozialismus und veranstaltete Abendkurse für Arbeiter. Er bekam den Beinamen „roter Pastor von Safenwil“. Sein Vertrauen in den bürgerlichen Religionsethos und in die Annahmen des Liberalismus wurde damit untergraben.

Eine weitere Ursache seiner Abwendung von der liberalen Theologie war wohl der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914. Barth war schockiert, dass seine ehemaligen Lehrer eine Erklärung zur Unterstützung des Krieges unterzeichnet hatten.

Er hielt das für einen Verrat am christlichen Glauben.

Der Gott der liberalen Theologie schien so zu funktionieren, dass er lediglich die Werte und Normen, welche die Gesellschaft etabliert hatte, sanktionierte und mit einem göttlichen Siegel der Billigung ausstattete.

Für Barth war liberales Reden jetzt nur noch ein Reden über die Menschheit mit einer lauteren Stimme.

Liberale Theologen werteten die Bibel nicht als Wort Gottes im strengen Sinne. Ihre Inhalte galten eher einer Sammlung symbolischer Dokumente.

Barth dagegen war überzeugt, dass diese Herangehensweise zur Domestizierung der Bibel und ihrer Botschaft, zu einer Umformung für den Hausgebrauch führt, und damit auch zur Domestizierung Gottes, den die Schrift bezeugt.

Er wollte eine Art der Bibellektüre, die sich mehr auf Gott konzentrierte statt auf den liberalen Ausgangspunkt der menschlichen Erfahrung. Die Bibel erzählt für ihn nicht von Geschichte, Moral oder Religion, sondern von Gott.

Es sind nicht die rechten Menschengedanken über Gott, sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen, die den Inhalt der Bibel ausmachen.

Barth schreibt:

„Über den liberal-theologischen und über den religiös-sozialen Problemkreis hinaus begann mir doch der Gedanke des Reiches Gottes in dem biblisch real-jenseitigen Sinn des Begriffs immer dringlicher und damit die Bibel immer problematischer zu werden.“

So wandte sich Barth im Sommer 1916 einem intensiven Studium des Römerbriefes zu. Daraus entstand ein Kommentar, der eine neue Vorstellung von Theologie einleitet.

Für Barth hat das Wahrnehmen der Stimme und des Willens Gottes bei der Lektüre der Schrift den höchsten Stellenwert. Gelehrsamkeit ist hierfür zwar nützlich, aber sie darf in keinem Fall die Inspiration der Bibel ersetzen oder verdrängen. Er schreibt:

„Meine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, durch das Historische hindurch zu sehen in den Geist der Bibel, der der ewige Geist ist. Wir müssen in einer Weise über Gott sprechen und ihm dienen, die sowohl unserem Status als irdische Wesen als auch Gottes Status als unendlichem Schöpfer gerecht wird. Gott ist im Himmel, wir sind auf der Erde.“

Und so entwickelt Barth eine dialektische Herangehensweise an die menschliche Sprache und das Sprechen über Gott. Er spricht von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus als dem Zentrum des menschlichen Wissens von Gott – erklärt aber gleichzeitig, dass menschliche Wesen nicht fähig sind, das Offenbarte zu begreifen.

Barth schreibt:

„Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides wissen, unser Sollen und unser Nicht-Können, und eben damit Gott die Ehre geben.“

Barths Römerbriefkommentar und seine zunehmende Prominenz in Deutschland trugen 1921 zu seiner Ernennung zum Honorarprofessor für reformierte Theologie an der Universität Göttingen bei.

Die Wandlung vom Gemeindepastor zum Universitätsprofessor forderte seine ganze Arbeitskraft. Er erkannte, dass seine neue Tätigkeit eine Breite von Wissen erforderte, über die er nicht verfügte. Aber er bemerkte:

„Studenten interessieren sich besonders für einen Professor, der sozusagen selber noch Student ist.“

Er hielt in dieser Zeit auch viele Vorträge, in denen er seine dialektische Theologie weiter ausformuliert und bekannt machte:

„Wir können nicht von Gott sprechen. Vom Standpunkt der Menschen aus ist Theologie eine Unmöglichkeit. Theologie wird nur dort möglich, wo Gott spricht, wenn von Gott gesprochen wird. Die Menschen haben aber keine Kontrolle über diese selbstoffenbarende Sprache, sie sind bei der theologischen Arbeit immer von Gott abhängig.

Theologie wird nur durch die Gnade Gottes möglich, in der Gott menschliche Worte aufnimmt und sie trotz ihrer Unzulänglichkeit zur Selbstoffenbarung verwendet.“

Anfang 1924 begann Barth mit Vorlesungen zur Dogmatik, die schließlich in seinem monumentalen Lebenswerk, der „Kirchlichen Dogmatik“ über rund 10.000 Buchseiten veröffentlicht wurden.

Dogmatik bezeichnet den Versuch, den charakteristischen Inhalt des christlichen Glaubens für die Kirche zu verdeutlichen. Außerdem ist sie auch eine Untersuchung des Inhalts der christlichen Theologie mit einem praktischen Ziel: nämlich wie dieser Inhalt am besten in jeder neuen Umgebung vermittelt werden könnte.

Nach 4 Göttinger Jahren erhielt Barth einen Ruf an die Universität Münster. Münster ist stark katholisch geprägt und daher setzte sich Barth in dieser Zeit auch intensiv mit den Unterschieden zwischen Katholizismus und Protestantismus auseinander.

Der zentrale Unterschied betrifft die Natur der Gnade.

Die katholische Kirche sieht sich ermächtigt, Gnade durch ihre Gegenwart, ihr Amt und ihre Sakramente zu kommunizieren.

Für Protestanten hat die Kirche nicht die geringste Macht oder Kontrolle über die Gnade. Die Kirche in der Welt ist zwar als Instrument Gottes eine sichtbare und historische Institution, hat aber keinerlei Kontrolle über die Verteilung der Gnade in der Welt.

Dieses Vorrecht gehört Gott und nur Gott allein. Würde die Gnade unter menschliche Kontrolle geraten, wäre sie eben nicht mehr die Gnade Gottes. Somit hat weder die Kirche noch irgendein Individuum in der Kirche einen Anspruch auf die Gnade Gottes.

„Aufgabe der Kirche kann nur darin bestehen, dass sie in ihrer ehrlich eingestanden Armut das Wort des ewig reichen Gottes hört und zu Gehör bringt.“

Im März 1930 zog Barth an die Universität Bonn, wodurch sich dort die Anzahl der Studenten sofort verdoppelte. Barth erkannte die extreme Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging. Er trat aus Protest gegen die Bedrohung der Demokratie in die SPD ein.

Die Unterstützung des Nationalsozialismus erstreckte sich bis in die Kirche hinein. Die sogenannten „Deutschen Christen“ formierten sich im Juni 1932 und vereinbarten nach der Machtergreifung mit Adolf Hitler die Gründung einer evangelischen Reichskirche.

Als Gegenbewegung und vor allem gegen die Einmischung der Nationalsozialisten in das Leben der Kirche gründete Martin Niemöller den Pfarrernotbund und es entstand die „Bekennende Kirche“.

