Nachrichten und Berichte

 

In dieser Rubrik finden Sie Nachrichten, die die gesamte Gemeinde betreffen, Aktuelles, das im Gemeindebrief noch nicht veröffentlicht werden konnte, oder Entwicklungen, die wir für so wichtig halten, dass wir sie hier erwähnen.

 

 
 

Apostelandacht zu Ricarda Huch

Apostelandacht zu Ricarda Huch, gehalten am 25.5.2014

Aus dem Leben der Ricarda Huch

Ein Mädchen läuft durch einen Garten. Wir schreiben das Jahr 1870. Die Kleine ist sechs Jahre alt. Sie läuft durch den Garten, hinab zur Oker, an der Rückseite des Braunschweiger Grundstücks. Dort steht sie, blickt auf die gegenüberliegende Seite des Flusses zu den Häusern der nicht so Begüterten wie die wohlhabende Kaufmannsfamilie Richard und Emilie Huch, deren Tochter die Kleine ist. Die Armut anderer Menschen ängstigt Ricarda, jüngste von drei Geschwistern.

Die im Elternhaus lebenden Großeltern mütterlicherseits sind fromm. Tischgebete spricht die Familie vor dem Essen. Abends sitzen die Kinder am runden Holztisch und dürfen sich Bücher und Illustrierte anschauen. Als Anna Schröder, die Gouvernante, Ricarda das Lesen lehrt, wird die väterliche Bibliothek ein wahrer Schatz für das Mädchen. Besonders gern liest sie Stellen im Alten Testament. Die biblische Sprache ist so schön.

Das Huchsche Haus ist ein geselliges. Freunde gehen ein und aus, Freunde der Eltern, aber auch der Kinder. Der Flügel ist zwar nur für die Erwachsenen, aber die Kinder haben ihr eigenes Klavier. Theater- und Singspiele führen die Geschwister bei besonderen Anlässen auf. Ricarda bekommt Gesangstunden. Und mit der Freundin Anna Klie schmiedet sie Verse.

Mit neun Jahren kommt die Königstochter jüngste, wie die Mutter Ricarda mit Worten liebkost, zur Schule. Schon fünf Jahre später endet die schulische Laufbahn wieder, viel zu früh wie die Dichterin in ihren autobiografischen Aufzeichnungen befindet. All ihr Wissen sammelt sie im Familienkreis.

Für ein Studium kann das niemals reichen. Trotzdem reist sie in Begleitung des zwei Jahre älteren Bruders Rudolf mit dem Ziel zu studieren am ersten Januar 1887 nach Zürich. An deutschen Universitäten sind Frauen nicht zugelassen. Zwei Zimmer mietet Ricarda im Haus der Frau Wanner an der Gemeindestraße 25. Manchmal begegnet ihr der Dichter Gottfried Keller auf der Straße. Er wohnt ganz in der Nähe, und sie verehrt ihn sehr. Sie lernt rund um die Uhr, denn um überhaupt studieren zu dürfen, muss sie erst einmal die Matura nachholen. Morgens um sieben steht sie auf und vor Mitternacht findet sie nicht in den Schlaf. Ein Jahr gibt sich die Fleißige für die Vorbereitung auf die Prüfung, eine unverhältnismäßig kurze Zeit. Sie besteht bravourös, hat in allen Fächern die Bestnote.

Die angehende Studentin Ricarda Huch immatrikuliert sich in Geschichte. Neigung hat sie auch für die Naturwissenschaften, musste aber der Großmutter versprechen, ein solches Fach nicht zu wählen, weil das von der Religion wegführt. Auch hat sie sich in Zürich eingelebt. Mit Freunden unternimmt sie Ausflüge in die Berge. Ruderfahrten auf dem See macht sie mit Studienkolleginnen, meist Bekanntschaften aus den Vorlesungen. Sie tritt dem Studentinnenverein bei, und die anderen wählen sie zu ihrer Präsidentin.

Das Studium betreibt Ricarda gewissenhaft. Aber die Wissenschaft, die sich auf Fakten und nochmals Fakten stützt, mutet sie arg trocken an. Sie schreibt in dem autobiografischen Text „Frühling in der Schweiz“:

„[A]ber bloße Tatsachen, wenn sie nicht in Beziehung zu uns und zu den Geistern in der Luft, wie der Apostel Paulus sie nennt, gebracht werden können, mit denen wir kämpfen, bleiben doch Spreu.“ (GW, Bd. 11, S. 194)

Im Juli 1891 schließt Ricarda Huch ihr Studium mit der Doktorprüfung und dem Ergebnis magna cum laude und einem zusätzlichen Lehrerinnenexamen ab.

Die Eltern sind inzwischen verstorben, das Erbe durch die Studienjahre aufgezehrt. Ricarda Huch muss ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie nimmt eine halbe Stelle in der Stadtbibliothek Zürichs an und arbeitet zusätzlich als Aushilfslehrerin an einer privaten Mädchenschule. Kaum bleibt ihr Zeit für sich und die Arbeit empfindet sie unbefriedigend. Sie wollte doch Dichterin werden. Das gelingt erst, als sie Anstellung an einer staatlichen Mädchenschule findet. Neben der Brotarbeit schreibt sie ihren ersten Roman „Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren“.

Ricardas Versuch, 1896 über Bremen nach Deutschland zurückzukehren, scheitert. Die Behörden erkennen das Schweizer Examen nicht an. Sie reist nach Wien. An der langen Tafel der Pension Lammgasse 7 sitzen die Gäste im Speiseraum beim Mittagessen beisammen. Unter ihnen Ermanno Ceconi. Der Zahnarzt aus Italien erinnert Ricarda „... an den Königssohn des Märchens, der, aus der Heimat vertrieben, in Bettlertracht unter fremden Menschen Dienste tun muss ...“ (GW, Bd. 11, S. 245). Bald fühlen sich beide zueinander hingezogen. Über Heirat sprechen die Liebenden. Aber Ceconi muss Vater und Geschwister finanziell unterstützen. Endlich, nach vielen Bedenken, treten Ricarda Huch und Ermanno Ceconi am 9. Juli 1898 vor den Traualtar. Sie begründen ihre Existenz in Triest, wo etwas über ein Jahr später am 9. September 1899 Tochter Marietta zur Welt kommt. Mit ihren Büchern über die Romantik und mit dem Roman „Aus der Triumphgasse“, der die Frage der Theodizee aufgreift, also die Frage, warum Gott all das Schreckliche in der Welt zulässt, wenn er doch allmächtig ist, steuert Ricarda ihren Teil zum Lebensunterhalt bei.

Eine eigene Zahnarztpraxis gelingt Ermanno Ceconi erst, als die Familie nach München übersiedelt. Dort findet Ricarda Huch auch den in Triest vermissten gesellschaftlichen Verkehr. Sie ist mit ihren Bücher inzwischen berühmt. Zur Münchner Wohnung mieten die Huch-Ceconis ein kleines Haus in Grünwald. Dorthin in die Natur zieht sich die Dichterin zum Schreiben zurück. Doch während sie dort arbeitet, ziehen dunkle Wolken über den Ehehimmel. Im Herbst 1905 wird das Paar geschieden.

Ricarda Huch ist eine Gegnerin von Ehescheidungen. Sie empfindet sie als leichtfertig. Trotzdem scheitert auch ihre zweite Ehe mit Dr. Richard Huch, einem Cousin der Dichterin. Sie darf Marietta nicht bei sich haben, so will es Richard. Knapp drei Jahre hält der wenig glückliche Bund und 1910 trennen sich die Eheleute. Ricarda Huch ist nun ohne ihr Kind und ohne ein Zuhause. Die Freundin aus Studienjahren, Marie Baum, nimmt Ricarda bei sich in Düsseldorf auf. Aus dieser Zeit stammt das Gedicht „Gebet in höchster Not“:

            „Herrgott, mein töricht Wunsch und Wahn

            weiß nicht, was Nutz und Schade;

            Was mir von Dir wird angetan,

            Sieg oder Tod, das nehm ich an,

            Das fließt vom Quell der Gnade.“

Ein neues Zuhause für Marietta und sich schafft Ricarda schließlich in München. Bis an ihr Lebensende wird sie mit der Tochter zusammenbleiben. Sie schreibt an ihrem bedeutendsten Werk "Der Große Krieg in Deutschland", einem Buch über den Dreißigjährigen Krieg. Es schließt mit einem ökumenischen Ostergottesdienst, bei dem Protestanten und Katholiken gemeinsam das Abendmahl einnehmen. Gleichzeitig entsteht ihr für mich schönstes Werk: „Luthers Glaube“. Mit dieser Schrift bezweckt Ricarda Huch, Menschen die Gedankenwelt Luthers nahezubringen, die keinen Zugang mehr zu Glauben und Religion haben und sich selbst als modern begreifen. Unter Modernität versteht Ricarda Huch eine Verbindungslosigkeit zu den Kräften des Lebens, ein Abgeschnittensein von der göttlichen Kraft, so die Huch-Biografin Cordula Koepcke. (Koepcke, S. 201/202). Tatsächlich erreichte „Luthers Glaube“ nachweislich einen Suchenden: den Theologen Helmut Gollwitzer. Die Lektüre von „Luthers Glaube“ wurde für ihn sinnstiftend und motivierte ihn zum Studium der Theologie. Beide werden sich während der Jenaer Zeit persönlich kennenlernen.

Während des Ersten Weltkriegs verlassen Ricarda und Marietta Deutschland. Sie leben in der Schweiz und kehren erst mit Kriegsende in die Münchner Wohnung zurück. Die politische Umbruchszeit streift auch die Dichterin. Sie tritt in den Rat geistiger Arbeiter ein, bewirbt sich um die Kanditatur für die Wahl zur Nationalversammlung für die Deutsche Demokratische Partei, unterliegt aber. Unter anderen Künstlern wie Heinrich und Thomas Mann oder Rainer Maria Rilke unterschreibt sie einen „Apell zur Schicksalsgemeinschaft mit dem arbeitenden Volke“ und einen anderen, der eine „Amnestie für alle diejenigen, die Gewalt weder gepredigt haben, noch Gewalttaten sich selbst haben zuschulden kommen lassen“, letzterer vor dem Hintergrund der Hinrichtungen und Verurteilungen im Münchner Frühling 1919. Den Versailler Vertrag lehnt Ricarda Huch ab.

Als Marietta am 20. März 1926 den Juristen Franz Böhm heiratet, folgt Ricarda  den Kindern nach Berlin. Eine bewegende Zeit beginnt für die Dichterin. Im Herbst 1926 wählt die Preußische Akademie der Künste, Abteilung Dichtkunst sie zum Mitglied. Ein Jahr später reist Ricarda nach Italien, wo sie Wochen an Ermanno Ceconis Krankenbett verbringt, denn beide sind einander freundschaftlich verbunden geblieben. Er stirbt am 3. November 1927. Ihre ganze Liebe wird aber zukünftig dem Enkel gehören: Alexander, genannt Kander. Der wird am 14. Juni 1929 geboren. Und im August 1931 erhält Ricarda die damals höchste Auszeichnung für Literatur in Deutschland: den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main.

Mit 37 anderen Persönlichkeiten beteiligt sich Ricarda Huch an einem „Aufruf an die Partei der Nichtwähler“. Der soll Nichtwähler zur Wahl gegen die Nationalsozialisten mobilisieren. Als die 1933 den Vorsitzenden der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, Heinrich Mann, zum Rücktritt zwingen, weigert sich seine Stellvertreterin Ricarda Huch unter der veränderten Lage weiter Mitglied der Akademie zu bleiben. Als die Akademie ihr Verhalten übergeht, erklärt Ricarda Huch brieflich ihren Austritt.

Ein letztes Mal wechselt die Dichterin ihren Wohnsitz, als Franz Böhm einen Ruf an die Jenaer Universität erhält. Das kleine Haus am Oberen Philosophenweg ist Ricarda bis kurz vor ihrem Tod eine Heimat. Zum Jenaer Kreis gehören die Theologen Gerhard von Rad und Helmut Gollwitzer, beide der Bekennenden Kirche zugehörig. Eine innige Freundin ist aber Antje Lembke-Bultmann, die Tochter Rudolf Bultmanns.

Während einer Abendgesellschaft im Haus von Professor Walter Weddigen treten Ricarda Huch und Franz Böhm mutig den antisemitischen Äußerungen des Lehrbeauftragten Richard Kolb entgegen. Nicht ohne Folgen: Verhöre und nochmals Verhöre. Franz Böhm verliert seine Stellung an der Jenaer Universität.  Schließlich wird ein Verfahren gegen beide aber eingestellt.

Zum Kriegsende muss die Familie sich trennen. Franz Böhm erhält überraschend einen Ruf an die Freiburger Universität. Alexander begleitet den Vater. Als die russischen Besatzer im Nachkriegsdeutschland eine Familienzusammenführung und die damit verbundene Ausreise von Ricarda und Marietta in die amerikanische Zone wiederholt ablehnen, entschließen sich die Frauen zur Flucht. Sie nutzten Ricardas Teilnahme am Ersten deutschen Schriftstellerkongress in Berlin. Völlig entkräftet erreicht die inzwischen Dreiundachtzigjährige mit ihrer Tochter das für sie reservierte Gästehaus der Stadt Frankfurt am Main. Die anschließende Lungenentzündung überlebt Ricarda Huch nicht. Sie stirbt am 17. November 1947.

Marlies Matthies

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Apostelandacht zu Rudolf Bultmann

Apostelandacht zu Rudolf Bultmann, gehalten am 26. Januar 2014

  1. Biographisches

Rudolf Bultmann war neben Karl Barth der bedeutendste und zugleich umstrittenste Theologe des 20. Jahrhunderts. Seine Anhänger verglichen seine Arbeiten mit denen Luthers, Kants und Kierkegaards, seine Gegner hielten ihn für einen „Irrlehrer“.

Rudolf Bultmann wurde im Jahre 1884 in Wiefelstede geboren, einem kleinen Bauerndorf, das damals zum Herzogtum Oldenburg gehörte. Sein Vater war Pastor und selbst Sohn eines Missionars, die Mutter Helene stammte auch aus einer Pastorenfamilie. Nach fünf Jahren wechselte der Vater die Pfarrstelle, und die Familie zog in die Kleinstadt Rastede um.

Gern erinnerte er sich im Alter an die harmonischen Kindheitsjahre und an die gute Kameradschaft mit seinen Mitschülern in der Rasteder Volksschule. Er schrieb darüber:

„Ich sehe es als einen großen Gewinn für mein Leben und gerade auch für meine wissenschaftliche Arbeit an, dass ich die erste Jugend in der bäuerlichen Landschaft meiner Heimat verleben durfte, dass mir die Atmosphäre des bäuerlichen Lebensraumes vertraut wurde, dass ich mit meinen Schulkameraden plattdeutsch sprach, an ihren Spielen teilnahm und in ihre Interessen weit verflochten war. Von da aus ist mir nicht nur ein starkes Heimatgefühl erwachsen, sondern daher meine ich auch einen Sinn für volkshaft-bäuerliche Denk- und Redeweise erworben zu haben und einen Anstoß, von der Sprache her die Geschichte des Geistes zu erforschen.“

Seit 1895 besuchte Bultmann das Großherzogliche Gymnasium in Oldenburg. Dort entwickelte er ein ausgeprägtes Interesse an Kunst und Literatur und bestand im Jahr 1903 die Reifeprüfung.

Anschließend studierte er in Tübingen, Berlin und Marburg Evangelische Theologie und Philosophie, legte 1907 das erste theologische Examen ab und erlangte im Jahre 1910 den Doktortitel.

Ab 1912 war Bultmann als Privatdozent in Marburg tätig und wurde 1916 nach Breslau berufen, veröffentlichte Buchbesprechungen über theologische Werke und Romane in Zeitschriften.

Schon während seines Studiums trat Bultmann für ein modernes, aufgeklärtes Christentum ein. Er hielt Vorträge vor Lehrern, um sie mit der neuesten wissenschaftlichen Theologie vertraut zu machen. Besonders dem Bildungsbürgertum wollte er durch vorbehaltlose Aufklärung über die historischen Zusammenhänge des Christentums das religiöse Leben nahebringen:

„Unsere Kirche hat den Laien viel von Kritik und Wissenschaft vorenthalten und muss das Versäumte schnell nachholen, wenn sie nicht bitter büßen will. Nur durch Bildung kann auch die katholische Kirche besiegt werden. Da wird andres schwerlich helfen.“

Im Sommer 1915 machte Bultmann die Bekanntschaft einer Studentin namens Helene Feldmann. Der Privatdozent und Helene fanden sich sympathisch und verabredeten sich zu Konzerten, Ruderpartien und Spaziergängen, hielten ihre Freundschaft aber zunächst geheim. 1916 verlobten sie sich, was viele ihrer Freunde überraschte. Schließlich heirateten sie 1917 in Breslau.

Bultmann teilte die Begeisterung der meisten Deutschen beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es belastete ihn, dass er wegen seines Hüftleidens keinen Kriegsdienst ableisten konnte. Aber mit zunehmender Dauer des Krieges schlug seine anfängliche patriotische Gesinnung in Skepsis um.

Nach der Novemberrevolution 1918 befürwortete Bultmann den Aufbau eines demokratischen Staatswesens. Er sympathisierte mit dem linksliberalen Kurs der Deutschen Demokratischen Partei, der DDP, aber wurde nicht unmittelbar politisch aktiv. Er hielt allerdings vor Jugendlichen der DDP Kurse zu religiösen und weltanschaulichen Themen.

Innerhalb der evangelischen Universitätstheologie gehörte er der Minderheit der liberalen Vernunftrepublikaner an, die sich dem bedrohten demokratischen Staat gegenüber loyal verhielten. Das unterschied sie von der antidemokratischen Mehrheit im protestantischen Milieu.

Im Jahre 1920 erhielt Bultmann einen Ruf nach Gießen, ein Jahr später nach Marburg, wo er endgültig blieb.

Bultmanns Vorlesungen waren bei den Studenten sehr beliebt, sie waren geradezu überlaufen. Über siebzig seiner Studenten wurden später selbst Theologieprofessoren. Bultmanns Schüler erhielten allerdings während des Dritten Reiches wegen ihrer Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche keine Lehrstühle an den staatlichen Theologischen Fakultäten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das.

Weltruhm erwarb Bultmann schon 1921, als er in seinem ersten Buch mit dem Titel „Die Geschichte der synoptischen Tradition“ das Neue Testament analysierte und zu dem Ergebnis kam, dass viele Worte Jesu ihm erst nach seinem Tode zugeschrieben wurden und dass viele Wunderberichte nur Legenden, also fromme Phantasiegeschichten seien.

In Breslau waren Rudolf und Helene Bultmann zwei Töchter geboren worden, die dritte später in Marburg.

Die Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 beurteilte Bultmann sehr kritisch, was er auch öffentlich äußerte. In seinen Predigten ermahnte er die Gemeinde, sich im Rausch der nationalen Erhebung nicht selbst zu betäuben.

Die Gleichschaltung der Universität Marburg mit dem NS-Staat erzeugte einen Politisierungsdruck auf die Lehrenden. Bultmann versuchte, sich den damit verbundenen Zwängen zu entziehen und ihre negativen Auswirkungen auf Forschung und Lehre zu verringern.

In den eigenen Lehrveranstaltungen und im Verhältnis zu seinen Studierenden konnte Bultmann die Freiheit der Wissenschaft allerdings während des gesamten Dritten Reichs problemlos in Anspruch nehmen.

Anders verhielt es sich mit der Freiheit der Kirche. In einem gemeinsamen Brief klagten Bonner und Marburger Theologen die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ an, das Wesen der evangelischen Kirche zu durch ihre schrift- und bekenntniswidrige Lehre zu verleugnen und zu verderben. Dem Pfarrernotbund und der aus ihm hervorgegangenen Bekennenden Kirche schloss sich Bultmann sofort an.

Im Sommer 1934 gründeten auch die Marburger Studenten eine Gruppe in der Bekennenden Kirche, die anschließend stetig wuchs. Bultmann unterstützte diese Arbeit, woraufhin die Geheime Staatspolizei vorschlug, ihn zu versetzen. Allerdings verzichtete der Nazi-Staat auf eine Maßregelung Bultmanns, wegen seines internationalen wissenschaftlichen Renommees.

In seinen Predigten äußerte Bultmann offen Kritik an der nationalsozialistischen Weltanschauung. Er lehnte insbesondere die NS-Rassenideologie aufs schärfste ab und stellte unmissverständlich fest:

„Volk ist im echten Sinne kein biologisches, sondern ein geschichtliches Phänomen, das heißt unsere Teilhabe daran ist nicht eine Frage der Abstammung, sondern der Existenz.“

Er erklärte die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche für schrift- und bekenntniswidrig.

Bultmann blieb seinen jüdischen Freunden auch nach deren Entlassung aus dem Staatsdienst treu und unterstützte sie, wo er nur konnte, half materiell und ideell und besorgte auch Ausreisepapiere.

Die Verherrlichung von Blut und Boden, die Vergöttlichung der Rasse war für ihn nur eine krampfhafte Empörung gegen das Christentum.

„Allein die Existenz der christlichen Kirche in der Welt ist ein Protest gegen die Welt; ein Protest dagegen, dass die Welt sich anmaßt, letzte Bindung und Verpflichtung, letzte Erfüllung geben zu können. Deshalb empfindet die Welt die Kirche als Fremdkörper; und fügt sich die Kirche nicht der Macht der Welt in ihren Zielen und Gaben, nun so soll sie ihre Macht in ihrem Zorn erfahren.“

Nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion 1941 predigte Bultmann:

„Wir wissen alle, dass Deutschland heute kein christliches Land mehr ist; dass das kirchliche Leben nur noch ein Rest ist, und dass manche wünschen und hoffen, dass auch dieser Rest bald verschwinde.“

1941 löste Bultmann mit einem einzigen Zeitschriftenartikel die Debatte über die Entmythologisierung aus, die mehr als 30 Jahre anhielt.

Er erklärte das Weltbild der Bibel für vergangen:
„Man kann nicht elektrisches Licht und den Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“

Von seinen Gegnern wurde Bultmann vorgeworfen, dass er die Gottessohnschaft Jesu, die Jungfrauengeburt und die Auferstehung Jesu leugne.

Auf der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands im Jahre1952 forderten etliche Synodale eine offizielle Verurteilung der Theologie Bultmanns durch die lutherische Kirche. Die Bischofskonferenz beschloss, dass eine Kanzelabkündigung in den Gemeinden verlesen werden sollte. Darin wurde festgestellt, einige theologische Lehrer stünden in der Gefahr, bei ihren Bemühungen um Entmythologisierung der neutestamentlichen Texte „den Inhalt der Verkündigung zu vermindern oder gar zu verlieren“. Diese Theologen müssten sich fragen lassen, ob sie nicht die von der Schrift bezeugten Tatsachen verleugneten.

Bultmann meinte, falls ihm das Dokument offiziell zugestellt werde, könne er es ja auf dem Marktplatz in Marburg verbrennen, wie einst Luther in Wittenberg mit der Bannandrohungsbulle verfahren war.

Um 1961 nahmen verschiedene evangelikale Gruppierungen ihren innerkirchlichen Kampf gegen die „moderne Theologie“ der fünfziger Jahre wieder auf. Sie schlossen sich 1966 zur Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ zusammen. Deren Angriffe richteten sich generell gegen die wissenschaftliche Theologie.

Die öffentliche Auseinandersetzung um die Entmythologisierung machte den Namen Bultmanns weit über den Raum von Kirche und Theologie hinaus bekannt. Er war in den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert ein berühmter Mann geworden. Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften widmeten seinen Themen breiten Raum. „Der Spiegel“ befragte ihn im Sommer 1966 vor dem Hintergrund der heftigen Attacken der „Bekenntnisbewegung Kein anders Evangelium“ gegen seine „Irrlehre“ nach seinem theologischen Denken. Maler und Fotografen porträtierten ihn.

Etwa ab 1964 fiel Bultmann auf Grund seiner schwächer werdenden Augen das Lesen zunehmend schwerer. Ein Privatassistent berichtete ihm jeweils über Neuerscheinungen und las ihm ausgewählte Passagen vor. Aber weiterhin schmeckten ihm Korn und Bier, seine Pfeife oder eine Brasilzigarre.

Unter den geistlichen Liedern schätze er besonders das Abendlied von Matthias Claudius „Der Mond ist aufgegangen“, das er mit seiner Frau abends gern sang.

Bultmann wurde sehr alt, viele Freunde und Gesprächspartner starben vor ihm. Auch seine Frau Helene begleitete er bei ihrem Sterben, las ihr am Krankenbett Predigten und schöngeistige Literatur vor. Sie starb 1973, 80jährig, in einer Marburger Klinik.

Zu seinem 90. Geburtstag wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

Am Morgen des 30. Juli 1976 verstarb er nach einigen Tagen im Koma friedlich in seinem Haus und wurde in Marburg bestattet.

Zum Abschluss der Trauerfeier sang die Gemeinde auf seinen Wunsch hin den Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Das Lied hatte ihm immer viel bedeutet.

In Marburg wurde zu seinem 100. Geburtstag eine Straße nach ihm benannt. Zum Straßenschild ist ein Zusatztext angebracht: „Prof.D.Bultmann (1884-1976) suchte die christliche Botschaft gegenüber dem Wahrheitsbewusstsein der Neuzeit zu verantworten.“

 

  1. Pro und contra Bultmanns Theologie

Pro: Die Inhalte des christlichen Glaubens können nur glaubwürdig vermittelt werden, wenn sie dem modernen Weltbild unserer Zeit angepasst sind. Wir leben in einer Zeit, die von den Naturwissenschaften und der Technik geprägt ist. Die Texte der Bibel dagegen stammen aus der Spätantike, sind etwa 2000 Jahre alt. Die Menschen damals hatten ein mythologisches Weltbild, das inzwischen überholt ist.

Die Menschen glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Sie, die Menschen, existierten auf dieser Scheibe, Gott befinde sich darüber im Himmel, der Teufel unter der Erde in der Hölle. Von oben und von unten werde in das Schicksal und das Leben der Menschen in übernatürlicher Weise eingegriffen, sogar in ihr seelisches Innenleben.

Nach unserem heutigen Verständnis ist die gesamte Wirklichkeit naturwissenschaftlich erklärbar. Sie ist eine ununterbrochene Abfolge von Ursachen und Wirkungen, die von den Naturgesetzen her und erklärbar ist. Der Glaube an Wunder ist überholt.

Bultmann schreibt dazu:

„Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor, ja, den ‚Himmel‘ im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebenso wenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erledigt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden ‚Menschensohns‘ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft ihm entgegen.“

 

Contra: Sicher glaubt heute kaum noch jemand, dass die Erde eine Scheibe ist. Aber was bleibt denn noch vom christlichen Glauben übrig, wenn wir die Berichte über die Wundertaten Jesu streichen, und vielleicht selbst an der Auferstehung Christi zweifeln?

 

Pro: Man kann die biblische Botschaft mit einer Frucht vergleichen. Sie besteht aus einem Kern, umgeben von einer Schale. Der Kern ist Gottes Anrede an den Menschen, die alte Schale das mythische Weltbild. Gottes Anrede kann aber nur aktuell bleiben, wenn sie auch heute eine zeitgemäße Schale erhält. Die veraltete Schale darf den Charakter der biblischen Botschaft nicht verdecken.

Es ist die Aufgabe der Theologie, den davon unabhängigen Kern der christlichen Verkündigung herauszuarbeiten. Das hat Bultmann getan.

Kreuz und Auferstehung Christi müssen wir auf unsere Existenz beziehen:

Bultmann schreibt:

„Indem Gott Jesus kreuzigen ließ, hat er für uns das Kreuz errichtet: an das Kreuz Christi glauben heißt, das Kreuz Christi als das eigene übernehmen, - heißt, sich mit Christus kreuzigen lassen.

Der Auferstehungsglaube ist nichts anderes als der Glaube an das Kreuz als Heilsereignis, an das Kreuz als Kreuz Christi. Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, begegnet uns im Worte der Verkündigung, nirgends anders. Eben der Glaube an dieses Wort ist in Wahrheit Osterglaube.“

 

Contra: Das ist mir viel zu abstrakt formuliert, das trifft nicht meine religiösen Gefühle. Es passt zwar zum Johannes Evangelium, wo gesagt wird, das Wort ward Fleisch, also verkörpert in der Gestalt von Jesus.

Aber, um im Bild zu bleiben: Was bliebe, wenn die Schale untrennbar mit dem Kern verbunden wäre, wenn sie nur um den Preis des Verlustes von Kernsubstanz abzutrennen wäre?

Im Philipperbrief steht: „Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.“ Mit Vernunft allein ist der Kern des christlichen Glaubens nicht zu erfassen. Dazu gehören auch Herzen und Sinne, also unsere religiösen Gefühle.

Ich halte es eher mit dem Philosophen Karl Jaspers, einem Gegner der Bultmannschen Theologie. Er schrieb:
„Der Mythus ist Träger von Bedeutungen, die nur in dieser seiner Gestalt ihre Sprache haben. In mythischen Gestalten sprechen Symbole, deren Wesen es ist, nicht übersetzbar zu sein in eine andere Sprache. Sie sind nur in diesem Mythischen selber überhaupt zugänglich, sind unersetzlich, unüberholbar. Ihre Deutung ist rational nicht möglich.“

Der Mythos ist also nicht nur Schale, die ohne Schaden für den Kern beseitigt werden kann.

Nochmal Karl Jaspers: „Was wir im Blick auf Gott redlich aussagen können, weist über das unmittelbar Gesagte auf ein damit Gemeintes hinaus, das absolut unfassbar ist und deshalb gar nicht anders als symbolisch und damit gebrochen ausgedrückt werden kann.“

 

Pro: Es geht bei der Bultmannschen Lehre nicht um Beseitigung, sondern um Interpretation. Der Glaube ist nicht das Fürwahrhalten von Heilstatsachen. Er ist vielmehr die Antwort auf die christliche Verkündigung, die dem Menschen die Gnade Gottes zusagt.

Und Jesus darf nicht als eine mythische Figur missverstanden werden. Als geschichtliche Gestalt ist er der Maßstab der Verkündigung. Allerdings wird das Leben Jesu in den Evangelien sehr frei behandelt. Die Evangelisten schreiben nicht als Historiker, sondern stellten das, was sie über Jesus sagen, in den Dienst der Verkündigung. Ob oder wie Jesus in seinem Tod einen Sinn gefunden hat, können wir nicht wissen. Die Möglichkeit, dass er zusammengebrochen ist, darf man nicht verschleiern.

 

Contra: Das widerspricht allerdings dem Kern meiner christlichen Grundüberzeugungen, die ich im Glaubensbekenntnis gern spreche:

Ich glaube an Jesus Christus, gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel…“

 

Pro: In der Tat sind die Berichte über die körperliche Auferstehung Christi Legende, also fromme Literatur. Die Auferstehungsberichte sind legendenhafte Konkretisierung des Glaubens der ersten Gemeinde an den Auferstandenen, daran nämlich, dass Gott den Gekreuzigten zum Herrn erhöht hat. Die Erhöhung Jesu ans Kreuz ist zugleich die Erhöhung in die himmlische Herrlichkeit, das ist die Erkenntnis des Osterglaubens.

Vielleicht könnte man auf die Rezitation des Glaubensbekenntnisses im Gottesdienst überhaupt verzichten.

Vielleicht sollte man ein neues Glaubensbekenntnis formulieren, aber damit wäre wieder die Gefahr verbunden, dass Hörer und Sprecher denken würden, es seien Sätze, die sie für wahr halten müssten. Damit wäre wieder der Glaube mit einem Für-wahr-halten verwechselt.

Insofern  sollte man wohl doch im Gottesdienst ruhig das alte Glaubensbekenntnis weiter sprechen, denn kaum jemand fühlt sich verpflichtet, alle seine Aussagen wörtlich für wahr zu halten.

Es kommt für mich auf die Grundsubstanz der biblischen Mythen an, auf den Kern also:

Ich erfahre mich als abhängig von Gott und als befreit durch Gott in Christus. Ich verstehe mich als beschenkt und begnadigt. Ich bin bejaht, ich darf vertrauen; ich bin zur Liebe berufen.

 

Contra: Das ist alles zwar sehr rational formuliert und kann wahrscheinlich für einige Intellektuelle den christlichen Glauben akzeptabler machen. Ich halte es aber eher mit dem Theologen Paul Tillich, der formulierte:
„Religiöse Symbole vermitteln durch ihr Teilhaben am Heiligen die Erfahrung des Heiligen an Dingen, Personen und Ereignissen; eine Erfahrung, die durch keine Erkenntnis vermittels philosophischer oder theologischer Begriffe ersetzt werden kann. Ein Glaube allerdings, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt.

Es gibt keinen Ersatz für Symbole und Mythen, sie sind die Sprache des Glaubens.“

 

Rudolf Bultmann hat zwar wertvolle Denkanstöße gegeben in dem Sinne, dass wir nicht mehr - wie viele Gläubige in früheren Zeiten - jedes Wort der Bibel als wörtlich von Gott inspiriert aufnehmen. Vieles ist sicher symbolisch gemeint und überhaupt nicht wörtlich zu verstehen. Aber seine Theologie erscheint mir wie ein gigantisches Abrissunternehmen an christlichen Glaubensüberzeugungen. Wenn allerdings andere darin ihr religiöses Selbstverständnis finden, ist das sicher legitim. Das wird auch heutzutage nicht mehr bestritten, wie es zu Lebzeiten Bultmanns in heftigster Weise geschah.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Gustav Heinemann

Apostelandacht zu Gustav Heinemann, gehalten am 17.11.2013

Biografie

Gustav Heinemann hat wie kaum ein anderer in seinem Leben christliches und politisches Engagement verknüpft. Und er hat, meine ich, darin vor-bildlich gelebt. In einer Biografie wird behauptet, er war „die Inkarnation, (also die Verkörperung) des protestantischen Pflichtethos“.

Wer war also dieser Mann?

Ein Jahr nach der Geburt von Gustav Walter Heinemann am 23. Juli 1899 zog die Familie in die Industriemonopole Essen. Dieser Stadt blieb Gustav Heinemann bis zum Ende seines Lebens verbunden.

Sein Vater Otto Heinemann fing bei Krupp zunächst als Assistent an und diente sich bis zum Prokuristen hoch. So lebte der kleine Gustav zusammen mit seinen zwei jüngeren Brüdern in einer klassischen Aufsteigerfamilie.

Die Familie erzog ihn zu selbstbewusstem Denken, zu Standhaftigkeit und einem eigenen Willen, gänzlich untypisch für die damalige Kaiserzeit.

Im Mai 1917 bestand Heinemann das Notabitur und wurde Rekrut. Doch er wurde krank, musste ins Lazarett und war anschließend nicht für den Krieg verwendungsfähig.

Danach studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in Münster und später in Marburg, wurde Mitglied der deutsch-demokratischen Studentengruppe, die sich als linksliberal verstand.

In den Jahren 1921 und 1922 promovierte er in Volkswirtschaft und legte das erste juristische Saatsexamen ab, trat anschließend in eine renommierte Essener Anwaltskanzlei ein, begann eine Tätigkeit als Justiziar und Prokurist bei den Rheinischen Stahlwerken.

1926 heiratete er Hilda Ordemann, Tochter eines Bremer Getreidekaufmanns. Das Paar bekam vier Kinder.

Bis zur Eheschließung war Heinemann nicht mehr als ein Taufscheinchrist. Erst die Begegnung mit einzelnen aufrechten Christen und deren gelebter Glaube weckten sein Interesse. Hinzu kam der Einfluss seiner Frau Hilda. Sie hatte zunächst Germanistik und Geschichte, später auch Theologie bei Rudolf Bultmann studiert. Zusammen mit ihr besuchte Gustav Heinemann die Gottesdienste ihres Gemeindepastors. Heinemann faszinierte, wie der das Evangelium so realistisch interpretierte, dass seine Zuhörer darin ihre eigene Situation erkannten. Auch die praktische Arbeit dieses Pastors beeindruckte ihn zutiefst. Der Pfarrer verarztete Bergbaukumpels und kümmerte sich um die Bedürftigen. Heinemann schrieb später, dass dieser Geistliche für ihn zum eigentlichen „Wegbereiter zum Verständnis des Evangeliums“ wurde.

Dieser Pastor überzeugte ihn auch von der Notwendigkeit einer evangelischen politischen Partei. 1930 wurde er schließlich Mitglied im „Christlich-Sozialen Volksdienst“. Als Hauptaufgabe definierte diese Partei die „Erneuerung des öffentlichen Lebens aus dem Geiste des Evangeliums“.

Jetzt wurde das Christentum für Heinemann zur neuen bestimmenden Größe seines politischen Denkens und blieb es bis zuletzt.

Er schrieb: „Christsein ohne Dienst ist wie ein Baum ohne Frucht. Darum gehört auch die Mitverantwortung für die bürgerliche Gemeinde und ihre Gemeinschaften in Dorf, Stadt und Staat, Parteien, betrieblichen und Berufsverbänden zum Dienstbereich eines Christen.“

Nach der Machtergreifung der Nazis zog sich Gustav Heinemann aus der Politik zurück.

Aber an der innerkirchlichen Opposition gegen die NS-hörige Reichskirche beteiligte er sich, war Mitglied im Bruderrat der Evangelischen Bekenntnissynode im Rheinland und gehörte damit zum engeren Führungskreis der Bekennenden Kirche.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Heinemann als Vorstandsmitglied eines kriegswichtigen Rüstungsbetriebs vom Dienst an der Front freigestellt.

Nach Kriegsende empfand er eine innere moralische Notwendigkeit, eine persönliche Mitverantwortung für das Leid der vergangenen zwölf Jahre zu übernehmen. Aus dieser Haltung heraus beteiligte er sich an der Erarbeitung der „Stuttgarter Schulderklärung“ des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands vom Oktober 1945. Die Unterzeichner bekannten sich stellvertretend zu einer „Solidarität der Schuld“ aller Deutschen, die „unendliches Leid über die Völker und Länder“ gebracht hatten. Das war sein zentrales Motiv für seine spätere Ablehnung einer Wiederbewaffnung Westdeutschlands.

Und Heinemann beteilige sich an der Gründung der CDU.

Er wurde zum Oberbürgermeister Essens gewählt, dann zum nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten und zum Justizminister berufen.

Mittlerweile war er auch zum Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt worden.

Nach der ersten Bundestagswahl forderten die evangelischen CDU-Abgeordneten von Konrad Adenauer, Heinemann zum Bundesminister zu ernennen.

„Ich war ihm als Person oder als Fachmann für das Innenministerium längst nicht so wichtig wie als Stimmenfänger für den evangelischen Teil. Ich sitze locker genug im Sattel, um heruntersteigen zu können; denn der Ehrgeiz packt mich nicht.“

1950 bot Bundeskanzler Adenauer den Alliierten die Beteiligung deutscher Divisionen an einer europäischen Armee an. Heinemann war strikt dagegen und trat zurück.

Nach weiteren scharfen innerparteilichen Auseinandersetzungen trat Heinemann schließlich 1952 auch aus der CDU aus.

Aus der FDP heraus wurde Heinemann danach polemisch attackiert als „verblödeter bürgerlicher Intellektueller“.

In der CDU politisch isoliert, von der FDP verspottet und von der SPD gemieden war Heinemann schließlich zu einem „politischen Alleingänger“ geworden.

Auch aus den Gremien der evangelischen Kirche schlug Heinemann offene Kritik, ja Hass entgegen. Er schrieb 1954 an seinen Freund Helmut Gollwitzer:

„Lieber Helmut, hier ist es mir zum ersten Mal ekelhaft geworden, ekelhaft um deswillen, weil dieses Erlebnis tief in Kreis derer hineingreift, die die Bruderschaft in Christo proklamieren und Kirchentag machen. Das stecke ich nicht so in die Tasche wie das Benehmen von Bergbau, Stadtverwaltung und Christlichen Demokraten.“

1955 wählte ihn die Synode der EKD als Präses ab.

In dieser Situation gründeten Gustav Heinemann und andere Unzufriedene im Dezember 1952 eine neue Partei, die „Gesamtdeutsche Volkspartei“.

Im Mittelpunkt des Programms stand der Leitgedanke des Friedens, des Ausgleichs zwischen West und Ost, des christlichen Sozialismus und eines solidarischen Miteinanders.

Doch nach der verheerenden Wahlniederlage 1953 war allen Beteiligten klar, dass die Partei vor dem Aus stand. Letzter Ausweg schien nur die Annäherung an die SPD.

Heinemann tat sich zunächst schwer damit, Sozialdemokrat zu werden.

Die Kernfrage an die SPD blieb für Heinemann:

„Kann die Partei ein positives Verhältnis zum Christentum finden, so dass insbesondere endlich auch der christliche Arbeiter ein volles Vertrauen zu ihr gewinnen könnte?“

Heinemanns Integration in die SPD und sein innerparteilicher Aufstieg gingen schließlich bemerkenswert schnell vonstatten. 1957 wurde er Bundestagsabgeordneter. Sofort wurde er in den Fraktionsvorstand gewählt, und 1958 auch in den Parteivorstand.

Im Jahr 1959 verabschiedete die SPD auf einem außerordentlichen Parteitag in Bad Godesberg ein neues Grundsatzprogramm. Das „Godesberger Programm“ war für viele das lang ersehnte „Signal eines Wandels“ von der Klassenpartei zur Volkspartei.

Das maßgeblich von Heinemann erarbeitete Kapitel über ‚Religion und Kirche’ sorgte für hitzige Diskussionen auf dem Parteitag. Die SPD bekannte sich darin zur „Zusammenarbeit mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften im Sinne einer freien Partnerschaft.“

Im Herbst 1966 scheiterte die CDU/FDP-Bundesregierung. In der neu gebildeten großen Koalition zwischen CDU und SPD erhielt Gustav Heinemann das Justizministerium.

Unmittelbar nach dem Amtswechsel machte sich Heinemann an eine grundlegende Reform des Strafgesetzbuches.

Einer der Schwerpunkte der Reformen war die Revision des Sittlichkeitsstrafrechts.

Gestrichen wurden Straftatbestände wie Ehebruch und des gleichgeschlechtlichen Umgangs unter Erwachsenen.

Gleichfalls verschwanden die Vorschriften über die Ungleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, das Verbot der künstlichen Samenübertragung und der sogenannten unzüchtigen Zurschaustellung (strip-tease).

Heinemann setzte auch die Aufhebung der Verjährungsfrist für nationalsozialistische Mordtaten durch. Sie wäre sonst am 31.12.1969 eingetreten.

Eine SPD-Kommission unter der Leitung von Willy Brandt empfahl dann 1968 die Nominierung von Gustav Heinemann als Kandidaten zur Wahl des Bundespräsidenten.

Brandt begründete:

„Heinemann ist ein erfahrener, ein überzeugungstreuer und gerechter Mann. Ein Mann des Rechts und der Gerechtigkeit, von dem gesagt wird, er leuchte vor Integrität. Jedenfalls ist die Unbestechlichkeit des Urteils bei ihm in besonderem Maße vereint mit liberaler Gesinnung und der Fähigkeit zur Toleranz. Dieser Mann – davon bin ich überzeugt – wird als Bundespräsident ein würdiger, überzeugender Repräsentant unseres Staats nach innen und außen sein. Aufgeschlossen für diese Zeit und Notwendigkeit.“

Die Wahl zum Bundespräsidenten blieb für Heinemann „die große Unbegreiflichkeit“ in seinem Leben.

„Das hätte nach meinem politischen Konflikt 1950 mit Bundeskanzler Dr. Adenauer und den Auseinandersetzungen in den nachfolgenden Jahren schlechthin niemand auch nur zu denken gewagt.“

Heinemann wollte ein „Bürgerpräsident“ sein. Er wollte das Amt „in einer weniger steif-zeremoniellen Weise wahrnehmen“, um dadurch zu bewirken, „dass auch andere zu staatsbürgerlichem Selbstbewusstsein kommen.“ Sein Ziel sei es, „das Autoritäre, das sich für manche mit der Vorstellung von diesem Amt verbindet, wegzuräumen.“

Bundespräsident Heinemann gelang es, die Beziehungen Deutschlands zu den ehemaligen Kriegsgegnern im Westen Europas nachhaltig zu verbessern.

Bei seinen Versöhnungsreisen nach Holland, Dänemark, Schweden und Norwegen  unterzog er sich „einem sorgfältig geplanten und mit den Gastgebern abgestimmten Bußritual, um einer Versöhnung zwischen den Völkern den Weg zu bahnen.“

Innenpolitisch wollte Heinemann vor allem ein Ansprechpartner der Bürger sein – eine Art „Bundesklagemauer“, wie er es selbst nannte. Aus diesem Verständnis heraus suchte er insbesondere den Kontakt zu der jüngeren Generation, die damals mit Demonstrationen und Protestaktionen für gesellschaftliche Unruhe sorgte. Die rebellische Jugend nahm die Einladung des „APO-Opas“ Heinemann an. Für zahlreiche unter ihnen wurde der Bundespräsident sogar zu einer Art Integrationsfigur, einem Symbol eines neuen Konsenses.

Heinemanns besondere Aufmerksamkeit galt auch den verschiedenen Randgruppen in der deutschen Gesellschaft. In seiner Abschiedsrede betonte er:

„Die großen und an Zahl leider zunehmenden Gruppen der körperlich und geistig Behinderten sind eine Aufgabe für uns alle, die über gesunde Glieder verfügen. Eine auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtete Gesellschaft ist schließlich nur dann eine menschliche Ordnung, wenn sie behinderten Minderheiten volle Achtung, volle Gemeinschaft und ein Höchstmaß an Eingliederung gewährt.“

Seit dem Frühjahr 1976 hatte sich Heinemanns Gesundheitszustand rapide verschlechtert. Er litt unter zu hohem Blutdruck und Durchblutungsstörungen. Am 7. Juli 1976 starb er in seiner Heimatstadt Essen.

Gustav Heinemann – Politiker aus christlicher Verantwortung

Eine Antwort auf die Frage, wer der Mensch sei, fand Heinemann vor allem in der Bibel: „Er ist das gefallene Geschöpf Gottes, nicht fähig sich selbst zu erlösen, aber der Verheißung teilhaftig, durch Jesus Christus erlöst zu werden. Dadurch bleibt der Mensch davor verschont, im Staat oder in ethischen oder technischen Entwicklungen der Wegbereiter zu einem Paradies der Gerechtigkeit oder des ewigen Friedens zu sehen.“

Zum anderen sei er davor bewahrt, einen Mitmenschen abzuschreiben.

„Es gibt kein lebensunwertes Menschenleben, das wir auslöschen dürften. Es gibt keinen Leugner Christi, dem wir, etwa aus politischer Gegnerschaft, die Bezeugung Jesu Christi versagen dürften. Christus ist auch nicht gegen Karl Marx oder die Bolschewisten, sondern für sie wie für uns alle gestorben.“

Entsprechend der christlichen Lehre war Heinemann davon überzeugt, dass sich der Mensch nicht grundsätzlich ändern könne:

„Wir sind verwoben in die Schöpfung einschließlich ihrer Gefallenheit, um es biblisch auszudrücken.“

Stets betonte er, dass er „an die endgültige Veränderung des Menschen oder an eine absolut ideale Welt“ nicht glaube. Stattdessen werde es immer nur „relative Fortschritte“ geben.

Obwohl Heinemann von der „Gefallenheit“ und der „Sündhaftigkeit“ des Menschen ausging, war sein Menschenbild jedoch frei von jeglichem Zynismus. Heinemann glaubte an die Einsichts- und Lernfähigkeit des Menschen und leitete daraus die Forderung ab, dass niemand aus der Zumutung entlassen werden dürfe, für die Konsequenzen seines eigenen Handelns gerade zu stehen. Heinemann hielt daran fest, dass der Mensch nicht nur – im Gegensatz zum Tier – vernunftbegabt sei, sondern, dass der sich auch als einziges Wesen „verantwortungsbewusst fühlen“ bzw. zumindest „verantwortlich gemacht werden“ könne.

Entsprechend war Heinemann von der menschlichen Fähigkeit zum „freien Willen“ überzeugt, wissend, dass dieser in letzter Konsequenz auch zu Katastrophen wie Auschwitz führen kann. Jedoch seien die Menschen nun mal nicht „Gottes Marionetten“. Gott lasse jedem „eine eigene Entscheidung offen.“ Daher sei Auschwitz eben auch keine „Tat Gottes, sondern eine Tat von Menschen, die aus eigener Entscheidung handelten.“ Trotz allem, so war sich Heinemann sicher, bleibe „Gottes Weltregiment, auch wenn Mitspieler ausscheren.“

Letztendlich, so Heinemann, habe sich der Mensch vor dem ewigen Weltenrichter zu verantworten. Dieser sei eine Realität „in dem Sinne, dass er als Person uns fordert und die Missachtung seiner Forderung auch und gerade Folgen auslöst, die wir zu verantworten haben.“ Gott, so mahnte er, ließe sich nun mal „nicht spotten“. Der Glaube daran war für Heinemann nicht zuletzt Grund seines verantwortungsethischen Handelns im Dritten Reich. Es konnte nicht gut gehen, wie Hitler und Konsorten sich benahmen, weil sie Gott verspotteten. Heinemanns Meinung nach entband die „Gefangenheit“ und „Befangenheit“ des Menschen bzw. sein Wissen, „dass es ihm nicht verheißen ist, da völlig herauszutreten“, keinesfalls seiner Verantwortung vor Gott.

Für Heinemann stand fest, dass, so sehr es auch zutreffe, „dass diese Welt vergeht“, der Mensch doch darin mitzuwirken habe, „solange sie besteht“ – „freilich nicht in der Meinung, das Paradies zu entwickeln, wohl aber, sie in Ordnung zu halten und das Leben der Menschen mit den Mitteln der Natur und des menschlichen Verstandes zu verbessern.

„Insbesondere gehört der Kampf gegen Hunger und Krieg dazu, und das gerade aus der Verbundenheit mit dem einzigen Herrn der Welt, der einmal alle Herren ablösen wird.

Über die Aufgabe des Staates sagt das Neue Testament, dass der Staat ein Doppeltes tun soll. Er soll dem Chaos wehren, das der Mensch immer wieder heraufzuführen bestrebt ist, und er soll das Gute fördern und der Gemeinschaft dienen. Er ist gesetzt ‚zur Rache über die Übeltäter und zu Lobe den Frommen’ (1. Petr. 2,14). Dem Chaos wehren heißt: öffentliche Ordnung halten, Übeltäter strafen, Angreifer zurückschlagen, kurzum den Bürger in seiner Existenz und Lebensgebarung schützen. Die Gemeinschaft fördern heißt. Für Gerechtigkeit sorgen, das Schöne und Gute entfalten helfen und es stärken, der Jugend eine Bahn öffnen, den Hilflosen helfen und manches Ähnliche.“

Als vornehmstes Mittel, mit dem der Staat seine Aufgabe durchzuführen habe, benannte Heinemann die Schwertgewalt.

„Sie steht hinter allem, was der Staat tut. Der Staat befiehlt und erzwingt Gehorsam. Kein Bürger darf dem anderen etwas nehmen; kein Bürger darf den anderen seiner Freiheit berauben; kein Bürger darf den anderen töten, - aber der Staat darf es und er tut alles solches im Namen des Rechtes. Nur er tut solches recht; deshalb sagen wir: Der Staat hat das Monopol der legitimen Gewalt. In dieser Schwertgewalt liegen Hoheit und Würde des Staates begründet. Sie macht alle Obrigkeit zu dem Stück Gottesordnung, der wir nach neutestamentlicher Lehre Ehrerbietung, Fürbitte und tätige Mitverantwortung nach dem Maße unserer persönlichen Gaben schuldig sind: ‚Fürchtet Gott`, ehret den König!’ (1. Petr.2,17).“

Ganz bewusst stand Heinemanns Neubewertung des Staates in deutlichem Widerspruch zum patriarchalischen Staatsverständnis der älteren lutherischen Lehre. Bezugnehmend auf den Paulusbrief ‚Römer 13’ hatte sie den Staat stets als Stiftung Gottes verstanden, dem von seinen Untertanen unbedingter Gehorsam zu leisten sei. Heinemann interpretierte Römer 13 hingegen im Sinne Karl Barths nicht als Aufforderung , „der Obrigkeit Unterordnung“ zu schulden, sondern „im Sinne einer tätigen Mitverantwortung, im Sinne einer aktiven Einbindung in das öffentliche Leben.“ Der Staat müsse von der demokratischen Verantwortungsbereitschaft und der Mitarbeit seiner Bürger leben. Der Ruf zur öffentlichen Verantwortung verdichtete sich geradezu zu einem „Ruf auch in die politische Verantwortung des Christen, d.h. zur Mitarbeit in Betriebsräten, Gewerkschaften, Parteien, Parlamenten und Regierungen.“

Letztlich leitete Heinemann aus dem Postulat „Christus ist der Herr der ganzen Welt, nicht nur seiner Gemeinde – er ist der König aller Könige und Herr aller Obrigkeiten“ den Zusammenhang zwischen dem christlichen Glaubensbekenntnis und der Verpflichtung zu politischer Mitarbeit im Staat her.

Ich wünschte mir, auch die politisch Verantwortlichen unserer Tage würden sich mehr an diesem christlich geprägten Menschenbild Gustav Heinemanns in ihrer täglichen Praxis orientieren.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Korbinian Aigner

Apostelandacht zu Korbinian Aigner, gehalten am 15. September 2013

Es war zur Gründerzeit des Deutschen Reiches unter Kaiser Wilhelm I – in Bayern herrschte Landesfürst und Märchenkönig Ludwig II – als Korbinian Aigner am 11. Mai 1885  als ältester Sohn auf dem elterlichen Bauernhof in Hohenpolding/Bayern geboren wurde. Kindheit und Jugendzeit auf dem größten Anwesen des Dorfes teilte er mit 10 Geschwistern, 6 Schwestern und 4 Brüdern. Ich denke mir, dass für den heranwachsenden Korbinian auf den Obstwiesen und Feldern des Hofes die Liebe zur Schöpfung zum Selbstverständnis wurde.

Für seinen Wunsch, Priester zu werden, hatte er schließlich die Zustimmung der Eltern erhalten. Er verzichtete damit als ältester Sohn auf sein Erbteil und wurde Zögling im erzbischöflichen Knabenseminar des Dom-Gymnasiums in Freising. Das Abitur legte er 1906 im Münchener Luitpold-Gymnasium ab. Vielleicht hatte die Vielfalt von angebotenen Äpfeln auf dem Münchener Viktualienmarkt den Gymnasiasten zum Zeichnen angeregt. Aus dieser Zeit stammen jedenfalls seine ersten, naturgetreuen Zeichnungen verschiedener Apfelsorten.

Im Priesterseminar in Freising gehörten landwirtschaftliche Kurse zum Theologiestudium. Korbinian Aigner liebte diesen Unterricht und begeisterte sich für den Obstanbau und besonders für die Apfelzucht. Die Arbeit mit Äpfeln wurde ihm zum Dienst an der Schöpfung. Zur ersten Weihe/Primitz im Sommer 1911 wurde zu Ehren des Jungen Priesters auf dem Poldinger Hof, den nach dem Tod des Vaters der Bruder Simon übernommen hatte, ein großes Fest gefeiert.

Bis zur Festanstellung als Pfarrer, erst 20 Jahre später, unterrichtete K. Aigner als Lehrer in einem Knabenseminar Zeichnen und Turnen.  Es war ihm wichtig, dass die Kinder zum Lesen angehalten wurden und eine solide Bildung erhielten. An verschiedenen Orten unterstützte er als Koadjutor (Hilfspfarrer) ältere Pfarrer bei der Gemeindearbeit.

Neben seinen geistlichen Aufgaben traf er mit seiner Leidenschaft für den Obstanbau und die Liebe zur Natur auf großes Interesse bei der Landbevölkerung. Das Bewahren der Schöpfung war zu seinem Lebensprinzip geworden.  Wie jedes Pfarrhaus, so hatte auch jedes Anwesen damals einen Garten mit Obstbäumen und Gemüse zur Selbstversorgung. Der Pfarrer gab Anstoß zum Anlegen von Gemüsegärten und der Pflegen und dem Veredeln der Obstbäume. Mit einem Freund hatte er schon 1908 den Hohenpoldinger Obstbauverein gegründet. Mitglieder zahlten 60 Pf. Jahresbeitrag.Mit einem Staatszuschuss von 1000 Mark gelang es ihm, in seinem Heimatdorf Hohenpolding die erste vereinseigen Kelterei Bayerns/den „Mostkeller“ einzurichten.

Aus geistlicher Sicht hatte man Vorbehalte gesammelt gegen den Pfarrersgehilfen. Es hieß dort, er sei mehr Pomologe als Theologe; versammle die Dorfjugend statt zum Beten zum Bäume-Pflanzen um sich; er schiele zu sehr nach dem Weiblichen.’

Als beliebte und geachtete  Persönlichkeit bekam Pfarrer Aigner schließlich doch die Genehmigung des Erzbischofs, sich in den Vorsitz des Obst- und Gartenbauvereins in Oberbayern wählen zu lassen. Im August 1931 wurde K. Aigner zum Pfarrer ernannt  und erhielt  mit 46 Jahren eine eigene Pfarrstelle in Sittenbach.

Ein kurzer Rückblick:

1918 war der 1. Weltkrieg zu Ende gegangen und 1919 die Weimarer Republik als erste demokratisch-parlamentarische Staats- und Regierungsform in Deutschland gegründet. Die Nationalsozialisten trieben bereits ihr Unwesen. Als Geistlicher und als politisch handelnder Bürge interessierte sich Pfarrer Aigner auch für das tagespolitisches Geschehen. Schon 1916 war er in die Bayerische Volkspartei (BVP) eingetreten.

Bei einer Versammlung der NSDAP in München 1923 hörte der Pfarrer Adolf Hitler reden. Und  war zutiefst beunruhigt über die gemeine Sprache, das Fehlen jeglicher Moral und den Hass  auf  Juden, Kommunisten und katholische Geistliche. Er erkannte die Gefahr sofort, die von diesem Mann und dessen Anhängern für die Menschen und die politische Zukunft des Landes ausging und wurde zum konsequenten Gegner des Regimes. In seinen Predigten sprach  Pfarrer Aigner offen von der wachsenden Bedrohung und weigerte sich, Kinder auf den Namen ‚Adolf’ zu taufen. 1936, zum Friedensappell, ließ er die Glocken nicht läuten und die Hakenkreuzfahne durfte in seiner Kirche nicht gehisst werden:

„Damit ihr nicht auf schiefe Gedanken kommt, möcht ich Euch mitteilen, dass die Fahne nicht geweiht ist und nicht in die Kirche gehört.“

Es wurden Geldstrafen gegen ihn verhängt.

„’Ich wollte kein stummer Hund sein’ _ und ich war’s nicht.“

 

Diese überlieferte Aussage des Pfarrers – vermutlich angelehnt an die Bibelstelle im Alten Testament, die wir vorhin gehört haben – kennzeichnet seine Haltung auch im weiteren Verlauf seines Lebens. Dieser unbeirrbare Pfarrer passte den kirchlichen Vorgesetzten nicht ins Konzept. Aigner stand gegen den Zeitgeist und die offizielle Politik der katholischen Kirche, die sich mit den NS arrangierte hatte. 

1939 wurde Pfarrer Aigner daher nach Hohenbercha/Landkreis Freising strafversetzt. Die Dorfbevölkerung konnte beobachteten, wie er mit Obstbäumen, Hühnern und Tauben Einzug hielt im neuen Pfarrhaus. Es schien so, als käme er endlich an, in seine Landschaft, in eine der schönsten Kirchen der Gegend. Dieser Gemeinde wird er bis zu seinem Tod treu dienen. Doch es kam erstmal ganz anders.

Am 1. September 1939 hatte mit dem deutschen Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg begonnen. Ein fehlgeschlagener Attentatsversuch auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller am 8. 11. 1939 schlug hohe Wellen im Freisinger Land. Bei dieser Tat durch den Regimegegner Georg Elser starben 8 Menschen; 64 wurden  verletzt.

Pfarrer Aigner nahm am Tag danach im Religionsunterricht in der Schule in Hohenbercha das 5. Gebot ‚Du sollst nicht töten’ durch und ging dabei auf das Geschehen in München ein. Eine Aushilfslehrerin fragte danach die Schüler aus und denunzierte den Pfarrer bei dem NSDAP-Ortsgruppenleiter, bezeichnete Religionslehrer Aigner als Vaterlandsverräter. Nachforschungen durch Staatspolizisten (die Gestapo) in Hohenbercha, die nun begannen, fanden das Pfarrhaus leer vor, denn Pfarrer Aigner hatte sich auf den Weg zur nächsten Dienststelle der Polizei gemacht, um klar zu stellen, was er im Unterricht mit den Kindern besprochen hatte:

 

„In der Oberabteilung 5., 6. und 7. Klasse stand das 5. Gebot – Du sollst nicht töten – zur Behandlung. Dies war eigentlich die Ursache, dass wir auf das Attentat in München zu sprechen kamen. Als vom Mord die Rede war, haben verschiedene Kinder „in München“ geflüstert. Ich habe gefragt, wisst Ihr das schon, worauf ich zur Antwort bekam, dass es im Radio schon gekommen sei. Ich habe diese Tat als großes Verbrechen charakterisiert und sagte, dass dies wahrscheinlich schon lange vorbereitet war und so vielen das Leben gekostet habe; wenn der Führer drinnen gewesen wäre, so hätte es ihm wohl auch das Leben gekostet. Darum ist das Verbrechen umso größer.

Wenn der Täter die Tat vollbrachte in der Überzeugung, dass er mit dem Tod einiger das Leben von Millionen retten könnte, ob dann die Sünde auch noch so groß wäre, ist noch fraglich. Wir sehen in das Gewissen des Täters nicht hinein, darüber können wir nicht urteilen. Man muss sich in die Gedanken des Täters hineindenken können. Mord ist nicht immer gleich Mord, es kommt auf die Umstände an, unter denen er geschehen ist.“

Er wurde am 22. 11. 39 festgenommen und zu 7 Monaten Gefängnis in der Münchener Haftanstalt Stadelheim verurteilt. Man warf ihm vor, gegen das 1934 erlassene ‚Heimtückegesetz’ verstoßen zu haben. Beweise hatte man dafür nicht gefunden.

Vielen Regimegegnern ging es damals so wie dem Pfarrer: Nach einem für die damalige Zeit verhältnismäßig milden Urteil und kurzen Haft im Gefängnis folgte die Überführung in ein Konzentrationslager. Zuerst nach Sachsenhausen, dort überlebte er nur knapp eine Lungenentzündung

Ab Oktober 1941 kam Pfarrer Aigner im KZ Dachau in den so genannten ‚Priesterblock’ Damals wurden inhaftierte Geistliche aus allen anderen Lagern im KZ Dachau zusammengefasst. Ich fand dazu Zahlen im Internet: Von den insgesamt 200 000 Gefangenen dort waren es 2.580 katholische Pfarrer, vor allem aus Polen, und 109 evangelische Pastoren.

Korbinian Aigner leistete Zwangsarbeit  in der Landwirtschaft der „Deutschen Versuchsanstalt für Gewürzpflanzenbau“, einem SS. Betrieb im Lager, der eine öffentliche Verkaufstelle für Kräuter und Gewürze unterhielt. Ein wichtiger Ort für die Inhaftierten, die schwer arbeiten mussten und härtesten Demütigungen ausgesetzt waren.

Bei meiner Recherche für diesen Text habe ich überrascht festgestellt, dass dieses Konzentrationslager keineswegs so hermetisch abgeschlossen war, wie ich mir das von solchen Lagern vorgestellt habe. Ein ehemaliger Ministrant Aigners berichtete, dass sie Äpfel ins Lager geschmuggelt hatten „und als sie mit der Sortenbestimmung auf einem Zettel wieder zurückkamen, wussten wir, dass er noch lebt.“ Die Verkaufsstelle der Versuchsanstalt, die ich oben erwähnte, hatte sich eine mutige junge Frau, Kandidatin des Ordens der Armen Schulschwestern, namens Josefa Imma Mack, als Umschlagplatz gewählt für illegale Post ins KZ hinein und hinaus. So schmuggelte sie unter Lebensgefahr vor allem Lebensmittel und liturgisches Gerät in das Lager und hauptsächlich Briefe hinaus. Und einmal ein Päckchen aus braunem Packpapier, in dem sich Pflanzensetzlinge befanden, von Aigner gezogen und für Hohenbercha bestimmt.

Korbinian Aigner gelang es, heimlich aus Apfelkernen neues Leben zu züchten: Für jedes Jahr seiner Gefangenschaft im KZ Dachau eine Apfelsorte; und er gab ihnen die Bezeichnung ihres Entstehungsortes: KZ 1 – KZ 2 – KZ 3 – KZ 4. Gegen alle Bedrängnis und Bedrohung setzte er einen stillen, zarten Widerstand wie Gebete im Dienst an der Schöpfung.

Im April 1945 wurde die Evakuierung des Lagers befohlen. Damals war eine Typhusepidemie ausgebrochen und die etwa 10.000 völlig entkräfteten Dachauer Häftlinge wurden in Richtung Südtirol getrieben. Viele kamen dabei ums Leben. Korbinian Aigner gelang bei Aufkirchen am Starnberger See die Flucht. Nonnen eines nahe gelegenen Klosters versteckten ihn vor der SS. Die Amerikaner befreiten das Lager Dachau kurze Zeit später und nun kehrte Pfarrer Aigner mit 60 Jahren zurück in seine Pfarrei in Hohenbercha, die in der Zwischenzeit von der Nachbargemeinde seelsorgerisch betreut worden war. Aigner arbeitete wieder als Pfarrer und nahm auch seinen Vorsitz im Bayerischen Landesverband für Obst- und Gartenbau wieder auf.

Über die Zeit seiner Haft hat er wohl nie gesprochen. Bei der Arbeit in seinem großen Obstgarten trug er bei schlechtem Wetter den zerschlissenen Mantel seiner Dachauer Häftlingskleidung, in dem er auf der Flucht die Setzlinge seiner Apfelsorten bei sich gehabt hatte, um sie in seinem Garten zu neuem Wachstum einzupflanzen.

Korbinian Aigner starb 1966 mit 81 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Der Mantel wurde auf den Sarg gelegt und mit ihm begraben. Er hatte es sich so gewünscht.

Seine „Poesie der Landwirtschaft“, wie Korbinian Aigner den Obstbau nannte – lebt weiter im Freisinger Land, in den ungezählten Apfel- und Birnenbäumen an Alleen, auf Obstwiesen und Plantagen und erinnern an ihn.

1985 zum 100. Geburtstag des Pfarrers wurde die Apfelsorte KZ 3 umbenannt in Korbiniansapfel.

Hannelore Bauer

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Apostelandacht zu Paul Tillich

Apostelandacht zu Paul Tillich, gehalten am 24. März 2013

„Wenn ich schlecht drauf bin, gehe ich ins Kino, doch wenn ich ernsthafte Sorgen habe, gehe ich zu Tillich.“ Dieser Satz kursierte in den fünfziger und sechziger Jahren unter Theologiestudenten in den USA. Er passte zu Tillichs Konfirmationsspruch, der ein Leitmotiv seines Lebens werden sollte.

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Mit diesem Vers aus dem Matthäusevangelium stellte er sich auch persönlich in die Nachfolge Christi, und wir haben ihn deswegen auch auf unserem Einladungsplakat abgedruckt.

Der Deutsche Paul Tillich war also nach dem Krieg in Amerika also zur Kultfigur geworden. Wer war dieser Mann?

Paul Johannes Tillich wurde am 20. August 1886 als Sohn eines märkischen Pfarrers und einer rheinisch geprägten Mutter im brandenburgischen Starzeddel geboren. Seine Mutter starb bereits, als er 17 Jahre alt war. Dies verstärkte seine schwermütige Grundstimmung und sein ohnehin vorhandenes Interesse an Theologie und Philosophie.

Und so studierte er Theologie an den Universitäten Berlin, Tübingen und Halle.

Nach seinem theologischen Examen vertrat er zunächst einen Pfarrer in Berlin, übernahm als 23jähriger die volle Verantwortung für eine Gemeinde und studierte daneben intensiv die Werke des Philosophen und Theologen Friedrich Schelling, einem wichtigen Vertreter des deutschen Idealismus und der Romantik. Über ihn schrieb er dann auch eine philosophische Doktorarbeit.

1911 wurde er Vikar in der Stadt Nauen im Havelland und schrieb gleichzeitig eine theologische Lizentiatenarbeit, wieder über Friedrich Schelling. 1912 bestand er sein zweites theologisches Examen, wurde anschließend Hilfsprediger in Berlin-Moabit.

Hier kam er zum ersten Mal mit Menschen der unteren sozialen Schicht in Berührung. Tillich lernte hautnah das menschliche und wirtschaftliche Elend des Arbeitermilieus kennen – es war seine erste Begegnung mit dem Proletariat. Diese Eindrücke legten den Grund für seinen späteren Weg zum religiösen Sozialismus.

Nach dem Ende seiner Hilfspredigerzeit begann er 1913 die Arbeit an einer theologischen Habilitationsschrift. Er wollte eine akademische Laufbahn einschlagen.

1914 heiratete er Greti Wever, die er im Sommer 1913 kennengelernt hatte. Bekannte warnten Tillich vor diesem Schritt, weil Greti Atheistin war. Wenige Tage nach der Heirat meldete sich Tillich als freiwilliger Feldgeistlicher in den Ersten Weltkrieg. Er erlebte schwere Kämpfe mit, auch die Hölle von Verdun. Nach dieser Schlacht erhielt er Urlaub für seine Habilitation in Halle.

Anschließend arbeitete er weiter als Feldgeistlicher, erlitt Ende März 1918 einen nervlichen Schwächeanfall, was zu einem kurzen Lazarettaufenthalt führte. Im Juli wurde er schließlich in die Heimat versetzt und im Dezember 1918 aus dem Heer entlassen.

Während der Kriegsjahre wandte sich seine junge Ehefrau Greti dem Tillich-Freund Richard Wegener zu. Ein erstes Kind aus dieser Beziehung starb kurz nach der Geburt, ein zweites Kind kam bereits 1919 zur Welt. Die Scheidung von Greti  im Jahre 1921 gab ihm die Freiheit, in ein Leben zu tauchen, das er verklärend Bohème nannte. Seine Stimmung des Weltuntergangs schlug um in eine elementare Daseinsfreude und einen Hunger nach Vergnügungen. Er traf sich mit Freunden in Cafés und Bars, besuchte Bälle und Kostümfeste und geriet in erotische Abenteuer. Mit seinen Depressionen und Schuldgefühlen vertraute er sich vorzugsweise Frauen an. Auf einem Faschingsball begegnete ihm Hannah Werner, mit der sich eine qualvolle, leidenschaftliche und konfliktreiche Liebesbeziehung entwickelte. Denn Hannah war mit einem anderen verlobt, den sie auch heiratete. Nach kurzer Zeit ließ sie sich wieder scheiden und heiratete anschließend Tillich im Jahre 1924.

In diese frühe Zeit fiel auch Tillichs Entscheidung für den Sozialismus. Er begriff den Krieg als Konsequenz einer bestimmten Gesellschaftsordnung und bestimmter, damit verknüpfter Ideen.

Er schrieb: „Vielleicht wirkten auch die Prophetenworte gegen die Ungerechtigkeit und die Worte Jesu gegen die Reichen, die mich tief beeindruckt hatten – Worte, die ich in früher Jugend auswendig gelernt hatte.“

Es entstand ein Kreis religiöser Sozialisten, der von 1920 bis 1927 eine Zeitschrift herausgab, die „Blätter für  Religiösen Sozialismus“.

Tillich verlangte darin von der Kirche und ihren Vertretern eine positive Stellungnahme gegenüber dem Sozialismus und der Sozialdemokratie, und er glaubte an die Möglichkeit einer Vereinigung von Christentum und Sozialismus.

Ab 1919 bot Tillich als Privatdozent Lehrveranstaltungen an der Theologischen Fakultät an. Seine erste Vorlesung trug den Titel „Das Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart“. Spätere Vorlesungen befassten sich u.a. mit Religionsphilosophie, dem religiösen Gehalt und der religiösen Bedeutung der griechischen und abendländischen Philosophie, der mittelalterlichen Philosophie, den staats- und wirtschaftspolitischen Richtungen. Diese Bandbreite seiner wissenschaftlichen Tätigkeit wurde und wird bis heute selten von Theologen erreicht.

Nach fünfjähriger Tätigkeit als Privatdozent und vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurde er schließlich 1924 an die Universität Marburg berufen.

Ihn beflügelte die Idee, die Welt durch ein System des Denkens zu erobern. In seine Marburger Zeit fiel auch seine Begegnung mit der Existenzphilosophie Martin Heideggers. Er übernahm deren Denkansatz und Begrifflichkeit in seine Theologie.

1925 wurde Tillich zum Ordinarius für Religionswissenschaft nach Dresden berufen. Dresden war zu dieser Zeit eine Stadt mit höchst anregender geistig-kultureller Atmosphäre.

Tillich fühlte aber, dass Dresden für ihn auch nur ein Übergang sein konnte. So bemühte er sich schon seit 1928 intensiv darum, an der Theologischen Fakultät in Berlin eine Professur zu erhalten. Aber dort hatte man Bedenken gegen seine Theologie und lehnte ihn ab.

Schließlich entschied er sich, als Ordinarius für Philosophie und Soziologie an die Universität Frankfurt am Main zu gehen. Dort arbeitete er eng mit Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zusammen, den Gründern der sogenannten „Frankfurter Schule“.