Vom 29. bis 31. Mai 1934, also vor genau 75 Jahren, nahmen Gesandte aus allen Teilen Deutschlands an der ersten Bekennenden Synode der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen teil.

Karl Barth formulierte zusammen mit anderen die „Barmer Theologische Erklärung“. Die erste These gibt mit einer direkten Erklärung den Ton des ganzen Dokuments an:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören und dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Gegen den Nationalsozialismus gerichtet war vor allem eine Passage aus der 5. These:

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“

Gegen die deutschen Christen richtete sich der dann folgende Satz:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als soll und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“

Barths Opposition gegen den Nationalsozialismus führte dazu, dass er den uneingeschränkten Treueid auf den Führer verweigerte. Daraufhin wurde er von seinen Lehrpflichten in Bonn suspendiert und aus seiner Professorenstelle entfernt.

Drei Tage nach seiner Kündigung in Bonn erhielt er ein Angebot auf einen theologischen Lehrstuhl der Universität Basel, den er sofort annahm. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1962.

In diesen Jahren in Basel war er unendlich produktiv und verfasste zahlreiche Werke, worunter die vier Bände der „Kirchlichen Dogmatik“ zu den bedeutendsten zählen.

Die Theologie ist für Barth vollkommen abhängig von Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus. Dies ist ihre einzig mögliche Grundlage. Wir müssen zunächst glauben und können erst dann versuchen zu verstehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.

Diesen theologischen Ansatz haben wir auch mit dem Zitat aus seinem Römerbrief in unserem Plakat zur heutigen Andacht deutlich gemacht:

„Jesus Christus ist unser Herr, das ist die Heilsbotschaft, das ist der Sinn der Geschichte.“

Er lehnt die Annahme der modernen Theologie ab, dass die Rationalität des christlichen Glaubens fragwürdig oder unhaltbar sei und folglich ihre grundlegenden Begriffe aus anderen Wissenschaften ableiten müsse, wie beispielsweise der Geschichtswissenschaft oder der Philosophie.

Stattdessen sollen wir beten, dass Gott sich uns während unseres Suchens und Erforschens mit unserem endlichen Wissen und begrenzten Verständnis selbst offenbare.

Barth schreibt:

Dogmatik ist die wissenschaftliche Selbstprüfung der christlichen Kirche hinsichtlich des Inhalts ihrer eigentümlichen Rede von Gott. Es gibt keine Grundlage für die Verkündigung oder für theologische Überlegungen, abgesehen von der, die vom Wort Gottes selbst stammt.“

Im Sprechen Gottes durch die Bibel offenbart sich uns der verborgene, unaussprechliche Gott: Im Senden seines Sohnes wird Gott selbst die Offenbarung; und im Senden seines Geistes macht sich Gott den Menschen wirksam bekannt.

Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist, und nur in dem Wirken aller drei zusammen geschieht Offenbarung.

Das erfordert, dass Menschen die Augen und Ohren des Glaubens gegeben werden, damit sie die Enthüllung Gottes wahrnehmen können, der hinter dem geschöpflichen Schleier der verkündenden Menschen verborgen bleibt.

Barth schreibt:

„Denn wie Gott nicht erkannt wird und nicht erkennbar ist außer in Jesus Christus, so existiert er auch in seinem göttlichen Sein und in seinen göttlichen Vollkommenheiten nicht ohne Jesus Christus, in welchem er sowohl wahrer Gott und wahrer Mensch ist, also nicht ohne den in diesem Namen beschlossenen und vollzogenen Bund mit dem Menschen. Man hätte Gott nicht vollständig, man hätte ihn darum gar nicht erkannt, wenn man ihn nicht als den Stifter und Herrn dieses Bundes zwischen ihm und dem Menschen erkannt hätte.“

Wir müssen gegenüber dem Zeugnis der Schrift einfach so vertrauensvoll sein wie möglich und das Mysterium, das Geheimnis anerkennen, das zu der Einzigartigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus gehört.

Jesus Christus wird in seiner Bereitschaft, uns zuliebe Erniedrigung zu ertragen und somit sein priesterliches Amt als unser Stellvertreter zu erfüllen, wahrhaft und ganz als Gott offenbart. Jesus Christus wird wahrhaft und ganz als Mensch offenbart, wenn er in der Erfüllung seines königlichen Amtes zu der Gemeinschaft mit Gott erhöht wird. Jesus Christus wird als eine Person, göttlich und menschlich, offenbart, indem er uns und für uns durch den Heiligen Geist sich selbst gibt.

Die Zuteilung göttlicher Erneuerung und Erlösung des Menschen sieht Barth als das Wirken des Heiligen Geistes in der Versammlung der Gemeinde, also dass Individuen nur in der Gemeinschaft von Christusanhängern „Christen“ sein können.

Was bedeutet das für unser Handeln in der Welt, also ethisch?

Dem Namen Jesus den ethischen Vorrang zu geben, heißt zu fordern, dass wir uns bei unseren Handlungen immer fragen sollen: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Wir sollen das tun, was der Gnade Gottes entspricht. Wir sollen mit unserem Tun Rechenschaft ablegen dieser Gnade gegenüber. Ihr allein sind wir verantwortlich. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet.

Gemäß dieser Maxime wendete sich Barth kompromisslos gegen die verbrecherische Herrschaft der Nationalsozialisten.

Mit Misstrauen verfolgte er nach dem Krieg den politischen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland und seine restaurativen Tendenzen. „Viel Geld und wenig Geist“ kommentiert er den Wiederaufbau in einem Interview.

Er äußerte sich kritisch zur Aufrüstung, zu Fragen atomarer Bewaffnung, zum prinzipiellen Antikommunismus des Westens. Er kontert den Vorwurf, er sei Kommunist geworden: Die Probleme der Welt würden nicht durch Abwehrideologien des christlichen Abendlandes, sondern nur durch eine bessere Gerechtigkeit gelöst. Der Christ stehe um des Menschen willen zwischen den Fronten. In der Entwicklung der Evangelischen Kirche beobachtete er mit Sorge die restaurativen Tendenzen.

Im Jahre 1969 sollte Karl Barth auf einer Ökumenischen Woche vor katholischen und reformierten Christen einen Vortrag halten. Er wollte ihn unter das Motto stellen: „Aufbrechen, Umkehren, Bekennen.

Am Abend des 9. Dezember 1968 unterbricht er seine Arbeit an diesem Vortrag. In der Nacht darauf ist er gestorben.

Hans Küng berichtet auf der Trauerfeier von einem Gespräch mit ihm. Er sagte:
“Wenn einmal der Tag kommt, da ich vor meinen Herrn zu treten habe, dann werde ich nicht mit meinen Werken kommen, mit meinen Dogmatikbändchen auf dem Rücken in der Hutte, im Rückentragekorb. Da müssten alle Engel lachen. Dann wird ich aber auch nicht sagen: Ich habe es immer gut gemeint, ich hatte den guten Glauben. Nein, dann werde ich nur das eine sagen: Herr, sei mir armem Sünder gnädig.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Charles de Foucauld

Apostelandacht zu Charles de Foucauld, gehalten am 29. März 2009

Charles Eugène Vicomte de Foucauld wird am 15. September 1858 in Straßburg geboren und gehört einer der reichsten Adelsfamilien Frankreichs an. Beide Eltern sterben, als er 6 Jahre alt ist. Die Erziehung übernehmen die Eltern der Mutter, von denen er später auch ein großes Vermögen erbt.