Im April 1933 wurde er aufgrund seines Einsatzes für jüdische Studenten und wegen seiner programmatischen Schrift „Die sozialistische Entscheidung“ suspendiert. Er war der erste nichtjüdische Hochschullehrer, der dieses Schicksal erlitt.

In dieser Schrift hieß es: „Der Aufweis der Disharmonie in der bürgerlichen Gesellschaft, die Enthüllung der Klassensituation, war die größte und erfolgreichste Leistung der marxistischen Ideologielehre. Durch sie wurde das sozialistische Prinzip zu allererst erfasst, wurde das Wissen des Proletariats um sich selber geschaffen, wurde der proletarische Kampf zu weltgeschichtlicher Bedeutung erhoben. Die materialistische Geschichtsauffassung gehört darum wesenhaft und untrennbar zum Sozialismus, solange er im Kampf steht mit der bürgerlichen Gesellschaft. Aber auch darüber hinaus behält sie ihre Gültigkeit.“

Das sind für einen christlichen Theologen sicher ungewöhnliche Worte. Sie sind wohl nur aus der historischen Situation zu erklärbar. Bereits 1929 war Tillich in die SPD eingetreten, ohne jedoch nennenswerte parteipolitische Aktivitäten zu entwickeln. Er schrieb darüber:

„Nur schwer und unter dem Zwang der politischen Situation konnte ich mich entschließen, einer so verbürgerlichten Partei wie der deutschen Sozialdemokratie beizutreten.“

Im Oktober 1933 erhielt er unerwartet vom Theologischen Seminar in New York das Angebot, dort erst einmal für ein Jahr als Gastprofessor zu lehren. Tillich sagte zu und so zogen er, seine Frau Hannah und ihre siebenjährige Tochter Anfang November nach New York. Im Vordergrund stand für ihn zunächst das Erlernen der englischen Sprache, mit der Tillich bis zu seinem Lebensende Schwierigkeiten hatte.

Schnell wurde Tillich durch seine ausgedehnte Vortragstätigkeit bekannt.

In diesen Jahren rückte in wachsendem Maße die Tiefenpsychologie und ihr innerer Bezug zur Religion in Tillichs Blickfeld. Er bezog sie in sein theologisches Denken ein und konnte auf diese Weise in der Sprache der Gegenwart alte theologische Begriffe erläutern.

Ein damaliger Student Tillichs erinnerte sich später:

„Wenn Tillich in seinem gebrochenen Englisch sprach, spürte jeder von uns Hörern, dass er lebendige Wahrheiten hörte; viele von uns erlebten das ein erstes Mal.“

Nachdem sich Tillich nach Ausbruch des Krieges in verschiedenen Publikationen gegen das nationalsozialistische Deutschland ausgesprochen hatte, wurden amerikanische Regierungsstellen auf ihn aufmerksam und forderten ihn auf, an der psychologischen Kriegsführung gegen Deutschland teilzunehmen. So verfasste er für einen Rundfunksender mehr als hundert Reden mit dem Titel „an meine deutschen Freunde“.

Nach dem Krieg konnte Tillich 1948 zum ersten Mal wieder nach Deutschland reisen. Er hielt in vielen Städten Vorträge, auch bei uns in Hamburg, wo er eine Gastprofessur erhielt, aber eine dauernde Rückkehr kam für ihn nicht mehr in Frage. Eine neu aufgekommene Orthodoxie, also Strenggläubigkeit, hatte sich inzwischen breitgemacht, und man sah in der Theologie Tillichs eher eine Gefahr.

Neben vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen predigte Tillich häufig und veröffentlichte seine Predigten in mehreren Büchern. Wenn Tillich gefragt wurde, welches der beste Weg sei, in sein Denken einzudringen, antwortete er meist:

„Lest zuerst meine Predigten!“

Nach seiner Pensionierung 1955 war Tillichs akademische Laufbahn noch längst nicht abgeschlossen. Noch im Herbst desselben Jahres wurde er an die Harvard-Universität berufen; das bedeutet in den USA akademisch das Höchste, was man erreichen kann.

Seine Bekanntheit wuchs auch durch seine Vortragstätigkeit weiter.

Gemeinsame Seminare mit dem Religionshistoriker Mircea Eliade in Chicago ließen in Tillich sein Interesse an den nicht-christlichen Religionen wachsen.

Am Morgen nach seinem letzten Vortrag 1965 über „Die Bedeutung der Religionsgeschichte für den systematischen Theologen“ erlitt Tillich einen schweren Herzanfall, von dem er sich nicht mehr erholen konnte. Er starb am 22. Oktober 1965 in Chicago.

Tillichs Urne wurde auf dem Friedhof von East Hampton beigesetzt, wo die Familie ein Haus besaß.

Am Pfingstsonntag 1966 wurde seine Asche der Erde des Paul-Tillich-Parks in New Harmony im Bundesstaat Indiana anvertraut. Dort erprobten bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgewanderte Europäer genossenschaftliche Produktions- und Lebensformen, die einen christlichen utopischen Sozialismus vorwegnehmen sollten.

 

Gedanken über das Werk Paul Tillichs

Tillichs Denken ist ein Denken „auf der Grenze“. So heißt auch seine autobiografische Schrift. Sein schriftstellerisches Werk bewegte sich permanent auf der Grenze zwischen Philosophie und Theologie. Er wechselte zwischen den Fakultäten, zwischen der europäischen und amerikanischen Kultur, zwischen der Alten und der Neuen Welt.

Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Karl Barth oder Rudolf Bultmann hat er nie eine theologische Schule gebildet. Aber viele Menschen hat er mit seinen Gedanken getröstet. Er war ein Seelsorger mittels des Gedankens.

Karl Barth schaut in die Höhe empor zum Himmel und lauscht dem ewigen Wort der Dreifaltigkeit. Tillich dagegen blickt hinab in die Tiefe der Wirklichkeit und ist fasziniert von dem ständigen Wechselspiel der Geschichte. Barth ist darum bemüht, die Identität und Reinheit und Unveränderlichkeit der christlichen Botschaft zu bewahren.

Tillich dagegen will diese Botschaft neu deuten und in die veränderte Situation unserer Zeit und Welt übersetzen. Wir können mit unseren heutigen Worten sagen: Er sieht das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen als Kommunikationsprozess,

Zwar ist Gott in seiner ewigen Verborgenheit unabhängig vom Menschen, in seiner Selbstoffenbarung aber tritt er zu ihm in das Verhältnis einer freien, lebendigen Gegenseitigkeit von Person zu Person. Gott handelt, der Mensch reagiert darauf, Gott reagiert seinerseits wieder und so fort. Auf diese Weise entsteht nach Tillich eine lebendige Wechselwirkung zwischen Gott und Mensch.

Diese Wechselwirkung zwischen Gott und Mensch zeigt sich zunächst im „religiösen Erleben“. Religion ist „der Name für das Empfangen der Offenbarung“. Gott offenbart sich und der Mensch empfängt diese Offenbarung.

Die christliche Offenbarung hätte von den Menschen nicht verstanden und aufgenommen werden können, wäre sie nicht in der Religion und Kultur zurzeit Christi vorbereitet gewesen. Sie hätte dann nicht zu den Menschen gesprochen, sondern wäre ein Fremdkörper in ihrer Geschichte geblieben. So ist die Bibel sowohl ein Dokument für die Selbstoffenbarung Gottes als auch für die Art und Weise, wie Menschen diese Offenbarung aufgenommen haben. Das Ereignis, auf dem das Christentum beruht, hat zwei Seiten: das Faktum Jesus von Nazareth und die Aufnahme dieses Faktums durch die, die ihn als den Christus anerkannt haben. Das Christentum wurde nicht in dem Augenblick geboren, als der Mensch Jesus von Nazareth geboren wurde, sondern als einer seiner Jünger von ihm bekannte: „Du bist der Christus“ (Matth. 16,16). Und es wird nur so lange leben, als es Menschen gibt, die diese Aussage wiederholen.

In Tillichs Theologie geht es sehr zentral um die Rolle des Symbols im christlichen Glauben.

Religiöse Symbole sind dem Material der erfahrbaren Wirklichkeit entnommen; sie benutzen etwas Endliches, um unsere Beziehung zum Unendlichen auszudrücken.

Von Gott kann nur in indirekten, symbolischen Aussagen gesprochen werden, z.B. Gott als „Vater“. Aber es kommt darauf an, dass die Symbole nicht wörtlich verstanden und für das Göttliche selbst genommen werden. Tillich schrieb:

„Religiöse Symbole vermitteln durch ihr Teilhaben am Heiligen die Erfahrung des Heiligen an Dingen, Personen und Ereignissen; eine Erfahrung, die durch keine Erkenntnis vermittels philosophischer oder theologischer Begriffe ersetzt werden kann. Ein Glaube allerdings, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt.“

Tillich lehnte die Entmythologisierung der biblischen Texte ab, wenn durch sie die Mythen und Symbole als Formen religiöser Aussage überhaupt beseitigt und durch die Wissenschaften ersetzt werden sollen. Darin unterschied er sich von Rudolf Bultmann, der eine konsequente Entmythologisierung forderte. Tillich kommentierte:

„Es gibt keinen Ersatz für Symbole und Mythen, sie sind die Sprache des Glaubens.“

Die Folge einer Entmythologisierung wäre, dass die Religion ihrer Sprache beraubt und die Erfahrungen des Heiligen zum Schweigen gebracht würden.

Religion ist das Ergriffensein von etwas, das uns unbedingt angeht. Es gibt unserem Sein den letzten Sinn. Und so ist auch der Begriff „Gott“ ein Symbol für das, was uns unbedingt angeht. Er ist überall dort, wo man von etwas unbedingt ergriffen ist. Ein religiöses Moment ist dann  sogar in antireligiösen und antichristlichen Bewegungen verborgen, weil man in ihr ein unendliches Anliegen hat, etwas, das unbedingt angeht, ein Heiliges in profanem, in weltlichem Gewand. Das war der Grund, weswegen Tillich nach dem Ersten Weltkrieg die Bewegung der „Religiösen Sozialisten“ in Deutschland mitbegründete. Ihrer Meinung nach hat Gott durch die nichtreligiöse, damals sogar noch atheistische Sozialdemokratie stärker gesprochen und mehr von seinem Willen kundgetan als durch das meiste kirchliche Handeln und die meiste kirchliche Frömmigkeit zur gleichen Zeit.

Tillich schrieb idealistisch, gleichsam visionär: „Christentum und Sozialismus – das ist nicht ein Problem vergleichender Begriffsanalyse, sondern das ist ein Wille, eine schaffende Synthese, ein Wurf in unbekannte Weiten. So müssen Christentum und Sozialismus sich fortentwickeln und eins werden in einer neuen Welt- und Gesellschaftsordnung, deren Ethos eine Bejahung jedes Menschen um deswillen, dass er Mensch ist, und deren religiöser Gehalt ein Erleben des Göttlichen in allem Menschlichen, des Ewigen in allem Zeitlichen ist.“

Und er schrieb an anderer Stelle:

„Ist somit weder in der sozialistischen Idee noch in den sozialistischen Parteien und grundsätzlicher, im Wesen liegender Gegensatz gegen Christentum und Kirche vorhanden, ist vielmehr die Sehnsucht nach einer Erfüllung mit sittlich-religiösem Geist in weiten Kreisen des Sozialismus lebendig, so ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer positiven Stellungnahme der Kirche gegenüber Sozialismus und Sozialdemokratie.“

Und Tillich dachte nicht an eine systemimmanente Sozialreform, in heutigen Worten an eine Reparatur des Kapitalismus, sondern an eine radikale Veränderung des Systems selbst, und zwar unter ausdrücklicher Berufung auf die verwandelnde Liebe Christi.

„Es entspricht dem Geist der Liebe mehr, das Übel selbst auszurotten, als die Leiden, die es immer wieder bringt, durch Teilmaßnahmen mildern zu wollen; es ist das höhere Ziel, die Voraussetzungen des Almosengebens aufzuheben, als die Armut durch Almosen zu lindern; es ist das höhere Ziel, die Grundlagen des wirtschaftlichen Elends zu vernichten, als die Verelendeten durch die Werke der christlichen Liebestätigkeit oder eine soziale Gesetzgebung aus dem Schlimmsten zu retten; es ist ein höheres Ziel, die Möglichkeit des wirtschaftlichen Egoismus zu unterbinden als ihn durch Arbeiterschutzgesetze oder den Appell an die Pflicht patriarchalischer Fürsorge einzuschränken.“

Tillich litt an der Zertrennung und Entfremdung der Welt und war daher von einer unstillbaren, fast romantischen Sehnsucht nach der Wiedergewinnung ihrer verlorenen Einheit erfüllt. Er wollte verbinden, vereinigen, heilen, versöhnen. Damit droht allerdings die Gefahr, dass Tillich die christliche Offenbarung überall in der Welt findet und auf diese Weise ihre Besonderheit einebnet.

Die Grenzen der Wirklichkeit Gottes und der Wirklichkeit der Welt drohen sich zu verwischen. Gott scheint so weltlich und die Welt so göttlich zu werden, dass beide ihre Konturen verlieren. Das wurde Tillich häufig vorgeworfen. Oder, wie Karl Barth es formulierte: „Gott ist im Himmel und du bist auf der Erde.“

Man kann das aber auch positiv bewerten: Tillichs Theologie will Gott nicht in einem Jenseits der Geschichte, nicht über und außerhalb der Welt, auch nicht in einem fernen, fremden Land oder in irgendeiner fernen, fremden Zeit suchen, sondern in der Wirklichkeit der Welt und unseres Lebens, als ihre letzte wahre Wirklichkeit.

Für seine Examenspredigt wählte Tillich das Pauluswort 1.Korinter, 3,23: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christi aber ist Gottes.“

Er predigte: „Die ganze Welt ist euer, sagt Paulus, das ganze Leben, das gegenwärtige und das zukünftige, nicht nur Teile davon. Diese bedeutsamen Worte sprechen von wissenschaftlicher Erkenntnis und ihrer Leidenschaft, von künstlerischer Schönheit und ihrer erregenden Kraft, von der Politik und ihrem Machtgebrauch, vom Essen und Trinken und von der Freude, die wir daran haben, von geschlechtlicher Liebe und ihrer Ekstase, vom Familienleben und seiner Wärme, von der Freundschaft und Innigkeit, von der Gerechtigkeit und ihrer Klarheit, von der Natur und ihrer Macht und Ruhe, von der durch den Menschen geschaffenen Welt, die die Natur umformt und sie verwandelt in technische Gestalten mit ihrer Faszination, von der Philosophie und ihrer Tiefe, in der sie die Frage nach dem Unbedingten zu stellen wagt. In all dem ist Weisheit und Macht dieser Welt, und all das ist unser. Es gehört uns, und wir gehören ihm, wir schaffen es, und es erfüllt uns.“

Tillich beschäftigte sich auch ausführlich mit Geschichtsphilosophie, aus theologischer Sicht war das für ihn Heilsgeschichte.

Der Begriff des Kairos war für ihn dazu ein Schlüsselbegriff.

Kairos ist der Augenblick, da das Ewige in das Zeitliche einbricht, es erschüttert und umwendet. Er bereitet darauf vor, das Ewige zu empfangen. Er ist der Augenblick des Ergriffenseins durch einen offenbarten geschichtlichen Augenblick. Es ist also ein zentraler Wendpunkt der Geschichte, wo Gottes Einwirken auf die Welt zu spüren ist.

Das Urbild eines jeden Kairos ist für den christlichen Glauben die Erscheinung Jesu als des Christus, des Sohnes Gottes. Sie bildet für ihn die Mitte der Geschichte, wo in einer konkreten Wirklichkeit das sinngebende Prinzip anzuschauen ist, das der ganzen Geschichte ihren Sinn gibt, vom Anfang bis zum Ende,. Was in diesem einmaligen, besonderen und universalen Kairos geschehen ist, das wiederholt sich, in abgeleiteter Form, in jedem Wendepunkt der Geschichte. Von jedem Kairos gilt, dass in ihm das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist.

Als einen solchen Kairos hat Tillich auch die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit ihren gesellschaftlichen Umwälzungen gedeutet und erlebt. Es war für ihn ein erfüllter und geschichtlicher Augenblick, der viele schöpferische Möglichkeiten bot. Dieses Gefühl, in einem Moment des Kairos zu leben, gab Tillich und seinen Freunden den Impuls, die religiös-sozialistische Bewegung zu begründen. Der Religiöse Sozialismus verstand sich als „der Deutungs- und Gestaltungsversuch des Sozialismus vom Kairos her“.

Die Hoffnung der Religiösen Sozialisten ging auf ein neues „theonomes“, also von Gott erfülltes Zeitalter. Anlass zu dieser Hoffnung gab ihnen der Zusammenbruch der bürgerlich-idealistischen Kultur und des Bündnisses der protestantischen Kirche mit ihr. Dadurch schien die Möglichkeit gegeben zu sein, die tiefe Kluft zwischen der sozial-politischen Revolution und der kirchlichen Tradition, überhaupt zwischen profaner, also weltlicher Kultur und Religion zu schließen. Aber das Unternehmen misslang. Auf politischem und sozialem Gebiet erwies es sich als unmöglich, den Materialismus der Arbeiterparteien zu zerbrechen. Tillich schrieb später: „Die alte Garde siegte über uns und über die Jugend ihrer eigenen Bewegung.“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es für Tillich kein derartiges „ekstatisches Erlebnis“ gegeben wie nach dem Ersten. An die Stelle einer utopischen Hoffnung trat ein „zynischer Realismus“, wie er schrieb.

Aber gerade damit schien für Tillich die Möglichkeit eines neuen Kairos gekommen zu sein:

Im Sommer 1961 predigte Tillich in unserer Hamburger Katharinenkirche, und seine damals formulierten Sätze sind meines Erachtens bis heute gültig:

„Wir leben in einer Periode, in der Gott für uns der abwesende Gott ist. Es ist das Werk des göttlichen Geistes selbst, dass Gott unserer Sicht entrückt wird, nicht nur einzelnen Menschen, sondern auch ganzen Zeiten. Der Geist Gottes verbirgt Gott unserem Blick. Wenn wir Gott als den Abwesenden erfahren, wissen wir um ihn; wir erleben sein Nicht-bei-uns-sein als eine leere Stelle, wie sie bleibt, wenn jemand oder etwas, das zu uns gehörte, uns verlassen hat.

Und dann mag wohl der Abwesende zurückkehren und den Platz einnehmen, der ihm gehört, und die Gegenwärtigkeit des göttlichen Geistes mag wieder in unser Bewusstsein einbrechen, uns aufweckend zur Erkenntnis dessen, was wir sind, uns erschütternd und verwandelnd. Und wenn wir nicht die rechten Worte finden, weil Gott für uns der Abwesende ist, dann dürfen wir ohne Worte auf IHN, auf Jesus Christus blicken, in dem das Leben und der Geist Gottes ganz offenbar waren.“

Abschließend fragen wir uns: Was bleibt uns im 21. Jahrhundert von der Person und dem Werk Paul Tillichs?

  1. Tillich bekannte sich zum Grenzgängertum, das für ihn aber zugleich eine Aufforderung zur Synthese ist, zu einer Aufhebung aller Widersprüche auf einer höheren Ebene:

Der Mensch erlebt sich existenziell auf der Grenze zwischen Immanenz – der Diesseitigkeit, der Endlichkeit – und Transzendenz, der Ewigkeit. Dies lässt ihn nach Gott fragen. Damit relativiert sich für Tillich die Spaltung des Christentums in verschiedene Konfessionen, Gruppierungen und Sekten. Die Ökumene ist sein Programm. Damit lässt sich aber auch die Forderung nach Toleranz, nach Dialog mit anderen Religionen wie dem Islam und den östlichen Religionen begründen. Sie haben nach Tillich alle ihre Berechtigung, weil sie Ausdruck des Religiösen, der Suche nach Gott in der Welt und jenseits unserer Endlichkeit sind.

  1. Sein Wissen war fast enzyklopädisch, umfasste theologische, philosophische, politische, psychologische, technische und naturwissenschaftliche Kenntnisse, die er im Sinne einer Synthese zusammenführen wollte. Das fasziniert an seinen Texten bis heute, macht allerdings das Lesen und das Verständnis sehr schwierig. Er formulierte auf einem sehr hohen sprachlichen Niveau mit einer gewöhnungsbedürftigen Begrifflichkeit.
  2. Tillichs Programm eines religiösen Sozialismus ist für mich und sicher auch für andere nach wie vor aktuell. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren hatte es uns Jugendliche hier an der Apostelkirche inspiriert, geradezu beflügelt – und damit die Energie verschafft, die Welt verändern, verbessern zu wollen. Um mit Tillichs Worten zu sprechen: Wir sahen 1968 die Zeit eines neuen Kairos gekommen und traten damals zusammen mit unserem Pastor Gerhard Schaefer auf den Spuren Tillichs in die SPD ein. Tillich war für uns Jugendliche so etwas wie ein moderner Apostel und kann es uns bis heute sein. Er hat es verdient, nicht vergessen zu werden.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Sören Kierkegaard

Apostelandacht zu Sören Kierkegaard, gehalten am 30. September 2012

Biografie

Geboren wurde Sören Aabye Kierkegaard am 5. Mai 1813 in Kopenhagen. Sein Vater Michael Pedersen Kierkegaard stammte von einem ärmlichen Bauernhof in Westjütland. Er war in Kopenhagen als Kaufmann außerordentlich erfolgreich gewesen und konnte sich schon in seinem vierzigsten Lebensjahr aus dem Erwerbsleben zurückziehen und von seinem Vermögen leben.

Sören Kierkegaards Mutter war Michael Pedersens zweite Frau und seine ehemalige Dienstmagd. Er hatte sie einen Jahr nach dem Tode seiner ersten Frau geheiratet. Schon vier Monate nach der Hochzeit wurde ihre erste Tochter geboren, der noch sechs Geschwister folgten. Sören war das jüngste Kind, fünf Geschwister starben im Kindesalter.

Das Leben des Vaters, sein Charakter und Erziehungsstil übten einen entscheidenden Einfluss auf den jungen Sören aus. Der Vater galt als schwermütiger Pietist, war also sehr glaubensstreng. Entsprechend erzog er seine Kinder.

Sören Kierkegaard schrieb darüber:

„Als Kind ward ich strenge und mit Ernst im Christentum erzogen, menschlich gesprochen, auf wahnsinnige Weise erzogen: bereits in der frühesten Kindheit hatte ich mich verhoben an den Eindrücken, unter denen der schwermütige alte Mann selber zusammensank. Fürchterlich! Was Wunder denn, dass Zeiten kamen, da mir das Christentum vorkam als die unmenschlichste Grausamkeit. Gelebt habe ich eigentlich nicht, ausgenommen im Bereich der Bestimmung Geist; Mensch war ich nicht gewesen, Kind und Jüngling am allerwenigsten.“

Nach der Reifeprüfung begann der junge Sören im Jahre 1830 in Kopenhagen Theologie zu studieren. Dabei geriet er 1834 in eine tiefe Krise:

„Was mir eigentlich fehlt, ist, dass ich mit mir selbst ins reine darüber komme, was ich tun soll, nicht darüber, was ich erkennen soll. Es gilt eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will.“

Seine psychische Krise verschärfte sich, als er von den Gewissenqualen erfuhr, die seinen Vater belasteten: Der hatte als Jugendlicher beim einsamen Hüten der Schafe, in seiner Not und Verlassenheit Gott verflucht und war nun überzeugt davon, dass dieser Fluch auf der Familie lastete und alle Kinder, also auch sein Sohn Sören, vor ihm sterben würden. -

Kierkegaard vernachlässigte das Studium und führte in Kopenhagen ein ausschweifendes, verschwenderisches Leben, soll sogar das Bordell besucht haben. Als er schließlich total überschuldet war, bezahlte der Vater alles.

Sören Kierkegaard lebte in dieser Zeit in einer beständigen Angst; Angst davor, die sichere Verankerung zu verlieren, die der Glaube für ihn bedeutet hatte. Zwar zweifelte er nicht an der Existenz Gottes, aber er zweifelte, ob Gott der Gott der Liebe sei. Ursache dafür war sicher die seelische Not des Vaters und dessen stille Verzweiflung, dessen Angst vor Gottes Strafe für seinen Fluch.

Schließlich starb der hochbetagte Vater im Jahre 1838.

Er schrieb darüber in sein Tagebuch:
„Mein Vater starb am Mittwoch nachts um zwei Uhr. Ich hatte den innigen Wunsch gehabt, dass er noch ein paar Jahre leben würde, und ich betrachte seinen Tod als das letzte Opfer, das er seiner Liebe zu mir gebracht hat. Denn er ist nicht von mir gegangen, sondern für mich dahingegangen, damit, wenn möglich, noch etwas aus mir werden könne.“

Er verstand also den Tod seines Vaters als Auftrag, sein Studium endlich abzuschließen. Im Besitz einer großen Erbschaft beendete er nun zügig sein Studium, legte das erste theologische Examen ab und arbeitete an seiner Doktorarbeit.

Im gleichen Jahr lernte er ein 15jähriges Mädchen kennen. 2 Jahre später fragte er sie, ob sie seine Frau werden wolle. Regine Olsen willigte sofort in die Verlobung ein. Doch schon zwei Tage danach bereute er seinen Entschluss. Seine Schwermut, sein problematisches Vorleben, der Fluch, der vermeintlich auf der Familie lastete – alles das verheimlichte er seiner Verlobten und quälte sich ein Jahre lang mit der Frage, ob und wie er die Verlobung wieder lösen sollte. Er beschloss, auf seine Verlobte abstoßend wirken zu wollen, spielte öffentlich den frivolen Lebemann. Doch sie ließ nicht ab von ihm, und so löste er schließlich selbst die Verlobung, beendete zeitgleich seine Doktorarbeit und reiste nach Berlin, um dort den Philosophen Schelling zu hören. Es war aber wohl mehr eine Flucht aus Kopenhagen.

Er blieb ein halbes Jahr in Berlin und quälte sich mit der Frage, ob er richtig gehandelt hatte, zog sich zurück, lebte nahezu wie ein Mönch und fing an, rastlos zu schreiben.

In wenigen Jahren entstanden nun seine philosophischen Hauptwerke, die er unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte. Außerdem verfasste er religiös erbauliche Reden, die unter seinem eigenen Namen erschienen.  In seinen philosophischen Schriften setzte er sich immer wieder mit dem Problem einer aufgelösten Verlobung auseinander. Daher wird vielfach angenommen, dass erst diese gescheiterte Verlobung mit Regine Olsen ihn zur Schriftstellerei animierte und es inhaltlich über weite Strecken bestimmte.

In Kopenhagen zurück, geriet er in eine heftige Auseinandersetzung mit einer kulturpolitisch wichtigen Zeitschrift mit dem Namen „Der Corsar“, die ihn mit bösartigen Karikaturen zum Gespött in der Öffentlichkeit machte. Das verschärfte seine Einsamkeit.

Er konzentrierte sich zunehmend auf religiöse Themen.

Seine vielleicht wichtigste Schrift hat den Titel „Der Begriff der Angst“. Sein ganzes eigenes Leben war bisher von einer existenziellen Angst durchzogen. Er verstand darunter aber nicht die Furcht vor einer konkreten Bedrohung, sondern sein Begriff von Angst ist für ihn der Beweis dafür, dass der Mensch zu etwas Höherem bestimmt ist, als nur dazu, ein Naturgeschöpf zu sein. Wir gehen darauf noch im zweiten Teil unserer Andacht näher ein.

Die Erlösung von Angst geschieht durch den Glauben, der zugleich von der Sünde erlöst. In ihrer Verschlossenheit des Menschen gegenüber dem Glauben kann aus der Angst Verzweiflung werden, die „Krankheit zum Tode“, wie er später diese Angst nannte und worüber er ein Buch mit diesem Titel schrieb.

Sein Werk „Einübung im Christentum“ erschien 1850 unter dem Pseudonym Anti Climacus. Es ging Kierkegaard darum, sich wieder an das verlorene Wissen um das zu erinnern, was es im eigentlichen Sinne heißt, Christ zu sein.

Christ sein heißt für ihn, sich dem Ärgernis des christlichen Glaubens zu stellen, dass Christus und der Glaube an ihn weder historisch noch logisch gestützt und abgesichert werden kann.

„Der Möglichkeit des Ärgernisses kann man sich nicht entziehen, du musst durch sie hindurch, du kannst allein auf eine Weise ihrer ledig werden:  damit, dass du glaubst.“

Kierkegaard vermisste in der Kirche seiner Zeit diesen Glauben, der in einer radikalen Entscheidung des Einzelnen zum Ausdruck kommen soll und keiner institutionellen Absicherung bedarf, schon gar nicht einer Staatskirche. Er ging so weit, die real existierende Christenheit als „die schauerlichste Art von Gotteslästerung“ zu bezeichnen.

Am 2. Oktober 1855 brach Kierkegaard auf offener Straße zusammen. Er war physisch und wirtschaftlich am Ende. Zuvor eine Zeitschrift gegründet, die den Rest seines väterlichen Erbes aufgezehrt hatten. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Dem Sterbenden wurde nahegelegt, das Heilige Abendmahl entgegenzunehmen. Doch er erklärte, das nur von einem Laien annehmen zu wollen, denn Pfarrer seien königliche Beamte, und königliche Beamte seien dem Christentum nicht gemäß. So starb er schließlich am 11. November ohne den Segen der von ihm gehassten Kirche.

 

Das Thema „Angst“

Jesus spricht in seiner Abschiedsrede im Johannesevangelium: „Ich rede mit euch, damit ihr Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Dieses Thema treibt Sören Kierkegaard um, ist zentral in seinen Werken.

Angst ist etwas Existenzielles und gehört prägend zu unserem Leben.

Eine Studie hat ermittelt, dass jeden zweiten Deutschen Zukunftsängste umtreiben.

Furcht vor Orkanen, Überschwemmungen und Erdbeben, vor steigenden Lebenshaltungskosten und Verarmung, vor der Wirtschafts- und Finanzkrise,

einige haben auch Angst vor Ausländern.

Angst erzeugt ein Bedürfnis nach Sicherheit, die Wahlkampfparolen der Parteien drücken dies aus: „Sicher in die 80er Jahre“ plakatierte schon die SPD unter Kanzler Helmut Schmidt.

Aber gegen die Grundrisiken des Lebens helfen keine Politiker und auch keine Versicherungspolicen.

Kierkegaard meint aber gerade nicht diese Ängste; er bezeichnet sie als Furcht – Furcht vor den konkreten Gefahren des Lebens, Sie sind nicht sein Thema.

Für ihn ist Angst die Bedrängnis der Seele im Angesicht des Todes. Im Gegensatz zu den Tieren wissen wir, dass unser Körper sterben wird. Tiere, so meint er, haben keine Angst, weil sie in ihrer Natürlichkeit nicht als Geist bestimmt sind.

Er schreibt: „Der Mensch ist eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem, von Freiheit und Notwendigkeit, kurz eine Synthese.“

Der Mensch besteht aus Leib und Seele, und die Synthese ist das Selbst, der Geist.

Das Selbst steht sich andererseits ständig gegenüber, muss sich zu sich selbst verhalten. Der Mensch lebt und erlebt nicht nur, sondern er erlebt sein Erleben, kann darüber reflektieren. Und aus diesem dialektischen Spannungsverhältnis heraus entsteht Angst, existenzielle Angst.

Kierkegaard sucht die Entstehung dieses Zustandes in der Entstehung der Erbsünde bei Adam.

Adam verstand im ursprünglichen Zustand noch nicht den Unterschied von Gut und Böse, war im Zustand der Unschuld. Aber das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, ängstigte ihn bereits. Auf das Wort des Verbotes folgte von Gott die Strafandrohung: „So wirst du gewisslich des Todes sterben“. Doch das Verbot, so Kierkegaard, erweckt in Adam eine Ahnung von der Möglichkeit der Freiheit, der Freiheit, sich anders zu verhalten als Gott es verlangt.

Der Sündenfall ist dann der qualitative Sprung.

In der Unschuld war Adam als Geist träumender Geist. Im Augenblick des Sündenfalls, als Adam vom Baum der Erkenntnis isst, wird er seiner selbst, seiner Existenz bewusst, wird er seiner Freiheit bewusst, der Freiheit, sich selbst entscheiden zu können.

Es ist eine in Verstrickung geratene Freiheit, die Erbsünde als Bewusstsein in uns von der eigenen Existenz erzeugt Angst.  Diese Angst ist eine Folge der Sünde, letztlich Angst um die Existenz des Körpers und des Geistes, Angst vor der Strafe Gottes.

Kierkegaard schreibt:
„Angst kann man vergleichen mit Schwindel. Wessen Auge in eine gähnende Tiefe hinunterschaut, der wird schwindlig. Der Grund seines Schwindels aber ist ebensosehr sein Auge wie der Abgrund; denn gesetzt, er hätte nicht hinuntergestarrt! So ist die Angst der Schwindel der Freiheit, der aufsteigt, wenn der Geist die Synthese setzen will und die Freiheit nun hinunterschaut in ihre eigene Möglichkeit und dabei die Endlichkeit ergreift, um sich daran zu halten. In diesem Schwindel sinkt die Freiheit um. Im gleichen Augenblick ist alles verändert, und indem die Freiheit sich wieder erhebt, sieht sie, dass sie schuldig ist. Das Nichts, das der Gegenstand der Angst ist, wird gleichsam mehr und mehr ein Etwas. Das Nichts der Angst ist also ein Komplex von Ahnungen, die sich in sich selbst reflektieren, dem Individuum näher und näher kommen.“

Welchen Ausweg aus dieser existenziellen Angst haben wir, woher kommt Erlösung?

Kierkegaard erblickt ihn in der religiösen Existenz. Wenn der endliche Geist Gott sehen will, so muss er als schuldig beginnen. Indem er sich nun sich selbst zukehrt, entdeckt er die Schuld.  Nur im Glauben ist die Überwindung der existenziellen Widersprüche in uns, also die Synthese, ewig und jeden Augenblick möglich.

Kierkegaard schreibt: „Die Innerlichkeit ist eben der Quell, der in das ewige Leben springt.

Sobald die Innerlichkeit mangelt, ist der Geist verendlicht.“

Innerlich sollen wir gleichzeitig mit Christus leben und ihn nicht als historische, vor 2000 ahren gelebt habende Persönlichkeit begreifen.

Den Verlust dieser Gleichzeitigkeit betrachtet er als das Grundübel der Christenheit.

Einübung im Christentum heißt also für ihn und vielleicht auch für uns die Einübung in die Gleichzeitigkeit mit Christus.

Kierkegaard schreibt:

„Christi Leben auf Erden ist nicht etwas Vergangenes; er wartete seinerzeit nicht und wartet auch heute nicht darauf, dass das Ergebnis ihm zu Hilfe eilen soll.

Ein historisches Christentum ist unchristliche Verwirrung; denn alle wahren Christen einer Generation sind gleichzeitig mit Christus, und sie haben nicht das geringste mit den Christen der vorausgegangenen Generation zu tun, dagegen alles mit dem gleichzeitigen Christus.

Sein Leben auf Erden begleitet die Generationen und begleitet jede Generation besonders als ewige Geschichte, sein Leben hier auf Erden besitzt ewige Gleichzeitigkeit.

Kannst du dich nicht dazu überwinden, ein Christ in der Situation der Gleichzeitigkeit mit ihm zu werden,  so wirst du niemals ein Christ.

Ein jeder soll für sich, in stiller Innerlichkeit sich demütigen, indem er fragt, was es heißt, im strengen Sinne Christ zu sein; es heißt, dass er aufrichtig vor Gott eingestehe, wo er steht, damit er die Gnade würdig annehme, die jedem Unvollkommenen, also jedem, dargeboten wird.

Nur das Bewusstsein der Sünden kann dich in diesem Schrecken forcieren. Und im selben Augenblick verwandelt sich das Christliche und wird eitel Milde, Gnade, Liebe und Barmherzigkeit.“

Jesus tröstet uns in unserer existenziellen Angst vor dem physischen Tod. Seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Jesus überwand die Welt, indem er sich dem Sterben nicht entzog. Der Mitgekreuzigte ruft ihm zu: „Bist du Gottes Sohn, so steige herab vom Kreuz!“ Doch es geht nicht um die irdische Angst um den vergänglichen Körper, sondern um die Überwindung der existenziellen Angst im Sinne Kierkegaards,

in einer altertümlichen Redewendung ausgedrückt: Um das Heil unserer Seele, um das ewige Leben bei Gott nach dem Tode.

Und so können wir mit Paul Gerhardt bitten, beten:

Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir.

Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür.

Wenn mir am allerbängsten, wird um das Herze sein,

so reiß mich aus den Ängsten, kraft deiner Angst und Pein.

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Apostelandacht zu Friedrich Schleiermacher

Apostelandacht zu Friedrich Schleiermacher, gehalten am 3. Juni 2012

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher war der bedeutendste  deutschsprachige Theologe des 19. Jahrhunderts. Geboren wurde er am 22. November 1768 in Breslau.

Sein Vater war ein reformierter Feldprediger, der in der Armee Friedrichs II. von Preußen den Siebenjährigen Krieg mitgemacht hatte. Als preußische Patrioten gaben die Eltern ihrem Sohn den Vornamen des Königs als Rufnamen. Seine beiden anderen Vornamen ehrten die beiden Großväter.

Die Kinder der Familie wurden im Geist pietistischer Frömmigkeit erzogen.

Der vierzehnjährige Friedrich Schleiermacher wurde von den Eltern dann in ein herrnhuterisches Internat gebracht, wo er zwei Jahre blieb.

1785 wechselte er in an anderes herrnhuterisches Internat in Barby an der Elbe. In diesen Jahren distanzierte er sich zunehmend vom glaubensstrengen Pietismus. Zu neueren Werken der Philosophie und Theologie  bekamen die Schüler keinen Zugang.

„Meine Begriffe gingen bald so weit von dem System der Brüdergemeinde ab, dass ich nicht länger glaubte mit gutem Gewissen ein Mitglied derselben bleiben zu können.“

Und so wendete er sich per Brief an seinen Vater mit der Bitte, ihn gründlich Theologie studieren zu lassen:

„Ich kann nicht glauben, dass der wahrer und ewiger Gott war, der sich selbst nur den Menschensohn nannte. Ich kann nicht glauben, dass ein Tod eine stellvertretende Versöhnung war, weil er es selbst nie ausdrücklich gesagt hat, und weil ich nicht glauben kann, dass sie nötig gewesen; denn Gott könne die Menschen, die er offenbar nicht zur Vollkommenheit, sondern nur zum Streben nach derselben geschaffen hat, unmöglich darum ewig strafen wollen, weil sie nicht vollkommen geworden sind.“

Schleiermacher wechselte zum Theologiestudium nach Halle. Dort erschloss er sich die griechische Philosophie und setzte sich mit der Philosophie Immanuel Kants auseinander.

Im Jahre 1790 erhielt er die Stelle eines Hofmeisters in der Familie des Grafen Friedrich Alexander zu Dohna in Ostpreußen. Er blieb als Erzieher der Kinder mehr als zwei Jahre dort, erlebte ein harmonisches Familienleben und eine gepflegte Kultur der Geselligkeit, die ihn zeitlebens prägte. Nach einem Streit mit dem Grafen über Erziehungsfragen gab Schleiermacher seine Stelle auf.

Im September 1796 wurde er Prediger am Berliner Krankenhaus Charitè.

Er befreundete sich mit Friedrich Schlegel, einem wichtigen Theoretiker der Romantik. Sie bezogen gemeinsam eine Wohnung, wir würden heute sagen, sie bildeten eine WG. Gesellschaftlich verkehrte er in den Salons der romantischen Frauen Berlins, so auch bei Henriette Herz, mit der ihn eine enge, angeblich rein geistige Freundschaft verband. Das Liebesbündnis des christlichen Theologen mit der schönen Jüdin war ein Affront gegen die gesellschaftliche Konvention der damaligen Zeit.

Er schrieb auf Anregung Friedrich Schlegels für die Romantik-Zeitschrift „Athenäum“. Von seinem Freund wurde er maßgeblich zu seiner wichtigsten Publikation angeregt, dem 1799 erschienenen Buch „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“.

Diese Schrift dokumentiert das romantische Religions- und Christentumsverständnis des Schleiermachers und ist sein bekanntestes Werk geworden.

Vor der Epoche der Aufklärung galt die Philosophie als Magd der Theologie. Zu Schleiermachers Zeit hatte sich dieses Verhältnis umgekehrt. Etliche Anhänger der Aufklärung verachteten geradezu die Theologie.

Am Anfang des Buches knüpft er an das Desinteresse der Gebildeten an der Religion an, um zu zeigen, dass es sich dabei um ein Missverständnis von Religion handelt.

„Wo sie ist und wirkt, muss sie sich so offenbaren, dass sie auf eine eigentümliche Art das Gemüt bewegt, alle Funktionen der menschlichen Seele vermischt oder vielmehr entfernt und alle Tätigkeit in ein staunendes Anschauen im Unendlichen auflöst.

Anschließend entfaltet Schleiermacher sein eigenes Verständnis von Religion.

„Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. Anschauen will sie das Universum, in seinen eigenen Darstellungen und Handlungen will sie es andächtig belauschen, von seinen unmittelbaren Einflüssen will sie sich in kindlicher Passivität ergreifen und erfüllen lassen.“

Religion ist staunendes Anschauen des Unendlichen, des Universums. Das Unendliche macht sich im Endlichen vernehmbar. Das ist zutiefst romantisches Gedankengut.

Schleiermacher erläutert dann das passive Element der Anschauung.

„Alles Anschauen geht aus von einem Einfluss des Angeschauten auf den Anschauenden, von einem ursprünglichen und unabhängigen Handeln des ersteren, welches dann von dem letzteren seiner Natur gemäß aufgenommen, zusammengefasst und begriffen wird.  Das Universum ist in einer ununterbrochenen Tätigkeit und offenbart sich uns jeden Augenblick. Jede Form, die es hervorbringt, jede Begebenheit, die es aus seinem reichen, immer fruchtbaren Schoße herausschüttet, ist ein Handeln desselben auf uns, und so alles Einzelne als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion.“

Nicht wir schauen etwas an, sondern wir werden umgekehrt vom Universum ergriffen.

„Alle Begebenheiten in der Welt als Handlungen eines Gottes vorstellen, das ist Religion.“

Die Vorstellung eines personalen Gottes stellt für ihn nur eine religiöse Anschauungsform neben anderen dar. Religion kann auch ohne Gottesvorstellung auskommen.

Schleiermacher formuliert auch eine romantisch gefärbte Kirchentheorie:

Religiöse Gemeinschaft entsteht wegen des Kommunikationsbedürfnisses des religiösen Menschen. Durch wechselseitigen freien Austausch wird der religiöse Sinn vertieft und vervollkommnet. Dabei ist jeder Priester und Laie zugleich, je nachdem, ob er mehr redend oder hörend, mehr spontan oder aufnehmend in das Kommunikationsgeschehen verflochten ist.

Am Schluss des Buches bezieht Schleiermacher sein Verständnis vom „Wesen der Religion“ auf die Religionsgeschichte. Die Vielfalt der Religionen ist im Wesen der Religion selbst begründet.  Es gibt nicht die eine, richtige Religion.

Jeder kann schöpferisch wirken, jeder kann eine neue Religion machen.

Die religiöse Grundidee des Christentums ist für ihn das allgemeine Entgegenstreben alles Endlichen zum Universum und die Vermittlung bzw. Versöhnung aller Feindschaft durch die Gottheit. Dafür bedarf es „Mittler“, die Endliches und Unendliches, Menschliches und Göttliches zugleich sind. Die Gottheit sendet immer wieder neue und erhabenere Mittler zum Zwecke der Erlösung.

Kraft seiner Mittlerwürde kommt allerdings Christus Einzigartigkeit zu. -

Schleiermacher betont die Notwendigkeit der Religion für die humane Selbstbildung

Ein solches Verständnis von Religion soll den Gebildeten neue Zugänge zu ihr erschließen.

Der Philosoph Hegel polemisierte gegen diese Auffassung von Religion:

„Gründet sich die Religion im Menschen nur auf ein Gefühl, so hat solches richtig keine weitere Bestimmung, als das Gefühl seiner Abhängigkeit zu sein, so wäre der Hund der beste Christ, denn er trägt dies am stärksten in sich und lebt vornehmlich in diesem Gefühle.“

Mir persönlich erscheint die Verallgemeinerung des christlichen Glaubens durch Schleiermacher als zu weitgehend, zu sehr in die Beliebigkeit eines allgemeinen Pantheismus abgleitend. Für mich ist Gott nicht nur ein universales Schöpfungsprinzip. –

Nach dem Jahr 1800 verliebte sich Schleiermacher in Eleonore Grunow. Sie war mit einem Berliner Prediger verheiratet und in ihrer Ehe unglücklich. Schleiermacher drängte sie, sich scheiden zu lassen, doch Eleonore zögerte. Sie kehrte nach kurzer Trennung zu ihrem Ehemann zurück.

Zur gleichen Zeit zog sein Freund Friedrich Schlegel mit einer frisch geschiedenen Frau zusammen, und so hielt es auch Schleiermacher nicht mehr in Berlin. Er wurde 1802 Hofprediger im hinterpommerschen Städtchen Stolp.

Doch dort gab es keine Geselligkeiten wie in Berlin, er vertrug das Klima an der Ostsee nicht und stöhnte über seine „hundeschlechte Gesundheit“, wollte schnell wieder weg.

Er hatte Glück, die Universität Halle berief ihn 1804 als Professor und Universitätsprediger.

Aber er konnte nur vier Semester in Halle arbeiten. Nach der preußischen Niederlage gegen Napoleon bei Jena und Auerstädt im Jahre 1806 wurde die Universität geschlossen.

So zog er 1807 wieder zurück nach Berlin. Dort wurde  an der Neugründung einer Universität gearbeitet, der späteren Humboldt-Universität.

1809 wurde Schleiermacher zum Professor der neuen Universität ernannt und zum ersten Dekan der theologischen Fakultät. Er war inzwischen 40 Jahre alt und heiratete Henriette von Willich, die Frau eines früh verstorbenen Freundes und Pfarrers. Seine 19jährige Ehefrau brachte aus ihrer ersten Ehe zwei Kinder mit, aus der Ehe mit Friedrich Schleiermacher gingen vier weitere Kinder hervor.

Seit 1808 wirkte Schleiermacher an Vorbereitungen zu einem Volksaufstand gegen die französischen Truppen in Preußen mit, zusammen mit anderen preußischen Reformern wie dem Freiherrn von Stein, den Generälen Gneisenau und Scharnhorst. Auch von der Kanzel aus propagierte er eine gesellschaftlich-politische Erneuerung Preußens.

Nach der Niederlage Napoleons wurden aber die alten politischen Verhältnisse wieder hergestellt. Die ehemaligen Reformer wurden polizeilich überwacht, also auch Schleiermacher. Wegen seiner Predigten wurde er mehrfach polizeilich vernommen. Die Behörden wollten ihn ins weit entfernte Königsberg versetzen und erwogen für den Fall seiner Weigerung sogar die Entlassung aus dem Staatsdienst. Aber er durfte schließlich in Berlin bleiben.

Schleiermacher beendete seine politischen Aktivitäten und beschränkte sich auf die Verwirklichung von Reformen der Kirche. Es ging dabei um die Union der beiden protestantischen Konfessionskirchen, der reformierten und der lutherischen.

Schleiermacher forderte öffentlich die Eigenständigkeit der Kirche im Staat und trat für eine demokratische Synodalverfassung der Kirche ein. Diese liberalen Vorstellungen waren aber chancenlos. Man befürchtete das Überspringen derartiger Gedanken auf den politischen Bereich.

1821/22 erschien dann dasjenige Buch, mit dem Schleiermacher die protestantische Theologie der nächsten hundert Jahre geprägt hat: „Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt“.

Er entwickelte in diesem Buch eine allgemeine Theorie der Frömmigkeit als Basis aller kirchlichen Gemeinschaften. Das ist ein Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit von Gott, als die höchste Stufe des menschlichen Selbstbewusstseins.

„Das Christentum ist eine monotheistische Glaubensweise und unterscheidet sich von andern solchen wesentlich dadurch, dass alles in derselben bezogen wird auf die durch Jesum von Nazareth vollbrachte Erlösung“.

Am Schluss heißt es:

„Auf jeden Beweis für die Wahrheit oder Notwendigkeit des Christentums verzichten wir vielmehr gänzlich, und setzen dagegen voraus, dass jeder Christ schon die Gewissheit in sich selbst habe, dass seine Frömmigkeit keine andere Gestalt annehmen könne als diese.“

Der Ansatz der Dogmatik beim christlichen frommen Selbstbewusstsein ist das eigentlich Neue der Glaubenslehre. Es lässt den Menschen seiner schlechthinnigen Abhängigkeit allen Seins innewerden. Alle bis dahin formulierten Gottesbeweise, also die Versuche, die Existenz Gottes wissenschaftlich zu beweisen, lehnte er ab.

 „Christliche Glaubenssätze sind Auffassungen der christlich-frommen Gemütszustände, in der Rede dargestellt.“

Aufgabe der Dogmatik ist es also, die christliche Erfahrung in eine gedanklich-reflektierte Gestalt zu überführen, zu zusammenhängender Lehre abzuklären und der Dogmatik so eine systematische Gestalt und einen wissenschaftlichen Charakter zu geben.

Er schrieb:

„Die Gesamtheit des endlichen Seins besteht nur in der Abhängigkeit vom Unendlichen.“

Die Gemeinschaft mit Gott beruht auf der erlösenden Wirkung Jesu für den Einzelnen. Dafür steht der Begriff der Gnade.

Sachliche Mitte der Dogmatik ist die Christologie.

Christus ist der Ursprung des neuen, göttlich gewirkten Gesamtlebens.

Der Inhalt des neuen, auf Jesus zurückgehenden Gesamtlebens besteht in der Mitteilung seiner unsündlichen Vollkommenheit.

So ist die Schöpfung übernatürlich, aber sie wird danach Naturzusammenhang. So ist Christus übernatürlich seinem Anfang nach, aber er wird natürlich als rein menschliche Person, und ebenso ist es mit dem heiligen Geist und der christlichen Kirche.

Als übernatürlich bezeichnet Schleiermacher den Ursprung Christi, sofern er aus aller Kontinuität mit dem sündigen Gesamtleben herausfällt. Seine Existenz ist aber natürlich, sofern er zu einer rein menschlichen Person wird und der von ihm ausgehende wunderhafte „Impuls“ in den natürlichen Lebens- und Entwicklungsprozess einzugehen vermag.

Erst in Christus kommt es zur vollendeten Schöpfung der menschlichen Natur.

 „Der Erlöser ist sonach allen Menschen gleich, vermöge der Selbigkeit der menschlichen Natur, von allen aber unterschieden durch die stetige Kräftigkeit seines Gottesbewusstseins, welche ein eigentliches Sein Gottes in ihm war.“

Durch die erlösende und versöhnende Tätigkeit wird zwischen Christus und den Glaubenden eine Gemeinschaft gestiftet in Gestalt eines neuen Lebens.

„Die Tatsachen der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi sowie die Vorhersagung von seiner Wiederkunft zum Gericht können nicht als eigentliche Bestandteile der Lehre von seiner Person aufgestellt werden.“

Sie sind Schleiermacher kein Gegenstand notwendigen theologischen Denkens. Als Begründung wird darauf verwiesen, dass der Glaube der Jünger entstanden sei, „ohne etwas von seiner Auferstehung und Himmelfahrt zu ahnen“. Hier schlagen die rationalistischen Denkmuster der Aufklärungszeit durch.

Schleiermacher entfernte sich  mit der kritischen Diskussion der kirchlichen Christologie weit von der Tradition. Darüber hinaus bedeuteten seine Urteile über Himmelfahrt, Auferstehung und Wiederkunft Christi eine erhebliche Radikalisierung der Kritik, die von mir persönlich wie sicher auch von vielen anderen Christen seiner und unserer Zeit so nicht geteilt wurde und nicht wird. -

Schleiermacher war in seiner Berliner Zeit ein von Terminen gehetzter Mann und klagte in seinen Briefen wiederholt über mangelnde Zeit und fehlende Möglichkeiten, seine literarischen Pläne zu verwirklichen. Er musste hauptberuflich ein Pfarramt versehen mit Predigten und Konfirmandenunterricht. Sein prominentester Konfirmand war Otto von Bismarck, der spätere Reichskanzler. Daneben war er in der Akademie der Wissenschaften engagiert. Schließlich entfaltete er eine breite Vorlesungstätigkeit. Dennoch pflegte er eine kultivierte Geselligkeit, besuchte viele Salons der Berliner Gesellschaft.

Seinen letzten Gottesdienst hielt er am 2. Februar 1834. Wenige Tage später brach eine Lungenentzündung aus, an der er am 12. Februar starb.

Am letzten Morgen vor seinem Tod feierte er im Kreise seiner Familie ein letztes Mal das Abendmahl. Er sagte:

„Ich habe nie am toten Buchstaben gehangen und wir haben den Versöhnungstod Jesu Christi, seinen Leib und sein Blut. Ich habe aber immer geglaubt und glaube auch jetzt noch, dass der Herr Jesus das Abendmahl in Wasser und Wein gegeben hat.“

Gleich nach der gemeinsamen Abendmahlsfeier starb er.

Die Beisetzung fand am 15. Februar 1834 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde im heutigen Kreuzberg statt.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Elisabeth Langgässer

Apostelandacht zu Elisabeth Langgässer, gehalten am 25. März 2012

In den frühen Nachkriegsjahren war Elisabeth Langgässer die berühmteste Frau unseres literarischen Lebens. In den Literaturgeschichten hat sie seitdem ihren Platz gefunden. Trotzdem ist ihr Name in den letzten 4 Jahrzehnten weitgehend in Vergessenheit geraten.

Das liegt wahrscheinlich an ihrer theologischen Theoriebesessenheit, ihrem Bezug auf biblisches Personal und viele Figuren der griechischen Antike. Und Lyrik, zumal naturmagische aus der Nachkriegszeit, hat heutzutage eh keine Konjunktur.

Elisabeth Langgässer wurde am 23. Februar 1899 in Alzey geboren.

Die kleine Stadt Alzey liegt linksrheinisch zwischen Mainz im Norden und Worms im Süden.

Ihr Vater Eduard Heinrich Langgässer war Kreisbauleiter und stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie in Mainz. Im Jahre 1884 heiratete er und konvertierte am Tag vor der Hochzeit zum Katholizismus, weil seine Braut Eugenia Dienst katholisch war. Sie hatte bereits 1882 ein uneheliches Kind zur Welt gebracht. Die Familie nötigte sie damals, die Schwangerschaft zu verbergen und das Kind zur Adoption freizugeben und war froh, als für sie ein Ehemann gefunden war.

Die Ehe der Eltern von Elisabeth Langgässer blieb 15 Jahre lang kinderlos, bis 1899 Elisabeth geboren wurde. Zwei Jahre später kam Elisabeths Bruder Heinrich zur Welt.

Die Kinder wurden im katholischen Glauben erzogen.

Als Elisabeth 9 Jahre alt war, erkrankte der Vater, wurde zum Pflegefall und starb.

Der frühe Tod des Vaters prägte Elisabeth sehr. Sie blieb ihr Leben lang auf der Suche nach einem väterlichen Mann, der ihr zur Seite stand.

Danach zog die Mutter mit den beiden Kindern nach Darmstadt.

Elisabeth besuchte dort eine höhere Mädchenschule. Ostern 1918 legte sie die Reifeprüfung ab und begann eine Ausbildung am Lehrerinnenseminar.

Im November 1918 rückten französische Truppen über den Rhein vor und besetzten Teile Hessens. Die Besatzungszeit dauerte bis 1930 an, es kam ständig zu Konflikten zwischen der deutschen Zivilbevölkerung und den fremden Soldaten.

In dieser krisengeschüttelten Zeit beendete Elisabeth Langgässer ihre pädagogische Ausbildung und arbeitete seit 1920 als Lehrerin in dem kleinen Ort Griesheim nahe Darmstadt. Sie lebte weiterhin zusammen mit ihrem Bruder bei der Mutter und musste täglich mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Schule die Grenze zwischen dem französisch besetzten Gebiet und dem unbesetzten Darmstadt passieren. Das wurde für sie zu einer prägenden Erfahrung, die sie in ihrem Buch „Grenze: Besetztes Gebiet“ literarisch verarbeitete.

Ihre Arbeit war enorm anstrengend. Sie konnte sich nicht einmal mehr auf Weihnachten freuen und schrieb darüber:

„Ich bin so sonderbar müde, schulmüde, denn ich habe eben 75 Kinder in der Klasse, dazu die anstrengende Fahrt jeden Tag. Wir armen Lehrerinnen müssen doch so viel ‚Weihnachtsstimmung‘ für andere Leute aufbringen und penetrant verbreiten, dass bis Heiligabend alles für uns selbst verbraucht ist. Schon 4 Wochen vorher geht das Gesinge los: ‚Ihr Kindärlein kommet‘ und ‚holder Knabe im lockigen Haar‘. Ferner ist da ein Elternabend im rohen, bierüberschwemmten, verrauchten Wirtshaussaal, wo moralische Weihnachtsstücke aufgeführt werden.“

Elisabeth war fasziniert von den Riten, von der Liturgie des Katholizismus, durch welche die christliche Religion mit der vorchristlichen antiken Götterwelt verbunden ist. Ihre Namenspatronin war die Heilige Elisabeth von Thüringen, deren Attribut die Rose ist. Diese war auch die Lieblingsblume Elisabeths und ein zentrales Motiv ihrer späteren Gedichte.

In den Herbstferien 1927 reiste Elisabeth Langgässer nach Berlin. Sie lernte dort den jüdischen Juraprofessor Hermann Heller kennen. Die 28jährige verliebte sich heftig in den älteren verheirateten Mann und Vater von drei Kindern.

Der Funke sprang über, Hermann Heller besuchte sie im März 1928 in Darmstadt, und anschließend war sie schwanger. Sie war überglücklich, hoffte auf ein gemeinsames Leben mit dem Geliebten, aber der wollte bei seiner Frau bleiben.

 „Mir geht es körperlich und seelisch gar nicht gut – die furchtbare Überanstrengung der letzten Wochen rächt sich mit Müdigkeit und Rückenschmerzen. Dazu kommt, dass mir mein Freund nun den definitiven Abschied gegeben und dazu bemerkt hat‚ es sei etwas endgültig zwischen uns zerrissen, was allerdings von seiner Seite niemals das Große gewesen wäre.

Wie unverständlich sind die Menschen, wie grausam ist das Leben doch!“

Wegen der unehelichen Schwangerschaft musste sie dann den Schuldienst verlassen.

Ihr Bruder machte in dieser Zeit Karriere bei Siemens in Berlin. Elisabeth brachte ihre Tochter Cordelia zur Welt und zog anschließend zu ihrem Bruder und ihrer Mutter auch nach Berlin.

In den nächsten beiden Jahren war sie als Dozentin im Sozialpädagogischen Seminar in Berlin-Charlottenburg tätig. Die Tochter Cordelia wurde in einem Säuglingsheim untergebracht, fern der Familie.

Hermann Heller erkannte unterdessen seine Vaterschaft an, was für die Tochter später allerdings verhängnisvoll wurde, denn er war ja Jude.

1930 verlor sie ihre Stelle als Dozentin. Die Familie nahm jetzt die Tochter Cordelia zu sich. Elisabeth Langgässer bemühte sich weiterhin um Veröffentlichung ihrer Texte, aber leider meist erfolglos. Die vielen Absagen deprimierten sie. Ihr Bruder finanzierte mit seiner Berufstätigkeit bei Siemens die ganze Familie.

Erst 1931 hatte sie schriftstellerische Erfolge, erhielt den Literaturpreis des Deutschen Staatsbürgerinnen-Verbandes.

Die Machtergreifung der Nazis im Frühjahr 1933 kam ihrem Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung entgegen. Aus national-konservativer Gesinnung heraus wählte die Halbjüdin Elisabeth Langgässer bei den letzten freien Wahlen im März die NSDAP.

Sie schrieb in dieser Zeit auch Hörspiele für das neue Medium, den Rundfunk. Dabei machte sie Bekanntschaft mit Wilhelm Hoffmann, der im Berliner Rundfunk ihre Hörspiele betreute. Ihre Begegnungen berührten sie tief und veränderten ihr Leben. Sie schrieb:
„Gestern war Hoffmann vom Rundfunk bei mir. Ein unerhörter Mensch – da könnte ich Ruhe finden. Ein reiner, sauberer, gütiger Mann, entzückend mit Kindern ganz weit und dabei religiös gebunden, klug – blond. Und mir unerhört, namenlos sympathisch. Aber der Weg zu ihm führt nicht über die Brücke des Sexus, man kommt nicht vom Naturhaften her zu ihm hin. Er ist – sonderbar – der ‚verkörperte‘ Christ, sein Leben ist irgendwie, aber sehr real, wiedergeboren – er müsste mich ‚gefallene Natur‘ schon zu sich hinaufziehen – so komisch das klingt. Ich hatte übrigens das Gefühl, dass er vollkommen enthaltsam lebt. Dabei ein richtiger Mann. Sehr, sehr merkwürdig.“

Sie sah in ihm ihr Liebesideal verwirklicht, ein beschützender, ein ritterlicher, ein priesterlicher Mann.

Das Glück in der neuen Beziehung konnte sie aber nicht bewahren vor den dramatischen Veränderungen, die das „Dritte Reich“ mit sich brachte. Viele ihrer Freunde emigrierten, ihr ehemaliger Geliebter Hermann Heller, der Vater ihrer Tochter Cordelia, wurde politisch verfolgt und starb.

Anfang Januar 1935 wurde sie von der Reichsschrifttumskammer aufgefordert, den Ariernachweis zu erbringen. Sie konnte es natürlich nicht, und so durfte sie nichts mehr veröffentlichen.

Im Juli heiratete sie ihren Lebensgefährten Wilhelm Hoffmann. Durch die „privilegierte Mischehe“ mit einem Arier war die Halbjüdin Langgässer zunächst vor direkter Verfolgung geschützt.

Im Oktober 1938 kam ihre Tochter Annette zur Welt.

Erst nach den Ereignissen der Reichspogromnacht im November 1938 schien Elisabeth Langgässer begriffen zu haben, in welcher Gefahr sich ihre ältere Tochter Cordelia befand, deren Vater ja Volljude gewesen war. Emigrierte Freunde in der Schweiz boten ihr an, Cordelia bei sich im Haushalt aufzunehmen. Die Schweiz verlangte allerdings ein gültiges Visum für ein Drittland als Bedingung für die Einreise.

Sie schrieb in dieser Zeit einer Freundin:
„Wahrscheinlich  muss das Kind emigrieren. Die Papiere ihres Vaters sehen ziemlich trostlos aus, und wenn sich nicht noch am Ende herausstellen sollte, dass wenigstens ein Großelternteil von dieser Seite her arisch war, ist Cordelia 75% negativ und gilt als jüdisches Kind. Die Konsequenzen kennst Du vielleicht: sie müsste auf der Polizei als ‚Sara‘ angemeldet werden, könnte keine deutsche Schule mehr besuchen, müsste bestimmte Straßen meiden, dürfte an keinerlei kulturellen Einrichtungen teilnehmen, würde absolut isoliert und gemieden sein, dürfte nicht einmal öffentlich schwimmen gehen. Bekannte von uns in der Schweiz haben sich großzügiger Weise bereit erklärt, das Kind vorerst bei sich aufzunehmen, später soll sie dann ein Schweizer Internat besuchen. Ein kleines Mädchen in der Vorpubertätszeit, mit allen Schwierigkeiten ihres Alters und Wachstums – gerade vertraut geworden mit einem neuen Familienleben und einem neugeborenen Schwesterchen. Ist das nicht zum Weinen?“

Doch die Erlangung eines Visums für Polen als Drittstaat schleppte sich hin.

Im Jahr 1939 wurde Elisabeth erneut schwanger, die Tochter Barbara wurde im Januar 1940 geboren, eine dritte Tochter Franziska im Juli 1942.

Im September 1941 trat das Ausreiseverbot für Juden in Kraft. Jetzt war es für Cordelia unmöglich, Deutschland zu verlassen.

Und so suchte Elisabeth Langgässer einen anderen Weg, Cordelia vor der drohenden Deportation zu retten. Sie kam in Kontakt zu einer bayrischen Prinzessin, die ein spanisches Dienerpaar beschäftigte. Diese adoptierten Cordelia und verschafften ihr damit die spanische Staatsangehörigkeit. Elisabeth Langgässer zahlte für diese Aktion 40.000 Mark. Sie schrieb in einem Brief 1943:

„Ein Wunder ist geschehen. Auf geradezu legendäre Weise und durch die glückliche Fügung aller möglichen Umstände ist Cordelia Mitte Januar Spanierin geworden. Das Ganze hört sich an wie eine Legende auf Goldgrund. Dass ich überglücklich bin, den Lebensweg des Kindes gesichert zu wissen, können Sie sich denken. Sie lernt jetzt mit Feuereifer Spanisch und soll dann im Frühsommer auf Wunsch ihrer neuen Eltern  nach Barcelona in ein Internat kommen.“

Ende Juni 1943 erhielt Cordelia Hoffmann-Garcia eine Vorladung, sich bei der Gestapo zu melden. Die Mutter begleitete sie. Die Gestapo warf der Mutter vor, sie hätte versucht, ihre Tochter der Gestapo zu entziehen. Cordelia wurde aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, dass sie trotz der spanischen Staatsangehörigkeit unter die Nürnberger Rassegesetze falle. Falls sie es nicht täte, würde die Mutter strafrechtlich belangt. So unterschrieb Cordelia die Erklärung. Sie wurde anschließend in eine Sammelstelle für Deportationen in die Vernichtungslager gebracht, im März 1944 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, acht Wochen später ins Vernichtungslager Auschwitz.

Doch sie hatte Glück in allem Unglück: Die 16jährige kam in die Schreibstube und musste das „Buch des Todes“ führen, mithin die Neuzugänge verzeichnen und die Getöteten streichen.

Die Familie erlebte und erlitt unterdessen die Berliner Bombennächte und die darauf folgende Besetzung Berlins durch sowjetische Truppen.

Der Vater konnte nach dem Kriegsende wieder beim Rundfunk arbeiten, und Elisabeth Langgässer schrieb weiter an ihrem nächsten Roman.

Sie erhielt in dieser Zeit viele Anfragen von Zeitschriften, die Texte von ihr drucken wollten. .

Im Januar 1946 erreichte sie endlich die Nachricht, dass ihre 18jährige Tochter lebte und sich in einem Sanatorium in Schweden aufhielte.

Und Elisabeth Langässer schrieb weiter, jetzt Kurzgeschichten und Anekdoten, die gern von den Verlegern angenommen wurden – kleine Blitzlichter von literarischer Prägnanz, gerichtet auf Episoden aus den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen, einige davon mit erkennbar biografischem Hintergrund.

Doch sie litt bereits sehr unter Lähmungserscheinungen, hatte Weinkrämpfe und Kreislaufprobleme, Hunger und Kälte machten ihr zu schaffen.

Zu Beginn des Jahres 1947 erschien ihr Roman „Das unauslöschliche Siegel“, ihr wichtigstes und umfangreichstes Werk.. Die Hauptfigur Belfontaine bricht 1914 aus der rheinhessischen Kleinstadt auf nach Nordwestfrankreich in die Stadt Senlis und kehrt nach 30jähriger Wanderung 1943 an den Ausgangsort zurück.

Der Ebene des irdischen Geschehens werden drei französische Heilige gegenüber gestellt, die der Gnade Gottes auf besondere Weise teilhaftig wurden. Im Zentrum ihrer Konzeption steht der Mensch, der fähig ist, sich der Gnade zu öffnen, zu einem „Bettler Gottes“ zu werden.. Der Moment der Erlösung von Lazarus Belfontaine wird als Wiedergeburt beschrieben:
„Nun schmolz die Scheidewand zwischen ihm und der Vergangenheit nieder: die Scheidewand der Schuld. Er erinnerte sich. In den Zustand der Reue und damit der Erinnerung gehoben, trat sein Inneres aus dem Zustand der Vernünftigkeit in den Zustand der Torheit, in den Geheimniszustand des Innen, das erinnertes Außen ist. Dann trafen ihn Worte, die ein Befehl; ein Befehl, der Verwandlung; Verwandlung, die Zuruf, und ein Zuruf, der Neugeburt war: LAZARUS! KOMM HERAUS! Er gehorchte.  Ohne zu zögern, entstieg er seinem eigenen Grabe und fühlte, wie er sich langsam emporhob – nicht anders als ein Träumender fühlt, dass er bar jeder Schwerkraft ist.“

Aus dem Sünder Belfontaine wird ein durch Gottes Gnade Erlöster, der stellvertretend auch für die Sünden anderer Buße getan hat – der ewige Jude als Büßer für die Gesamtschuld des europäischen Menschen. Langgässer verstand ihren Roman als Exemplifizierung der christlichen Gnadenlehre mit den Mitteln der Literatur.

Das ganze Jahr 1947 über erhielt der Roman in den Zeitungen und Zeitschriften glänzende Rezensionen, erreichte viele Auflagen, trotz der komplizierten Erzählstruktur.

Im März 1948 durfte die Familie in die französische Besatzungszone nach Südwestdeutschland umziehen.

Als Autorin war sie sehr gefragt und präsent, hielt auf dem Schriftstellerkongress in Frankfurt einen Vortrag, las auf vielen Veranstaltungen aus ihren Romanen. Sie veröffentlichte in Zeitungen und Zeitschriften, vor allem Gedichte und Kurzgeschichten.

Doch die Schübe der Multiplen Sklerose stellten sich in immer kürzeren Abständen ein und verdammten sie zur Untätigkeit. Lesen und Schreiben waren ihr dann unmöglich.

Im Mai 1950 las sie nochmals in Würzburg und Darmstadt aus ihren Werken, vor insgesamt über 1000 Menschen. Und sie schrieb unter Hochdruck an den letzten Kapiteln ihres Romans „Märkische Argonautenfahrt“.

Während einer Schweizer Lesereise wurde sie ärztlich betreut, erhielt starke Spritzen.

Zurück zu Hause, war sie restlos erschöpft. Es dauerte noch einen Monat, bis sie in tiefe Bewusstlosigkeit fiel und nach 10 Tagen am 25. Juli 1950 starb.

Im Oktober erschien ihr letzter Roman „Märkische Argonautenfahrt“. Postum wurde ihr im gleichen Jahr der Georg Büchner Preis zugesprochen.

Was bleibt uns von ihr?

Einerseits die Erinnerung an ein von zwei schlimmen Kriegen und der Nazi-Diktatur geprägtes und erlittenes persönliches Schicksal; die Erinnerung an eine Frau, die unbeirrbar an ihrem christlichen Glauben festhielt.

Andererseits ein literarisches Werk, das die christliche Botschaft in Form von Gedichten, Romanen und Kurzgeschichten verkünden will; und dabei auch Zeugnis ablegt von den gesellschaftlichen Krisen und Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das ist unseres Gedenkens wert.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Hellmut Gollwitzer

Apostelandacht zu Hellmut Gollwitzer, gehalten am 29. Januar 2012

In einer Biografie wird der altgewordene Helmut Gollwitzer so beschrieben: Klein, kaum 1 Meter 70 groß, rundlich, mit großen, etwas ratlosen Augen hinter dicken Brillengläsern, die unvermeidliche Pfeife im Mund.

Die Zeitungen nannten ihn in den siebziger Jahren einen Revoluzzer, Zerstörer unserer wohlverdienten Lebensverhältnisse, geistigen Vater studentischer Aufrührer, Verführer der Jugend. Seine Freunde nannten ihn „Golli“. Er konnte gegen Ende seines Lebens weit über tausend Veröffentlichungen vorweisen, war anerkannt von vielen Universitäten, die ihm die Ehrendoktorwürde verliehen. Er war ein Freund von Bundespräsidenten und revoltierenden Studenten, ein rätselhafter und zugleich einfältig frommer Mann. Was war es, das eine ganze junge Generation unseres Landes an ihm faszinierte, auch viele Angehörige der Jungen Gemeinde an unserer Apostelkirche?

Helmut Gollwitzer wurde am 29. Dezember 1908 im bayrischen Pappenheim geboren.

„Mein Vater war ein konservativer Theologe und gleichzeitig selbstverständlich streng national, was hieß, rechts, königstreu, das Militär bejahend. Meine Mutter ergriff die Aufgabe der Pfarrfrau mit ganzer Seele als ihren Beruf, sie bewies die Unentbehrlichkeit der Pfarrfrau bei der Tätigkeit des Pfarrers. Ihr Christsein war es wohl auch vor allem, was uns bei der Achtung vor dem christlichen Glauben festgehalten hat. Eines muss ich als besonders wichtig noch hervorheben, beide Eltern haben uns durch ihr Vorleben und durch die Atmosphäre in ihrem Haus eine Skala von Werten vermittelt, die für unser aller Leben entscheidend war, erst recht in dieser Mammongesellschaft mit ihren Privilegien und Hack- und Rangordnungen. Mit seinem Gewissen im Reinen zu sein ist wichtiger, als was man für Folgen zu tragen hat.“

Als Schüler war er in der Jugendbewegung der 1920er Jahre aktiv, studierte dann von 1928 bis 1932 Philosophie und evangelische Theologie. Karl Barth in Bonn wurde sein wichtigster Lehrer, der seine Haltung zeitlebens prägte. Barth konfrontierte seine Studenten offensiv mit der aktuellen politischen Entwicklung, was für viele Theologen damals ein völlig fremdartiges und von ihnen abgelehntes Verhalten war. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 änderte sich das Ansehen Barths: Aus dem zuvor umstrittenen Theologen wurde die Leitfigur des beginnenden Widerstands gegen die Gleichschaltung der Kirchen.