Während seiner Schulzeit verliert Charles seinen Kinderglauben und wird Agnostiker, glaubt nur noch an das dem Verstand Zugängliche.

Entsprechend der Familientradition tritt Charles in die französische Armee ein, wo er schnell zum Offizier aufsteigt. Wichtiger als die militärische Laufbahn ist ihm in diesen Jahren aber das Vergnügen. In Algerien gibt er seine Geliebte als seine Frau aus. Als der Betrug auffliegt, wir er vor die Wahl gestellt, sich von seiner Geliebten zu trennen oder die Armee zu verlassen.

Der Lebemann Charles de Foucauld bleibt ohne zu zögern bei seiner Freundin. Daraufhin wird er vom Dienst in der Armee suspendiert.

Doch wenige Monate später bricht in Algerien ein Aufstand gegen die französische Besatzungsmacht aus. Foucauld tritt daraufhin wieder in die Armee ein und kehrt nach Afrika zurück.

Dort begegnet er dem gelebten Islam Nordafrikas.

„Der Islam hat eine tief greifende Umwälzung in mir bewirkt. Beim Anblick dieses Glaubens, dieser in der ständigen Gegenwart Gottes lebenden Wesen ließ mich ahnen, dass es etwas Größeres und Wahrhaftigeres gäbe als das Treiben der Welt.“

Nachdem der Aufstand in Algerien niedergeschlagen ist, verlässt er die Armee, um sich ganz der Erforschung Marokkos zu widmen. Dieses Land ist zur damaligen Zeit den Europäern vollkommen verschlossen.

Foucauld hat sich in diesen Monaten sichtbar gewandelt. Aus dem zuvor aufgedunsenen jungen Lebemann ist ein ernsthafter Forscher geworden. Zur Vorbereitung auf die Forschungsreise lernt er Arabisch aus dem Koran und beginnt ethnografische und ethnologische Studien.

Schließlich verkleidet er sich als syrischer Rabbi und bricht mit einem marokkanischen Juden als Führer auf. Acht Monate dauert die entbehrungsreiche Expedition in das Innere Marokkos.

Danach widmet er sich der Aufarbeitung und Veröffentlichung seiner zahlreichen Forschungsergebnisse. In Frankreich wird er zu einem bekannten Mann.

In den marokkanischen Nächten hat er eine Ahnung vom Geheimnis des Schöpfers bekommen:

“In der Andacht solcher Nächte versteht man den Glauben der Araber an eine geheimnisvolle Nacht, wo der Himmel sich auftut, die Engel auf die Erde niedersteigen, die Wasser des Meeres süß werden und die ganze unbelebte Natur sich neigt, um ihren Schöpfer anzubeten.“

In Gesprächen mit einer gläubigen Cousine erinnert er sich an den christlichen Glauben seiner Kindheit und erlebt im Alter von 29 Jahren in einer Pariser Kirche seine Bekehrung.

Er ist sehr früh in der Kirche, um mit dem Abbé über den christlichen Glauben zu sprechen. Der Abbé Huvelin fordert ihn jedoch auf, zu beichten und Gott seine Sünden zu bekennen. Foucauld ist zwar gar nicht gekommen, um eine Beichte abzulegen. Er kniet aber nieder und legt eine Lebensbeichte ab. Indem er dies tut, findet er von einem auf den anderen Augenblick zum Glauben an Jesus Christus.

Mit dieser Hinwendung geht die Berufung zum Leben als Mönch einher.

„Sobald ich glaubte, dass es einen Gott gibt, begriff ich, dass ich nur noch für Ihn leben könne: die religiöse Berufung kam mir zur selben Stunde wie der Glaube. Mein Beichtvater ließ mich drei Jahre lang warten. Ich wollte in einen Orden eintreten, wo ich die genaueste Nachahmung Jesu finden würde. Ich fühlte mich nicht dazu bestimmt, sein öffentliches Leben in der Verkündigung nachzuahmen; so sollte ich also das verborgene Leben des demütigen und armen Handwerkers von Nazareth nachahmen. Mir schien, dieses Leben begegne mir nirgends besser als im Trappistenkloster.“

Er tritt in den Schweigeorden der Trappisten ein und siedelt in ein Kloster in Syrien über. Damit sucht er sich eine der strengsten Lebensformen aus, die der Katholizismus zu bieten hat. Er sehnt sich trotzdem nach einer noch einfacheren Lebensweise, nach einer noch radikaleren Nachfolge Jesu.

Die Ordensleitung beschließt, dass er Theologie studieren und sich zum Priester weihen lassen soll. Doch während der Ausbildung reift in Foucauld der Entschluss, sich nicht zum Priester weihen zu lassen, sondern aus dem Trappistenorden auszuscheiden und als Hausknecht eines Klarissenklosters in Nazareth zu leben.

Dort kann Foucauld endlich leben wie Jesus in Nazareth: unbekannt, grenzenlos arm, erniedrigt, in Kittel und Sandalen als armer Hausknecht bei armen Nonnen.

„Alle sollen arbeiten, ein werktätiges Leben führen; wer vor allem geistig arbeitet, soll daneben wenigstens eine gewisse Zeit des Tages eine niedrige und bescheidene körperliche Arbeit verrichten, um sich durch diese Nachahmung des ‚Handwerkers, des Sohnes der Maria’ zu adeln, um ein Stück Evangelium zu erleben, das Evangelium kennenzulernen, das man nicht beim Anhören, sondern beim Ausüben versteht, um ihre Umgebung den Adel, die Größe der körperlichen Arbeit zu lehren und ihr Liebe und Ehrfurcht dafür einzuflößen.“

Seine Sehnsucht nach Armut ist groß. Er lebt in Nazareth in einem kleinen Bretterverschlag, der zuvor als Geräteschuppen gedient hat. Dieser Bretterverschlag wird seine Einsiedelei, in die er sich immer wieder zu Gebet und zur Schriftbetrachtung zurückzieht.

Drei Jahre lebt Foucauld dieses Leben der Nachahmung Jesu in Nazareth.

„Wenn ihr euch müde, traurig, allein fühlt, vom Kummer gebeugt, zieht euch zurück in dies innerste Heiligtum eurer Seele: dort werdet ihr euren Bruder finden, euren Freund, Jesus, der euer Tröster sein wird, eure Stütze und Kraft. Jesus antwortet dem Beter: Ich will dir alles mit einem Wort sagen: ‚verlasse alles, mein Kind, und du wirst alles finden.’“

In ihm wächst allmählich die Überzeugung, selbst in Nazareth ein zu behagliches Leben zu führen. Er will sich jetzt doch zum Priester weihen lassen, um auf diese Weise den Menschen geistlich dienen zu können. Er erkennt seine Berufung: Unter denjenigen Menschen zu wirken, zu denen sonst keine Christen kommen:

“Meine letzten Exerzitien haben mir gezeigt, dass ich dieses Leben von Nazareth, das meine Berufung ist, nicht in dem so sehr geliebten Heiligen Land führen soll, sondern unter den elendsten Seelen, den verlassenen Schafen.“

1901 kehrt Foucauld nach Nordafrika zurück. Im Umfeld einer Oase errichtet er eine Fraternität, ein offenes Haus für Christen, Muslime und Juden. Anders als in Nazareth will er hier sein Leben mit anderen Menschen teilen.

Er beginnt die Sprache der einheimischen Muslime zu lernen, unterstützt die Armen, kauft sogar Sklaven frei und gewährt Reisenden Gastfreundschaft.

In den Augen der Muslime in seiner Nachbarschaft wird Charles de Foucauld in diesen Jahren zum heiligen Mann, zum christlichen Marabut. Denn er lebt vor, dass nicht nur Muslime ein gottgeweihtes Leben führen können. Mehr und mehr wird er zum Bruder aller Menschen.

Im Jahre 1905 siedelt er sich mit Zustimmung seines Bischofs in Tamanrasset im Hoggargebirge, im Süden Algeriens an. Dort sind die Lebensbedingungen noch wesentlich härter als in seinem vorigen Wohnort. Er lebt in einem kleinen Dorf als einziger Europäer. Um sich mit dem Berbervolk der Tuareg verständigen zu können, wird er zum Sprachforscher. Eine Grammatik und ein Wörterbuch ihrer Sprache werden zu Foucaulds letzter Lebensaufgabe. Sowohl die wissenschaftliche Arbeit als auch die Begegnungen mit den Menschen sollen dazu dienen, den Muslimen eine Brücke zum Evangelium zu bauen.

Foucauld wird auch ganz praktisch tätig. Er vermittelt zwischen den Tuareg und den französischen Besatzern, um die Bebauung des Landes und die Viehzucht zu fördern. Er möchte dazu beitragen, dass die regelmäßig auftretenden Hungersnöte überwunden werden können.

„Gott hat Frankreich eine große Gnade erwiesen, als er ihm fünfzig Millionen ungläubiger Untertanen anvertraute, minderjährige Kinder, die es erziehen, im Evangelium unterrichten und zum Himmel führen darf; welche Gnaden wird Frankreich empfangen, wenn es diese Aufgabe erfüllt und die fünfzig Millionen euer erkaufter Seelen rettet, für die Christus gestorben ist! Wie sehr verlangt es mich danach zu sehen, dass die gläubigen Christen Frankreichs sich ein wenig der algerischen Bevölkerung annehmen, da sie für sie zu sorgen haben wie Eltern für ihre Kinder; denn es ist französisches Land, und es geht zugrunde im Islam.“

Der Erste Weltkrieg hat auch die Berberstämme Nordafrikas in Bewegung gebracht. Manche versuchen, die französische Herrschaft abzuschütteln, andere nehmen ihre Raubzüge wieder auf. Charles de Foucauld bleibt in Tamanrasset, um zwischen den Einheimischen und den Franzosen zu vermitteln.

1916 baut er ein kleines befestigtes Fort, um sich zusammen mit den Einwohnern bei einem Angriff feindlicher Stämme zurückziehen zu können. Auch wenn er selbst bereit ist, das Martyrium zu erleiden, will er das Leben seiner Freunde verteidigen.

Am 1. Dezember 1916 ist er im Fort allein. Auf heimtückische Weise verschafft sich eine Gruppe von etwa dreißig Tuareg Zugang. Charles wird gefesselt und auf die Böschung geworfen, die das Fort umgibt.

Zwei militärische Kamelreiter tauchen auf, um die Post zu holen. Sein fünfzehnjähriger Bewacher gerät daraufhin in Panik und schießt ihm in den Kopf.

Damit geht in Erfüllung, was Charles de Foucauld längere Zeit zuvor für sich gewünscht hatte: Die Gnade des Martyriums.  Er wollte auch damit Jesus ähnlich werden.

Der Herr spricht: „Denke, dass du als Märtyrer sterben musst, ausgeraubt, nackt auf der Erde hingestreckt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, von Blut und Wunden bedeckt, auf gewalttätige und qualvolle Weise getötet, und wünsche, es möge heute geschehen. Bleibe fest im Wachen und im Tragen des Kreuzes, damit ich dir diese unendliche Gabe schenke. Erwäge, wie dein ganzes Leben zu diesem Tode hinführen muss; erkenne daraus die geringe Bedeutung so mancher Dinge. Denke oft an diesen Tod, um dich darauf vorzubereiten und die Dinge nach ihrem wahren Wert zu beurteilen.“

Bereits als Einsiedler in Palästina träumt Foucauld von der Gründung einer neuen geistlichen Gemeinschaft. Sie sollte sich wie er das verborgene Leben des irdischen Jesus in Nazareth zum Vorbild nehmen.

„Als ich sah, dass es bei den Trappisten nicht möglich ist, das Leben der Armut, der Niedrigkeit, der tatsächlichen Loslösung, der Demut zu führen, habe ich mich gefragt, ob es nicht am Platz wäre, ein paar Leute zu suchen, mit denen man die Gründung einer kleinen Kongregation dieser Art unternehmen könnte. Ziel dieser Kongregation wäre: so genau wie möglich das Leben des Herrn zu führen, einzig von Handarbeit zu leben, ohne irgendeine freiwillige oder erbettelte Spende anzunehmen, alle Seine Räte buchstäblich zu befolgen, nichts zu besitzen, jedem, der bittet, zu geben, nichts zu fordern, möglichst viel zu entbehren, zunächst, um dem Herrn gleichförmiger zu sein, dann aber auch, um Ihn in der Person der Armen zu beschenken.“

Zu seinen Lebzeiten erfüllt sich sein Wunsch nicht. Erst 1933 wird die Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu gegründet. Ihre Mitglieder bilden kleine Bruderschaften von bis zu fünf Mönchen, tragen Laienkleidung und leben in Armut. Sie widmen sich vor allem solchen Menschen, um die sich sonst keine geistliche Gemeinschaft oder Institution kümmert.

1939 entstehen auch die Kleinen Schwestern Jesu. Entscheidend für alle Gemeinschaften ist bis heute, dass sie ein Leben in Armut führen, um durch ihr Beispiel Menschen eine Brücke zum Glauben an das Evangelium zu bauen.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Martin Niemöller

Apostelandacht zu Martin Niemöller, gehalten am 25. Januar 2009

Martin Niemöller wurde 1892 auf preußischem Gebiet in Lippstadt/Westfalen geboren. Der Vater war Pfarrer. Sowohl politisch als auch religiös wurde er stark durch seine Eltern geprägt und wuchs in einem glaubensfesten protestantischen Umfeld auf.

Der junge Martin begleitete seinen Vater gelegentlich auch bei Hausbesuchen. Als sein Vater einmal zusammen mit ihm einen kranken Weber besuchte, hing dort ein mit Glasperlen auf Samt bestickter Wandspruch: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Dies wurde später sein Lebensmotto.