Doch nicht erst durch den Einfluss Barths, sondern bereits in seiner Jugend zeigte sich Gollwitzers Hang zum Widerspruch:

„Schon in der Gymnasialzeit entdeckte ich als Sohn eines streng deutsch-nationalen, konservativen, lutherischen, bayerischen Pfarrers, dass Pazifisten nicht notwendig verächtliche Feiglinge sind, Sozialisten nicht notwendig verächtliche Novemberverbrecher und Juden nicht notwendig von Gott verdammte Menschen. Von da an begann meine Marxlektüre und während der Studentenzeit Diskussionen mit linken Kommilitonen.“

Im Jahr 1935 wurde Karl Barth aus Deutschland ausgewiesen und mit ihm musste auch sein Assistent Gollwitzer die Bonner Theologische Fakultät verlassen.

Gollwitzer erhielt in dieser Zeit eine Anstellung als Schlossprediger beim Prinzen Reuß in Niederösterreich.

1935 lernte er auf einem Schloss des Fürsten Reuß auch Martin Niemöller kennen, eine Bekanntschaft, die sein Leben bis zum Beginn des Krieges bestimmen sollte.

Gollwitzer verließ 1937 den Dienst des Prinzen, als ihn der Bruderrat der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen bat, in ihren Dienst zu treten. Er schreibt:

„Ich reiste im Land herum und habe das Volk aufgewiegelt, indem ich überall eine Unzahl von Bekenntnisnachmittagen, Bekenntnisabenden und Bekenntnisvorträgen hielt und außerdem theologische Schulung mit der kleinen Zahl von Vikaren, die sich zur Bekennenden Kirche hielt, betrieb.“

Nach der Verhaftung Niemöllers hielt Gollwitzer in dessen Gemeinde in Berlin-Dahlem Bekenntnisgottesdienste, in denen er bei strenger Bibelauslegung doch deutlich Stellung zu den Zeitereignissen nahm. Die Predigten waren nach kurzer Zeit genau so beliebt wir zuvor die von Martin Niemöller.

Im Dezember 1939 verliebte er sich in eine junge Frau, Eva Bildt, die Tochter eines Staatsschauspielers. Eva war eigentlich auch Schauspielerin, durfte aber nicht mehr auftreten, weil ihre Mutter Jüdin war. Die beiden verlobten sich. Ihr Vater stellte bei Hermann Göring einen Heiratsantrag für seine Tochter, der aber abgelehnt wurde

Im März 1945 wollten Eva Bildt und ihr Vater gemeinsam aus dem Leben scheiden. Eva starb, ihr Vater überlebte.

Gollwitzer selbst hat das tragische Ereignis erst im Herbst 1946 erfahren, als die erste Post aus Deutschland im Gefangenenlager eintraf.

Im September 1940 beendete die Gestapo Gollwitzers Arbeit als Pfarrer in Dahlem, wies ihn aus Berlin aus und erteilte ihm Redeverbot im gesamten Reichsgebiet.

Gollwitzer wurde zur Wehrmacht einberufen und im Mai 1941 in Paris stationiert.

Einen Teil des Jahres 1943 verbrachte Gollwitzer im Osten, im Donez-Becken südlich von Slawiansk. Er schreibt:

„Einen großen Teil meiner Kompanie habe ich dort – ich hatte mich zum Sanitäter umschulen lassen – mitbegraben. Seither habe ich im Osten nur Rückzüge und knappes Entkommen aus Kesseln mitgemacht.“

Auf rumänischem Boden geriet Gollwitzer schließlich am 10. Mai 1945 in russische Kriegsgefangenschaft.

Nach Aufenthalten in verschiedenen Sammellagern wurde er schließlich in ein Sonderlager des Moskauer Innenministeriums gebracht, später  nach Westsibirien. Im Dezember 1949 konnte endlich den Transportzug in Richtung Heimat besteigen.

Die Gefangenschaft wurde für Gollwitzer zu einer existenziellen Erfahrung. Er erlebte sie als ein Gleichnis für die christliche Hoffnung.

„Der Gefangene wartete ja nicht etwa ohne jegliche Erwartung für sein Leben, er erwartete sogar sehr viel, er war die fleischgewordene Erwartung, - aber er erwartete alles von der Zukunft, nichts von der Gegenwart und alles von einer ganz bestimmten Zukunft, von einem „Tag“, der ihm – biblisch zu reden  . der ‚Tag des Herrn‘ war, der Tag, um deswillen sich allein das gegenwärtige Leben lohnte, von dem her allein es Sinn bekam. Die Gegenwart war entwertet. Lebenswert war das gegenwärtige Leben nur, sofern es als Hinschreiten auf das eschatologische Ziel von ihm her Sinn bekam.“

Im Jahre 1951 veröffentlichte Gollwitzer seinen Bericht über die Zeit der Gefangenschaft unter dem Titel „…und führen wohin du nicht willst“. Gollwitzer wurde damit mit einem Schlage bekannt, Bundespräsident Theodor Heuss nannte das Buch „ein großes geschichtliches Dokument“ wegen „seiner phrasenlosen, konkret-nüchternen Sachlichkeit und psychologischen Deutkraft“.

Die eigentliche Botschaft des Berichts war der unerschütterliche Glaube, dass Gottes Führung in einer schrecklichen Zeit zu spüren ist. Es kommt darauf an, wie man die schrecklichen Ereignisse deutet, wie man Not und Verzweiflung verstehen kann. Gleichzeitig brach das Buch gleich mehrere Tabus: Die Russen waren nicht die „Untermenschen“, die „Bestien“, als die sie in den letzten Kriegsjahren dargestellt wurden. Die „Kommunisten“ trugen menschliche Gesichter, waren an Gesprächen und Diskussionen interessiert, behandelten die Deutschen besser als diese die Zwangsarbeiter und russischen Kriegsgefangenen behandelt hatten. Und schonungslos berichtete er über seine mit eigenen und den Augen Mitgefangener erlebten Verbrechen der Wehrmacht, deren Teilnahme an Judenerschießungen in Russland.

Sofort nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wurde Gollwitzer zum Theologie-Professor der Universität Bonn ernannt.

Wenige Wochen nach Dienstantritt erhielt er Besuch von einem alten Freund, der von einer jungen Frau begleitet wurde: Brigitte Freudenberg, die er bereits in Dahlem als Konfirmandin Martin Niemöllers kennengelernt hatte. Wegen ihrer jüdischen Mutter war die Familie 1939 in die Schweiz ausgewandert, gerade noch rechtzeitig, und blieb für die Dauer des Krieges dort. Die beiden verlobten sich recht schnell, und im nächsten Jahr heirateten sie, getraut von Martin Niemöller.

Musikalisches Zwischenspiel

Auf dem vierten Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart im Jahre 1952 legte Gollwitzer seine grundlegenden Positionen zur politischen Ethik dar. Er stellte die Frage: „Was geht den Christen die Politik an?“ Die Antwort war radikal:

„Es kann im Bereich der Politik nichts geben, was nicht sofort eine schreiende Frage nach der Kirche ist. Machen wir auch wieder nur einfach mit, oder kommt durch das Dasein der christlichen Gemeinde ein anderer Ton in das allgemeine Geschrei zwischen Ost und West, in die gegenseitigen Beschuldigungen und Verdammungen, in die täglichen Kriegserklärungen des Kalten Krieges, in die Partei- und Wirtschaftskämpfe hinein?“

In den nächsten Jahren wurde er zu einem gerngesehenen Redner in der Bundeshauptstadt Bonn, war häufig Gast beim Bundespräsidenten Theodor Heuß. Gustav Heinemann, der gerade aus der CDU ausgetreten war und zunächst eine neue Partei gegründet hatte, wollte ihn für eine Bundestagskandidatur gewinnen. Er lehnte ab, weil er sich nicht parteipolitisch binden wollte.

Und Gollwitzer war einer der ersten, der in der Bundesrepublik Deutschland öffentlich die Stimme für Israel erhob. Er sah als grundlegendes politisches Prinzip die Verantwortlichkeit der Menschheit im Westen und im Osten für die Erhaltung des Staates Israel.

„Der Skandal besteht darin, dass nicht die Überlebenden des Volkes der Ermordeten zögern, zum Volk der Mörder normale Beziehungen aufzunehmen, sondern dass die Überlebenden des Volkes der Mörder zögern, ihre Beziehungen zu den Überlebenden des Mordes zu normalisieren.“

Zum Wintersemester 1958/59 zog Gollwitzer nach Berlin und wurde Professor an der Freien Universität. Sonntags predigte er oft an der St. Annenkirche in Berlin-Dahlem. Er verstand seine Predigten als „politische“; sie sollten zum Nachdenken über die eigene Stellung im geschichtlichen und gegenwärtigen Ort innerhalb der Kirche und der Gesellschaft anregen.

Im Sommer 1961 suchte man in Basel einen Nachfolger für Karl Barth. Viele dort wollten Gollwitzer berufen, aber schließlich wurde er wegen seines „weichen Kurses gegenüber dem Bolschewismus“ abgelehnt.

In der Schweiz gelangte man zu diesem Vorurteil, weil Gollwitzer ein entschiedener Gegner der deutschen Wiederaufrüstung und Atombewaffnung  war:

„Wo ist gegen diese Katastrophenursachen von Seiten der christlichen Gemeinde eine kräftige Gegenbewegung erfolgt, spontan und stark als Antwort auf die gehörte, freimachende Verkündigung die ganze Gemeinde erfassend? Jeder Blick in die politische Wochenbetrachtung eines beliebigen Sonntagsblattes zeigt, wie es stattdessen steht. Mit der Formel von der ‚Christenheit zwischen zwei Übeln‘ setzt man zwei in Wahrheit unvergleichliche Übel – ein diktatorisches System und den Atomuntergang – einander gleich und hat sich damit schon unfähig gemacht, Wirklichkeit und Forderung der gegenwärtigen Stunde unvernebelt zu erkennen, hat sich stattdessen schon mitschuldig an der Bagatellisierung der Gefahr und an der selbstmörderischen Idiotie des Wettrüstens gemacht.“

Und er kritisierte die CDU, die diese Politik maßgeblich betrieb, in ihrem Selbstverständnis als christliche Partei:

„Vom evangelischen Verständnis des Christentums her ist diese Namensgebung und das sich in ihr ausdrückende Selbstverständnis indiskutabel. Die CDU hat die Verschleuderung des christlichen Namens betrieben, damit zur inneren Verwahrlosung der Deutschen beigetragen und so die Katastrophe Deutschlands perfekt gemacht.“

Diese Äußerungen machten aus ihm, dem Antikommunisten, in den Augen der konservativen Öffentlichkeit einen Kommunistenfreund.

Im Sommer 1966 lud die Evangelische Studentengemeinde Gollwitzer ein, über Marxismus und Christentum zu referieren. Er dachte sich, das könnte er im Schlaf, da brauche er sich doch nicht vorzubereiten! Doch auf einmal wurde ihm etwas klar:

„Den alten Käse kannst du nicht mehr sagen, der war zwar nicht falsch, aber andere Dinge sich wichtiger! Ich entdeckte, dass die Theologie, der ich mich verschrieben hatte, ein Produkt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung war, und ich bin in den letzten Jahren meines Lebens in die Situation eines Christen gekommen, der wie meine Zuhörer, am Abend  ab und zu ein paar theologische Bücher noch lesen kann, im Übrigen aber sein Christsein bewähren muss in seinem weltlichen Beruf. Theologie ist nötig, aber sie ist nicht alles, sie ist nur eine Hilfswissenschaft.“

Ihm ging es immer stärker darum, wie sich das Christentum in den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Konflikten bewähren könne. Für ihn wurde immer deutlicher: Das Evangelium hat eine Tendenz auf den Sozialismus und dessen Ziele einer gerechteren, humanen Gesellschaft hin. Das Evangelium stellt den Menschen allerdings nicht in den Dienst einer sozialistischen Partei, sondern fragt vielmehr ständig nach, ob das politische Agieren tatsächlich in Richtung einer besseren Gesellschaft weist.

Vermutlich war gerade diese theologische Wende mitverantwortlich dafür, dass Gollwitzer die Studentenunruhen der späten 60er Jahre mit großer Sympathie erlebte. Endlich einmal, so schrieb der damals fast Sechzigjährige, bewege sich eine junge deutsche Generation politisch nicht in Richtung auf Nationalismus und militärischen Drill, sondern denke weltoffen, demokratisch und in einer neu bewegenden Weise humanitär.

Brigitte und Helmut Gollwitzer nahmen in dieser Zeit häufig Studenten in ihrem Haus auf, das sich langsam in eine Wohngemeinschaft verwandelte; unter anderen Rudi Dutschke und Christa Ohnesorg, die Witwe des erschossenen Studenten Benno Ohnesorg. Es gab regelmäßige Hausandachten, ein Tischgebet, und ein „Hausrat“ regulierte das Zusammenleben sowie die Finanzierung des Haushaltes.

Rudi Dutschke wurde Ostern 1968 Opfer eines Attentats und überlebte schwerverletzt. Als er dann Weihnachten 1979 an den Spätfolgen  in Dänemark gestorben war, beerdigte Gollwitzer ihn auf dem Friedhof der Dahlemer St.-Annen-Kirche.

Bereits 1959 hatte Gollwitzer die spätere Terroristin Ulrike Meinhof bei einem studentischen Kongress gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr in Berlin kennengelernt und war mit ihr in loser Verbindung geblieben, bis sie mit der „Roten Armee Fraktion“ im Untergrund verschwand.  Als sie im Gefängnis in Köln einsaß, besuchte Gollwitzer sie. Nach ihrem Tod im Jahre 1976 wurde er von einer Vorbereitungsgruppe gebeten, an ihrem Grab zu sprechen. Er sah dies als seine Christenpflicht an, distanzierte sich andererseits aber klar und deutlich von Meinhofs Gewaltanwendung. Lauten Beifall und Buhrufe gab es, als Gollwitzer in seiner Traueransprache sagte:

„Allen bürgerlichen und christlichen Leuten, die sie verdammen wegen ihrer Taten und wegen ihres Todes, sage ich: Dieses Kind Gottes Ulrike Meinhof ist – unabhängig von allem Richtigen und Falschen in ihrem Wollen und Tun – hinübergegangen in die Arme der ewigen Liebe:“

Den Buhrufern schleuderte Gollwitzer nach einer Pause entgegen:

„Gott sei Dank!“

Sein wichtigstes Werk veröffentlichte Gollwitzer 1970: „Krummes Holz und aufrechter Gang“. Schnell erreichte das Buch 10 Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Über viele Jahre hatte sich Gollwitzer mit der Frage abgequält, wie das Evangelium und die Suche nach dem Sinn des Lebens miteinander in Beziehung stehen:

Er schrieb dazu:

„Das Buch ist nicht ein wissenschaftliches für Wissenschaftler geworden. Ich erhoffe Verständlichkeit ohne Fachvoraussetzungen.“

Mit dem Buch wollte er deutlich machen, dass die Sinnfrage nichts anderes ist als die Gottesfrage schlechthin. Die Suche nach Sinn ist in Wahrheit die Suche nach Gott.

Die Begegnung mit dem Evangelium geschehe immer in einer doppelten Richtung:

„Ich werde befreit vom Blick auf mich selbst und meine Leistungen – davon hängt mein Leben nicht ab. Der Sinn ist etwas, was ich empfange. Und dann aber umgekehrt die Frage: Was tust du selbst dazu und inwiefern zerstörst du deinen Lebenssinn durch Abwendung von deinem Mitmenschen. Die Sinnfrage wird uns in allen ihren Formen – warum Übel, warum Leid, Tod usw. – nicht einfach im Evangelium beantwortet, sondern die Antwort wird uns erst verheißen. Durch diese Verheißung können wir leben, ein Leben mit ungelösten Fragen. Mit ungelösten Fragen leben, das scheint mir eigentlich das Wichtigste zu sein.“

Im Jahre 1975 beendete Gollwitzer seine offizielle Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin. Er blieb aber weiterhin öffentlich tätig und wirksam. Er marschierte 1981 mit auf der Friedensdemonstration in Bonn, galt als „APO-Opa“. 

Auf dieser Demonstration begann er seine Rede mit den Worten:

„Wir rücken ihnen jetzt auf den Leib, hier in Bonn! Nur unsere Weigerung, das schwachsinnige Weitermachen auf dem Wege der Zerstörung der Erde und der Erhöhung der Kriegsgefahr weiter mitzumachen, kann noch etwas ändern. Friedensfähig werden, abrüstungsfähig werden – dass müssten die Völker ihren Politikern beibringen durch konsequente Rüstungsverweigerung und Rüstungsverhinderung“.

An dieser Demonstration habe ich selbst auch teilgenommen, und Gollwitzers Rede ist mir eine bleibende Erinnerung.

Noch mit siebzig Jahren setzte er sich zusammen mit seiner Frau Brigitte und vielen anderen Angehörigen der Friedensbewegung auf die Straße vor die Pershing-Raketen in Mutlangen und wurde deswegen rechtskräftig verurteilt.

Am 17. Oktober 1993 starb Gollwitzer an den Folgen eines Treppensturzes. Er wurde auf dem Dahlemer Friedhof in seinem „geliebten Räuberzivil“, mit Karohemd und Cordhose, begraben.

 

Sinn des Lebens – sinnvolles Leben

Helmut Gollwitzer macht sich in seinem wichtigsten Werk Gedanken über den Sinn des Lebens und stellt damit auch die Frage nach einer sinnvollen Gestaltung des Lebens.

Der Buchtitel lautet: „Krummes Holz – aufrechter Gang.“

Krummes Holz nannte Immanuel Kant die Menschen. Aufrechter Gang ist das Bild Ernst Blochs für die noch nicht erreichte, noch zu gewinnende Bestimmung des Menschen.

Aufrechter Gang ist Leben in der Sinnesgewissheit. Krummes Holz bezweifelt den Sinn überhaupt. Gollwitzer stellt an den Anfang seines Buches die Leitfrage: Wie kommt krummes Holz, nämlich der am Sinn des Lebens Zweifelnde – zu aufrechtem Gang – zu einem sinnerfüllten Leben?

Es geht bei der Sinnfrage um mich selbst. Alle Menschen haben ein Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben. Sinn hat eine Funktion im Interessenzusammenhang, in Zielsetzungen. Die einzelne Handlung empfängt ihren Sinn aus diesem Zusammenhang, durch ihren Nutzen zum Erreichen eines oder mehrerer Ziele.

Sinn kann im unaufhörlichen Suchen nach Höhepunkten im Leben bestehen, nach Events, auch das Streben nach Geltung, nach Reichtum und Macht kann dazugehören. Manchmal bleibt nach dem Erreichen eines solchen Ziels ein schaler Nachgeschmack – wie der Kater nach einer alkoholreichen Party. Das kann doch nicht alles gewesen sein? Was kommt jetzt, was kommt danach? Das Leben geht irgendwie weiter, wir machen uns erneut auf die Sinnsuche.

Die Sinnfrage wird am drängendsten in einer Lage der Existenzbedrohung, also der Lebensgefahr, des drohenden eigenen Todes oder des Todes eines anderen, einem nahestehenden Menschen. Die Sinnfrage äußert sich dann als Klage, als Trauer, Jammer oder auch melancholischer Resignation. Es hat ja doch alles keinen Sinn?

Der Trost, mit dem die Klage beantwortet wird, muss ein neues „Wofür“ geben. Wofür lohnt es sich, weiterzuleben? Was Sinngebendes ist, muss es also mit dem Tode aufnehmen können.

Das ist das Motiv des Toten- und Gräberkultes: Wir erweisen den Gestorbenen die Wohltat des Nicht-Vergessenwerdens und uns selbst dabei die Wohltat, sie im Gedächtnis gegenwärtig zu haben. Sie leben in unserer Erinnerung weiter.

So wird das Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern weiter nachvollzogen mit der Aufforderung: „Dieses tut zu meinem Gedächtnis!“

Und eben dies ist die hoffende Gewissheit, die der biblische Glaube gewähren will: Der Ewige Gott gedenkt des Menschen, der Mensch lebt im Gedenken Gottes

Der Weg zu Gott ist der absolute Sinngrund, der von sich aus und durch sich selbst sinnhaft ist und allem anderen Sinn verleihen kann.

Der Auferstehungsglaube ist nicht die „Lösung“ des Todesproblems, aber: die Überwindung des Sterbens ist im Bereich menschlicher Möglichkeiten. Nicht ins bessere Jenseits, sondern an das Leben auf der Erde verweist uns die christliche Auferstehungshoffnung; verweist uns in eine Diesseitigkeit, in der die Erkenntnis des Todes und die Auferstehung immer gegenwärtig ist.

In der Aufforderung Jesu: „Folge mir nach!“ ist nicht nur die Bereitschaft zum Tragen des Kreuzes, zum Leiden enthalten, sondern auch der Blick auf Jesu Leben – auf die Nachfolge in der Nächstenliebe, in den eindrücklichen Aufforderungen der Bergpredigt, wie wir uns gegenüber unseren Mitmenschen verhalten sollen.

Umfragen haben bestätigt: Wir sind von der Anlage her auch soziale Wesen. Die meisten Menschen haben ein Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben durch sinnvolles Tun in der Gesellschaft, in Gemeinschaft.

Das Ja von mir zur Existenz des Anderen verhilft mir auch zur Bejahung meiner eigenen Existenz. Und umgekehrt: Ich empfange das Ja der anderen zu meiner Existenz und beantworte es. Sinn ist daher auch ein Beziehungsbegriff.

Wenn wir Lob und Zuspruch erfahren, sind wir dankbar. Die Leistung, mit der wir antworten, ist unser Dank dafür.

Jesus hat sich in seinen Gleichnissen häufig auf Vater-Kind-Verhältnisse bezogen. Kinder empfangen, ohne zunächst zu leisten. Ihr Dank ist ihre Leistung für gewährte Aufmerksamkeit. Wir sind Kinder Gottes, empfangen seine Gnade und können nur mit Dankbarkeit antworten. Das besagt auch der Bibelvers unseres Einladungsplakats:
„Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“

Gollwitzer zitiert in diesem Zusammenhang ein Wort Jesu: „Wenn ihr nicht die Gottesherrschaft empfangt wie die Kinder, werdet ihr nicht in sie gelangen.“

Vertrauend den Sinn annehmen, statt ihn erleisten zu wollen.

Daraus entsteht Freiheit: Wir stehen nicht permanent unter dem Zwang, für das Gottesreich leisten zu müssen. Katholische Werkgerechtigkeit wird von unserem lutherischen Verständnis her entschieden abgelehnt. Freiheit wie Sinn wie Glück ist immer Gnade.

Die Sinnfrage ist also letztlich die Gottesfrage. Im christlichen Glauben wird das Wort „Gott“ reserviert für eine Stimme, die in der Geschichte Israels und in der Erscheinung Jesu Christi gehört wird.  Wir sind Empfänger der Sinngebung, wenn wir Gottes Wort hören und schließlich anderen gegenüber bezeugen.

Überzeugen liegt nicht in unserer Hand. Bezeugen jedoch können wir am glaubwürdigsten, wenn wir Gottes Wort leben; im eigenen Leben zeigen, wie dadurch das in die Zukunft gehende Leben zur Hoffnung verändert wird. 

Jesus spricht in der Bergpredigt: „Was immer ihr von den Mitmenschen an guten Taten erwartet, das tut ihnen. Das ist das ganze Gesetz Gottes und die Botschaft der Propheten.“ (Matth. 7, V.12)

Das könnte die Sinnerfüllung in unserem Leben, unseres Lebens sein, das ist aufrechter Gang des gewesenen krummen Holzes, wie Helmut Gollwitzer es uns für unser Dasein empfiehlt.

Diese Art von Sinnerfüllung thematisiert auch das Lied Nr. 613, das wir jetzt singen werden.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Elisabeth von Thadden

Apostelandacht zu Elisabeth von Thadden, gehalten am 13. November 2011

Geboren wurde Elisabeth von Thadden als älteste von fünf Geschwistern am 31. Juli 1890 auf Schloss Mohrungen in Ostpreußen. Ihr Vater, Adolf von Thadden-Trieglaff, war zum Landrat gewählt worden. Die Geschwister wuchsen in christlich-protestantischem Geist auf dem Familiengut Trieglaff in Pommern auf. Betreut von Kindermädchen und unterrichtet von Hauslehrerinnen.

Man führte traditionell ein offenes Haus mit Gästen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Kreisen und war sozial engagiert

Elisabeth und ihre Schwestern besuchten das Viktoria-Internat in Baden-Baden, das schon ihre Mutter besucht hatte.

Nach dem frühen Tod der  Mutter musste Elisabeth sich  mit 19 Jahren in die wirtschaftliche Leitung des Gutes einarbeiten. Es forderte ihre ganze Kraft, sich in den vielfältigen Bereichen zurechtzufinden, mit Angestellten umzugehen. Mit der Aufgabe ihren Geschwistern Mutterersatz zu werden, war sie naturgemäß überfordert. Ihre Schwester Ehrengard schreibt später in einem Rückblick:

“ Sie war eine vorzügliche Gutsfrau, die in der Familie zuerst ein wenig Schrecken erregte, weil sie großzügig investierte. Erst allmählich sahen wir, dass sie nie verschwendete, sondern ein todsicheres Gefühl für Rentabilität besaß, und dass sie genau wusste, wo man Untergebenen scharf auf die Finger passen musste. Sie machte sich angesichts ihrer großen Jugend nicht immer beliebt, und wie sich zeigte, hatte die ganze Stellung auch für ihren inneren Menschen erhebliche Gefahren, aber ihr wirklich warmes  Herz für alle Bedürftigen kompensierte das meiste. Sie hat sich wirklich um das Dorf gekümmert, hat dafür gesorgt, dass die Arbeiterhäuser instand gesetzt wurden, sie besuchte die Kranken und kannte alle.“

Bis in die Zeit des 1. Weltkriegs organisierte sie mit dem Vater die „Trieglaffer Konferenzen“ – ein weit über die Pommerschen Grenzen hinaus bekannter geistiger Mittelpunkt, zu dem Persönlichkeiten  aus  Politik, Wissenschaft, Theologie eingeladen wurden. Elisabeth lernte dabei  Menschen kennen, die auf geistigem oder  sozialem Gebiet Bedeutung hatten.

1920 musste E. v. Th. das Familiengut Trieglaff verlassen. Der Vater hatte nach elf Witwerjahren noch einmal eine junge Frau geheiratet, und so wurde sie in der Stellung der Gutsherrin nicht mehr gebraucht. Bei all ihrem Verständnis für den Vater eine sehr bitter Erfahrung für  sie selbst, die zum  Bruch mit der Familie führte. Sie hatte ihre besten Jahre dem Vater gewidmet, ohne an eine eigene Ausbildung denken zu können. Sie schreibt an den Pfarrer Friedrich Siegmund-Schulze:

“Vater hat sich verlobt. Ich kann mich mit ihm über sein großes Glück freuen in Anbetracht meiner eigenen Unzulänglichkeit in dieser Beziehung. Aber an alles andere zu denken ist so schwer, dass man kaum wagt, daran zu rühren. Ewigkeit in die Zeit leuchte hell herein, dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine. Und schließlich ist ja Heimat, Familie, Arbeit, Tradition nur Diesseitigkeit. Und ‚wenn uns die Form zu Scherben geschlagen wird’, dann bleibt doch das Beste! Aber man wird frieren ohne diese Form, ohne das Trieglaffkleid!“

Elisabeth ging nach Berlin, wo Verwandte und Freunde lebten. Sie war 30 Jahre alt, hatte keine Berufsausbildung und bekam keine finanzielle Unterstützung von der Familie. Aber sie konnte auf die Erfahrungen einer Gutsherrin zurückblicken. Entschlossen begann sie, Möglichkeiten zum eigenen Lernen und fortbilden im pädagogischen Fach zu ergreifen. Die Forderungen von Helene Lange, einer bekannten Lehrerin und Pädagogin, die für gleichberechtigtes Lernen und Ausbilden bei Mädchen und Frauen eintrat, fanden ihr großes Interesse. Dann ergriff sie die Chance einer Kurzausbildung in einer Sozialschule, um die staatliche Anerkennung als Wohlfahrtspflegerin zu erlangen.

So fand sie Arbeit als Jugendleiterin und als Wirtschafterin in mehreren Einrichtungen zur Kindererholung und –erziehung. Bei einer Anstellung als Wirtschafterin im Schloss Internat Salem eignete sie sich Kenntnisse über moderner Internatsorganisation an und setzt sich mit der Reformpädagogik.

Elisabeth von Thadden hatte längst den Plan, sich mit einer eigenen konfessionellen Schule für Mädchen selbständig zu machen. Sie wollte Bodenständigkeit, Stetigkeit. Auch jetzt traf sie im festen Glauben auf Gottes Führung ihre Entscheidungen, auch im Bezug auf ihren weiteren Lebensweg.

1926  pachtete sie das Landgut Schloss Wieblingen bei Heidelberg. Mit nur 3.000 RM Startgeld.  Das kleine Schloss mit Nebengebäuden und einer Kapelle in einem Park mit altem Baumbestand ist wie geschaffen für ein Landerziehungsheim für  Mädchen.

Aus ihrem großen  Freundeskreis bekam sie Geldspenden. Es gab in Baden damals keine private konfessionelle Schule mehr, so verhandelte sie erfolgreich mit der Badischen Landeskirche und der Inneren Mission in Berlin um Dahrlehen für ihre Schulgründung. Mit ihrem Vater, Adolf von Thadden, und einem hinzugezogenen Rechtsanwalt gründete sie den Verein “Evangelisches Landerziehungsheim Schloss Wieblingen e. V.“

Ostern 1927 begann der Schulbetrieb mit 16 Schülerinnen, die zumeist  Töchter des gehoben Bürgertums und des Adels waren. Für die wissenschaftliche Leitung sowie die staatliche Anerkennung der Abschlüsse wurde ein Schulleiter eingestellt.

Im Unterschied zum Internat Salem ist es E. v. Th. ganz wichtig, Schule und Internat in einer bewusst evangelischen Geisteslinie zu führen. In Salem hatte ihr die christliche Grundhaltung, die ihr Leben prägte, gefehlt. Dort war das Christentum nur eine sinnvolle Religion, während für Elisabeth der Glaube Mittelpunkt und Halt in ihrem Leben bedeutete. Gemäß der bewährten Tradition ihrer preußischen Herkunft und deren Bindung an das Christentum war ihr oberster Leitgedanke die Erziehung zum ‚klaren evangelische Bewusstsein’ mit der Orientierung an der Bergpredigt. Dies wurde in täglichen Morgen- und Abendandachten, meistens von der Internatsleiterin selbst gestaltet, und mit der Gottesdienstpflicht an Sonntagen verwirklicht. Sie hatte bei der Gründung ihrer Schule darauf bestanden, dass für den Religions- u. Konfirmandenunterricht nur Pfarrer ihrer Wahl aufgenommen wurden. Deutschchristliches Gedankengut wollte sie auf keinen Fall an ihrer Schule dulden.

  1. v. T. hatte durchaus ein traditionelles, bürgerliches Frauen- und Familienbild und formulierte das in einem Erziehungsprogramm so:

“Die Schülerinnen sollen trotz aller Schwierigkeiten versuchen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, denn gerade die Erlebnisse und Erfahrungen, die ihnen im außerfamiliären Raum ein Berufsleben schenkt, könnte später der Familie zum Reichtum und Segen werden. …Wir wollen jedenfalls mit allem Nachdruck die Notwendigkeit einer sorgfältigen hauswirtschaftlichen, pädagogischen und pflegerischen Ausbildung betonen. ..Die hier zu erfüllenden Aufgaben bleiben eigentliches Ziel und letzter Sinn eines Frauenlebens. Ist diese Pflicht klar geworden, dann ist jedes willkürliche Leben ausgeschlossen. Dann haben alle Versuchungen, die an den Instinkt des Menschen appellieren, keine Befehlsgewalt mehr, weil man den Weg weiß, den das Gefühl der Verantwortung für alles was man denkt, lebt und tut, gehen muss.“

  1. begleitete jede einzelne ihrer Schülerinnen, bestärkte sie, ihre Begabungen herauszufinden. Sie wusste, das die Schülerinnen nur dort gut lernten, wo sie sich wohl und sicher fühlen konnten. E. entfaltete als Vorsteherin des Internats in Wieblingen ihre ganze Gestaltungs- und -schaffenskraft, um ihrem Ideal vom Umsorgen und Führen von Menschen auf ganz besondere Weise zu entsprechen.

1929 gingen die ‚Goldenen 20er’ mit der Weltwirtschaftskrise unter. Die politischen Gärungsprozesse hatten Straßenkämpfe in den Städten Deutschlands zur Folge. Die Verelendung der Bevölkerung durch hohe Arbeitslosigkeit ließ sich auch in den Straßen Heidelbergs nicht mehr übersehen. Eltern meldeten ihre Töchter aus wirtschaftlichen Gründen von der Schule ab. Ein Wirtschaftsgutachten bewog den Vorstand des Vereins den Mitarbeitern und der Leiterin des Landerziehungsheims vorsorgliche Kündigungen auszusprechen. Als 1933 die Nationalsozialisten  an die Macht kamen, begrüßte E. v. Th. das Neue mit viel Vertrauensvorschuss, hoffte auf Aufbauarbeit und Auswege aus der allgemeinen Not und Arbeitslosigkeit.

Nach dem Krieg schreibt Ehrengard, die jüngste Schwester Elisabeths:

„Mit warmer Anteilnahme verfolgt sie die Bemühungen, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, das Los der arbeitenden Schicht zu verbessern…. In uns Ostdeutschen, die wir durch Jahrhunderte hindurch im Luthertum und im preußischen Staat erzogen worden sind, steckt so viel Treue gegenüber der Obrigkeit, dass es zunächst einmal nahe lag, zu sagen: lass sie versuchen zu zeigen, was sie können. Meine Schwester war ganz besonders geneigt, mitzumachen  und zu helfen, wo anscheinend gute Arbeit angefangen wurde.“

Dann erreichen Elisabeth v. Th. die Nachrichten, dass Freunde  mit der Begründung ‚nicht arischer’ Herkunft zu sein, ihre Stellungen verloren haben.

Ihr väterlicher Freund Pfarrer Fr. Siegmund-Schulze wurde aus Deutschland ausgewiesen, geht in die Schweiz ins Exil.

Sie erfuhr von  Verhören auf Trieglaff und der Verhaftung ihres Bruders und ihrer Tante Hildegard v. Thadden, einer Stiftspröpstin in Altenburg.

Ihr Bruder, Reinold von Thadden-Trieglaff, Präses der Pommerschen Bekenntnissynode und Mitglied in der Bekennenden Kirche, war an der Denkschrift der Deutschen Evangelischen Kirche an A. H. beteiligt, die u. a. die Einhaltung der Menschenrechte einklagte.

Elisabeth von Thadden wurde eine vehemente Gegnerin der Nürnberger Rassengesetzgebung. In der „Judenfrage“ machte Elisabeth v. Th. keine Kompromisse. Sie ignorierte entsprechende Erlasse und nahm jüdische Kinder in ihrer Schule auf.

Sie konnte dann einer  Mutter sagen: “ Ihre Tochter ist sehr willkommen bei mir; es ist selbstverständlich, dass sie hier nicht isoliert sein wird … Sie helfen mir, meine Kinder zu aufgeschlossenen und verständnisvollen Menschen zu erziehen.“

Sie reduzierte in besonderen Fällen den Pensionspreis und hielt weiterhin zu ihren jüdischen Freunden. Sie umarmte eine ihr  bekannte Frau, die den gelben Stern trug, auf offener Straße, um ihr ihre Verbundenheit zu zeigen.