Nach seinem Abitur als Klassenbester trat Martin Niemöller 1910 in die Kaiserliche Marine ein. 1915 wurde er zu den U-Booten versetzt und bekam 1916 das Eiserne Kreuz erster Klasse. Im Mai 1918 wurde er U-Boot-Kommandant.

1934 veröffentlichte er seine Kriegserlebnisse in seinem Bestseller „Vom U-Boot zur Kanzel“. Er entwarf darin ein Bild des U-Boot-Kriegs als sportlicher Wettkampf.  Das Versenken feindlicher Schiffe wird wie in einem Abenteuerbuch beschrieben. Dass dabei auch viele Menschen starben, wird eher nebenbei erwähnt. Ethische Fragen thematisiert er in diesem Buch kaum, Gewissenskonflikte kommen nur in einer kurzen Passage des Buches zum Ausdruck:

Was tun? Es liegt uns nicht, den Zerstörer bei seinem Rettungswerk zu stören. Aber Krieg ist Krieg, und die Leute, die aus dem Wasser gezogen werden, sind Soldaten, die wieder auf unsere deutschen Brüder schießen werden. Dieser 25. Januar ward der Wendepunkt in meinem Leben, weil er mir die Augen für die schiere Unmöglichkeit eines moralischen Universums geöffnet hat.

Als Niemöller nach Kriegsende mit seinem U-Boot wieder in Kiel einlief, flaggte er zum letzten Male schwarz-weiß-rot und lehnte die Revolution strikt ab. Er sah sich durch seinen Eid dem Kaiser verpflichtet, bis zu dessen Tod 1941. Konsequent verweigerte er den Befehl, zwei U-Boote an England auszuliefern, und beendete seine Offizierslaufbahn.

Nach Beratungen mit seinem Vater und  seiner Schwester studierte er schließlich Theologie.

Zunächst wurde er geschäftsführender Pfarrer bei der Inneren Mission in Westfalen. Dort sammelte er wertvolle organisatorische Erfahrungen und gründete eine evangelische Darlehenskasse. In diese Zeit fallen ebenfalls erste Rundfunkansprachen.

Niemöller wollte aber von jeher Gemeindepfarrer werden. Daher nahm er im Jahre 1931 gern ein Angebot einer Gemeinde in Berlin-Dahlem an. Dort erwarb er sich schnell den Ruf als eindrücklicher Prediger.

Der nationalsozialistischen Bewegung stand er anfangs unkritisch bis sympathisierend gegenüber. Wie viele andere erhoffte er sich von der Partei auch eine Erneuerung des Christentums, erkannte das aber bald als Täuschung.

Als der Arierparagraph auch für den Raum der Kirche eingeführt wurde, wurde Niemöller zum Begründer des Pfarrernotbundes , dessen Vorsitz er auch übernahm.

In der Folgezeit wurde Niemöller einige Male durch die Kirchenleitung seines Amtes enthoben, was er ignorierte und weiter predigte. Seine Gemeinde stand fest zu ihm.

Nach einer seiner Absetzungen traf Niemöller auf den Reichsbischof:

„Ich melde gehorsamst meine zweite Gehorsamsverweigerung an. Das erstemal habe ich den Gehorsam verweigert, als mich der Kommodore aufforderte, mein deutsches U-Boot nach England zu fahren und auszuliefern. Jetzt folge ich der Suspension nicht. Ich könnte es in diesem Augenblick vor meiner Gemeinde nicht verantworten, wenn ich nicht zu ihr sprechen würde.

Um das „Pfaffengezänk“ zu beenden, lud Adolf Hitler 15 führende Persönlichkeiten der Kirche in Januar 1934 in die Reichskanzlei, darunter Niemöller als Vorsitzenden des Pfarrernotbunds. Beim Hinausgehen nach dem Gespräch betonte Niemöller, dass keinesfalls eine staatsfeindliche Gesinnung, sondern „die Sorge um Volk und Vaterland“ Motivation der Kirchenführer sei. Hitler antwortet gereizt: „Die Sorge um das Dritte Reich überlassen sie mir, und sorgen Sie für die Kirche“. Niemöller entgegnete:
Dazu muss ich erklären, dass weder Sie noch sonst eine Macht der Welt in der Lage sind, uns als Christen die uns von Gott auferlegte Verantwortung für unser Volks abzunehmen.

Niemöller predigte jetzt vor 1300 Leuten in seiner bis auf die Altarstufen vollbesetzten Kirche, darunter Gestapospitzel. Er nannte sie „meine treuesten Zuhörer“.

Nach dem gescheiterten Treffen in der Reichskanzlei traf sich die kirchliche Opposition auf der Bekenntnissynode in Barmen. Sie formulierte als ersten Satz:

„Jesus Christus, wie die heilige Schrift ihn uns bezeugt, ist das eine Wort Gottes, dem wir in Leben und Tod lauschen, vertrauen und gehorchen müssen.“ Niemöller kommentierte:

Ich kann nur sagen, dass dies zu meinem einzigen theologischen Dogma geworden ist.

Am 1.7.1937 wurde Niemöller verhaftet. Er kam in das Untersuchungsgefängnis in Moabit. Seine letzte Predigt hielt er am 24. Juni 1937:

Selig seid ihr, so euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen.

Die Bedrängnis wächst. Ich denke daran, wie am Mittwoch die Geheime Staatspolizei in die verschlossene Friedrichswerder’sche Kirche eindrang und im Altarraum 8 Mitglieder des dort versammelten Reichsbruderrates festnahm und abführte – ich denke daran, dass gestern in Saarbrücken 6 Frauen und ein Vertrauensmann der evangelischen Kirche verhaftet wurden, weil sie ein Flugblatt der Bekennenden Kirche auf Anweisung des Reichsbruderrates verbreiteten.

Und wer, wie ich, am Freitagabend in einem Abendmahlsgottesdienst nichts neben sich hat als 5 junge Gestapo-Leute, die von dienstwegen die Gemeinde Jesu bei ihrem Beten und Singen auszukundschaften haben, junge Männer, die gewiss auch einmal auf den Namen Jesu getauft worden sind, die gewiss auch einmal ihrem Heiland Treue gelobt haben, um nun seiner Gemeinde Fallen zu stellen – den lässt die Schmach der Kirche so leicht nicht los. „Herr, erbarm Dich“. Und wir denken daran, dass heute drüben in der Annenkirche die Kanzel leer bleibt, weil unser Pastor und Bruder Müller mit 47 anderen christlichen Brüdern und Schwestern unserer evangelischen Gemeinde in Haft gehalten werden. Und wir denken daran, dass die ersten Schnellverfahren in der heute beginnenden Woche stattfinden werden.

Er wurde angeklagt des Kanzelmissbrauchs, des Verstoßes gegen die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ sowie landesverräterischer Beziehung zur Auslandspresse.

1938 wurde er schließlich zu 7 Monaten Festungshaft verurteilt, die mit der Untersuchungshaft vollständig verrechnet wurden. Statt ihn freizulassen, brachten ihn Gestapobeamte in das KZ Sachsenhausen, nördlich von Berlin. Er war Hitlers „persönlicher Gefangener“.

Bei Kriegsausbruch meldete sich Niemöller aus dem KZ als Freiwilliger. Das Gesuch wurde abgelehnt.

1941 wurde Niemöller nach Dachau verlegt. Erst in Dachau wurde Niemöller angesichts der systematischen Vernichtung von Menschenleben klar, dass Hitler nicht nur ein Fanatiker, sondern ein Verbrecher war.

Als alliierte Truppen näherrückten, wurde Niemöller zusammen mit anderen Prominenten von SS-Leuten Richtung Südtirol deportiert. Die SS hatte den Auftrag, die Gefangenen unterwegs zu erschießen. Eine deutsche Panzergrenadierkompanie übernahm aber den Gefangenentransport und zwang die SS-Leute zum Abzug. Wenige Tage später kamen sie in amerikanische Obhut.

Irritationen verursachte er in der Öffentlichkeit mit einem Interview in einer italienischen Zeitung, in dem er seine Meldung als Kriegsfreiwilliger publik machte und die angelsächsische Demokratie als ungeeignet für das deutsche Volk bezeichnete. Bis zu seinem Tode lehnte er das parlamentarische Parteiensystem ab. Noch 1965 rief er zum Wahlboykott auf.

Im August 1945 gründeten die amtierenden Kirchenführer die EKiD, die Evangelische Kirche in Deutschland. Niemöller wurde stellvertretender Ratsvorsitzender und Leiter des Außenamtes.

1947 wählte ihn die Evangelische Kirche Hessen Nassau zu ihrem ersten Präsidenten. Den Bischofstitel lehnte er für sich ab und wählte die Bezeichnung „Kirchenpräsident“. Auch auf das goldene Brustkreuz verzichtete er bewusst.

Der Bischof verleitet ja doch dazu, das wir alle zu der Auffassung kommen: Der Bischof ist derjenige Theologe in der Kirche, aus dem der Geist Gottes am deutlichsten spricht. Meine Erfahrung mit der Bischofsgeschichte in Deutschland ist nun mal nicht die, dass sie ein stärkeres Gewicht hätten als das, was Gott durch Jesus und den Heiligen Geist in den Jahren des Leidens und der Verfolgung den Gemeinden geschenkt hat. Da haben wir es doch gemerkt, dass er sich nicht an den Bischof bindet. Auch da, wo die Bischöfe abfallen, auch da, wo die Pastoren abfallen oder verhaftet werden, sorgt er dafür, dass das Wort und das Sakrament verwaltet werden und nicht unter den Tisch fallen.. Deshalb sehen Sie auch nicht, dass ich mir das Bischofskreuz umhänge, weil ich nicht den Eindruck erwecken möchte: Hier kommt ein Mann, der weiß von dem Herrn Christus etwas mehr als unser Herr Pastor.

Seine ersten Reisen als kirchlicher Außenminister führten ihn nach England und in die USA, um Hilfsmaßnahmen für die notleidende Bevölkerung zu akquirieren. Anfängliche Sympathie war dort inzwischen wegen seines Interviews in Italien in offene Ablehnung umgeschlagen.

Durch sein Auftreten und seine Vorträge konnte er jedoch viele Menschen für seine Sache gewinnen, so dass die Stimmung wieder umschlug und er viele Privatpersonen zu Hilfsleistungen nach Deutschland animierte.

Im Inland wollte Niemöller, dass die Kirche durch ein Schuldbekenntnis Vorbild für andere gesellschaftlich Kräfte werden sollte – und überforderte damit viele Pfarrer und Kirchenmitglieder.

Einspielung des Tondokuments „Der Weg ins Freie“, Ausschnitte aus der Predigt vom 3. Juli 1946

Anschließend Musikeinlage?

Die zweite Tagung der EKiD fand im Oktober 1945 in Stuttgart statt. Eine Delegation des Ökumenischen Rats der Kirchen war auch anwesend. Dies war in Ländern hoch umstritten, die von den Deutschen besetzt gewesen waren.

Gegenüber dieser ausländischen Delegation formulierte der Rat der EkiD die sogenannte „Stuttgarter Erklärung“, die von Niemöller mitformuliert wurde. Der erste Satz stammt vom ihm:

Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele  Länder und Völker gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

In der Ökumenischen Bewegung war Niemöller lange nicht so umstritten wie in Deutschland. So wurde er 1961 zu einem von sechs Präsidenten des Ökumenischen Rats der Kirchen gewählt.

Während Bundeskanzler Adenauer die radikale Westintegration verfolgte, kämpfte Niemöller für ein neutrales Deutschland. Es sollte eine Brücke zwischen den beiden Blöcken bilden.

Die siebzehn Millionen Deutschen in der Ostzone haben keinen Nächsten in der Welt, wenn wir im Westen Deutschlands es nicht sind. Es ist den Oststaaten gleichgültig, ob diese siebzehn Millionen leben oder sterben. Frankreich würde ruhiger schlafen, wenn diese siebzehn Millionen tot wären. Die Engländer und Amerikaner haben außer sich selbst überhaupt keinen Nächsten.

Niemöller besuchte 1952 den Patriarchen Alexej in Moskau  und brachte damit nicht nur Deutschland, sondern große Teile Westeuropas gegen sich auf. Zu einer Zeit großer Spannungen wurde Niemöller dies als Landesverrat und Ausverkauf des christlichen Abendlandes ausgelegt.

Zum Pazifisten wurde Niemöller erst angesichts der atomaren Bedrohung. Im August 1952 zündeten die USA die erste Wasserstoffbombe, die Russen knapp ein Jahr später ebenfalls. Ein Gespräch mit den Wissenschaftlern Carl Friedrich von Weizsäcker, Werner Heisenberg und Otto Hahn im Jahre 1954 machte ihn zum radikalen Pazifisten angesichts der Tatsache, dass der Mensch nun Gottes Schöpfung vollständig zerstören konnte.

Ich persönlich könnte mir keine Situation vorstellen, in der ich auf die Frage ‚Herr, was willst du, das ich tun soll?’ von Gott die Antwort erhielte: ‚Wirf eine Atombombe!“

Im Oktober 1957 übernahm Niemöller die Präsidentschaft der Deutschen Friedensgesellschaft/Bundes der Kriegsgegner, im Mai darauf auch die der Internationale der Kriegsgegner, die ab 1960 die Ostermärsche in Deutschland organisierten. Am Ostermontag 1958 nahm Niemöller am ersten Ostermarsch in London teil. Später marschierte er auch gegen die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik, gegen den Vietnamkrieg und die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen.

Ich habe immer gesagt, wir seien zu einer amerikanischen Kolonie geworden. Jetzt sind wir nur noch ein Munitionslager.