Nach der Scherbennacht  1938 war E. v. Th. außer sich vor Empörung, als sie von den Zerstörungen von Synagogen, Friedhöfen, den jüdischen Geschäften hörte und die Zerstörungen in Heidelberg und Mannheim sah.  Sie schrieb:

“ Ich habe nicht gedacht, dass es solche Folgen haben kann, wenn ein Volk aufgehetzt wird. Ich finde es schrecklich, dass sie Synagogen und Friedhöfe zerstören. Die religiösen Dinge eines Volkes, auch wenn es noch so gehasst wird, sollen einem unantastbar sein.“

1939 hatte der Krieg mit dem Überfall auf Polen begonnen und die Wehrmacht beschlagnahmte das Schloss als Erholungslazarett für Wehrmachtsangehörige. Und wegen befürchteter Kriegshandlungen an der nahen Grenze zu Frankreich fürchteten Eltern um ihre Töchter. Daraufhin beschloss die Leitung der Schule  den Umzug nach Tutzing in Bayern. Im Oktober 1940 geriet die Schule dann durch Denunziation einer Schülerin in das Blickfeld  von Sicherheitsdienst und Gestapo. Das Bayerische Kultusministerium drohte, die Schule wegen „staatsgefährdender Umtriebe“ zu schließen, weil im Gebäude kein Hitlerbild aufgehängt war und in den Andachten biblische – also Jüdische – Psalmen gelesen wurden.  Die persönlichen  Vorwürfe lauteten:

“Die Internatsleiterin, Frl. v. Thadden, ist im vollsten Sinne des Begriffes der leitende Geist ihres Töchterheims. Durch ihre allerorten bekannte Energie, durch ihre Geschäftstüchtigkeit und durch ihre Fähigkeit, nach allen Seiten Verbindungen aufrechtzuerhalten und Beziehungen anzuknüpfen oder auszuwerten, ist sie die treibende Kraft und gleichzeitig die eigentliche Verantwortliche des Landerziehungsheimes.“

Sie erkannte schnell, dass der Umzug nach Bayern eine Kurzschlusshandlung war, die sie zutiefst bedauerte. Und in der Hoffnung, in Wieblingen wegen des anerkannt guten Rufes der Schule nicht behelligt zu werden, zogen sie wieder zurück; 5 – 6 Waggons der Reichsbahn mussten wieder beladen werden.  Aber der ‚Krebs des Denunziantenwesens’ hatte bereits alle Fühler – auch nach Baden – ausgestreckt.

Im Mai 1941 kam von dem Badische Unterrichtsministerium die Mitteilung an die Schulleitung, dass ihr die Genehmigung zum Betrieb eines Landschulheimes entzogen würde,  ‚da das private Unterrichtsunternehmen nicht eine ausreichende Gewähr für eine nationalistisch ausgerichtete Erziehung der Jugendlichen biete.’

Für  E. v. Th. war besonders der Gedanke bedrückend, die ‚Kinder’ nicht mehr schützen zu können und einer staatlichen Schule dieses Staates überlassen zu müssen.

Mit Beginn der Sommerferien 1941 ging ihre Tätigkeit in Wieblingen zu Ende.

Ihre Schwester Ehrengrad berichtete vom letzten Tag:

 „Als wir alle damals noch einmal in die Wieblinger Schlosskapelle zogen, wurde, da kein Pfarrer zugegen war, der Bibeltext verlesen aus dem Johannesevangelium 15 und 16. Die letzten Worte lauteten:

‚Solches habe ich zu euch gesagt, dass ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden’.

Später im Rückblick empfand sie das erzwungene Ende ihrer Tätigkeit in Wieblingen, als Entwurzelung aus der vielgeliebten süddeutschen zweiten Heimat.  Auf tragische Weise wiederholte sich, was sie schon 20 Jahre zuvor bei ihrem Abschied vom Familiengut in Trieglaff erfahren hatte, den Verlust von Heimat und in diesem Fall den Verlust  ihres Lebenswerkes. Wieder  stand sie vor dem Nichts. Vom chronischen Kummer schreibt sie. Während einer Auszeit in den Bergen findet sie, die immer aktive, keine Ruhe.

In Berlin bezog sie eine kleine Wohnung im Souterrain des Hauses ihrer ehemaligen Lehrerin  Anna von Gierke in der Carmerstraße. Der Wieblinger Rechtsanwalt hatte für sie einen Ruhegehaltsvertrag ausgehandelt über 355 RM, mit dem sie gerade so existieren konnte.

Trotz Vorbehalten gegen die Organisation bemühte sich E. v. Th. um Mitarbeit im Dt. Roten Kreuz. Sie hoffte auf eine Leitungsfunktion in einem Soldatenheim. Diese Hoffnung sollte sich nie erfüllen.  Stattdessen begann eine Lebensphase der weiteren Demütigungen. Sie bekam einfache Tätigkeiten zugewiesen, wie Bücher sortieren und an Internierte und Gefangene verteilen. Sie musste sich als einfache Helferin in einem Soldatenheim einarbeiten .und wurde mit dem Versprechen, dort eine Heimleitung übernehmen zu können, nach Meaux bei Paris geschickt; aber in dem Soldatenerholungsheim gab es bereits eine junge Leiterin.

Und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

1943  reiste E. v. Th. während eines Urlaubs zurück in das graue Berlin; das Haus in der Carmerstraße war während der Bombardierungen der Stadt getroffen worden.

Aus Anlass des 50. Geburtstags ihrer Schwester Agnes-Marie tat Elisabeth das, was sie hervorragend konnte, sie organisierte ein Geburtstagsgesellschaft, beschaffte Kuchen und Schlagsahne und lud Gäste ein.  Aber sie lud auch einen ihr bis dahin fremden, gewandten Mann dazu ein, der mit einem Empfehlungsschreiben und Grüßen ihrer  Schweizer Freundin Bianca Segantini  E.’s  Vertrauen gewonnen hatte.

Die Gäste fühlten sich unter sich und besprachen die politisch aussichtslose Lage in Deutschland; über den Krieg, der nicht mehr zu gewinnen war und Beratungen über Hilfsmaßnahmen nach dem Krieg.

Die Gäste der Schwestern: Der frühere Gesandte Otto Kiep, Legationsrat Hilger van Scherpenberg, der frühere Staatssekretär Arthur Zarden, dessen Tochter Irmgard, Fanny von Kurowsky und Anna Rühle. Hanna Solf verspätete sich. Otto Kiep und Hanna Solf gehörten beide der Widerstandsbewegung an.

Am Tag danach wurde sehr schnell klar, dass die Gestapo mitgehört hatte, die Gesprächsinhalte weitergeleitet würden.  Otto Kiep dazu:“ Die geführten Gespräche waren absolut tödlich.“

In dieser bedrohlichen Situation boten Freunde Elisabeth an, sie in Sicherheit in die Schweiz zu bringen. Sie lehnt das aber aus Verantwortungsgefühl ab und macht sich schwere Vorwürfe, weil sie befreundete Menschen aus Leichtgläubigkeit in diese lebensgefährliche Situation gebracht hatte. In welcher Gefahr sie selbst sich befand, schien sie nicht zu erkennen. Weihnachten 1943 traf sie erneut im Soldatenheim Meaux in Frankreich ein.

Am Morgen des 13.01.44 wurde Elisabeth von Thadden wegen des  Verdachts  auf Hochverrat verhaftet.

Es folgten Tage und Nächte mit grausamen Verhören, zum Teil mit teuflischen SS-Leuten; und die Verlegung in verschiedene Untersuchungsgefängnisse. Später diktierte sie die Umstände ihrer Verhaftung dem Gefängnisfpfarrer Dr. Ohm:

„Ich wurde im Januar 1944 in Meaux in Frankreich um 8 Uhr morgens festgenommen. Im Auto wurde ich von M. nach Paris (Frauengefängnis von Fresnes) gebracht, dort verhört von 9 Uhr bis abends um 6 Uhr; nach einer Stunde Abendbrotzeit Fortsetzung des Verhörs während der ganzen Nacht. Im Laufe des nächsten Tages wurde die Verhaftung ausgesprochen. Es bestand mehrfach Fluchtmöglichkeit. Von dieser habe ich bewusst keinen Gebrauch gemacht, um meinen Bruder nicht zu gefährden. Dann wurde ich nach Berlin (Gefängnis Alexanderplatz) gebracht und erneut die ganze Nacht verhört. Die Schwere der Inquisition war ganz ungeheuerlich. Ich wurde gefragt nach der bekennenden Kirche und nach Una Sancta. Mir ist kein Wort entschlüpft, was andere belastet hätte. Das KZ Ravensbrück war schlimm. Mit der Aktion vom 20. 7. habe ich nichts zu tun gehabt, ich kenne keinen dieser Leute. Wir wollten soziale Hilfe leisten, in dem Augenblick, wo diese Hilfe Not tat. Dass dieser Augenblick kommen musste, war klar. Wir wollten barmherzige Samariter sein.“

Eine zutiefst furchtbare und erschreckende Erfahrung für E. v. Th. war es, als man im Frauengefängnis Ravensbrück sämtliche Gäste der Teegesellschaft  an ihr vorbeiführte.

Entsetzen darüber, dass sie mit ihrer Leichtgläubigkeit so viele Menschen ins Verderben gezogen hatte.

Eine der Frauen aus der Gesellschaft schreibt: „Elisabeth war  in Schwesterntracht, bleich, schlank, ernst. Wir durften nicht miteinander sprechen…Ich versuchte, sie immer aufmunternd und lieb anzuschauen – sie hatte ein so verzweifeltes Gesicht, so versteinert…“

Brief an Verwandte mit der Bitte um kleine Dinge des täglichen Lebens: Stopftwist, ihre Patiencen, Backobst.

  1. v. Th. hat diese Zeit der Untersuchungshaft nach Aussage von Mitgefangenen in tiefem Glauben und großer innerer Freiheit ertragen.

Die Kriminalbeamtin berichtete später den Angehörigen, dass sie mit E. v. Th. Nachts über Religion gesprochen habe „.. welch’ große und tiefe Gedanken hatte sie, und das Neue Testament kam ihr nicht aus der Hand.“ Diese Frau erhielt später von der SS einen strengen Verweis wegen „Gefangenenbegünstigung.“

Ausgesprochene  Zweifel am „Endsieg des Dritten Reiches“ wurden in der Regel mit dem Tod bestraft. E. v. Th.. war Juni 1944 in das Justizgefängnis Moabit in Berlin verlegt worden und am 1. Juli begann der Prozess im Volksgerichtshof unter dem berüchtigten Präsidenten R. Freisler.

Ihre Geschwister, die alle gekommen waren, sahen Elisabeth zum ersten Mal nach Monaten wieder, um Jahre gealtert. Aber sie erlebten sie als ungebrochenen, klaren, aufrechten Menschen.

In der Anklageschrift des Oberreichsanwalts Lautz heißt es u. a.:

„Ich klage an die Angeschuldigten Elisabeth von Thadden, Dr. Kiep und Johanna Solf, durch Wehrkraftzersetzung und durch Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens die Kriegsfeinde die Großdeutschen Reiches begünstigt zu haben.“

Sie verzichtete darauf, sich zu verteidigen, begründete aber diese Entscheidung und übernahm die gesamte Verantwortung für die Gespräche während der Teegesellschaft.

Ausführungen zur Begründung des Todesurteils:

“Fräulein von Thadden legte zwar besonderen Wert darauf, immer wieder zu betonen, dass sie für sich nur an soziale Zusammenarbeit gedacht hat. Etwa nach Art der früheren Quäkerspeisungen; offenbar ohne einzusehen, wie entwürdigend für uns als stolzes Volk solch Almosennehmen wäre …Die so dokumentierte Gefährlichkeit und die abgrundtiefe Gemeinheit der Verratsgesinnung sind denn auch die beiden leitenden Gesichtspunkte, unter denen man das Verhalten von Kiep und Fräulein von Thadden sehen und beurteilen muss… Dadurch haben sie beide sich für immer  ehrlos gemacht. Sie müssen deshalb mit dem Tod bestraft werden. Ein anderes Urteil wäre schon deshalb nicht nationalsozialistisch gewesen, weil es unserem Reich den notwendigen Schutz vorenthalten würde.“

 Eine Verwandte und Prozessbeobachterin  erinnerte sich wie folgt:

 „Um 21.45 Uhr … verkündete Präs. Freisler das Urteil… Elisabeth – Tod, Kiep – Tod, Scherpenberg  2 Jahre, Kurowsky und Zarden – frei. Ich muss einen Moment bewusstlos gewesen sein, denn als ich wieder zu mir kam,  waren  Freisler und sein Stab wie ein Spuk verschwunden, der Saal fast leer und E. und Kiep hatten im Rücken gefesselte Hände.“

Das Entsetzen und Lähmung der Geschwister und Verwandten.  Es  bezieht sich nicht nur auf das Urteil, sonder auch auf den menschenunwürdigen Verhandlungsstil und die menschenverachtende Begründung des Urteils.

Noch 10 weitere Wochen musste E. v. Th.  im Frauengefängnis Barnimstraße auf ihre Hinrichtung warten. Zur Hafterschwerung gehörte, dass sie ständig Eisenfesseln tragen musste, was sie kaum ertragen konnte. Geschwister und Verwandte durften Besuche machen. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. 7.  waren die Aussichten für den Erfolg eines Gnadengesuchs der Geschwister aussichtslos geworden.

Elisabeth begann mit aller Kraft gegen Selbstmitleid und Lethargie anzukämpfen. Sie lernte Gesangbuchlieder auswendig, Teile des Römerbriefes und die Bergpredigt. Später fand man in ihren persönlichen Dingen das Buch ‚Der Kreuzweg’ des katholischen Dichters Reinhold Schneider.

Zu dem Gefängnispfarrer Dr. Ohm entwickelte E. v. Th. Vertrauen. Er ermöglichte ihr, an den sonntäglichen Gottesdiensten teilzunehmen, was zum Tode Verurteilten sonst nicht gestattet war.  Er konnte Elisabeth auf ihr Ende vorbereiten, da er über den genauen Zeitpunkt schon einige Tage vorher unterrichtet war.

Am Todestag wurde Elisabeth mit anderen zum Tode verurteilten Frauen in einem Bus  zur Hinrichtungsstätte Plötzensee gefahren.  Eine Gefängnisbeamtin  Erna Jarius  war den ganzen Tag bei ihr  in ihrer Todeszelle bis zur Vollsteckung des Urteils. Sie berichtete später den Angehörigen, dass sie gemeinsam Psalmen und Lieder von Paul Gerhard sprachen.

Als der Gefängnispfarrer an diesem Tag den Todestrakt des Gefängnisses betreten wollte, hielten ihn Gestapo-Beamte plötzlich auf. Sie bewachten die Opfer des 20. Juli, die auch in diesem Teil des Gefängnisses auf ihrer Hinrichtung warten mussten. Und für sie durfte es keine seelsorgerliche Betreuung geben. E. Hinrichtung wurde um mehrer Stunden verschoben, da die Hinrichtung der Widerstandskämpfer des  20. Juli  „außerplanmäßig“  vorverlegt wurde.

  1. v. Th. diktierte dem Pfarrer noch Grüße an ehem. Schülerinnen und Mitarbeiter in Wieblingen. Der Gedanke, dass die Schülerinnen eines Tages diese Grüße bekommen würden, war ihr lieb und wertvoll.

wenige Stunde vor ihrer Hinrichtung schrieb E. einen Brief an ihre Geschwister:

‚Lobet den Herrn, oh meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen’

„Meine geliebten Geschwister, ‚Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.’ ‚Sterben ist mein Gewinn.’ Euch danke ich für eine ganze Welt von Liebe, die mich immer reicher gemacht hat. Aus dieser Liebe habe ich immer wieder Kraft und Hilfe gehabt für meine Arbeit, für meine Kinder, an die ich in den letzten Monaten viel noch gedacht habe.“

Um 13.45 Uhr nahm Elisabeth das Abendmahl ein, sie sagte dabei:

“Ich bereue aufs Tiefste, was ich durch Lieblosigkeit verpatzt habe. Dankbar bin ich für alle Güte, die ich erfuhr. Wie köstlich ist es: ‚Lobe den Herrn meine Seele, der dir alle Sünden vergibt.“

Dann wurde sie vorbereitet: die Haare wurden hoch gesteckt, ein Kleid mit weitem Halsausschnitt übergestreift und die Hände auf dem Rücken gefesselt…

Zwei Beamte führten sie in Begleitung des Pfarrers bis zur Tür des Hinrichtungssaales..

„Sie ging festen Schrittes ohne zu  Zittern  mit den Worten des Paul-Gerhardt-Liedes: Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unserer Not,

stärk unsre  Füß’ und Hände und lass bis in den Tod

uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein,

so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Am. 8. 9. 1944 wurde Elisabeth von Thadden in Berlin Plötzensee um 17.00 Uhr enthauptet.

Nicht sicher belegt werden kann, dass ein Arzt der Berliner Charité´ dafür  sorgte, dass der Leichnam der Familie zur Feuerbestattung übergeben wurde.

Sicher aber ist, dass die Urne am 03. 06. 1949 im Park der wieder eröffneten Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg-Wieblingen im Beisein von Pfarrer Hermann Maas, Verwandten und Freunden sowie Wieblinger  ehem. Schülerinnen  beigesetzt wurde.

Hannelore Bauer

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Apostelandacht am zu Albrecht Goes

Apostelandacht am zu Albrecht Goes, gehalten am 25. September 2011

„Jeder Tag ist ein neuer Versuch Gottes mit uns.“

Abrecht Goes wurde im Jahre 1908 im evangelischen Pfarrhaus in Langenbeutingen geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Nach dem frühen Tod seiner Mutter kam er 1915 zur Großmutter nach Berlin-Steglitz, wo er bis 1919 das Gymnasium besuchte.

Von 1922 bis 1926 besuchte er verschiedene theologische Seminare und legte das württembergische Saatsexamen ab.

Anschließend studierte er zunächst Germanistik und Geschichte, später Theologie in Tübingen und Berlin.

1930 wurde er in der Tuttlinger Stadtkirche von seinem Vater ordiniert und trat 1933 seine erste Pfarrstelle an. Im selben Jahr heiratete er und wurde in der folgenden Zeit Vater von 3 Töchtern.

Im Jahre 1938 übernahm er eine Pfarrstelle  in Gebersheim nahe Stuttgart.

1940 wurde er zur Wehrmacht einberufen, zum Funker ausgebildet und zunächst in Rumänien eingesetzt.

Nach einem Lehrgang zum Wehrmachtspfarrer war er von 1942 bis 1945 als Geistlicher in Lazaretten und Gefängnissen in Russland, Ungarn und Österreich tätig. In dieser Zeit vertrat ihn seine Frau Elisabeth in vielen Arbeitsfeldern in seiner Heimatgemeinde in Gebersheim. Gegen Ende des Krieges versteckte sie im Pfarrhaus etliche Juden und bewahrte sie damit vor der Deportation ins KZ. Sie wusste genau, dass sie sich und ihre drei Töchter damit in größte Gefahr brachte; tat es aber dennoch, weil ihre Nächstenliebe größer war als ihre Angst. Viele Gemeindeglieder wussten von den Versteckten und halfen ihr auch bei deren Versorgung. Niemand verriet sie an die Gestapo.

Nach dem Krieg war Albrecht Goes wieder Pfarrer in Gebersheim, bis er 1953 ausschied und von da an als freier Schriftsteller wirkte. Er predigte weiterhin zweimal im Monat bis zu seinem 65. Lebensjahr.

Außerdem engagierte er sich gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands, arbeitete dabei eng mit Gustav Heinemann zusammen.

Bereits 1932 erschien sein erster Gedichtband, 1934 der zweite.

In seiner Lyrik, aber auch im erzählerischen Werk blieb das kleine Dorf Gebersheim, die schwäbische Provinz unverwechselbar gegenwärtig. Er malt das dörfliche Leben mit kräftigen Farben aus: die bäuerliche Arbeit im Rhythmus der Jahreszeiten, die Sorge der Frau für Hof und Familie, den unaufhörlichen Wechsel von Geburt und Tod, aber ebenso die rustikal-beschwingte Heiterkeit des Alltags und das Zutrauen in die Wohlgeordnetheit des Daseins. Er beschreibt die typischen Tätigkeiten des Landpfarrers, zu der das regelmäßige Läuten der Kirchenglocken erklingt:

Komm in diesem Glockensegen,
Herr, uns allen du entgegen,
Dass wir geh’n in deiner Gnad,
Eh der finstre Abend naht.

Tu dein Licht zu unsren Händen,
Dass wir treu das Werk vollenden,
Bis du, der du ewig wachst,
Bei uns allen Abend machst.

1950 veröffentlichte er die Erzählung „Unruhige Nacht“, die ein Welterfolg wurde.

Er beschreibt darin die Ereignisse eines Abends und einer Nacht im Oktober 1942 in dem von den Deutschen besetzten Proskurow in der Ukraine. Der Ich-Erzähler wird als evangelischer „Kriegspfarrer“ der Wehrmacht von seinem Lazarettstandort Winniza nach Proskurow berufen, um den deutschen Soldaten Baranowski auf seine Hinrichtung vorzubereiten. Sie soll in den frühen Morgenstunden stattfinden. Baranowski war wegen Fahnenflucht kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt worden.

Es stellt sich heraus, dass der Leiter des Hinrichtungskommandos, Leutnant Ernst, ebenfalls ein Pfarrer ist. In der Nacht vor der Hinrichtung kommt es zu einer Begegnung zwischen dem Wehrmachtspfarrer und seinem Amtsbruder. Der ist in großer Gewissensnot:

„Lieber Herr Bruder…, was tun wir denn? Morgen früh soll ich sagen: Gebt Feuer! Sie haben den Delinquenten schön zurechtgeknetet, und ich gebe ihm dann vollends den Rest. Wir essen Hitlers Brot und singen Hitlers Lied.“

Der Wehrmachtspfarrer entgegnet:

„Sie bringen mich da in eine merkwürdige Lage. Oder nein: das Leben bringt mich in diese Lage. Ich soll Sie ermutigen, morgen früh zur Stelle zu sein. Ich soll Ihnen so etwas geben wie das gute Gewissen zu Ihrem argen Dienst. Was soll ich Ihnen sagen: wenn Sie, Bruder Ernst, es nicht tun, so hilft das dem Baranowski keinen Deut; der muss doch dran glauben, und Sie kostet’s das Offizierspatent oder mehr. Dürfen Sie das wollen? Im Effekt hieße das: ein menschlicher Offizier weniger in diesem düstren Krieg und ein unmenschlicher mehr; denn Ersatz, dass wissen Sie ja, Ersatz ist gleich gestellt, er ist billig wie Zuckerrüben. Oder soll ich Sie an einen gewissen Martin Luther erinnern, der schon vor vierhundert Jahren gefragt hat: ‚ob Kriegsleute in seligem Stand sein können’ und geantwortet hat: ‚Ja?“

Leutnant Ernst antwortet:

„Nun ja: Böses tun, um Böseres zu verhüten: ist es diese Melodie? Das Amt des Schwertes als das Amt der Ordnung. Aber was für eine Ordnung halten wir denn aufrecht mit unserem Krieg? Die Ordnung der Friedhöfe. Und den letzten Friedhof, den größten dann, den belegen wir selbst. Und wenn wir je doch übrigbleiben sollten, dann wird man uns fragen: Was habt Ihr getan? Und dann werden wir alle daherkommen und sagen: Wir, wir tragen keine Verantwortung, wir haben nur getan, was uns befohlen wurde. Ich sehe es schon im Geist, Herr Bruder, das ganze Heer der Beteuerer, der Händewäscher der Unschuld.“

Der Leser erhält damit Einblicke in die Doppelrolle des Militärgeistlichen, der einen zum Tode Verurteilten bis zur letzten Minute begleitet. Einerseits ist der Geistliche Seelsorger, spendet Trost und bereitet jemand im Auftrage Gottes auf das ewige Leben vor. Andererseits ist er Teil des militärischen Systems, handelt im Auftrag eines Wehrmachtsvorgesetzten und darf die Rechtmäßigkeit der Verurteilung und der Erschießung nicht in Frage stellen.

Die Reflexionen des Ich-Erzählers spiegeln diese Zerrissenheit wider und zeigen, dass man 1942 von den Verbrechen des NS-Regimes einschließlich der Judenverfolgung Kenntnis haben und sich nach dem Krieg nicht als unwissend herausreden konnte.

1954 erschien seine Erzählung „Das Brandopfer“. Sie thematisiert die Judenverfolgung während des Dritten Reichs anhand des Schicksals einer schlichten Frau namens Margarete Walker, die eine Metzgerei betreibt. Sie hat die Aufgabe bekommen, jeden Freitag von 13 bis 17 Uhr an die jüdischen Einwohner der Stadt Fleisch zu verkaufen. Während dieser Zeit dürfen andere Deutsche das Geschäft nicht betreten. Im Laufe der Zeit tauschen ihre jüdischen Kunden auf dem Einwickelpapier der Schlachterei Informationen aus, der Rabbiner betet im Laden mit den Anwesenden, was den Juden nicht mehr erlaubt ist.

Bei einem Bombenangriff bleibt sie in ihrem brennenden Haus, weil ja auch die jüdischen Menschen nicht das Recht haben, einen Luftschutzbunker aufzusuchen. Sie ist bereit, sich zu opfern. Nach einem Bombeneinschlag brennt das Haus, und ein jüdischer Kunde von ihr holt die Halbbewusstlose heraus und rettet sie.

Wir zitieren aus dem Schluss der Erzählung:

„Die Frage: ob da einer ist, der die furchtbare Schuld der Zeit aufrechnen könnte gegen das wilde Opfer einer Metzgersfrau, gegen diese Bereitschaft, die in den feurigen Ofen kriecht?

Aber der eine, der hier aufrechnen könnte, der wird sagen, dass ihm solche Opfer nicht gefallen, dass er nicht ‚Lust hat am Brandopfer’ und ‚am Fett der Gemästeten’ sondern am geängsteten Geist und am zerschlagenen Herzen. Und wir sagen – und das wird die Antwort sein: dass sie alle bewahrt sind zu anderem Dienst. In dem Brandmal freilich auf dem Gesicht der Frau soll es aufgerichtet bleiben, das Zeichen, und anders nicht zu lesen denn als ein Zeichen der Liebe, jener Liebe, welche die Welt erhält.“

Das in einfacher Sprache geschriebene Werk gilt bis heute als Beitrag zu Dialog und Versöhnung zwischen Juden und Christen. Albrecht Goes schildert hier wie auch in anderen Erzählungen unbekannte Helden, kleine Leute, die aber ihr Gewissen fragen, bevor sie etwas tun oder lassen. Mit alltäglichen Geschichten widerlegt er jene Schutzbehauptung, man habe von nichts gewusst, und wenn doch, nichts tun können.

Albrecht Goes erhielt 1978 dafür die Buber-Rosenzweig-Medaille.

Mit dem jüdischen Gelehrten Martin Buber verband ihn seit den 30er Jahren eine lebenslange Freundschaft. Als Martin Buber 1953 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hielt ihm Albrecht Goes die Festrede.

 

Für Albrecht Goes stand die bleibende Erwählung Israels außer Frage. Er hat nie daran gezweifelt, dass Israel Gottes erste Liebe ist. Die Zerstörung des Tempels, der damit verbundene Exilstatus der Juden dienten ihm nie zu christlicher Selbstvergewisserung. Im Gegenteil, er schreibt:
„Ich kenne die sinistre Leitlinie der Judenfeindlichkeit, die sich durchzieht von Marcion über Chrysosthomus, Papst Innozenz III, Luther bis zum Schandpunkt der ‚Deggendorfer Gnad’, ja bis in einige Untertöne des Oberammergauer Passionsspiels.“

Und an anderer Stelle:

„Es gibt Daten, die man nicht ausradieren soll aus dem Gedächtnis der Nation: 1. April 1933, 10. November 1938. Es gibt Städtenamen, die man nicht vergessen darf: Theresienstadt, Warschau, Cholm, Auschwitz. Wer dies nicht so sieht, mit dem reden wir nicht. Man kann über viele Dinge in der Welt verschiedener Meinung sein und man soll dann die verschiedenen Meinungen ruhig und sorgfältig gegeneinander abwägen. Hierüber aber ist – im Deutschland von heute – keine Auseinandersetzung möglich: Antisemitismus ist keine Meinung, noch weniger eine Haltung, sondern eine Pest.“

Auch in seinem lyrischen Werk geht er immer wieder auf die Verbrechen ein, die von deutschen Menschen am europäischen Judentum begangen wurden.

Als Journalist arbeitete er u.a. auch für den Süddeutschen Rundfunk und schrieb Essays und literarische Portraits.

Er konzentriert - verdichtet – Wesentliches in wenige Sätze, so z.B. in seinem Gedicht Sieben Leben:

Sieben Leben möchte ich haben:
Eins dem Geiste ganz ergeben,

So dem Zeichen, so der Schrift.

Eins den Wäldern, den Gestirnen

Angelobt, dem großen Schweigen.

Nackt am Meer zu liegen eines,

Jetzt im weißen Schaum der Wellen,

Jetzt im Sand, im Dünengrase.

Eins für Mozart, für die milden,

Für die wilden Spiele eines.

Und für alles Erdenherzleid

Eines ganz, und ich habe –

Sieben Leben möchte ich haben! –

Hab ein einzig Leben nur.

Albrecht Goes hat seine Predigttätigkeit bis ins 65. Lebensjahr ausgeübt. Sie ist so sehr Bestandteil seines Lebenswerks, dass man ihn mit dem Titel eines „Dichterpfarrers“ etikettiert hat. Drei Predigtbände gehören zu seinem Gesamtwerk

Mit seinen Predigten möchte er die Menschen zum Hören des Wortes Gottes anleiten. Gottes Wort ist eine individuelle Lebensweisung, die auch die Korrektur eines falschen Lebenswegs einschließt. Wahre Freiheit fällt ineins mit jener Abhängigkeit von Gott, in der ein Mensch der Weisung Gottes für sein eigenes Leben gehorcht. Kommt es dazu, dass ein Mensch den Auftrag der Stunde als einen gottgegebenen Auftrag versteht, und zur Stelle ist, dann wird er auf den Weg geschickt.

Goes benutzt die Sprachbilder der Stunde, des Weges, der Straße und des Gehens für das Leben des von Gott in Anspruch genommenen Menschen. Der glaubende Mensch begreift sein Leben als das „ernste Glück“ eines ihm so und nicht anders gewiesenen individuellen Lebenswegs.

In diesem Sinne ist auch der von uns gewählte Spruch Albrecht Goes’ zu lesen: „Jeder Tag ist ein neuer Versuch Gottes mit uns“.

Gott ruft den Menschen in die Freiheit des Dienstes. Dies führt nicht zur Selbstentfremdung. Im Gegenteil: Erst im freien Dienst am Nächsten, der eine Antwort auf die Anrede Gottes ist, kommt der Mensch zu sich selbst und wird mit Leib und Seele ein ganzer Mensch. Immer wieder zitiert er eine Wendung Martin Bubers: „Du sollst dich nicht vorenthalten.“ Das gilt sowohl für die unmittelbare Umgebung eines Menschen als auch für den politischen Bereich.

Das Geheimnis des Segens Gottes ist nicht der vorzeigbare Erfolg im Sinne von Glück und materiellem Wohlstand. Das Geheimnis ist die Kraft der göttlichen Gegenwart, die dazu ermächtigt, unser Los als Gotteslos anzunehmen. Er predigt:

„So kann ein Mensch als ein Glückskind alle Türen dieser Welt aufschließen und alle Schätze einheimsen – und doch ist der Segen nicht über ihm,
und ein anderer liegt krebskrank und menschenverlassen im Hinterhaus und liegt doch nicht, wie der Unmut denkt, an einem ‚gottverlassenen Platz’, sondern nahe bei Gott, im Segen mitteninne und Frieden.“

Gesegnet ist derjenige Mensch, der sein in vieler Hinsicht unbegreifliches Leben als ein von Gott bejahtes Leben getrosten Mutes selbst zu bejahen vermag.

Und eine wesentliche Bestimmung der Predigt ist der Trost. Trost kann eine Predigt nach Goes nur vermitteln, wenn die Sorge des Predigers dem einzelnen Menschen gilt. Goes warnt davor, „den Menschen nur mehr zu verstehen als ein Stück Gesellschaft, ihn billig wie Kopfsalat an die Soziologie zu verkaufen, so dass man jede Betrachtung des Menschen als einer unverwechselbaren Einzelperson geringschätzt.“

Für Albrecht Goes war es wichtig, Leser im Westen und im Osten Deutschlands zu haben.

In der DDR sind seit 1955 die bedeutendsten belletristischen Werke von Albrecht Goes erschienen, und er wurde dort viel gelesen. Den Menschen dort waren seine Texte wichtig, weil in ihnen auf eine sonst in der DDR nicht bekannte Weise das jüdische Schicksal im 20. Jahrhundert zur Sprache kam. Die geistliche Dimension der Begegnung von Juden und Deutschen während des Dritten Reichs und danach wurde bei Albrecht Goes besprochen und gestaltet. Er wurde auch zu Lesungen in die DDR eingeladen, meist von evangelischen Kirchengemeinden.

Nach der Maueröffnung 1989 setzte er sich dafür ein, dass die PDS, die Partei des Demokratischen Sozialismus, am politischen Prozess beteiligt würde. So sehr er gegen die alte SED-Herrschaft war, forderte er nun eine Teilhabe der PDS. Das schien für ihn der angemessene Weg zu einem geeinten Deutschland zu sein.

Im Bewusstsein tiefer Verantwortung hat sich Albrecht Goes der Versöhnung zwischen Juden und Deutschen gestellt; und mit großem Ernst, verbunden mit Heiterkeit und Souveränität, hat er darauf bestanden, zwischen Ost und West zu vermitteln, hat er allen rassistischen, ideologischen und religiösen Verteufelungen, Verleumdungen und Verdächtigungen widerstanden und in jedem Menschen, auch in dem ihm feindlich Gesonnenen, im Fremden, Schwestern und Brüder gesehen.

Hochbetagt starb Albrecht Goes am 23. Februar 2000  und wurde in Stuttgart bestattet.

Eines seiner Gedichte ist auch seine Grabinschrift:
Mein bist du,

spricht der Tod

und will groß Meister sein.

Mir aber hat der Herr versprochen:
Du bist mein.

Sein Anliegen als Theologe und Prediger, als Vater und Sohn und als Erzähler fand er in den Kirchenliedversen von Paul Gerhardt am schönsten ausgedrückt. Und so veröffentlichte er anlässlich des 300. Todestags von Paul Gerhardt 1976 ein Buch mit dessen Liedern und beschrieb darin auch seine Erfahrungen mit den Texten dieses Dichters:
„In Einzelerfahrungen wollte ich mir bestätigen, was ich summarisch wusste seit eh und je: dreihundert Jahre sind mehr Zeit als unser Sinn sich erdenken kann. Aber wenn wir an die Lieder des Paul Gerhardt geraten, dann sind diese drei Jahrhunderte, als wären sie nicht. Die Griechen hatten ihren Homer. Die Italiener hatten, ihren Dante. Wir – haben wir so Goethe, Mörike, das Volkslied aus des ‚Knaben Wunderhorn’? Doch wohl nicht. Aber ‚Die güldne Sonne’, ‚Befiehl du deine Wege’, ‚Wir gehen dahin und wandern’: diese Strophen, entstanden am Ende des Dreißigjährigen Krieges, so viele Kriege überdauernd, sie sind, so dünkt uns, entnommen der vergehenden Zeit. Wir mögen den Wandel der Kirch-, Welt- und Geistesgeschichte bedenken; das kam und ging, das kommt und geht. Gerhardt war da und blieb da.“

3 Strophen seines Lieblingslieds singen wir gleich: „Ich hab in Gottes Herz und Sinn“. Es ist das einzige Gerhardtlied, das Johann Sebastian Bach für eine Choralkantate verwendet hat.

Hören wir dazu noch einmal Albrecht Goes:

„Alles, was ich als ein vom Vers Getroffener und nach dem Gedicht Verlangender, als Leiden und Freuden Erlebender Paul Gerhardt schulde – in den zwölf Strophen dieses Liedes finde ich seine Gaben ‚als in der Summa’. Dieses Lied wird uns nicht im Stich lassen, zu keiner Stunde. Man kann mit ihm leben – und sterben.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Roger Schutz

Apostelandacht zu Roger Schutz, gehalten am 29. Mai 2011

Der Name Taizé ist weltweit bekannt. Die „Gesänge von Taizé“ auf dem burgundischen Hügel ziehen Zehntausende Jugendliche aller Nationalitäten an. Taizé fasziniert. Menschen in Kirche und Gesellschaft spüren sein Geheimnis, das Geheimnis seines Erfolgs und seines charismatischen Gründers. Wer war dieser Mann?

Roger Schutz wurde am 12. Mai 1915 in der Nähe von Neuchâtel in der Schweiz geboren. Er war der Jüngste einer glücklichen Familie mit neun Geschwistern. Sein Vater war reformierter Pastor und gab seinen Kindern von Anfang an eine religiöse Prägung. Roger erinnerte sich, dass er von früher Kindheit an lernte, über konfessionelle Grenzen hinwegzuschauen. Von Zeit zu Zeit ging sein Vater zum Beten in eine katholische Kirche, was für einen reformierten Geistlichen sicher ungewöhnlich war. Als Roger dreizehn Jahre alt war, wechselte sein Vater die Pfarrstelle. Um seinem Sohn weiterhin eine gute Schulbildung zu ermöglichen, gaben sie ihn in Logis zu einer armen katholischen Witwe. Roger schrieb später, dass er in dieser Zeit umgeben war von lebendigem katholischem Glauben. Die Unduldsamkeit sowohl der Protestanten als auch der Katholiken stießen ihn ab. Schon als Schüler interessierte sich Roger stark für das mönchische Leben. Roger schrieb:

„Ein echtes Mönchsleben, durchdrungen vom Geist der Erneuerung, birgt in sich die einzigartige Kraft, einer besonderen Berufung in der Kirche nachzugehen.“

Mit zwanzig entschloss er sich, Theologie zu studieren. Vier Jahre verbrachte er an den Universitäten Lausanne und Straßburg.