Einer der Höhepunkte der Auseinandersetzungen um seinen Pazifismus war die „Kasseler Rede“ 1959:

Meine Freunde, wichtig ist die Frage: Wissen wir, was wir tun? Wissen wir, was wir in dieser Situation tun? Wir, ja die wir heute Abend unter der Marke stehen: „Christen gegen Atomgefahren“. Wissen wir wahrhaft, was wir tun? Wir tun ja gar nichts. Wir geben alle paar Jahre einmal unseren Stimmzettel ab, und vielleicht gehen wir auch noch das eine oder andere Mal in eine Versammlung wie die, die am heutigen Abend stattfindet. Und was machen wir dann weiter, und was machen unsere Kinder, unsere heranwachsenden Söhne? Wie geht eigentlich das alles weiter? Oder sind wir wahrhaftig Leute, die gar nichts tun? Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, weil sie sich zur Schlachtbank führen lassen, obgleich sie nicht den Strick um den Hals zu haben brauchten?

Und darum ist heute die Ausbildung zum Soldaten, die Ausbildung der Kommandos im zweiten Weltkrieg, die Hohe Schule für Berufsverbrecher. Mütter und Väter sollen wissen, was sie tun, wen sie ihren Sohn Soldat werden lassen. Sie lassen ihn zum Verbrecher ausbilden.

Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß stellte Strafantrag gegen Niemöller. Das Verfahren wurde aber eingestellt.

Die Synode der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau kritisierte ihn nach seiner Rede. Er wurde schon 1958 mit nur einer Stimme Mehrheit als Kirchenpräsident bestätigt und trat 1964 zurück, nachdem er das Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland bereits 1956 verlor.

Immer wieder provozierte er durch seine Reisetätigkeit. 1970 besuchte er Ho Tschi Minh in Hanoi. Auch die DDR bereiste er mehrfach, 1967 erhielt er den Internationalen Leninpreis, 1970 in der UdSSR die Leninmedaille in Gold. Wahrscheinlich nicht zuletzt als Reaktion auf diese Auszeichnungen erhielt er im gleichen Jahr auch das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Niemöller starb 92-jährig in Wiesbaden, beerdigt wurde er gemäß seines letzten Willens in preußischer Erde, in Wersen/Westfalen, dem Geburtsort seines Vaters.

 

In einem vor kurzem erschienenen theologischen Fachbuch wird die These aufgestellt, Martin Niemöller sei ein moderner Prophet und Apostel. Er rief seine Zeitgenossen und die Kirche zur Buße und zur Umkehr auf, zur Besinnung auf die biblische Verkündigung und den Geist der Botschaft Jesu. Das tat er nicht im wissenschaftlichen Diskurs, sondern gleichsam visionär und immer gegen den herrschenden Zeitgeist. Damit gleiche er Propheten des Alten Testaments.

Ich persönlich teile jetzt diese Auffassung.

Als der Kirchenvorstand vor 20 Jahren diskutierte, ob das Bild Martin Niemöllers in unsere Fenster aufgenommen werden sollte, habe ich das mit der Mehrheit des Kirchenvorstandes abgelehnt. Seine frühe national-konservative Haltung, sein früher Hang zum Militärischen, irritierte uns. Wahrscheinlich war die Zeit damals noch nicht reif für eine solche Entscheidung. Heute hätte ich ihn gern dort oben gesehen.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Dag Hammarskjöld

Apostelandacht zu Dag Hammarskjöld, gehalten am 28. September 2008

Es ist schon ungewöhnlich, dass sich ein Mann in der Politik bewegte, der sich mit Mystik befasste und dessen Leben eine Suche nach Gott war;

dessen Lebensweg dazu geeignet ist, dass wir ihn vielleicht zu den modernen Aposteln zählen können, dass Aspekte seines Lebens und Handelns für uns vorbildlich sein können.

Die Rede ist von Dag Hammarskjöld, schwedischer Politiker,

UN-Generalsekretär von 1953 bis 1963

und nach seinem Tod mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Geboren wurde Dag Hammarskjöld am 29. Juli 1905 in Jönköping in Mittelschweden.

Er war der vierte und jüngste Sohn von Hjalmar und Agnes Hammarskljöld.

Seine Mutter wünschte sich nach drei Jungen eigentlich ein Mädchen. Als es dann doch wieder ein Junge wird, kleidet und frisiert sie ihn wie ein Mädchen.

Die Hammarskjölds waren eine alte Adelsfamilie, aus der viele bedeutende Staatsbeamte und Offiziere hervorgegangen sind.

Auch der Vater Dags bekleidete viele Staatsämter, war Staatsrat, Justizminister und Premierminister.

Seine Mutter befasst sich viel mit religiösen Fragen.

Sonntags begleitet Dag sie zum Gottesdienst

und tut dies so oft wie möglich bis zu ihrem Tod im Jahre 1940.

Als Schüler und Student ist Dag recht einsam und isoliert.

Er liest viel, orientiert sich an seinem Vater, der auch oft missverstanden wurde und isoliert war.

Religiöse Gedanken beschäftigen ihn schon früh,

er spielt vorübergehend mit dem Gedanken, Theologie zu studieren.

Ansonsten arbeitet er, während andere sich vergnügen, Familien gründen.

Dag geht Frauen aus dem Weg. Seine Kraft holt er sich bei Wanderungen, beim Fahrradfahren und bei Bergtouren.

Er studiert unter anderem Wirtschaftswissenschaften, macht Karriere im Finanz- und im Außenministerium,

verhandelt 1947 in Paris über die Durchführung des Marshall-Plans, mit dem West-Europa seinen Wiederaufbau finanziert.

Seine Existenz trägt mönchische Züge: Arbeit, Gebet, Nachdenken über Gott, keine Frauen.

Insbesondere denkt er häufig und intensiv über den Tod nach.

Man braucht den Tod nicht als ein plötzliches Verhängnis zu erleiden, wenn man zu sterben lernt.

Seine Mitmenschen schätzen seine Kenntnisse im Finanzwesen,

man bewundert seine Arbeitskraft.

Einige behaupten, weil er keine Familie und keine richtigen Freunde habe,

bleibe ihm ja nichts anderes übrig, als Trost in der Arbeit zu suchen.

In den frühen fünfziger Jahren wird er stellvertretender Außenminister Schwedens,

schließlich Leiter der schwedischen Delegation bei der UNO in New York.

Seine Selbstzweifel begleiten ihn, er sucht sich Rechtfertigungen für seine menschliche Einsamkeit.

Die meisten Männer, meint er, verbrauchen 90% ihrer Energie damit, die Neurosen ihrer Frauen zu bekämpfen. Er jedenfalls nicht.

Nach dem Rücktritt des ersten Generalsekretärs der UNO sucht man einen stillen, eher schwachen neuen Generalsekretär.

Man entscheidet sich für Dag Hammarskjöld. Die weltpolitische Lage ist geprägt vom Kalten Krieg zwischen Ost und West, von den Konflikten um die Entkolonialisierung.

Seine kurze Ansprache zur Amtseinführung beendet er mit einem schwedischen Gebet: „Das tiefste Gebet der Menschen bittet nicht um den Sieg, sondern um den Frieden.“

In einem Interview äußert er sich über seine ethischen Maßstäbe:

Diene deinem Land oder der Menschheit in selbstloser Hingabe.

Opfere diesem Dienst alle deine persönlichen Interessen.

Gleichzeitig habe stets den Mut, kompromisslos für deine Überzeugungen einzutreten.

Ihn leiten Gedanken mittelalterlicher Mystiker:

„Glaube ist die Vereinigung Gottes mit der Seele.“

Die Gottesbegegnung geschieht also nicht vorrangig in der Gemeinschaft, sondern in der Seele des einzelnen Menschen.

Hat Gott sich mit der Seele verbunden, dann ist sie voll Kraft und Liebe, die der Mensch an andere weitergeben möchte.

Es gibt für ihn also keinen Widerspruch zwischen persönlicher Meditation und sozialem Engagement.

Er sagt: „Der Weg zur Heiligung geht in unserer Zeit notwendig über das Handeln.“

Es ist die Zeit des Korea-Kriegs. Das kommunistische China hat amerikanische Soldaten gefangen, die USA fordern ihre Freilassung

Im Januar 1955 fliegt Hammarskjöld nach China, führt Gespräche mit Chou-Enlai.

Der ist von der Persönlichkeit Hammarskjölds so beeindruckt, dass er die amerikanischen Kriegsgefangenen als Geburtstagsgeschenk für ihn freilässt.

1956 droht der Konflikt um den Suezkanal zum Weltkrieg zu eskalieren.

Hammarskjöld gelingt es den Konflikt zu entschärfen, eine internationale Friedens- und Polizeitruppe zu schaffen, die den Waffenstillstand sichert.

Damit gründet er die UNO-Blauhelmtruppe.

Er bemüht er sich um Krisenbewältigung in Ungarn, Laos, dem Libanon und schließlich im Kongo, seiner letzten Station.

Die ehemals belgische Kolonie wird in die Unabhängigkeit entlassen und versinkt im Chaos, wird zum Spielball zwischen den gegensätzlichen Interessen der Großmächte, der Konzerne, die das rohstoffreiche Land weiter ausbeuten wollen.

Er startet die bis dahin größte Blauhelmaktion der Vereinten Nationen.

Die rohstoffreiche Provinz Katanga erklärt sich unabhängig,

stützt sich auf die Westmächte.

Die Zentralregierung sucht die Unterstützung der Sowjetunion.

Die Großmächte beobachten das Verhalten Hammarskjölds argwöhnisch.

Beide Seiten beschuldigen ihn, er würde jeweils die gegnerische Seite unterstützen.

Hammarskjöld will persönlich mit dem Führer der abtrünnigen Provinz Katanga,

Moise Tschombé, verhandeln, vereinbart mit ihm ein Treffen in der nordrhodesischen Stadt Ndola.

Sein Flugzeug fliegt ohne Begleitschutz und stürzt beim Landeanflug ab.

Das Wrack wird erst am nächsten Tag gefunden.

Mit Hammarskjöld sterben 15 Insassen des Flugzeugs.

In den Leichen der beiden Leibwächter Hammarskjölds stecken Geschosse.

Nur ein amerikanischer Soldat hat den Absturz schwer verletzt überlebt, lebt noch fünf Tage. Die nordrhodesische Polizei verhört ihn, fertigt auch Protokolle, die aber verschwinden.

Die Ursache des Absturzes bleibt bis heute mysteriös.

Wurde die Maschine abgeschossen, oder befand sich ein Sprengsatz an Bord?

Die Sowjets behaupten, hinter dem Absturz stecke Tschombé.

Andere vermuten, europäische Söldner steckten dahinter,

vielleicht auch westliche Kapitalisten, vielleicht die CIA.

Auch ein Selbstmord Hammarskjölds wird vermutet.

Erst 1998 veröffentlicht die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission unter Bischof Tutu geheime Dokumente.

Sie lassen vermuten, dass Hammarskjöld einem raffinierten Mordkomplott der Geheimdienste Südafrikas, der USA und Großbritanniens zum Opfer fiel.

Ein Mitarbeiter Hammarskjölds findet nach seinem Tod auf dem Nachttisch seines New Yorker Appartements ein Tagebuch, in dem Hammarskjöld über mehrere Jahrzehnte seine Gedanken und Eindrücke notiert hat.

Darin finden sich Aphorismen, Natureindrücke, literarische Zitate, Gebete und Gedichte.

Es wird veröffentlicht unter dem Titel „Zeichen am Weg“.

Der Titel bezieht sich auf eine Eintragung aus dem Jahr 1956:

Darin heißt es: „Diese Aufzeichnungen -? Sie waren Wegzeichen, aufgerichtet, als du an einen Punkt kamst, wo du sie brauchtest, einen festen Punkt, der nicht verloren gehen durfte.“

Und 1958 schreibt er:
“Noch einige Jahre, und dann? Das Leben hat Wert nur durch seinen Inhalt – für andere.

Ein Leben ohne Wert für andere ist schlimmer als Tod.

Darum – in dieser großen Einsamkeit – diene allen.

Darum: wie unbegreiflich groß, was mir geschenkt wurde, wie nichtig, was ich ‚opfere’“.

In seiner Gedenkrede vor der UNO sagte der amerikanische Präsident John F. Kennedy:

„Dag Hammarskjöld hat durch die UN sein ganzes tägliches Schaffen der Sache des Friedens und der Weltordnung geweiht.

Seine Fähigkeit sich aufzuopfern, ist fast legendär. Sein Name wird einen hervorragenden Platz unter den Friedensstiftern einnehmen.“

Zweifellos hat er wie wenige andere Menschen seinen christlichen Glauben konsequent

in alltägliches Handeln umgesetzt; darin kann er uns als Vorbild dienen.

Vielen Politikern würde etwas mehr Gesinnungsethik in ihrer politischen Praxis sicher guttun.

Andererseits zweifle ich persönlich, ob ein Leben in innerer Einsamkeit,

der Verzicht auf Gemeinschaft, Gemeinschaft z.B. im Gottesdienst, in der Kirchengemeinde, in einer Familie richtig ist.

Jesus sagt im Matthäus-Evangelium:

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Jesus bejaht die Gemeinschaft, das wird auch in der Feier des Abendmahls deutlich.

Es heißt auch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Wir sollen uns selbst über die Nächstenliebe nicht vergessen, nicht negieren. Die Aufopferung muss höchstens in Kauf genommen werden, wenn die Umstände dies erfordern, das Opfer ist kein Selbstzweck.

Mir scheint, seine Fixierung auf das Opfer, auf das Sterben ist ein Ausdruck seiner Persönlichkeit,

kann vielleicht aus seiner Kindheit erklärt werden,

kann uns jedenfalls wohl kaum als christlich begründetes Vorbild dienen.

1961 wurde ihm postum der Friedensnobelpreis verliehen.

Seit 1962 gibt es in Hamburg, am Dammtor-Bahnhof, den Dag Hammarskjöld-Platz und die Dag Hammarskjöld-Brücke.

Sein Gedenkstein im Dom von Uppsala in Schweden trägt die Inschrift: „Nicht ich, sondern Gott in mir. Dag Hammarskjöld, 1905 – 1961

Rolf Polle

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