Im Jahre 1939 gründete er eine Gruppe zum Studium von Glaubensfragen. Ein Jahr später erwuchs daraus eine Art Orden, der sich Grande Communauté nannte. Die Gruppe bestand aus 20 Studenten, die versuchten, ihren christlichen Kommilitonen durch Gebet und Arbeit aus ihrer Vereinsamung und zu einem gemeinsamen Lebenszweck zu helfen.

Sie veranstalteten Einkehrtage „um viel mit Gott und wenig mit seinen Geschöpfen zu sprechen.“ Meditation, Gewissenserforschung und Beichte gehörten dazu.

1940 entschloss er sich, ein Haus zu kaufen, wo seine Gruppe beten und studieren und gleichzeitig in einem vom menschlichen Leid gezeichneten Gebiet leben konnte.

Er wählte ein solches Gebiet im damaligen von Deutschen unbesetzten Frankreich. Der Krieg hatte dort großen Schaden angerichtet, und dahin strömten Juden und andere Flüchtlinge, um von da aus Sicherheit in der neutralen Schweiz zu suchen.

Roger Schutz fand in Burgund nahe den Ruinen des mittelalterlichen Klosters Cluny in einem Dorf Taizé ein geeignetes Haus und kaufte es.

Im Dezember 1940 konnte die Grande Communauté ihre erste Zusammenkunft im neuen Quartier halten, das sie damals „Haus von Cluny“ nannten.

Ständig klopften Flüchtlinge an seine Tür, und er nahm sie auf und kümmerte sich um sie. Um den Unterhalt für sich und seine Gäste zu besorgen, bebaute er ein Stück angrenzenden Landes und melkte die einzige Kuh. Dreimal täglich zog er sich zu Gebet und Betrachtung in ein Zimmer zurück, das er in eine Kapelle verwandelt hatte. Während dieser Zeit verfasste er eine Schrift, in der er kurz sein mönchisches Ideal beschreibt.

„Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe von Gottes Wort ihr Leben empfangen; wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben; lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Einfalt und Barmherzigkeit.“

Obwohl das Haus mehrere Male durchsucht und Roger von der Gestapo verwarnt wurde, blieb er bis 1942 in Taizé. Dann floh er selbst vor den Nazis in die Schweiz.

Zusammen mit Freunden lebte er in Genf und betete jeden Morgen und jeden Abend in einer Seitenkapelle der Kathedrale.

Inspiriert durch Schriften Franz von Assisis, verpflichtete sich die Gruppe zu Ehelosigkeit und Gütergemeinschaft.

Roger Schutz verfasste in dieser Zeit eine Dissertation mit dem Titel „Das Ideal des monastischen Lebens bis zur Zeit des heiligen Benedikt und seine Übereinstimmung mit dem Evangelium“. Trotz eines gewissen Widerstands aus protestantischen Kreisen gegen seine Dissertation wurde er 1943 zum Pastor ordiniert.

Gegen Ende des Krieges kehrte er mit seiner Gruppe nach Taizé zurück. Der Terror der deutschen Besatzung war dem Hass der französischen Bevölkerung auf die deutschen Kriegsgefangenen in einem Lager in der Nähe des Dorfes gewichen. Die Brüder von Taizé versuchten erneut, Versöhnung zu stiften. Sie besuchten die Gefangenen und teilten ihre geringe Nahrung mit ihnen.

Gleichzeitig betrieb die Gemeinschaft Landwirtschaft, um sich ohne Spenden wirtschaftlich zu unterhalten. Sie waren gastfreundlich zu Priestern, Mönchen, evangelischen Theologen und anderen, die neugierig waren, „Mönche des 20. Jahrhunderts“ aus der Nähe zu sehen.

Bald wurde ihr Haus zu klein und sie durften für ihre Andachten die kleine Dorfkirche benutzen.

Zu Ostern 1949 legten alle 7 dort lebenden Brüder die traditionellen Mönchsgelübde ab. Sie verpflichteten sich auf Lebenszeit zu Ehelosigkeit, Gütergemeinschaft und Annahme einer Autorität, verkörpert in der Gestalt des Priors Roger. Dadurch wurde zum ersten Mal das jahrhundertealte mönchische Ideal in einer Kirche der Reformation verwirklicht.

Frère Roger beschreibt es so:

„Wir haben immer versucht, uns nicht von den Erfahrungen anderer beeinflussen zu lassen. Wir wollten ganz neu anfangen und alles ganz neu erfahren. Dennoch aber wurde uns eines Tages klar, dass wir unserer Berufung nicht treu bleiben konnten, wenn wir uns nicht zu Gütergemeinschaft, zu Annahme von Autorität und zu Ehelosigkeit verpflichteten.“

Im selben Jahr reiste Roger mit einem seiner Brüder nach Rom, um Papst Pius XII. aufzusuchen. Sie setzten sich für engere Beziehungen zwischen den Kirchen ein, waren aber insgesamt gesehen erfolglos. In den frühen fünfziger Jahren stieg die Zahl der Brüder beständig.

Die Bruderschaft von Taizé sandte jetzt auch Mitglieder ihrer Gemeinschaft in andere Gegenden aus, z. B. als Krankenpfleger in das vom Krieg verwüstete Algerien, als Hafenarbeiter nach Marseille und als Sozialarbeiter in die Gettos von Chicago.

Der neu gewählte Papst Johannes’ XXIII. lud Frère Roger nach Rom zu einer Audienz ein.

Frère Roger erinnerte sich:

„Diese Audienz gab unsern ökumenischen Bemühungen neuen Ansporn. Von da an hatte Papst Johannes einen unerwarteten Einfluss auf uns und ließ, ohne es zu wissen, einen kleinen Frühling für Taizé aufblühen.“

Zum zweiten Vatikanischen Konzil im Jahre 1962 wurden Frère Roger und ein weiterer Bruder eingeladen, an den Sitzungen als Gäste teilzunehmen.

Mittlerweile war die Dorfkirche zu klein geworden für die großen Besucherscharen. Hilfe kam von der deutschen „Aktion Sühnezeichen“, die den Bau einer neuen, größeren Kirche finanzierte und mit Freiwilligen durchführte. Zu den Einweihungsfeierlichkeiten im August 1962 kamen viele christliche Würdenträger aus allen Konfessionen und allen Teilen der Welt.

Zeitungen in aller Welt veröffentlichten Artikel und machten Taizé überall bekannt. Besonders das tägliche Gebet der Brüder zog die Menschen an.

In Reformationskreisen wurde es mit gemischten Gefühlen betrachtet. Sie sahen ihre Befürchtungen bestätigt, dass Rom durch die Hintertür in die protestantischen Kirchen eindringe.

Mit den Bauern in der Umgebung gründeten die Brüder eine Genossenschaft, um ihre Produkte gemeinsam zu verarbeiten und zu verkaufen.

Frère Roger erklärte:

„Wir haben diese Art der Kooperation gewählt, weil wir überzeugt sind, dass Gütergemeinschaft nicht nur für uns wichtig ist, sondern auch für Laien. Unser Gemeinschaftsleben entbindet uns nicht von der Notwendigkeit, unser tägliches Brot zu verdienen. Im Gegenteil, es ist nicht nur unsere Pflicht, uns selbst durch unsere Arbeit zu ernähren, sondern auch andere zu unterstützen und damit auch auf nichtspirituelle Weise an der Ökumene, das heißt an der Gemeinschaft aller Menschen auf der ganzen Erde, teilzunehmen.“

Frère Roger und andere Brüder nahmen in diesen Jahren an allen Sessionen des II. Vatikanischen Konzils teil, das eine innere Reform der katholischen Kirche und die Einheit der Christen zum Ziel hatte. Einerseits führten die dort gewonnenen Eindrücke dazu, dass seine Theologie noch „katholischer“ wurde; andererseits war er nach dem Ende des Konzils von dessen Ergebnissen hinsichtlich einer Einheit der Christenheit so enttäuscht, das in er eine psychische Krise erlebte.

Für die Arbeit Taizés ergaben sich für die Folgezeit einige spürbare Änderungen:

1969 war die Gemeinschaft so ökumenisch geworden, dass zu ihr Brüder reformierter, lutherischer und anglikanischer Herkunft gehörten. Jetzt wurden auch römisch-katholische Christen aufgenommen, um zumindest in Taizè selbst die Einheit zu verwirklichen.

Und Frère Roger nahm Stellung zum Papsttum. Darin sagt er, dass jede Gemeinschaft und daher auch die universale Kirche einen Hirten braucht, um Gemeinschaft zwischen allen zu fördern, aber er fügte hinzu, dass dieser Hirte von den Nichtkatholiken nicht verlangen könnte, ihre Väter zu verleugnen. Und wörtlich:

„Warum sollte der Papst nicht Männer und Frauen als ‚katholisch’ erklären, die einen Glauben leben, der wahrhaft universal und ökumenisch ist, ohne gleichzeitig von ihnen zu erwarten, dass sie evangelische Werte aufgeben, die ihre Überlieferungen ihnen geschenkt haben? Er allein besitzt die Macht, zu erklären, dass alle, die einen und denselben wesentlichen Glauben haben, ‚von der Kirche’ sind. Mit der ‚Gewalt der Friedfertigen’ wagen wir, einen solchen Akt des Mutes zu fordern.“

 

Ab Mitte der sechziger Jahre konzentrierte sich die Arbeit Taizés auf die christliche Jugend der Welt. Im September 1965 fand ein erstes „Internationales Jugendtreffen“ in Taizé statt, dem jährlich weitere Treffen folgten.

Ostern 1970 beschloss eine Versammlung von Jugendlichen aus allen Kontinenten:

„Wir haben gesehen, dass sehr viele nach Gott verlangen. Zugleich wollen sie sich entschieden für das Vorankommen im Dienst der Menschen einsetzen. Viele erwarten einen Aufbruch, unbelastet von Konventionen, in dem sie sich so weit wie nur möglich für Christus engagieren; einen Aufbruch, der ihre Energien freisetzt und sie dynamisch und schöpferisch macht, damit die Erde bewohnbar werde. So kann sich die von Hass geprägte Gewalt noch in eine ‚Gewalt des Friedens’ verwandeln. Da wir nach einer Antwort auf die Hoffnung vieler suchen, haben wir uns an die ersten Christen erinnert. Im Anfang ‚hatten sie alles gemeinsam; sie waren ein Herz und eine Seele.’ Jedermann konnte sehen, wie sie in brüderlicher Einmütigkeit lebten.“

Frère Roger entwickelte die Idee eines „Konzils der Jugend“. So versammelten sich Ostern 1972 etwa 16.000 Besucher aus mehr als 80 Ländern in Taizé. Daraus entstanden kleine Gruppen in allen Teilen der Welt, die wenigstens dreimal in der Woche zu gemeinsamem Gebet zusammenkamen und jeden Tag versuchten im Geist der Seligpreisungen, in Freude, Einfalt und Barmherzigkeit zu leben. Sie fügten sich soweit wie möglich in das Leben ihrer jeweiligen Ortskirche ein.

„Briefe aus Taizé“ wurden damals vierteljährlich in zehn verschiedenen Sprachen veröffentlicht und an etwa 100.000 Leute in 130 Ländern verschickt. In ihnen wurden alle wesentlichen Gedanken für das „Konzil der Jugend“ diskutiert und bewertet.

Im Sommer des Jahres 1974 wurde das Konzil eröffnet. Es brachte mehr als 40.000 Menschen aus so gut wie jedem Land der Erde in ein kleines bisher fast unbekanntes Dorf. Sie campierten in Zelten und feierten mit Fère Roger und vielen kirchlichen Würdenträgern beeindruckende Gottesdienste, über die in aller Welt berichtet wurde. Höhepunkt war die Verkündigung eines Briefes, den Frère Roger mit Jugendlichen aus allen Kontinenten verfasst hatte, einem „Brief an das Volk Gottes“. Darin heißt es:

„Wir sind auf einer Erde geboren, die für die Mehrzahl der Menschen nicht bewohnbar ist. Durch eine unerträglich privilegierte Minderheit wird ein großer Teil der Menschheit ausgebeutet. Zahlreich sind die Polizeiregime, die die Mächtigen schützen. Multinationale Konzerne schreiben ihre Gesetze vor und setzen sie durch. Profit und Geld regieren. Wer die Macht hat, hört fast nie auf die Stimme der Stimmlosen.“

Auch zahlreiche Kirchen, stellt der Brief fest, würden überwacht und verfolgt.

„Einige unter ihnen geben den Beweis, dass die Kirche, wenn sie an kein politisches Regime gebunden ist, weder Machtmittel noch Reichtum besitzt, eine Neugeburt erfährt, befreiende Kraft für die Menschen wird und damit Gott widerspiegeln kann.“

Ein anderer Teil des Volkes Gottes verbünde sich mit System der Ungleichheit.

„Sowohl Christen auf individueller Basis als viele Institutionen der Kirche haben ihre Besitzungen als Kapital angelegt und ungeheure Reichtümer an Geld, Boden, Gebäuden und Aktien angehäuft. Viele stellen fest, dass das Leben immer mehr aus der Kirche schwindet, die Institutionen jedoch im Leerlauf weiterarbeiten. Ihr Wort verliert seine Glaubwürdigkeit.“

Der Brief fragt dann die Kirche:

„Kirche, was sagst du von deiner Zukunft? Wirst du auf die Mittel der Macht und die Vorteile der Kompromisse mit der politischen und finanziellen Macht verzichten? Wirst du die Privilegien aufgeben und dich weigern, Kapital anzulegen? Wirst du endlich die ‚universelle Gemeinschaft’ werden? Wirst du das ‚Volk der Seligpreisungen’ werden, ohne andere Sicherheit als Christus: ein armes Volk, das kontemplativ lebt und Frieden schafft, das Träger der Freude und eines befreienden Festes für die Menschen ist, auf die Gefahr hin, dass du verfolgt wirst um der Gerechtigkeit willen. Da wir zu diesem Volk dazugehören, wissen wir, dass wir nichts Weitgehenderes von anderen verlangen können, wenn wir nicht selbst alles für das Ganze riskieren. Wir werden es wagen, alles im Voraus selbst zu leben, was wir verlangen.“

Das „Konzil der Jugend“ traf auf ein so starkes Echo, dass es in der Folge die „Europäischen Jugendtreffen“ und einen „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ hervorbrachte. Zehntausende Jugendliche versammelten sich seitdem jeweils am Jahresende um Frère Roger in Paris, Barcelona, Warschau, Prag und vielen anderen Städten. Seit den späten 80er Jahren, nach dem Ende der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa, trug Taizé maßgeblich dazu bei, die jungen Europäer aus Ost und West zu versöhnen.

1974 wurde Frère Roger auch der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen.

In seiner Ansprache beim Empfang des Friedenspreises sagte Frère Roger in der Frankfurter Paulskirche:

„Wenn ich versuche, alles in den jungen Menschen von heute zu verstehen, entdecke ich hinter ganz unterschiedlicher Ausdrucksweise eine leidenschaftliche Suche nach Kommunikation. Für Christen bedeutet diese Kommunikation Kommunion. Die Jugendlichen von heute wünschen sie mit Menschen aus den verschiedensten Kulturen und Rassen. Viele Jugendliche haben begriffen, dass Gemeinschaft mit den Ärmsten der Welt zugleich Beteiligung am Kampf der Welt zur Überwindung des Elends bedeutet.“

Im November 1977 wurde das Konzil der Jugend in Wien abgehalten. Etwa 2.000 Teilnehmer feierten im Stephansdom mit Frère Roger einen Gottesdienst. Er sagte:
„In dieser Welt voller Misstrauen müssen wir wieder den Frieden zurückbringen, wir müssen Schranken und Vorurteile durchbrechen, mit den anderen teilen statt Besitztümer ansammeln, Christus folgen, ohne die zu verurteilen, die es nicht tun.“

Anschließend reiste Frère Roger nach Hongkong, Er begründete dies:
„Wenn wir wieder nach Asien reisen, geschieht das, um das Miteinanderteilen noch besser zu verstehen. Unsere Reise an die Grenze von China bedeutet, dass wir uns auf eine der Hauptgrenzen stellen, die die Menschheit zerreißen. Wir werden dort versuchen, ein Wort herauszuhören, das Gott an uns richtet durch die Ärmsten, in deren Vierteln wir leben werden, und durch alle, denen wir begegnen.“

Weitere Reisen führten Frère Roger in den folgenden Jahren auch in viele Länder Lateinamerikas und Afrikas.

Im Oktober 1986 kam Papst Johannes Paul II. auf seiner dritten Frankreichreise für einen kurzen Zwischenhalt nach Taizé. Er würdigte die Arbeit der Brüder:

„De Papst ist nur vorübergehend hier. Doch man kommt nach Taizé wie an den Rand einer Quelle. Der Reisende hält ein, löscht seinen Durst und setzt den Weg fort.“

Lange Zeit war es fast unmöglich, größere Treffen von Jugendlichen in einem Land des Ostblocks durchzuführen. Erst im Frühjahr 1989 fand ein größeres Treffen in Ungarn statt, nachdem 6 Jahre zuvor ein solches Treffen in Budapest noch verhindert worden war.

Frère Roger griff jetzt ein Wort Johannes XXIII. auf: „Wir werden nicht herauszufinden suchen, wer recht und wer unrecht gehabt hat. Wir sagen einfach: Versöhnen wir uns.“

Und er kündigte an, dass das Europäische Jugendtreffen am Jahreswechsel zum ersten Mal in einem Land Mittel- und Osteuropas stattfinden werde: In Polen, in der Stadt Breslau. Dort trafen sich dann 50.000 Teilnehmer, vorwiegend aus dem Ostblock.

In den folgenden Jahren nahm die Zahl der jugendlichen Besucher in Taizé nochmals deutlich zu, weil die Länder des europäischen Ostens die Reise gestatteten.

Im April 2005 nahm Frère Roger am Beerdigungsgottesdienst für Papst Johannes Paul II. teil.

Bald ging ein Foto um die Welt, das bei vielen Erstaunen hervorrief: Frère Roger empfängt im Rollstuhl aus den Händen Kardinal Ratzingers die Kommunion. In der Öffentlichkeit wurde vermutet, er sei katholisch geworden. Der Vatikan antwortete offiziell:
„1. Die Zulassung von Frère Roger zur heiligen Kommunion war nicht vorgesehen; eine Verkettung von Umständen führte dazu, dass der Prior von Taizé sich vor dem Zelebranten (nämlich Kardinal Ratzinger) in einer Personengruppe befand, die auf den Empfang der heiligen Eucharistie wartete. Es war in der gegebenen Situation unmöglich, ihm das Allerheiligste Altarsakrament zu verweigern. Er stimmt, wie bekannt, dem Glauben der katholischen Kirche zu.
2. Im Kloster Taizé wird keine Interkommunion praktiziert, Frère Roger ist klar dagegen. Nichtkatholiken wird das allerheiligste Altarsakrament nicht gereicht. Frère Roger teilt voll den Glauben der Katholischen Kirche bezüglich der heiligen Eucharistie. Sein Fall ist ein besonderer und kann nicht verallgemeinert werden.“

Am 16. August 2005 war Frère Roger beim Abendgebet in der Kirche der Versöhnung von mehren Tausend Jugendlichen umgeben. Gleichwohl gelang es einer rumänischen Frau, sich ihm zu nähern. Sie stach ihn unter lautem Schreien mit einem Messer zweimal in den Hals. Blut sickerte in das weiße Gebetsgewand des Priors. Kurze Zeit später verschied der Gründer von Taizé. Er starb als Opfer einer Geisteskranken, der kein Prozess gemacht werden konnte.

Frère Roger war ein Grenzgänger. Als Schweizer ließ er sich in Frankreich nieder. Als Calvinist gründete er die erste evangelische Mönchsgemeinschaft auf französischem Boden. Er war Pfarrersohn und Pfarrer, ging aber über den Protestantismus hinaus. Frère Rogers Leitgedanke war, zu helfen und zusammenzufügen. Frère Rogers Leben und Wirken ist Teil der Kirchengeschichte, der Geschichte Europas überhaupt.

Bis zuletzt verkörperte Frère Roger nicht den Lehrmeister, sondern den Glaubenden, der andere Glaubende oder „Gottsucher“ an seiner Erfahrung teilhaben ließ und sich nicht scheute, eigene Schwächen und Zweifel ebenso anzusprechen wie eigene Erkenntnisse.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Elisabeth Haseloff

Apostelandacht zu Elisabeth Haseloff, gehalten am 27.3.2011

In der evangelischen Kirche Deutschlands sind mittlerweile Theologinnen nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalfall. Der Pastorenberuf ist neudeutsch formuliert genderneutral. Wichtig ist den meisten Gottesdienstbesuchern, ob eine Person kompetent ist und gut predigen kann und nicht, welcher Geschlechtsklasse er oder sie zuzuordnen ist. Das ist noch nicht lange so, erst recht nicht bei uns in Hamburg.

Der lange Weg ist in Vergessenheit geraten, den Theologie und Kirche schon zurückgelegt haben mit dem Ziel, die Gleichstellung von Frauen und Männern zu erreichen.

In vielen anderen Ländern und Kirchen ist die volle Zusammenarbeit noch nicht realisiert.

Weltweit sind jene Kirchen, die keine Frauenordination anerkennen, nach Mitgliederzahlen mit 85% in der deutlichen Mehrheit. Die Frauenordination ist vorwiegend in der westlichen Welt, also Europa, Anglo-Amerika und Australien anzutreffen, wesentlich seltener in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Wir wollen heute der ersten deutschen Theologin gedenken, die zur Gemeindepastorin ordiniert wurde und mit ihrer energievollen Arbeit in Kirche und Gesellschaft Spuren hinterlassen hat, auch wenn ihr Name weitgehend aus dem Gedächtnis der Allgemeinheit verschwunden ist.

Sie hieß Elisabeth Haseloff und wurde am 30. Juni 1914 in Rom geboren. Ihr Vater war dort Professor der Kunstgeschichte am preußischen historischen Institut. Ab dem Jahr 1920 lehrte er an der Kieler Universität und war gleichzeitig Direktor der Kieler Kunsthalle. So wuchs sie mit vielen kulturellen Anregungen auf und lernte bereits in frühen Jahren viele Menschen aus den Kreisen der Wissenschaft und Kunst im Hause ihrer Eltern kennen.

In ihrer Personalakte ist ein von ihr selbst verfasster Lebenslauf enthalten, in dem sie schreibt:
„Ein tiefer Einschnitt trennt in meinem Leben die Kinder- und Jugendjahre ab. 1928 starb mein jüngerer, von mir besonders geliebter Bruder. Die zweimonatige Krankheitszeit mit ihrem Hoffen und Bangen und die tiefe Erschütterung der Eltern und Anverwandten, die hoffnungslose Ohnmacht des eigenen Herzens im ersten wirklichen Leid, haben mich plötzlich gereift und gewandelt. So kam ich sehr bereit im gleichen Jahr in den Konfirmandenunterricht… Das eigene tiefe Erleben und die Begegnung mit dem Wort Gottes wirkten so tief auf mein Leben, dass ich bereits kurz nach meiner Konfirmation 1929, 14jährig erklärte, dass ich Theologie studieren wolle. Seitdem habe ich mich bemüht, mit der Kirche zu leben.“

So begann sie 1935 in Tübingen mit ihrem Studium und trat auch in die Bekennende Kirche ein.

In ihr fand sie ihre kirchliche Heimat.

Nach ihrem ersten theologischen Examen in Kiel im Jahre 1939 arbeitete sie in Neumünster im Rahmen des Lehrvikariats an der Anscharkirche. Hauptsächlich war sie dort in der Krankenhausseelsorge tätig. Das letzte halbe Jahr ihres Lehrvikariats absolvierte sie in Hademarschen am Nord-Ostsee-Kanal. In dieser Zeit wurden immer mehr Pastoren zum Kriegsdienst eingezogen. Der sie anleitende Pastor musste auch die Nachbargemeinden mit versorgen und ließ sie vor seiner eigenen Gemeinde predigen. Das war formal unzulässig, denn eigentlich durfte sie nur Bibelstunden halten. Es war nicht vorgesehen, dass Frauen auf der Kanzel standen, aber im Krieg duldete man das.

Das zweite Examen folgte 1941. Sie war die erste Frau mit diesem Examen in Schleswig-Holstein. Es folgte ihre Promotion an der Universität Münster.

Nach ihrem zweiten Examen wechselte sie nach Büdelsdorf bei Rendsburg und vertrat dort den eingezogenen Pastor. Die Kirchengesetze sahen nur Männer als Pastor vor. Trotzdem wurde sie 1946 mit Beschluss der Kirchenleitung widerruflich mit der Wahrnehmung der Pfarrstelle beauftragt, weil es keine männlichen Pastoren gab.

In ihrem Lebenslauf schreibt sie:

„Aus dem 3. Pfarrbezirk wurde 1949 eine selbständige Kirchengemeinde mit eigenem Kirchenvorstand, dem folgte der Aufbau einer eigenen Verwaltung, die Einstellung der nötigen Mitarbeiter, Errichtung einer zweiten Pfarrstelle und Bau eines zweiten Pfarrhauses, Errichtung einer kirchlichen Fürsorgearbeit und schließlich der Umbau des vorhandenen Gemeindehauses in Kirche und Gemeindehaus. Ich habe die Verwaltungs- und Organisationsarbeit sehr gern erfüllt, mich aber oft gefragt, ob es wirklich tunlich ist, dass der Pastor einer so großen Gemeinde so viel Zeit darauf verwenden muss.“

In Büdelsdorf blieb sie bis ins Jahr 1959, in ungesicherter Anstellung als Vikarin.

Im geltenden Kirchenrecht hieß es in dieser Zeit noch:

„Die Vikarin hat das Recht, an den Sitzungen der kirchlichen Körperschaften mit beratender Stimme teilzunehmen; zur Leitung der Gemeinde ist sie nicht befugt.“

Neben ihrer Arbeit begleitete sie ständig die Frage nach der Regelung des Amtes der Frau in der Kirche. In ihrem Haus trafen sich die Theologinnen, also die Vikarinnen – zu Gesprächen, zur Beratung und zur Fortbildung. Sie wollten nicht auf die seelsorgerliche Arbeit mit Frauen eingeengt und festgelegt werden, sondern wie ihre männlichen Kollegen auch am Aufbau der gesamten Gemeinde arbeiten.

Außerdem war Elisabeth Haseloff Mitherausgeberin der Zeitschrift „Die Theologin“.

In dieser Zeit kam es aber auch zu Beschwerden über ihre Tätigkeit. Ein Pastorenkollege schreibt einen vertraulichen Brief an die Kirchleitung und bittet, die Versetzung von Frau Haseloff in die Wege zu leiten in einen Aufgabenbereich, „der dem Wesen einer Frau entspricht.“ Eine alte Dame schreibt an den Bischof und kritisiert den unwürdigen, Gott widrigen Zustand, dass sich eine Frau „alle Amtshandlungen eines Pastors“ anmaße. Sie zitiert den 1. Timotheusbrief, 2,12: „Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei.“ Im Antwortbrief erhält die protestierende Briefschreiberin den Hinweis, dass es in Büdelsdorf ja einen zweiten männlichen Pfarrstelleninhaber gebe, so dass nicht alle Gemeindeglieder an die Vikarin verwiesen seien. Beschwichtigend schreibt man, es sie nicht beabsichtigt, „Vikarinnen im vollen Pfarramt zu verwenden.“

 

Und nun kam Lübeck ins Spiel:

Seit 1956 suchte die dortige Kirchenleitung eine Vikarin für die Leitung der Evangelischen Frauenarbeit. Pastorinnen gab es zur damaligen Zeit gar nicht. Ausgebildete Theologinnen konnten nur als Vikarin tätig sein, mit 80% des Gehalts eines Pastors und ohne Berechtigung zu predigen oder die Sakramente zu verwalten.

Zunächst übernahm eine Gemeindeschwester die Aufgaben nebenamtlich, ohne Büro oder Amtszimmer.

Die Suche nach einer Vikarin gestaltete sich schwierig, und so wandelte die Lübecker Kirchenleitung Ende 1957 die bereits bewilligte Stelle in eine „Landeskirchliche Pfarrstelle für Frauenarbeit“ um. Die Synode beschloss als erste überhaupt in Deutschland ein „Kirchengesetz für die Pfarrstelle einer Pastorin“, auf die anschließend Dr. Elisabeth Haseloff berufen wurde. Gleichzeitig beauftragte man sie mit der Verwaltung einer Gemeindepfarrstelle in Lübeck. Am Pfingstsonntag 1959 wurde sie feierlich in ihr Amt eingeführt, als erste Pastorin der Evangelischen Kirche Deutschlands. Viele Zeitungen berichteten darüber.

Es gab viele Bedenken innerhalb und außerhalb kirchlicher Kreise. Das neue Kirchengesetz könnte einem Erdrutsch ähnliche Folgen haben. Auch in anderen Landeskirchen würden womöglich ähnliche Gesetze entstehen und Frauen in das volle Pfarramt eingeführt. Dieses würde der Ökumene und dem Verhältnis zur katholischen Kirche schaden. Der Bischof ermahnte die frisch ordinierte Pastorin, nicht mit neuen Ideen, sondern mit dem Wort Christi ihre Aufgabe zu lösen.

Mit voller Energie stürzte sich Elisabeth Haseloff in ihre neue Arbeit: Sie veranstaltete Seminare, in denen Zusammenhänge unserer Gesellschaft deutlich gemacht wurden: Politikerinnen, Ärztinnen, Gewerkschafterinnen und Lehrerinnen kamen zu diesen Tagungen. Und es ging ihr um die „Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche“. So lud sie auch ein zu Eheseminaren, auch an Wochenenden, wo die Eheleute ihre Kinder mitbringen konnten.

Sie schreibt: „ Am lebendigsten sind die Tagungen, bei denen verschiedene Berufsgruppen von Frauen gemischt sind, weil dadurch ein lebhafter Austausch ermöglicht wird… Daraus erwuchs ein Kreis, der über Jahre hinweg in intensiven Gesprächen über die Gestaltung des christlichen Lebens in uns entsprechenden Formen nachdachte, und in Zeiten auch lebte.“

Und im Jahre 2005 schreibt eine dankbare Frau über sie:

„Mein Mann und ich wurden am 12. Juli 1959 von Frau Pastorin Haseloff getraut. Die Verwandtschaft war überrascht, denn das kannte ja niemand, eine Frau im Talar! Ich erinnere mich, dass darüber debattiert wurde. Die Frauen in meiner Familie lächelten still. Alle Männer fanden das eher unpassend. Sie waren der Meinung, dass nur Männer so etwas können und dass es wohl bei dieser einen Ausnahme bleiben würde. Inzwischen gibt es – Gott sei Dank – viele Pastorinnen in unseren Kirchen. Später hat sie nacheinander meine drei Kinder getauft.“

Elisabeth Haseloff organisierte Begegnungstage zwischen der Frauenarbeit in Lübeck und der Frauenhilfe der Landeskirche Greifswald in der DDR. Zweimal im Jahr trafen sich Frauen aus Ost und West in Ost-Berlin zu Studientagen unter einem Leitthema, z.B. „Was heißt Erziehung in Ost und West?“ oder „Christsein im sozialistischen Staat“.

Während eines „Weltgebetstags der Frauen“ entstand die Idee, ein Afrika-Stipendium für Frauen zu stiften. So kamen 1962 zwei junge Afrikanerinnen aus Tansania zur Ausbildung nach Lübeck und lebten während ihrer drei Ausbildungsjahre meist bei Elisabeth Haseloff im Hause. Sie bestanden ihr Examen als Kindergärtnerinnen und machten anschließend in ihrem Heimatland Karriere, eine als Leiterin der kirchlichen Frauenarbeit.

Und Elisabeth Haseloff organisierte „evangelische Frauentage“, zu denen Busse und ein Sonderzug bis zu 1.300 Frauen nach Travemünde brachten. 1968 gab es einen besonderen Frauentag zur Pastorinnenfrage. Zu dieser Zeit galt für ordinierte Frauen noch die sogenannte „Zölibatsklausel“. Vikarinnen und Pastorinnen, die heirateten, mussten aus dem Dienst der Kirche ausscheiden. Erst im Herbst 1969 wurde per Kirchengesetz diese Regelung abgeschafft. Ein bei den Verhandlungen um dieses Gesetz anwesender Professor schreibt später:
„Unter Wut und Tränen hat Schwester Haseloff diesen Schritt in der Kirchenleitung durchgekämpft.“

Ein wichtiges Thema war für sie auch die sogenannte Müttergenesung in verschiedenen Heimen der Kirche. 1963 setzt Frau Haseloff den Ankauf des Gutshauses Bahrenhof durch. Es wurde anschließend in ein Müttergenesungsheim der ev. Frauenarbeit Lübeck umgebaut. Die erste Sonderkur in dem neuen Heim fand mit Müttern von geistig- und körperlich behinderten Kindern statt.

Sie startete die sogenannte „Halbfamilien-Arbeit“ mit alleinerziehenden Müttern mit ihren Kindern. Diese Arbeit wurde so umfangreich, dass 1972 ein Pfarramt für Alleinerziehende eingerichtet wurde.

1974 feierte sie fröhlich ihren 60. Geburtstag. Sie erklärte, noch bis zum 67. Lebensjahr arbeiten zu wollen, war im Vorstand des Müttergenesungswerkes Deutschland und der evangelischen Frauenarbeit in Deutschland.

Nordelbien sollte entstehen und sie wurde Mitglied der Intersynodalen Nordelbischen Kirchenkommission, die die Richtlinien für die Verfassung der Nordelbischen Kirche erarbeitete. Ab 1970 war sie Vizepräsidentin der „Verfassungsgebenden Synode der Nordelbischen ev.luth. Kirche“.

Am Ewigkeitssonntag 1974 predigte sie noch und fuhr dann für einige Urlaubstage nach Hamburg. Sie wollte sich in aller Ruhe für ihre Aufgabe als Vizepräsidentin bei der 1. Lesung der Verfassung der Nordelbischen Kirche vorbereiten.

Auf dem Weg zu der Synodentagung in Winterhude wurde sie am 29. November 1974 Opfer eines Verkehrsunfalls – als Fußgängerin bei Grün auf dem Zebrastreifen.

Das Hamburger Abendblatt schrieb darüber am 2. Dezember:

„Elisabeth Haseloff musste sehr lange warten, bis sie das Amt einer Pastorin übernehmen durfte. 20 Jahre lang bewährte sie sich als Vikarin in Hademarschen, Neumünster und Rendsburg. Dann erst wagte die Lübecker Landeskirche den damals revolutionären Schritt, eine Frau von der Kanzel predigen zu lassen…Die hochgewachsene Frrau mit dem mütterlichen Gesicht und der strengen Knotenfrisur setzte sich mit ganzer Kraft für ihre Aufgabe ein. ‚Ich werde niemals aufhören, für die Mütter zu wirken’, hatte sie noch vor kurzem beim zehnjährigen Jubiläum des Müttergenesungsheims Bahrenhof gesagt. Das Müttergenesungsheim wurde auf ihr Betreiben eingerichtet. Privat lebte die Pastorin sehr zurückgezogen. In ihrer Freizeit widmete sie sich ihrer Antiquitätensammlung und der Malerei.“

Bischof Stoll sprach im Trauergottesdienst über ihren Konfirmationsspruch aus dem Hebräerbrief:

„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fester werde, welches geschieht durch Gnade. Sie hat mit diesem festen Herzen, solange ich sie kenne, gedacht. Ihr ganzes Denken und Wollen ist durch die Bewegung eines erfüllten und leidenden Herzens hindurchgegangen. Manchmal war sie stürmisch in einer neuen Initiative. Türen für den Fortgang ihrer Arbeit mussten geöffnet werden, und sie war dann betrübt, wenn sie mit ihrer Tüchtigkeit diejenigen verlegen machte, die ihr Drängen in Relation zum übrigen Ganzen zu bringen hatten. Manchmal war sie traurig. Ihre Arbeit gelang nicht, und ihr Unwille darüber hatte freien Lauf. Manchmal war sie verwundet. Sie litt unter dem Tatbestand, dass Frauen sich immer noch diskriminiert fühlen, eine Angelegenheit, die ihren eigenen Weg begleitet vom ehemalig umstrittenen Studium der Theologie bis zum Kampf um das Recht der Frau im vollen Pastorenamt. Manchmal erfüllte sie eine ausstrahlende Gewissheit des Glaubens: Erinnern wir uns an die vollen Gottesdienste auf den Frauentagen. Sie hat sich in Anspruch nehmen lassen von Ratsuchenden und Hilflosen und in alledem sich selber eingebracht.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu vier Lübecker Märtyrern

Apostelandacht zu vier Lübecker Märtyrern, gehalten am 30. Januar 2011

Am Abend des 10. November 1943 wurden im Hamburger Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis 3 katholische Kapläne und ein evangelisch-lutherischer Pastor aus Lübeck durch das Fallbeil hingerichtet, also geköpft. Es geschah im Abstand von ungefähr 3 Minuten. Am Boden des Hinrichtungsraums floss das Blut der Opfer ineinander.

Dieser gemeinsame Tod hat in der Zeit des Nationalsozialismus keine Parallele. Er soll für uns Anlass sein, der vier Hingerichteten zu gedenken und uns zu fragen, was ihr Leben und gemeinsames Sterben für uns heute zu bedeuten hat.

 

Der älteste von ihnen war der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Er wurde am 28. Oktober 1894 als Sohn eines Zollbeamten in Münster geboren. Der erste Weltkrieg unterbrach seine Ausbildung als Auslandspfarrer. Nach einer scheren Verwundung konnte er 1917 seine Ausbildung fortsetzen.

1921 ging er für acht Jahre zu deutschsprachigen Gemeinden nach Brasilien. Danach kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Er übernahm zunächst ein Pfarramt in Thüringen, bevor er 1934 Pastor der Luther-Kirche zu Lübeck wurde.

Pastor Stellbrink war Nationalist und trat deshalb schon 1921 einer nationalen evangelischen Bruderschaft bei, dem „Bund für Deutsche Kirche“; am 1. Mai 1933 auch der NSDAP. Seinen Pastorendienst verstand er als eine theologische und gesellschaftspolitische Aufgabe.

Seine hochgespannten Hoffnungen schlugen nach der Machtergreifung der Nazis schnell um. Er äußerte offen seine Enttäuschung. So wurde er vor ein internes Parteigericht geladen, weil er eine freundschaftliche Beziehung zu einem Juden unterhielt, der gegenüber dem Pastorat wohnte. Ende 1937 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen.

Seine Predigten veranlassten die Gestapo zu Verwarnungen.

Im März 1942 hatten englische Flugzeuge ihre Bomben über der Altstadt von Lübeck abgeworfen. Die Stadt brannte noch, als Pastor Stellbrink am Sonntagmorgen in seinem Konfirmationsgottesdienst predigte. Die Gestapo erhielt davon einen Bericht. Pastor Stellbrink habe in seiner Predigt den Bombenangriff ein Gottesgericht genannt – ein Gericht über das Unrecht, die Gewalt und die Lüge, die sich in Deutschland breitgemacht hätten. Es sei ein Gericht über den Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hätte. Ein Gericht über die Euthanasieaktionen, die Vernichtung unschuldiger Geisteskranker.

Kurze Zeit später wurde er von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und mit ihm die drei katholischen Kapläne, mit denen er schon seit längerem eng verbunden war.

 

Herrmann Lange wurde am 16. April 1912 in Ostfriesland geboren und hatte vier Geschwister. Als Gymnasiast schloss er sich in Leer einer Schülergruppe der katholischen Jugend an. Schon früh verspürte er in sich den Wunsch, Priester zu werden. So studierte er nach seinem Abitur Katholische Theologie in Münster und wurde 1938 zum Priester geweiht.

1939 wurde er Hilfsgeistlicher an der Herz-Jesu-Kirche in Lübeck und dort 1940 zum Vikar ernannt. Er galt als hochbelesener und intellektueller Priester und war ein strikter Gegner des Nationalsozialismus. Seine Treffen mit Jugendlichen aus seiner Gemeinde nutzte Hermann Lange für eindringliche Mahnungen gegen Ungeist und Untaten des Nazi-Regimes. Soldaten gegenüber äußerte er nach Kriegsbeginn, dass ein Christ auf deutscher Seite an dem Krieg eigentlich gar nicht teilnehmen dürfe.

Lange beteiligte sich an der Verbreitung regimekritischer Druckschriften, u.a. auch der Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen.

Am 15. Juni 1942 wurde Hermann Lange von der Gestapo festgenommen und in das Lübecker Gefängnis gebracht.

 

Johannes Prassek wird in den Veröffentlichungen über die vier Märtyrer als das Haupt der drei katholischen Geistlichen bezeichnet. Er war der Dienstälteste und dem Rang nach „Erster Kaplan“ an der Gemeinde.

Prassek wurde am 13. August 1911 in Hamburg-Barmbek geboten. Er hatte zwei Geschwister, sein Vater war Maurer. Er wuchs in recht bescheidenen Verhältnissen auf. Am Johanneum machte er 1931 das Abitur. Anschließend zog er erst ins Priesterseminar in Münster und dann nach Osnabrück.

Sein Studium wurde vom Bischöflichen Stuhl Osnabrück und von der Hansestadt Hamburg teilweise finanziert, außerdem nahm er neben seinem Studium Gelegenheitsarbeiten an.

Er war damals schon ein kritischer Geist und kritisierte die im Priesterseminar üblichen Andachtsformen. Deswegen verzögerte sich seine Priesterweihe um ein halbes Jahr bis zum März 1937.

Nach einer kurzen Zeit in Mecklenburg wurde Johannes Prassek 1939 Vikar, ein Jahr später Erster Kaplan in Lübeck.

Seine beeindruckenden Sonntagspredigten zogen nicht nur zahlreiche Gläubige an, sondern auch Gestapo-Spitzel. Auf Warnungen von Gemeindegliedern soll er geantwortet haben, dass einer ja schließlich die Wahrheit sagen müsse.

In Lübeck gab es nach Kriegbeginn zahlreiche polnische Zwangsarbeiter, mit denen jeder Kontakt streng verboten war. Prassek hielt sich nicht daran. Um ihnen seelsorgerlich und menschlich beistehen zu können, lernte er in dieser Zeit sogar etwas Polnisch, nahm ihnen heimlich die Beichte ab und taufte die in den Lagern Geborenen Babys.

Im Sommer 1941 lernte er bei einer Beerdigung seinen protestantischen Amtsbruder Karl Friedrich Stellbrink kennen. Beide befreundeten sich schnell. Sie hörten regelmäßig Sendungen feindlicher Rundfunksender und tauschten ihre Erkenntnisse daraus aus. Das Hören dieser Sender galt als „Rundfunkverbrechen“ und stand unter der Androhung der Todesstrafe.

Höhepunkt ihrer verschwörerischen Aktivitäten bildete die gemeinschaftliche Vervielfältigung und Verbreitung der berühmten Predigten des Bischofs von Galen, der darin furchtlos die Vernichtung lebensunwerten Lebens durch die Nazis anprangerte. Die Predigten wurden mit der Schreibmaschine mit jeweils sieben Durchschlägen abgetippt oder mit einem Matrizendruckgerät vervielfältigt, an Freunde und Bekannte weitergegeben oder mit der Post verschickt.

Ein Gestapo-Spitzel, der sich in einen Gemeindekreis eingeschlichen hatte, berichtete seinen Vorgesetzten von den regimekritischen Äußerungen Prasseks.

Daraufhin wurde er am 18. Mai 1942 er von der Gestapo abgeholt.

 

Eduard Müller wurde am 20. August 1911 in Neumünster geboren. Sein Vater war zuerst Schuhmacher, dann Rangierer und verließ schließlich seine Familie. Die Mutter schlug sich als Stundenhilfe und Waschfrau mühselig mit ihren sieben Kindern durch.

Eduard Müller besuchte die katholische Volksschule, war eifriger Ministrant und absolvierte nach seinem Schulabschluss eine Tischlerlehre. Er schloss sich der katholischen Jugendbewegung an und wollte gern Priester werden, aber dazu fehlt ihm das Abitur.

Ein Kaplan seiner Gemeinde fand glücklicherweise einige Gemeindeglieder, die seine weitere Schulbildung finanzierten. So zog Eduard Müller mit 19 Jahren in das Spätberufenenheim St. Clemens in Bad Driburg, wo er 1935 das Abitur ablegte.

Danach studierte er ebenfalls in Münster, wurde im Juli 1940 zum Priester geweiht und anschließend nach Lübeck berufen.

Müller wurde dort insbesondere in der Jugendarbeit und im Gesellenkreis eingesetzt. Geschätzt wurde vor allem seine Zugewandtheit zum Arbeiter- und Handwerkerleben, das er ja aus eigener Erfahrung gut kannte. Müllers Jugendarbeit war so erfolgreich, dass die Lübecker Führung der Hitler-Jugend ihn gern für sich gewonnen hätte.

Doch Müller lehnte ab. Mehr noch: Nach der Messe am Sonntagmorgen lud er zu Ausflügen in die Umgebung Lübecks ein – exakt zu der Zeit, zu der auch die Hitler-Jugend ihre Ausflüge anbot.

In seinen Gesprächskreisen im sogenannten „Gesellenhaus“ wurde das Nazi-Regime offen kritisiert. Er ahnte, dass dies Folgen haben könnte. Von ihm ist die Äußerung überliefert:

„Ich werde bald mit der Gestapo Bekanntschaft machen, denn ich werde mich durch nichts von meiner Pflicht abwendig machen lassen.“

Eduard Müller wurde als letzter der vier Lübecker Geistlichen am 22. Juni 1942 festgenommen.

Formal lag gegen ihn eigentlich wenig vor. Dennoch wurde er auch er zum Tode verurteilt.

Außer den vier Geistlichen wurden noch 18 katholische Laien verhaftet.

 

Ihr Prozess fand im Juni 1943 vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes statt. Die Geistlichen wurden wegen „Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feinbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt, die mitangeklagten Laien erhielten zum Teil hohe Freiheitsstrafen.

Danach wurden die Geistlichen in die Untersuchungshaftanstalt Hamburg am Holstenglacis verlegt.

Der für die katholischen Priester zuständige Bischof von Osnabrück besuchte die Geistlichen im Gefängnis und schrieb ein Gnadengesuch, das abgelehnt wurde. Der Bischof kümmerte sich während dieser langen Zeit intensiv auch um die Angehörigen der Kapläne.

 

Der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink dagegen erhielt keine Unterstützung von seiner Landeskirche, im Gegenteil: Der Kirchenrat Lübecks leitete sofort nach der Festnahme Stellbrinks ein förmliches Dienststrafverfahren mit dem Ziel der Entfernung aus dem Amte ein.

Die Lübecker Pastorenschaft wendete sich aber mit einem Gnadengesuch an den Reichsminister der Justiz in Berlin. Sie beteuert zunächst ihre uneingeschränkte Loyalität gegenüber dem Staat und begründet dann, dass sie trotzdem ein Gnadengesuch stellte:
„Die Pfarrerschaft kann sich mit bestem Gewissen um der Familie des Verurteilten Willen für ein Gnadengesuch einsetzen. Der ehemalige Pfarrer Stellbrink hat sich für deutsche Art und deutsches Volkstum mit allen seinen Kräften eingesetzt. Er wurde Parteigenosse und tat als solcher jahrelang seine Pflicht. Wenn Stellbrink trotz dieser früheren völkischen und nationalen Einstellung auf die Bahn des Verbrechens gegen das Volk geraten ist, so ist dies wohl mit einer unglücklichen Charakterveranlagung und einer starken Überreiztheit der Nerven zu erklären. In der Anlage legt die Pfarrerschaft ein psychologisches Gutachten bei.“

Die Gnadengesuche wurden alle abgelehnt. Fast fünf Monate warteten die zum Tode Verurteilten auf ihre Hinrichtung. Nach eineinhalb Jahren Gefängnis, in welchem Isolation, Folter und Hunger zu den Haftbedingungen gehörten, starben sie am 10. November 1943 unter dem Fallbeil und wurden anschließend eingeäschert.

Der Witwe Stellbrinks wurde die Pension seitens der Kirche verweigert. Sie erhielt aber vom Oberreichsanwalt eine Rechnung über 1.500 Reichsmark, darin enthalten 122 Reichsmark Gebühren für die Hinrichtung. Ihr wurde zudem untersagt, öffentlich Trauerkleidung zu tragen. Für die katholischen Geistlichen und Laien übernahm die katholische Kirche alle Prozesskosten.

Nach Kriegsende, im Juni 1945, teilte der neu zusammengesetzte Kirchenrat Lübecks Frau Stellbrink mit, sie besitze die Rechtsstellung der Witwe eines im Amte verstorbenen Pastors.

Erst 50 Jahre nach dem Mord an den vier Geistlichen hat die Kirchenleitung der Nordelbischen Kirche in einer Erklärung die Versäumnisse bedauert.

Dort heißt es: „Die Kirchenleitung bedauert dieses Versäumnis. Sie kann Unrecht nicht wieder gutmachen. Sie kann nach 50 Jahren nur mit Erschrecken feststellen, wie willfährig kirchenleitende Persönlichkeiten sich dem Unrecht beugten und einen Amtsbruder und seine Familie ihrem Schicksal überließen. Die vier Lübecker Märtyrer stehen für die Kirche Jesu Christi, die nicht lavieren und sich nicht in den Dienst des Unrechts stellen darf.“

Im November 1993 hob das Landgericht Berlin das Todesurteil des Volksgerichtshofes gegen Karl Friedrich Stellbrink uneingeschränkt auf.

In der Luther-Kirche zu Lübeck ist auch seine Grabstätte. Hinter einer Gedenktafel ist die Urne mit seiner Asche in die Wand eingelassen. Die Tafel trägt die Worte: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

In Neu-Allermöhe wurde eine Straße nach ihm benannt.

Am 25. Juni 2011 wird die katholische Kirche ihre drei Märtyrer in Lübeck mit der Seligsprechung ehren.

 

Der „ökumenische Arbeitskreis ‚Lübecker Märtyrer’“ schreibt in einer Veröffentlichung:

„Gleichschaltung“ war ein zentrales Herrschaftsinstrument des nationalsozialistischen Regimes; Schweigen, Gehorsam, Sicheinfügen seine kategorischen Forderungen. Die vier Lübecker Geistlichen widersetzten sich diesem Allmachtsanspruch. Sie erkannten immer klarer den unauflöslichen Widerspruch zwischen dem christlichen Glauben und der rassistischen atheistischen Ideologie der Nationalsozialisten. Dieser Widerspruch ließ sie nicht mehr schweigen. Sie haben sich nicht herausgehalten und sich ein eigenes Urteil nicht verbieten lassen. Je länger das Unrecht dauerte, desto verpflichtender wurde für sie das Gebot, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, die mit Terror regierten und einen Vernichtungskrieg begonnen hatten.

Die Vier zeichnet aus, dass sie angesichts der Willkür der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft die trennenden Grenzen der Konfessionen überwanden und zu gemeinsamem Urteil wie zu gemeinsamem Handeln fanden.

Sie hatten ein Vorbild: den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Die Lübecker schrieben die mutigen Predigten des Bischofs ab zu verbreiteten sie. Sie empfanden wie viele andere das Befreiende dieser Predigten, die das Schweigen brachen und laut aussprachen, was viele insgeheim dachten, als die Aktion zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ anlief, die Ermordung von unschuldigen Geisteskranken.

Die Lübecker Geistlichen haben ihr Widerstehen mit dem Leben bezahlt. Sie sind Zeugen einer anderen, einer besseren Welt in einer Welt des Unheils. Sie sind Zeugen der Wahrheit gegen die Lüge, Zeugen der Menschenwürde gegen die Menschenverachtung, Zeugen des Glaubens in einer Zeit, in der Menschen selbstherrlich den Thron Gottes beanspruchen.

In diesem mit ihrem Tod besiegelten Zeugnis sind die Lübecker als Märtyrer untereinander verbunden und für uns heute ein Vorbild, von dem erneuernde Kraft ausgeht. Sie stehen gemeinsam für die Kirche Jesu Christi, die Unrecht beim Namen nennt, Lüge entschleiert und die Barmherzigkeit Gottes als Quelle des Lebens ehrt.

Zusammen sind sie gestorben. Sie wussten sich vor Gott ungetrennt, „wir sind Brüder“, bezeugte Hermann lange. Als Realität haben sie Gemeinschaft erfahren, die Trennendes überwindet. Konfessionelle Grenzen waren für sie sekundär geworden. Das muss uns für heute Orientierung und Ansporn sein, dass wir dem folgen, was sie uns vorgelebt haben an Gemeinschaft im Geist, im Glauben und im Handeln.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Heinrich Böll

Apostelandacht zu Heinrich Böll, gehalten am 21.11.2010

Es war einer dieser so genannter Steckrübenwinter im 1. Weltkrieg, als Heinrich Böll. am 21. Dezember 1917 in  Köln geboren wurde. Heinrich war das fünfte Kind von Viktor und Maria Böll (geb. Hermanns).

Die religiösen Eltern erzogen ihre Kinder streng im katholischen Glauben. Der Vater, ein Holzbildhauer,  fertigte in eigener Werkstatt mit seinen Gehilfen  Kirchenmöbel an. Er war ein verständnisvoller Vater, der seine Kinder zum Lernen und zum Spiel ermunterte.

Zu meinen e r s t en  E r i n e r u n g e n – so Heinrich Böll – „gehört  die Werkstatt meines Vaters: Holzgeruch, der Geruch von Leim, Schellack, Beize; der Anblick frisch gehobelter Bretter und das Hinterhaus einer Mietskaserne, in dem die Werkstatt lag.“

Die Mutter kam aus einem streng puritanischen Umfeld, dass sie mit dem katholischen Milieu nicht vereinbaren konnte. H. B. beschreibt seine Mutter als Mensch mit selten vereinten Eigenschaften‚ ‚mit Intelligenz, Naivität, Temperament, Instinkt und Witz.’

Heinrich hatte eine starke und  herzliche Bindung zu Eltern und  Geschwistern. Gespräch und kritisches Auseinandersetzen über  politischen Themen und Glaubensfragen gehörten zum Familienleben. Heinrich lernte früh, dass christlicher Glaube nichts zu tun hat mit der Organisation Kirche.

In der Wirtschaftskrise 1929 verlor der Vater die wirtschaftliche Grundlage seines Geschäftes.

Die Eltern lebten nun in ständiger Sorge, um für sich und die fünf Kinder das tägliche Brot, Kleidung und Schuhe zu beschaffen, sowie die Miete aufbringen zu können.

„Ich wusste damals nie, wovon wir eigentlich lebten.“ So Heinrich.

In einem Interview sagte Heinrich Böll:

„Natürlich sind wir klassisch-katholisch erzogen worden, Schule, Kirche, es wurde auch praktiziert, wie man das so nennt. Und trotzdem glaube ich, dass mein Vater und auch meine Mutter in einer bestimmten Weise antikirchlich waren. In welcher Weise, das kann ich nicht erklären. Ich müsste lange darüber nachdenken. Ich könnte mir denken, dass es bei meinem Vater, der sehr viel für Kirchen gearbeitet hat – er war ja Holzschnitzer und Bildhauer und hat fast nur kirchliche Dinge gemacht – mit Erfahrungen und Erlebnissen mit Klerus und kirchlichen Institutionen zusammenhängt; ja und über meine Mutter muss ich noch sehr lange und viel nachdenken, weil sie einen rebellischen Zug hatte, politische und auch kirchliche Dinge betreffend, der spürbar war, aber nicht so genau artikuliert wurde. Sicher hängt das wieder mit der Bildung zusammen, meine Eltern waren nicht im bürgerlichen Sinne gebildet, aber gebildet schon als Menschen.“

Die politisch aufmerksamen Bölls  lehnten den Nationalsozialismus ab. Im Haus der Familie fanden verbotene Zusammenkünfte katholischer Jugendverbände statt – der ältere Bruder Heinrichs war Mitglied eines dieser Verbände - und Heinrich weigerte sich, in die Hitlerjugend einzutreten.

Als der Vatikan 1933 die Nazis mit einem Konkordat (Vertrag zwischen Vatikan und Staat) international salonfähig gemacht hatte, erwog man aus Glaubenstreue den Kirchenaustritt. Viele Jahre später wird der Schriftsteller und Katholik H. Böll diesen Schritt tatsächlich vollziehen.

Nach dem Abitur 1937 fing H. Böll. eine Buchhändlerlehre an in der Buchhandlung Lempertz in Bonn.. Nach einem Jahr Reichsarbeitsdienst begann er im Sommersemester 1939 Germanistik und klassische Philosophie zu studieren, wurde aber im Spätsommer schon zur Wehrmacht eingezogen.

Als Soldat war H. Böll. an verschiedenen Frontstellungen der deutschen. Wehrmacht in West- und Osteuropa stationiert. Aus seinen ‚Briefen aus dem Krieg’ wird deutlich, wie sehr er unter diesem  Leben in Uniform litt und das er das Soldatentum nicht mit sich vereinbaren konnte.

Als  ihm zum wiederholten Mal vom Vorgesetzter der Urlaub gestrichen wird, schreibt er an Annemarie Cech, seine spätere Frau, die er 1942 bei einem Fronturlaub heiratete:

 

“ …aber ich will mein Herz bezwingen, ganz ruhig, friedlich, geduldig  und dankbar sein; weißt Du, ich ärgere mich nicht so sehr über den wegfallenden  Urlaub, wirklich nicht, als über  die maßlose Ungerechtigkeit und die kriecherische Betrügerei, die dahinter steckt. Kannst Du verstehen, dass man irrsinnig und wütend wird, wenn man immer, immer und in jedem diesem widerlichen kleinen und kleinsten und schmierigsten Gesindel ausgeliefert ist, seinen erbärmlichen Schikanen …“.

Viermal wurde er verwundet, erlebte das sinnlose Sterben von Kameraden, die leeren Phrasen der Befehlshaber und die Angst wahnsinnig zu werden. Er musste erkennen, dass sein Gottvertrauen ihn nicht vor dieser Angst schützen konnte:

 „Ich bin regelrecht dumm geworden; meine Gefühle fressen mein Gehirn…Doch ich verzweifle nie, ich bin wohl oft sehr traurig, dass mir alles wie eine unendlich große, schwarze Last auf der Seele liegt,… nur schwach bin ich, sehr schwach… Aber keine Sekunde erscheint mir die Zukunft hoffnungslos.“

und in einem weiteren Brief:

„..ich kann das nicht; ich kann mich nicht mit Leidenschaft dem Soldatenberuf hingeben, meine Wege gehen anders; ich muss immer in den Abgrund jedes Menschenlebens sehen, und mit dieser Anlage kann man nicht Soldat sein, man muss entweder ganz einfach oder ganz groß sein, um ein guter und glücklicher Soldat zu sein, und ich bin beides nicht..“.

In weiteren Zeilen an seine Frau wird eine Wandlung deutlich:

„Ich glaube, ich habe den Auftrag, allen Menschen eindringlich zu sagen, dass es nichts so Geheimnisvolles gibt, nichts so Verehrenswürdiges gibt wie das Leid; nichts das so unmittelbar uns geschenkt ist, regelrecht geschenkt, nicht auferlegt. Es ist wirklich eine Gnade, wenn wir leiden dürfen, denn wir dürfen dann doch auf eine geheimnisvolle Weise wie Christus sein.“ 

Am Ende des Krieges geriet  H. B. mit anderen Kriegkameraden in den Kugelhagel der anrückenden Amerikaner und wurden gefangen genommen. Sie hatten die Amerikaner/die Alliierten herbeigesehnt, das Ende des Krieges herbei geflucht.  In den Lagern aber wurden sie hart empfangen, als Nazis angebrüllt und mit Steinen beworfen.

Im November 1945 kehrte das Ehepaar Böll  nach Köln zurück. Es war ein erschütterndes Wiedersehen,. Die Stadt war ein einziges Trümmerfeld, die Türme des Doms zerstört. Menschen irrten durch die Schutthalden, es gab nichts, weder Kleidung, noch Feuerholz oder Lebensmittel. Man hauste in Kellern oder notdürftig abgedichteten Ruinen..

Gleich nach der Rückkehr starb Heinrich und Annemarie Bölls erster Sohn Christoph, noch im Geburtsjahr, an Unterernährung.

  1. Böll arbeitete in dieser Zeit in verschiedenen Gelegenheitsjobs, z. B. in der Schreinerei seines Bruders. Und er nahm sein Studium wieder auf, nicht zuletzt auch, um an die notwendigen Lebensmittelmarken zu kommen.

Inzwischen1947 und 1950 kamen die Söhne Raimund, René und Vincent  zur Welt.

  1. B. hatte während seiner Wehrmachtszeit fast täglich Briefe geschrieben, jetzt waren es Erzählungen, in denen er  die schlimmen Erfahrungen aus dem Krieg ausarbeitete.. Er fand jedoch, wie auch andere Schriftstellerkollegen, keinen Verleger. Niemand wollte diese realistischen Texte herausgeben oder lesen. Er schrieb:

„Wir schrieben also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern. Das ergab drei Schlagwörter, die der jungen Literatur angehängt wurden: Kriegs-, Heimkehrer- und Trümmerliteratur. .. Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfvolle, fast kränkende Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnung bediente: man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, das Krieg gewesen, dass alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, dass wir es gesehen hatten.“

Annemarie Böll verdiente in dieser Zeit als Lehrerin mit fester Anstellung den Unterhalt für die Familie. Gemeinsam  übersetzten sie  englische und amerikanische Literatur.

Sprache war Hort der Freiheit, Schriftsteller die geborenen Einmischer; Literaten trugen  daher eine gesellschaftliche Verantwortung, das waren H. Bölls Überzeugungen..

Mit der Zeit kam der Erfolg für seine schriftstellerische Arbeit. Und er konnte nun als freier Schriftsteller leben. 1951 bekam er den Literaturpreis der Gruppe 47 für seine Erzählung „Das Schwarze Schaf“.

Mit seinen Romanen prägte er das Bild der deutschen Nachkriegsliteratur, in dem er mit Herz und Verstand, aber auch Humor die Lebensnarben der kleinen Leute erkundet und gegen Machtgelüste, Konsumrausch und verweigerte Trauerarbeit angeschrieben hat.

Mit seinen Romane wie ‚Billard um halbzehn’, ‚Ansichten eines Clowns’, ‚Gruppenbild mit Dame’ stieg er zum Weltruhm auf.

Als Publizist übte er Gesellschaftskritik;  führte Klagen gegen die Kriegsfolgen,  polemisierte gegen die Restauration der Nachkriegszeit.

Andererseits aber  galt sein Mitgefühl allen  Wehrlosen. Seine schlimmen Erfahrungen bei der Dt. Wehrmacht  hat er nie vergessen und so träumte er von Gerechtigkeit, von einer entmilitarisierten, klassenlosen Gesellschaft.

Das Bundesverdienstkreuz lehnte er konsequenterweise ab.

Während des kalten Krieges hielt dieser menschenfreundliche Literat unerschütterlich und ohne Rücksicht auf starre politische Einstellungen oder Grenzen durch den ‚Eisernen Vorhang’, zu seinen Kollegen im Ostblock. 1974 nahm er den ausgebürgerten Dissidenten Alexander Solschenitzyn als Gast bei sich auf. Auch Lew Kopelew war sein Gast.

In den 60er und 70er  Jahren sympatisierte Heinrich Böll mit der Außerparlamentarischen Opposition.

Als die RAF mit ihrem Terror die Bundesrepublik aufwühlt, plädiert Böll, der die Taten der RAF  entschieden und unmissverständlich ablehnte, in einem Essay  im Spiegel. für einen rechtsstaatlichen Umgang mit den Terroristen der RAF und griff  die Berichterstattung der Springer-Presse stark an.

In  konservativ-reaktionären Kreisen galt er daraufhin als Sympathisant des dt. Terrorismus.

Die Behörden waren sich nicht zu schade zu vermuten, dass gesuchte RAF-Mitglieder bei H. B. Unterschlupf finden könnten und ließen im Juni 1972 sein Haus in Langenbroich mit bewaffneten Polizisten umstellen und durchsuchen.

In der Springerzeitung Die WELT wurde er zusammen mit Heinrich Albertz, Helmut Gollwitzer und Kurt Scharf auf einem Fahndungsplakat abgebildet, mit der Unterschrift: “Das stille Reserveheer des Terrorismus“.

Heinrich Böll verletzten und beleidigten diese bornierten Angriffe außerordentlich.

In seinem Roman ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum’ setzte er sich mit den Themen Gewalt durch Massenmedien und Überwachung durch den Staat auseinander.

1972  wurde ihm der Literatur-Nobelpreis zuerkannt. Diese Verleihung konnte durchaus als Solidaritätsbekundung mit dem in Deutschland Angegriffenen gesehen werden.

In seiner Nobelrede in Stockholm spricht Böll von der Parteinahme für die Vertrieben und Gefangenen des ganzen Jahrhunderts sowie ‚ganze Provinzen von Gedemütigten’ in seiner Literatur Und wendet sich damit gegen seine Kritiker, die ihm vorwarfen, nicht klassisch-literarisch zu schreiben.

Das grundkatholische Irland wird in dieser Zeit zum Zufluchtsort für H. Böll und seine Familie. Er selbst  sprach später auch von Flucht vor der Hetze gegen ihn im eigenen Land. In den Erzählungen des Bändchens ’Irisches Tagebuch’ beschreibt er die Landschaft, von den Verhältnisse der Menschen, von den einfachsten Dingen des Lebens.

Die Entfremdung zur römisch-katholischen Kirche durchzieht H. B.  gesamtes Leben.

Er wand sich gegen den Klerikalismus der katholischen Kirche, und trat 1976 zusammen mit seiner Frau aus der Kirche aus. Er sagte:

 „Wir treten aus der katholischen Kirche aus „nicht aber aus der Gemeinschaft der an den armen Christus glaubenden. Wir sind Deutsche geblieben und Katholiken, aber wir gehören nicht mehr zum organisierten deutschen Katholizismus.“

Und an anderer Stelle:

Ich brauche die Sakramente, ich brauche die Liturgie, aber ich brauche den Klerus nicht – grob gesagt – als Institution“.

In dieser Aussage Bölls wird der religiöse Grundkonflikt seiner Person und seines Werkes deutlich. Sein Kirchenverständnis unterscheidet zwischen „Corpus“ und „Corporation“. Die Bindung an die Kirche – als den „Corpus“ – ist für Böll „eine sakramental begründete, mystische“ Bindung, die von der Institution in eine „verrechtlichte, völlig unmystische“ verwandelt worden ist.

Diese kritische Haltung fasst (der deutsche Schriftsteller) Carl Amery so zusammen:
„Bölls Groll gilt der angepassten, der bürokratisierten, der smarten, auf „die Höhe der Zeit“ gebrachten Kirche. Er gilt denen, die überall dabei sein müssen; denen, die sich in einer bösartigen Gesellschaft, in den verlogenen Strukturen des bürgerlichen „Anstands“, aber auch in denen des verlogenen modernen Kulturbetriebs eingenistet haben, um irgendwie ihre Schäflein noch ins trockene zu bringen.“

In einem Interview von 1970 sagt Heinrich Böll:

„Die einzige Definition des Wortes Kirche, die mir jetzt einfällt, ich weiß nicht, ob es noch mehr gibt, ist die: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch‘“.

Jetzt reagierte  das katholische Oberschicht/Establishment mit Ausgrenzung, übler Nachrede, Zensur. Eine Radiosendung ‚Brief an einen Katholiken’, eine fiktiver Brief an einen Wehrpflichtigen, in dem Böll seine eigenen Erfahrungen mit der  Militärseelsorge im dritten Reich  schilderte, wurde kurzerhand abgesetzt.

Heinrich Böll war mit allen Fasern einer kernkatholischen Tradition verhaftet. Er hasste aufdringliche Predigten.  Er sprach in diskreten Bildern von Gott, den er nie in Frage stellte.

Das sinnliche Erleben von den Sakramenten Brot, Wein, Liebe, bedeutete Böll viel, den Automatismus im Absolvieren dieser Handlungen lehnte er ab, im Gottesdienst wie im zwischen menschlichen Miteinander.

Und er hatte eine zärtliche Aufmerksamkeit für  Menschen.

„Der Mensch ist ja ein Gottesbeweis ..Die Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben – dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind, nicht ganz zu Hause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen.“

  1. B. wird mit seinen Überzeugungen von einem zutiefst menschlichen, Berührung und Kontakt nicht scheuenden, zärtlichen Christentum zitiert. Er sagte:

„Im Neuen Testament steckt eine Theologie der  - ich wage das Wort – Zärtlichkeit, die immer heilend wirkt: durch Worte, durch Handauflegen, das man ja auch Streicheln nennen kann, durch Küsse, eine gemeinsame Mahlzeit. Dieses Element des Neuen Testaments – das zärtliche – ist noch gar nicht entdeckt worden; es ist alles in Anbrüllen, Anschnauzen verwandelt worden; es gibt doch gewiss Menschen, die durch eine Stimme, einfach durch das Tonmaterial einer bestimmten Stimme geheilt werden können; oder durch eine gemeinsame Mahlzeit.“

Die radikale Orientierung an den ethischen Aussagen der Schrift hat wesentlich dazu beigetragen, dass Böll in den Ruf eines Moralisten gekommen ist. Seine gesamte Kirchenkritik ist darauf aufgebaut, Verstöße gegen biblische Maximen im kirchlichen Innenraum festzustellen. Wir haben dies in unserem Zitat aus Bölls Roman „Billard um halbzehn“ auf unserem Einladungsplakat deutlich gemacht: „Wenn Ihr an ihn glaubt, warum tut ihr nicht, was er befohlen hat?“

„Unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich, hin und wieder gibt es sie: Christen, und wo einer auftritt, gerät die Welt in Staunen. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe, für die die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“

1982 stirbt sein ältester Sohn Raimund mit 35 Jahren.

Während einer politisch motivierten Reise nach Südamerika erkrankt Böll an einem Gefäßleiden in folge seines starken Tabakkonsums. Er muss in Deutschland operiert werden.

Nach einer weiteren Operation und Rückkehr aus dem Krankenhaus in sein Haus stirbt Hinrich Böll im Juli 1985.

Böll lag mit der sichtbaren Kirche im Streit. Sie erschien ihm bis zuletzt lebensfern, menschenfern, bürokratisch, oft unbarmherzig, machtverliebt und in Allianz mit Militärs und Managern, mit den Reichen vor allem, mit Herrschenden verschiedenster Art und eben weit weniger mit den Armen. Er wünschte sich eine andere Kirche: barmherziger, freier, mehr an Jesus von Nazareth als an Amtsträgern orientiert. Böll hat Priester karikiert, Prälaten, Bischöfe, er hat aber auch Priester detailgetreu, mit großer Liebe beschrieben. Und er wollte nicht ohne den Segen eines katholischen Priesters begraben werden.

Er wurde drei Tage später unter großer Anteilnahme (von Freunden und Bevölkerung und im Beisein der Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker durch einen der Familie befreundeten Priester nach katholischem Ritus bestattet.

Anschließend hagelte es Vorwürfe von links und rechts.

Konservative Kreise kritisierten, dass er als Ausgetretener niemals hätte kirchlich beerdigt werden dürfen.

Von links gab es den Vorwurf, diese Beerdigung sei eine kirchliche Anmaßung, ein unstattgemäßer Verstoß gegen Bölls Willen selbst gewesen.

Die Amtskirche rechtfertigte sich damit, dass Böll sich am Ende doch wieder der von ihm so heftig bekämpften Amtskirche unterworfen habe.

Diese Version ist offensichtlich falsch, verfasst, um dem Wortlaut des Kirchenrechts Genüge zu tun und die binnenkirchlichen Anfragen zu beruhigen.

Böll ist seinem Selbstverständnis gemäß immer Christ und Katholik geblieben. Er besuchte auch nach seinem Kirchenaustritt regelmäßig  Gottesdienste im In- und Ausland.

Er wollte nur aus der Körperschaft der deutschen Kirche als rechtlicher Institution mit Verquickung des Kirchensteuervertrages austreten, aus dem Körper der Kirche nicht.

Der befreundete Priester berichtet in einer veröffentlichten Predigt  von seinem letzten Besuch bei Heinrich Böll:
„Ich habe ihn kirchlich versehen. Kurz vor der Einlieferung ins Krankenhaus zeigte er mir wieder einmal mit zitternden und streichelnden Händen sein Kreuz, das er auf dem Schreibtisch stets vor sich hatte. In seinem Rücken hing das Foto seines verstorbenen und geliebten Sohnes Raimund; und daneben in der gleichen Rahmung als Block ein Christusbild, das eben dieser Sohn in Russland fotografiert hatte. Neben dem sterbenden Böll fand ich die Bibel.“ Nach diesen Dingen, die ich dem Erzbistum Köln mitteilte, hat der Herr Kardinal die kirchliche Beerdigung gestattet.

Heinrich Böll war ein Prophet, wie wir es alle sein sollen – hin auf Christus. Heinrich Böll war ein Hirte, wie wir es alle sein sollen: Lebenshilfe für Menschen – von Christus herkommend.“

Hannelore Bauer

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